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19. Oktober 2009 1 19 /10 /Oktober /2009 17:19

 

13.09.09

 

Helmut Jacob Ÿ Am Leiloh 1 Ÿ 58300 Wetter

Herrn Klaus Dieter Kottnik

Diakonie Bundesverband

Diakonisches Werk der EKD e.V.

14172 Berlin

Telefax 03083001555

 

 Ihr Interview mit dem Deutschlandradio Kultur

Wiedergabe auf der Homepage des Senders am 15. 06. 2009

 

 Sehr geehrter Herr Kottnik!

 

Zufällig habe ich das Interview des Senders Deutschlandradio Kultuer im Internet gefunden. Vorhanden ist auf dieser Homepage auch noch die Tonaufzeichnung. Nach aufmerksamem Studium Ihrer Aussagen bin ich mehr als irritiert, ich kann sagen: Ich verstehe Ihre Aussagen nicht.

 

Frau Katrin Heise behandelt das Thema Gewalt in den Heimen, in den 50er bis 70er Jahren. Heise: “Es hat Gewalt und Hunger gegeben in den Heimen damals. Zirka 800.000 Kinder sind in den 50er bis Mitte der 70er Jahre hinein in den Heimen aufgewachsen,... Es kommt ja immer mehr ans Licht, durch Bücher, Interviews, Studien. Auch das Diakonische Werk ist und war Träger von Kinderheimen. Was empfinden Sie, ...“. Und damit spricht Frau Heise Sie am Telefon persönlich an.

 

Sie antworten u.a.: „ ... Ich tue mich etwas schwer, wenn Sie auch die ganze Anzahl der Menschen, die damals in den Heimen gelebt haben, ich tue mich schwer, sie alle über einen Kamm zu scheren. In der Heimerziehung damals gab es sehr gute Erfahrungen, an denen ich selber auch partizipieren konnte.“

 

Ich interpretiere Ihre Äußerung wie folgt: Sie tun sich damit schwer, dass alle Menschen, die damals, also im angesprochenen Zeitraum bis 1975, in den Heimen gelebt haben, über einen Kamm geschoren werden. Nach Ihrer Ansicht gab es in der Heimerziehung damals sehr gute Erfahrungen,  von denen Sie selbst auch partizipieren konnten.

 

Zu dieser Zeit, also spätestens 1975 (Zeitraum-Ende, den Frau Heise anspricht), waren Sie etwa 23 Jahre alt.

 

Sie berichten weiter: „Ich war ja viele Jahre lang Leiter einer großen Einrichtung in Süddeutschland, der Diakonie Stetten, ...“

 

Wikipedia gibt dazu wie folgt Auskunft: Sie waren von 1991 bis Januar 2007 theologischer Vorstand und Vorstandsvorsitzender der Diakonie Stetten.

 

Sie weiter:  „ ... Und ich habe mit vielen der Ehemaligen in dieser Zeit Kontakt gehabt, und sie haben alle berichtet, wie wichtig und wie gut die Zeit für sie gewesen ist.“

 

Sehr geehrter Her Kottnik! Von welcher Zeit sprechen Sie plötzlich? Katrin Heise fragt nach der Gewalt in Heimen bis 1975. Sprechen Sie von der Zeit, in der Sie theologischer Vorstand und Vorstandsvorsitzender der Diakonie Stetten waren, oder sprechen Sie immer noch von der Zeit, in der Gewalt und Verbrechen stattgefunden haben, nämlich in der Zeit der 50er bis Mitte der 70er Jahre hinein? Der unbefangene Hörer meint, dass sich Ihre Antwort auf den Zeitraum 1950 bis 1975 bezieht. Woher Sie Ihre sehr guten Erfahrungen aus dieser Zeit haben, lassen Sie völlig offen. Waren Sie etwa Anfang der 70er Jahre Zivildienstleistender in einem Heim? Können Sie aus dieser Zeit Ihre sehr guten Erfahrungen resümieren? Diese Frage bedarf einer Klärung.

