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22. August 2014 5 22 /08 /August /2014 22:23

Unerwartet traf ihn eine große kräftige Hand mitten im Gesicht. Es war die seiner neuen Lehrerin Gertraude Steiniger. Warum sie ihn so brutal schlug, dass sein kleines Köpfchen über die Schulbanklehne nach hinten geschleudert wurde, wußte er nicht. Auch nicht, als er sich von diesem Schlag erholte.

Der kleine Jürgen hatte sich nicht auf den ersten Schultag gefreut. Eltern hatte er ja nicht, also schickte ihn die Schwester in die Schulklasse direkt neben dem Treppenhaus. Dort saß er mit vielen andern Kindern, die er im Heim, von der Kleinkinderstation bei Schwester Anna kannte.

Die Gesichter waren ihm bekannt und so war seine Nervosität schnell dahin. Gertraude Steiniger sprach ein paar Worte zur Begrüßung und kündigte an, nun mit den Kindern ein Kinderliedchen zu singen. Die ersten Zeilen begannen; Jürgen kannte den Text von Schwester Anna. Den Titel des Liedes weiß Jürgen nicht mehr. Aber eins wußte er damals schon: Er war wohl ein guter Sänger, weil er bei Schwester Anna immer die zweite Stimme singen durfte und Schwestern Anna ihn dafür lobte. Nicht dass Anna nett war; Jürgen fürchtete sie oft. Aber wegen seines Singens und Hineinfindens in die zweite Stimme lobte sie ihn immer wieder. Er konnte sich so gut in die erste Stimme, heute sagt man Sopran, einhören, dass er sofort die Tonlage ein oder zwei Töne tiefer fand.

So trällerte er ab der zweiten Strophe in seiner zweiten Stimme, für die ihn Schwester Anna immer wieder lobte. Plötzlich stand Gertraude Steiniger - sich mühsam mit ihrem Stahlkorsett aus dem Lehrerstuhl aufrappelnd - auf und ging mühsamen Schrittes auf den kleinen Jürgen zu. „Jetzt lobt sie mich!“, freute sich Jürgen und „vielleicht streichelt sie mir ja sogar über den Kopf.“ Jürgen wartete spannungsvoll. Vor ihm stehend schlug Gertraude Steiniger ihre breite, schwere rechte Pranke mitten ins Gesicht. Wohl sekundenlang war Jürgen gar nicht mehr da. Es dauerte lange, bis er realisierte, was ihm passiert ist.

Ab diesem Tag, dem ersten Schultag, hatte Jürgen jeden Tag Angst vor Gertraude Steiniger. Und diese Angst war begründet und bekam immer wieder Nahrung, weil Steiniger eine brutale Schlägerin war, die auf kleine Kinderköpfe, auf zarte Kinderfinger kein bisschen Rücksicht nahm.

Der erste Schultag hat Jürgens gesamtes weitere Leben beeinflusst. In seiner Ehe wollte er zärtlicher zu seinen Kindern sein. Er verlor seine Frau, weil er sie schlug. Aber das ist eine andere Geschichte.

Heimkinder, Heimerziehung, behinderte Kinder, Evangelische Kirche, Orthopädische Anstalten Volmarstein, Johanna-Helenen-Heim

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Published by Helmut Jacob
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