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18. Januar 2013 5 18 /01 /Januar /2013 16:04

In der ersten Januarhälfte 2013 zieht ein Gerücht durchs Land: Geistigbehinderte Menschen aus einer Behinderteneinrichtung der Diakonie sollen sich prostituieren.

https://www.google.com/search?q=Diakonie+Himmelsth%C3%BCr&ie=utf-8&oe=utf-8&aq=t#q=Diakonie+Himmelsth%C3%BCr&hl=de&sa=X&tbo=u&tbs=qdr:w&source=univ&tbm=nws&ei=DLv2UKSfJ8vktQbw9oGoAQ&ved=0CEAQqAI&bav=on.2,or.r_gc.r_pw.r_qf.&bvm=bv.41018144,d.Yms&fp=5c18505bdecff427&biw=1020&bih=521

Ich will diese möglichen Vorgänge nicht kommentieren, weil sie a) nicht erwiesen sind und b) Prostitution Behinderter immer wieder vorkommt.

Müssen sich behinderte Menschen, die in Heimen wohnen, prostituieren? Die Mehrzahl tut es nicht, aber die Mehrzahl ist auch bettelarm.

Laut § 27b SGB XII erhalten Heimbewohner 27% des Regelsatzes der Grundsicherung.

http://www.sozialgesetzbuch-sgb.de/sgbxii/27b.html

Dies entspricht einer Summe von etwa 100 € monatlich.

http://www.betanet.de/betanetprint/soziales_recht/Taschengeld-395.html

Laut einer Statistik des Bankenverbandes vom Juli 2009 erhalten 47% der Jugendlichen zwischen 14 und 24 Jahren über 50 € Taschengeld monatlich.

http://de.statista.com/statistik/daten/studie/20171/umfrage/hoehe-vom-taschengeld-im-monat-der-14-24-jaehrigen/

In der Regel sind diese Jugendlichen im Elternhaus untergebracht, werden dort kostenlos mehrmals täglich unter Berücksichtigung ihrer Wünsche beköstigt, bekommen zusätzlich zumindest die Grundkörperpflegemittel gestellt und die Wäsche gewaschen. Man kann davon ausgehen, dass das Handy und die Grundgebühren, ggfls. die Flatrate, von den Eltern getragen werden (in meinem Bekanntenkreis ist dies so). Auch sonst werden sie mehr oder weniger unmerklich von den Eltern und sonstigen Mitgliedern der Verwandtschaft verwöhnt und erzielen mit diesen Sachleistungen einen geldwerten Vorteil. In Hartz IV-Haushalten ist sicherlich eine andere Situation gegeben.

In den Heimen muss der Bewohner von diesen 100 € Taschengeld der Sozialhilfeträger alles bezahlen:

Körperpflegemittel ca. 20 €

Anteilig Kleidung, weil der Bekleidungssatz nicht ausreicht ca. 20 €

Frisör ca. 25 €

Elektrogeräte (TV, Radio, Telefon, Geräte für die Körperpflege, wie z.B. Rasierer, Haarfön)

Reparaturen aller Art

Medikamentenzuzahlungen

Genussmittel (zusätzliche Getränke aller Art, auch die zusätzliche Tasse Kaffee, Rauchwaren.

Da bleibt für zusätzliche Esswaren kein Cent mehr übrig. Und gerade hier wird zusätzliches Geld gebraucht. Denn in den meisten Heimen ist das Essen schlecht. Wenn die Mittagsmahlzeit bereits um elf gekocht ist, zwischen Plastikhauben mit LKW zu den Häusern gekarrt und um 13 Uhr aufgetischt wird, kann sie nicht mehr schmecken. Zudem beschränkt sich die Auswahl meist auf zwei Gerichte. Um den Heimbewohnern in diesem Bereich mehr Lebensqualität zu bieten, müsste ihnen ein weiterer Betrag von 100 € monatlich vergönnt sein.

Genussmittel können sich Heimbewohner in der Regel nicht leisten. Wer nikotinabhängig ist, müsste bei einem Bedarf von einer Schachtel Zigaretten über 150 € monatlich aufbringen. Und dies ist legal nur möglich, wenn er Unterstützung durch Verwandte oder Freunde erfährt. Viele Raucher drehen oder stopfen ihre Zigaretten selbst. Wein oder Bier können sich die meisten Bewohner auch nicht gönnen oder sie greifen zu Fusel. Mir ist ein Heimbewohner bekannt, der alkoholabhängig war und die Parfümflaschen (hier gern 4711) seiner Mitbewohner ausgetrunken und in der Werkstatt nach Alkohol gesucht hat. Ein anderer hat sein Bier mit Industriealkohol verdünnt, um weniger Flaschen Bier am Abend konsumieren zu müssen, bis er den gewünschten Alkoholpegel erreicht hat.

Schwierig wird es auch in der Weihnachtszeit. Immer weniger Heimbewohner können die Porto- oder Telefonkosten aufbringen, um Grüße zu übermitteln. Das führt zur Vereinsamung, weil sich der Freundeskreis verringert.

Wie sozial unser Land ist, ist an den Zahnlücken der Heimbewohner zu sehen. Selbst wenn Krankenkassen die Minimalversorgung leisten, informieren sie ihre Mitglieder oft nicht über den entsprechenden Leistungskatalog und drücken sich um die Übernahme der Nebenkosten, beispielsweise Taxifahrten zur Zahnarztpraxis.

Diese sichtbare Verarmung der Menschen, deren Heimunterbringung über die Sozialhilfe finanziert wird, schränkt die Lebensqualität so ein, dass auch der Lebensfunke frühzeitig erlischt. Die Bewohner wissen, dass sie auf dem Abstellgleis der Gesellschaft von ihr keine bessere Zukunft mehr erhoffen können. Das führt zur Vernachlässigung der Überwachung der eigenen Gesundheit und Beeinträchtigung selbiger durch falsches Verhalten. Beispielsweise Bierkonsum und damit verbundener Nahrungsmittelverzicht, weil dafür keine Geldmittel mehr vorhanden sind, im Bett dahindösen kaum noch aufstehen und damit den Kreislauf schädigen.

Ich nenne diese Leistungseinschränkungen unserer Gesellschaft: Euthanasie durch die Hintertür. Indem man den Bewohnern die Lebensperspektive nimmt, kalkuliert man ihren früheren Tod ein. Mir scheint, genau das ist gewollt. Die Alten, Kranken oder Behinderten sind der Gesellschaft zu teuer.

Was kann der arme Mensch tun, um einigermaßen würdevoll zu überleben? Er bettelt zwei, dreimal in der Woche in irgendeiner Fußgängerzone oder er prostituiert sich. Mir sind Fälle bekannt, in denen Behinderte sich zunächst 10 bis 15 km mit dem Taxi fortbringen ließen (damit sie nicht auf Bekannte stoßen) und dann bettelten. Prostitution innerhalb oder außerhalb einer Einrichtung für Behinderte habe ich selbst beobachtet und kann es auch heute noch gut nachvollziehen; dies übrigens auch aus dem Grund, weil manche behinderten Menschen auf diesem Wege die Sexualität erfahren, auf die sie sonst verzichten müssten. In einem mir bekannten Fall musste der „Freier“ nicht bezahlen, er wurde bezahlt.

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Published by Helmut Jacob
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