 

Denn direkt danach nennen Sie den Hörern „ein Beispiel einer jungen Frau,“ die durch das Jugendamt aus einer unfähigen Familie rausgenommen und anscheinend in einer Einrichtung der evangelischen Kirche untergebracht wurde. Sie zitieren diese Frau: „Wenn ich dort nicht hingekommen wäre, dann wäre mein Leben völlig anders verlaufen.“ Mit diesem Beispiel wollen Sie verdeutlichen, wie schwierig es sei, „sozusagen das Gesamte negativ zu bewerten, denn es gab auch sehr viel Gutes.“

 

Hier stellt sich dem unbefangenem Hörer natürlich erneut die Frage: Bezieht sich Ihre Meinung („ ... denn es gab auch sehr viel Gutes“) auf Ihre Zeit von 1991 bis zum Jahr 2007, oder stellen Sie einen Bezug her zur Situation in den 50er bis 70erJahren? Der unbefangene Hörer fragt weiter: Erzählen Sie dieses Beispiel aus den 50er bis Anfang 70er Jahre oder aus Ihrer Zeit als Anstaltsleiter der Diakonie Stetten?

Zur Erinnerung: Katrin Heise befragt Sie über die 50er bis 70er Jahre.

 

Sehr geehrter Herr Kottnik, bitte klären Sie mich auf:

1. Auf welchen Zeitraum bezieht sich Ihr positives Beispiel?

2. In welchem Zeitraum konnten Sie von nach Ihrer Feststellung sehr guten Erfahrungen partipizieren?

 

Sollten Sie weitere Beispiele positiver Heimunterbringungen aus der Zeit 1950 bis 1975 kennen, wäre ich für eine Weitergabe dieser Geschichten an mich dankbar. Solche positiven Erinnerungen Ehemaliger müssen einfach auch dokumentiert werden, um das schiefe Bild dieser Zeit zu korrigieren. Oder sehen Sie irgendwelche Hindernisse, die einer Veröffentlichung entgegenstehen?

 

Mit freundlichen Grüßen

Ihr

Helmut Jacob

 

Antwort:
Diakonie Bundesverband

Diakonisches Werk der EKD e.V. Postfach 33 02 20 114172 Berlin

 

Zentrum Kommunikation

Archiv des

Diakonischen Werkes der EKD

Dr. Michael Häusler Altensteinstraße 53 14195 Berlin

Telefon: +49 30 830 01-561 Telefax: +49 30 830 01-122
archiv@diakonie.de
www.diakonie-archiv.de

Berlin, 14. Oktober 2009

AZ: 8830/H r (bitte stets angeben)

Heimerziehung in der Nachkriegszeit

Ihr Schreiben an Präsident Kottnik vom 13.9.2009

Sehr geehrter Herr Jacob,

Herr Präsident Kottnik hat mich gebeten, Ihr an ihn gerichtetes Schreiben zu beantworten.

Im Hinblick auf den Radiobeitrag im Deutschlandradio Kultur beziehen Sie sich mehrfach auf den unbefangenen Hörer. Wie mir scheint, sind aber gerade wir, die wir uns seit Langem mit der Materie befassen, keine solchen unbefangenen Hörer mehr; zumindest kann ich das von mir sagen. Mit dem entsprechenden Vorverständnis werden manche Aussagen vielleicht kritischer betrachtet als sie intendiert waren. Ge­meint war doch dies: Herr Kottnik wies darauf hin, dass viele Menschen in den 50er bis 70er Jahren als Bewohner gute und sehr gute Erfahrungen in Kinder- und Erzie­hungsheimen gemacht haben. In seiner Funktion als Leiter einer großen Einrichtung haben ihm ehemalige Heimkinder davon berichtet, so dass er an ihren geschilderten Erfahrungen teilhaben konnte. Ich bin sehr zuversichtlich, dass gerade der unbefan­gene Hörer die Aussagen von Präsident Kottnik in diesem Sinne verstanden hat.


Am Ende Ihres Schreibens weisen Sie darauf hin, dass solche positiven Erinnerun­gen Ehemaliger ebenfalls dokumentiert werden müssen, um das schiefe Bild dieser Zeit zu korrigieren. Das wäre in der Tat wünschenswert. Ich habe allerdings die Erfahrung gemacht, dass allein der Hinweis darauf, dass es Menschen gibt, die sich gern an ihre Zeit im Heim erinnern, von manchen ehemaligen Heimkindern, die Miss­handlungen und Demütigungen erleben mussten, als Versuch angesehen werden, die Glaubwürdigkeit ihres Zeugnisses zu leugnen. Das ist aber gerade nicht unsere Intention, so dass wir uns mit der Veröffentlichung solcher Beispiele zurückhalten.


Mit freundlichen Grüßen

Dr. Michael Häusler Archivleiter

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Published by Helmut Jacob
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