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22. Januar 2013 2 22 /01 /Januar /2013 15:06

Ein Hörgerät hatte er beim Landschaftsverband Rheinland (LVR) beantragt. Bei der Anlaufstelle für Heimopfer der zwei Nachkriegsjahrzehnte im Rheinland. Dort können Leistungen aus dem Opferfonds von Bund, Ländern und Kirchen beantragt werden. Der Zuschuss der Krankenkasse reicht nicht. Darum schilderte er dem LVR seine Erlebnisse in der damaligen “Hölle von Volmarstein“.

JHH-Schrift

Zwischen 1955 und 1962 sei er - ich nenne ihn aus Gründen des Datenschutzes und der Stigmatisierung ehemaliger Heimkinder einfach Herbert - in dieser Hölle, nämlich dem Johanna-Helenen-Heim der „Orthopädischen Anstalten Volmarstein“ (OAV) bei Hagen gewesen. Die Einrichtung heißt heute vornehm „Evangelische Stiftung Volmarstein“ (ESV) und weigert sich weniger vornehm, ihre Opfer finanziell zu entschädigen.

http://www.gewalt-im-jhh.de/hp2/Keine_Opferrente_-_Kein_Schutz/keine_opferrente_-_kein_schutz.html

„Sehr viele Demütigungen und vor allem sehr viel körperliche Gewalt habe ich von der Lehrerin der damaligen Schulklasse I (1. Schuljahr) und der Schulklasse II (3. und 4. Schuljahr), Frau Gertraude Steiniger [selbst schwerst gehbehindert] erfahren müssen“, schreibt Herbert dem LVR und geht ins Detail: „Wegen Nichtigkeiten oder weil ich die an mich gestellten Fragen und Aufgaben nicht in ihrem Sinn beantworten und erfüllen konnte, hat mich Frau Steiniger regelmäßig mit brutaler Heftigkeit sowohl mit ihrer Hand als auch mit ihrem Gehstock geschlagen und verprügelt.  Dabei waren meine beiden Ohren, hauptsächlich aber mein rechts Ohr, Hauptziele ihrer Gewalt-Attacken mit ihrer kräftigen Hand.“

Und Herbert, der sich Jahrzehnte nicht traute, aus seiner zerstörten Kindheit zu berichten, schreibt sich nun alles von der Seele: „Aber auch auf meinen Kopf hat sie häufig mit ihrem Gehstock und ihren Händen geschlagen, und oft war mein Kopf danach blutig. Die eitrigen Stellen mussten in der Klink der OAV herausoperiert werden, ... Auf meine Hände hat sie oft so heftig geschlagen, dass sie geschwollen waren.“

Viele Stunden seines Unterrichts musste er in der Ecke stehen. Und Herbert weiter: „Weder meine Schmerzen während ihrer Schläge, noch die durch ihre Schläge entstandenen Schäden schien Frau Steiniger zur Kenntnis genommen oder interessiert zu haben, von medizinischer Versorgung war gar nicht zu reden.“

So blieben diese Gewaltexzesse nicht ohne Folgen: „1957 oder 1958 wurde ich mitten in der Nacht ins Krankenhaus in Wetter eingeliefert, als meine Schmerzen in den Ohren unerträglich stark wurden und ich aus dem rechten Ohr blutete. ... Behandelnder Arzt war der HNO-Arzt Dr. Speitel. Außer äußerer Reinigung, Rotlicht-Behandlungen und Medikamenten konnte er nichts tun. Durch die Gewalteinwirkungen von Frau Steiniger war wohl das Innenohr verletzt, infiziert und hatte wohl auch zu eitern begonnen.“

Herberts Vermutung wurde Jahre später bestätigt: „1978 wurde in einer Klinik in Essen ein Trommelfell-Riss in meinem rechten Ohr festgestellt. Das beschädigte Trommelfell wurde durch ein Transplantat ersetzt. Durch die häufigen und harten Schläge auf meine Ohren habe ich seit dieser Zeit bis heute gelegentlich Schmerzen an beiden Ohren, besonders aber am rechten Ohr. Seitdem besteht auch eine starke Beeinträchtigung meiner Hörfähigkeit auf beiden Ohren.

