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Der Spiegel - 08.01.1973
Von da an war ich eine miese Type
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"Säuglinge systematisch sozial geschädigt."

ln der Erkenntnis, "daß nach den vorliegenden Erfahrungen längere Heimaufenthalte bei vielen Jugendlichen zu Entwicklungsschäden führen", zielt Schmidts Reform darauf ab, Heimerziehung künftig "auf das unbedingt notwendige Maß zu beschränken". Zu ähnlichen Schlußfolgerungen kam Berlins Jugendsenator, der 1970 eingestand, daß die Heimerziehung "nach wie vor zu den Stiefkindern der Gesellschaft" gehört.

Das gilt für Fürsorge- wie für Säuglingsheime. Ein "Großteil der Säuglinge und Kleinkinder in der Massenpflege" wird heute -- so der Münchner Professor für Kinderheilkunde Theodor Hellbrügge und sein Kollege Johannes Pechstein -- "unter aller Augen systematisch und meist irreversibel intellektuell und sozial geschädigt".

Wie das vor sich geht, schilderte der Praktiker Andreas Mehringer: "Die verlassenen Säuglinge in den Reihenbetten, vergeblich auf den Menschen wartend, der ihnen das erste Lachen entlockt" -- "Das serienmäßige Füttern, Töpfen, Windeln" "Das zwischen die Knie gezwängte Kind, dem mit abgewandtem Gesicht im Routinetempo Brei in den Mund gestopft wird".

Warum das so ist, erklärt Dietlind Eckensberger, frühere Mitarbeiterin Professor Mitscherlichs am Frankfurter Sigmund-Freud-Institut, so: "Die nach dem Muster industrieller Produktionsprozesse vorgenommene Massenpflege von Kindern -- das reihenweise meist arbeitsteilig vorgenommene Füttern. Baden, Wickeln -- ist "ökonomisch", das heißt, sie "rentiert' sich: nicht zufällig werden gerade Säuglingsheime gewerblich betrieben."

Die Ergebnisse solcher Pflege-Rationalisierung sind verheerend. Bei Heimkindern wurden diagnostiziert: "Ihre Schwerfälligkeit, ihre Apathie, ihre Indifferenz sowie ihre Abwehr gegen Leistungsanforderungen." Mediziner sprechen von einem "Deprivations-Syndrom", ein Begriff, der "alle Störungen" bezeichnet, die beim Kleinkind auftreten, wenn ihm "nicht genügend Zuwendung zuteil wird".

Es war der Psychoanalytiker René A. Spitz, der diese Zusammenhänge erkannte und 1945 darüber berichtete: "Wenn man Kindern im ersten Lebensjahr länger als fünf Monate alle Objektsbezeichnungen vorenthält, zeigen sie die Symptome eines zunehmend schweren Verfalls."

Ein dutzendmal das Zuhause gewechselt.

Bestätigung und Vertiefung fanden diese Erkenntnisse 25 Jahre später durch deutsche Forscher. Die Professoren Hellbrügge und Pechstein untersuchten in sechs Bundesländern mit ihrem Team vom "Kinderzentrum" der Münchner Universität 1000 Säuglinge und Kleinkinder bis zum Alter von drei Jahren. Resultate: 71 Prozent aller Kinder, die sich mehr als sechs Monate im Heim aufhielten, hatten in ihrer Sprach- und Sozialentwicklung "einen Rückstand von praktisch der Hälfte ihres Lebensalters".

Nicht nur die mangelnde Zuwendung in den ersten Monaten hat so böse Folgen. Wenn die Deprivation im Alter von über zwölf Monaten auftritt, sind laut Professor Hellbrügge weniger die physischen und intellektuellen Fähigkeiten betroffen, sondern vor allem Störungen in den zwischenmenschlichen Beziehungen zu beobachten -- jene Störungen, die den einzelnen im besseren Fall nur lebensuntüchtig machen, im schlechteren aber verwahrlosen lassen.

Was diese Erkenntnisse mit dem später auftretenden Problem der Jugendverwahrlosung und Jugendkriminalität zu tun haben, macht darüber hinaus eine statistische Schätzung des Forscherteams deutlich: Aus den Untersuchungen lasse "sich ungefähr errechnen, daß jährlich etwa 25 000 Kinder für kürzere oder längere Zeit in die Säuglingsheime eingeWiesen" würden.

Wenn aber schon in Säuglingsheimen (die anderen Heime nicht eingerechnet) jährlich 25 000 Kinder durch Massenpflege mehr oder weniger verkümmern, vervielfacht sich später die Zahl der gefährdeten Jugendlichen. Denn Jugendämter und Jugendgerichte haben es nicht mit einem, sondern mit sieben Jahrgängen zu tun -- mit jungen Leuten zwischen 14 und 21 Jahren.

Und was im Waisenhaus begann, setzt sich im Kinderheim fort: die Massenabfertigung.
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Heimkind zu sein, das bedeutet: nie lernen zu können, "daß Gefühle eine Geschichte haben" -- so die Heimleiterin Anne Frommann. Heimkind zu sein, das heißt: nicht mehr allein sein zu können ("Ständig latschen sie um mich herum, noch nicht einmal auf dem Abort ist man für sich"), und doch stets allein zu sein. Denn individuelle Betreuung, ein intensives Gespräch kann ein Heimkind kaum erwarten, wenn -- Kehrseite der Arbeitszeitverkürzung -- eine zwölfköpfige Kindergruppe von fünf Erziehern im Schichtdienst "betreut" wird, wie derzeit in Berlins zentral verwalteten Heimen.

Heimkind zu sein heißt, eine hoffnungslose Perspektive zu haben. "Der einzelne", so Pädagogik-Prof essor Andreas Flitner (Tübingen), "hinterläßt keine Spur, er kann nur negativ auffallen, er wird individuell genommen erst, wenn er ausbricht, davonläuft oder gegen die Institution aufbegehrt." Artigsein wird belohnt, Auf begehren bestraft, subtil durch Liebesentzug, schmerzhaft durch Prügel.
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Längst nicht ist das Verfassungsgebot, die Menschenwürde zu achten, in alle Heime gedrungen, die noch oft genug den "Charakter eines Verbannungsortes" (Professor Flitner) haben. In einem Gutachten bezeichnete der Frankfurter Rechtsprofessor Dr. Erhard Denninger überall praktizierte Maßnahmen "als unverhältnismäßige Eingriffe in das Persönlichkeitsrecht" der Jugendlichen:

* "Uniformierung durch Kleidervorschriften oder durch Vorschriften über die Haartracht; kleinliche Handhabung der Rauchvorschriften.

* "Reglementierung der arbeitsfreien Zeit anstelle der Schaffung attraktiver Anregungen und Chancen zur Ausübung von Hobbys innerhalb des Heimes, aber auch zur Pflege des gesellschaftlichen Außenweltkontaktes.

* "Beeinträchtigungen der körperlichen Integrität durch körperliche Züchtigungen. Es sollte selbstverständlich sein, daß weder Ohrfeigen noch gar Prügelstrafen als erlaubte Disziplinarmaßnahmen angesehen werden können."

http://wissen.spiegel.de/wissen/image/show.html?did=42713446&aref=image035/0541/PPM-SP197300200780090.pdf&thumb=false






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