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14. September 2011 3 14 /09 /September /2011 18:16

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EKD-Vorsitzender Nikolaus Schneider bittet um Verzeihung

links Diakoniepräsident Johannes Stockmeier

(Foto FAG JHH 2006 copyrightfree)

 

„Das war wirklich Spitze!“ - EKD bat frühere Heimkinder um Verzeihung – Anpassung der Entschädigungsforderungen überfällig

 

54.000 Euro bar auf die Hand oder eine monatliche Opferrente von 300 Euro bis zum Lebensende fordern die Opfer der Gewalt in den 3 Nachkriegsjahrzehnten in überwiegend kirchlich getragenen Heimen. Die Gruppe der ehemaligen behinderten Klein- und Schulkindern aus den damaligen Orthopädischen Anstalten Volmarstein (heute Evangelische Stiftung Volmarstein) verlangt 400 Euro Opferrente, weil sie sich behinderungsbedingt nicht der Verbrechen erwehren konnten und nun besondere Hilfe im Alter brauchen. Was zunächst, vorwiegend an Stammtischen, als "Abzocke" beschimpft wurde, findet allmählich im Bewusstsein sozial denkender und mitfühlender Mitmenschen als berechtigte Mindestforderung Zustimmung.

Sind diese Forderungen noch zeit- und situationsgemäß? Entsprechen sie noch den Fakten und dem Ausmaß des Leides, für das diese Entschädigungsleistungen gefordert werden. Ich meine nein; eine Anpassung nach oben ist dringend angezeigt. Mit 300 Euro Opferrente oder einmalig 54.000 Euro sollen die Schäden wenigstens symbolisch abgegolten werden, die Säuglinge, behinderte und nichtbehinderte Schulkinder, Kinder und Jugendliche in der Psychiatrie und in Erziehungsheimen erlitten haben. Im Zuge der Aufarbeitung ist diesen Opfern jedoch weiteres nicht zumutbares Leid, sind ihnen weitere Demütigungen und Beleidigungen angetan worden. Auch diese müssen wiedergutgemacht werden.

Nehmen wir den Runden Tisch Heimerziehung: Da war Ursula von der Leyen die erste, die den Opfern rechts und links eins um die Ohren haute: Entschädigung ist nicht vorgesehen und die Kostenzuschüsse des RTH werden halbiert. Dann war da die Vorsitzende Antje Vollmer, die nur ihr genehme schwächliche Opfervertreter an ihrem Tisch zuließ. Sie verhinderte, dass die Drei, als sie ihre Schwächen zu deutlich zeigten, ausgetauscht wurden. Sie und Marlene Rupprecht von der SPD verhinderten vor Gericht auch die Beiziehung eines Anwaltes zur Interessenvertreter der Opfer. Die Eingaben von Professor Manfred Kappeler und Pfarrer Dirk Schäfer wurden schlichtweg ignoriert und fanden im Abschlussbericht kaum oder keine Erwähnung. Drei unfähige Opfervertreter - selbst ehemalige Heimkinder, denen jedes Durchsetzungsvermögen fehlt - sahen sich fast 20 ausgebufften und teils eiskalten Machtmenschen und Managertypen gegenüber, von denen der größte Teil nur ein Ziel vor Augen hatte: Schadensminimierung und Entschädigungsblockade. Antje Vollmer half ihnen geflissentlich dabei. Da fielen schon mal Fakten unter den Tisch, die andere Entschädigungssummen für Zwangsarbeiter beinhalteten, und damit setzte sie Pflöcke in der Form, dass die Heimopfer selbstverständlich nicht höher entschädigt werden dürften, als die Zwangsarbeiter. Wo wir gerade bei dem letzten Begriff sind: So etwas gab es in den Heimen natürlich nicht. Für den Ex-Diakoniechef Klaus-Dieter Kottnik war das alles übliche Arbeit im Rahmen eines Haushaltes. Dazu gehörte auch das bisschen Zwangsarbeit im Moor das Abstechen von Torf unter Schlägen und Nikotinentzug. So wurde dieser Begriff „Zwangsarbeit“ am Runden Tisch einfach und fix umgebogen.

Auch sonst wurde immer wieder mit der Wahrheit geschummelt. Der Zwischenbericht liefert Zeugnis über diesen weiteren Missbrauch an ehemaligen Heimkindern. Unter der Last der Proteste - auch weil Journalisten die Taschenspielertricks am RTH durchschaute, sie in ihrer Berichterstattung nicht locker ließen und immer wieder nach Opferentschädigung anfragten - kam notgedrungen die Idee des Opferfonds weiter in den Vordergrund. Dabei wurden die Opfer noch einmal kräftig abgewatscht. Die Rechtsnachfolger der verbrecherischen Einrichtungen unter kirchlicher Trägerschaft jammerten lauthals ob ihres Beitrages. Evangelische und katholische Kirche brauchen jetzt nur 30% zu zahlen, obwohl sie sich ihre Finger zu 70% in den Heimen schmutzig gemacht haben. Der blöde Steuerzahler zahlt den Rest und, na ja, denkt man an die Kirchensteuer, zahlt der Steuertrottel eigentlich die ganze Schose.