Bereits dieser Hörschaden reicht aus, um Hilfe aus dem Opferfonds zu erbitten. Aber es traf ihn noch schlimmer: „Um 1960/61 war ich zweimal wegen Operationen an meinen Beinen in den beiden Kliniken der OAV. Die behandelnden Ärzte ... hatten versucht, die verkürzten Sehnen zu verlängern: in den Kniekehlen, an den Füßen und in den Leisten. Dies gelang aber nicht. Die Knie konnte ich nach wie vor nicht strecken. Nach diesen Operationen wurde meine Gehfähigkeit viel schlechter. Deshalb musste ich danach zwei Oberschenkel-Orthesen (Schienenapparate für die Beine) mit Knie-Feststellgelenken tragen sowie zum Gehen zwei Gehbänke benutzen ... Außerdem musste ich nach den Operationen orthopädische Schuhe tragen.“

Nein, für diese Auswirkungen der medizinischen Behandlungen möchte Herbert nichts aus dem Fonds. Er braucht das Hörgerät: „Meine Krankenkasse wird die Gesamtkosten aber nicht übernehmen, sondern nur einen Teilbetrag. Deshalb bitte ich um Übernahme der Restkosten. Sie stehen in ursächlichem Zusammenhang mit den Misshandlungen im Johanna-Helenen-Heim.“

Die Antwort kam unerwartet prompt: „Grundsätzlich wurde der Fonds für Menschen eingerichtet, `die als Kinder oder Jugendliche in den Jahren 1949 bis 1975 in Deutschland in einer vollstationären Einrichtung zum Zwecke der Öffentlichen Erziehung untergebracht waren’. Bei der Frage der Anspruchsberechtigung ist also die Rechtsgrundlage der Unterbringung entscheidend. Es muss sich um eine Jugendhilfemaßnahme gehandelt haben; das Jugendamt muss der Kostenträger gewesen sein. Ist dies der Fall, sind grundsätzlich materielle Leistungen zur Linderung von Folgeschäden und oft auch Rentenersatzleistungen möglich. Ehemalige Heimkinder, die in einer Einrichtung für Menschen mit Behinderungen oder anderen Einrichtungen außerhalb der Jugendhilfe untergebracht waren, sind dagegen nicht anspruchsberechtigt.“

„Der Inhalt hat mich sehr berührt“, meint der Sachbearbeiter beim Landschaftsverband Rheinland zu Beginn seines Schreibens zu diesem Antrag von Herbert. Aber sein Urteil steht fest: „Ich muss Ihnen daher leider mitteilen, dass Leistungen aus dem Fonds ‚Heimerziehung West’ für Sie nicht möglich sind.“

So, wie Herbert, ging es auch anderen körperbehinderten Kleinkindern und Schulkindern. Auch ihnen wurde das Trommelfell zertrümmert, sie psychisch so verletzt, dass sie sprachbehindert wurden oder ihr Leben nicht mehr in geordnete Bahnen bekamen. In ihrem Buch „Gewalt in der Körperbehindertenhilfe - Das Johanna-Helenen-Heim in Volmarstein von 1947 bis 1967”, das inzwischen in zweiter Auflage erschienen ist, bleibt den Historikern Dr. Ulrike Winkler und Prof. Hans-Walter Schmuhl nur dieses Resümee: "Öffnete man in den 1950er und 1960er Jahren die Tür zum Johanna-Helenen-Heim, so sah man in einen Abgrund der Willkür, der Zerstörung, der Gewalt, der Angst und der Einsamkeit. Man blickte in das ‚Herz der Finsternis’".

Über den Opferfonds erhalten sie keine Psychotherapie, keine logopädische Behandlung, keine Hilfen zur Bewältigung des Alltags. Sie sind Opfer zweiter Klasse.

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Dazu Dierk Schäfer:

Da ist wohl was dumm gelaufen …

… für die Volmarsteiner Anstalten. Dem Vernehmen nach haben sie für die Diakonie in den Heimkinder-Fonds eingezahlt. Doch das war wohl falsch. Denn aus dem Fonds werden keine ehemaligen Heimkinder aus Behindertenheimen bedient.

http://helmutjacob.over-blog.de/article-auch-2013-menschen-zweiter-klasse-behinderte-heimopfer-114630736.html

Wie kam’s? Entweder hat das Diakonische Werk (EKD) Volmarstein getäuscht oder Volmarstein hat sich geirrt.

Jedenfalls: Die Ausrede, wir haben schon gezahlt, zieht nicht mehr. Volmarstein, wo bleibt dein Beitrag für deine Opfer? Fremdzahlen gilt nicht.

Da gab es doch mal eine Bank in Deutschland, die in eine amerikanische Konkursbank noch nach Bekanntwerden des Konkurses eingezahlt hat. Das war dumm gelaufen.
http://dierkschaefer.wordpress.com/2013/01/22/da-ist-wohl-was-dumm-gelaufen/ Heimkinder,

Heimopfer, Runder Tisch Heimerziehung, Evangelische Kirche, Opferentschädigung, Evangelische Stiftung Volmarstein

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Published by Helmut Jacob
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Kommentare

E.Kronschnabel 01/22/2013 22:17

Und was lernen wir daraus?
Wo Kirche drauf steht ist der Satan drin, ich fordere immer wieder, diese
kriminellen Vereinigungen mit dem Kreuz im Logo einfach zu verbieten.
Christlichkeit - ich kann diese verlogene, menschenverachtende Begrifflichkeit nicht mehr hören.