Die Heimleitungen, in denen vor 60-80 Jahren brutalste Verbrechen, psychischer Terrorismus, physische Gewaltexzesse und Vergewaltigungen passierten, trugen zu weiteren Erniedrigungen ihrer Opfer bei. Erst bedrohten sie die Opfer, dann blockierten sie die Aufarbeitung, nebenbei ließen sie Akten verschwinden, sie logen bis zur Rufschädigung für ihre Einrichtung und dann zogen sie die Bonbontüte aus der Tasche. Etwas Entschuldigung, meist ohne persönliche Ansprache, gepresst in Schutzanzüge gegen evtl. Rechtsansprüche, laute öffentliche Zusage bei der Hilfe zur Akteneinsicht, ein bisschen psychologische Beratung. Und, oh Wunder, die Evangelische Stiftung Volmarstein lässt sogar ein Heim nach einem Opfer benennen, das sein Leid akribisch aufgelistet hatte.

Leistungen aus dem Fonds gibt es nur nach weiteren Demütigungen. Die Antragssteller müssen die Hose fallen lassen und noch einmal beweisen, dass sie nicht nur damals Opfer waren, sondern sich auch heute noch als solche fühlen. Erst dann gibt es etwas aus dem Klingelbeutel, einen Betrag zwischen ? und maximal 4000 Euro.

Es drängt sich das Gefühl auf, dass die Misshandlungen seit dem Jahre 2006 - nachdem Wensierski der Selbstherrlichkeit Kirche und dem blinden Staat sein Buch an den Kopf geknallt hat - in einigen Fällen genauso oder noch schlimmer empfunden werden, wie die Gewalt in den Nachkriegsjahrzehnten. Psychische Gewalt kann oft grausamer sein, als ein Knüppel über dem Schädel.

Die letzten Tage waren noch einmal schlimm für die damals Geschundenen. Groß angekündigt war eine Veranstaltung in der Friedrichstadtkirche in Berlin; dort wollten Evangelische Kirche und Diakonie nicht nur die Opfer um Verzeihung für ihr Versagen bitten, sondern sie auch selbst zu Wort kommen lassen. Einige Opfer erbaten Redezeit und die Vertreter der Behinderten kündigten kritische Töne an. EKD und DW schickten ihren Archivaren Michael Häusler, der die Bitten um Redezeit abwimmeln musste.

Und am Tage der Veranstaltung legt Nikolaus Schneider noch eine Kelle drauf. Dirk Schäfer hat dazu die passenden Worte gefunden. In seinem Beitrag „Das war wirklich Spitze!“ durchleuchtet der evangelische Theologe die Rede des Ratsvorsitzenden und stellt unter anderem fest: „Zudem haben Sie dem Feldgottesdienst nach gewonnenen Schlacht ein neues Gesicht verliehen: Das Gesicht der Demut: „Wir schämen uns!“ Damit haben Sie die Taktik der Schadensbegrenzung auf die Spitze getrieben und den Ehrenschild unserer Kirche wieder blank geputzt, so dass wir vor der Welt wieder, wenn auch als Sünder, so doch gerechtfertigt dastehen. Selbstgerechtfertigt zwar, doch zumindest hier auf Erden kommt das bei vielen gut an, was schert uns Gott?“ Die Rechnung der Evangelischen Kirche ging ein weiteres Mal auf: Die Veranstaltung am 11.September verlief seicht und in der Öffentlichkeit eher unbemerkt. Kritische Stimmen wurden nur vom „Humanistischen Pressedienst“ wiedergegeben; aber auch solche Bilder: Die einzig zugelassene Opfervertreterin im harmonischen Zangengriff von evangelischer Kirche links und Rundem Tisch rechts.

Mein Resümee der Erfahrungen der letzten 5 Jahre hat nur eine Schlussfolgerung: Verdoppelung der geforderten Entschädigungsleistungen.

 

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Friedrichstadtkirche Berlin (Foto FAG JHH 2006 copyrightfree)

 

 

Die evangelische Kirche bittet um Verzeihung

Wem soll dieses Verzeihungsangebot helfen?
Soll diese Bitte um Verzeihung als Wiedergutmachung verstanden werden?
Soll nach über 40 Jahren Unrecht durch Verzeihung im Nebel der Vergangenheit verschwinden?

Die EKD und die Diakonie möchten verständlicherweise einen Schlussstrich unter der entwürdigenden Schande ziehen, zeigen aber mit ihrem Verzeihungsangebot eine Wiederholung eines altbekannten Musters.
Ich zitiere Herrn Buchta, einen Diakonie-Bruder der Rummelsberger Anstalten und Hausvater des Mädchenheims Weiher:
„Ihr müsst froh sein, dass wir euch gnädig aufnehmen, sonst würdet ihr auf der Strasse verrotten“. weiter siehe Link

 

Rede des Ratsvorsitzenden der Evangelischen Kirche Deutschland (EKD) Nikolaus Schneider: http://www.ekd.de/vortraege/2011/20110911_ekd_diakonie_erklaerung_heimkinder.html

„Das war wirklich Spitze!“ Kommentar von Dierk Schäfer zur Rede des EKD-Vorsitzenden: http://dierkschaefer.wordpress.com/2011/09/13/das-war-spitze-herr-ratsvorsitzender/

Pressemitteilung des Humanistischen Pressedienstes (hpd): http://hpd.de/node/11947?page=0,0

Absage eines Redewunsches: http://helmutjacob.over-blog.de/article-kopf-beugen-und-s-maul-halten-kritik-an-die-evangelische-kirche-unerwunscht-84167386.html

 

Die evangelische Kirche bittet um Verzeihung

Wem soll dieses Verzeihungsangebot helfen?

www.emak.org/Briefe/Kirche bittet um Verzeihung9-11.htm

 

aus: Fürs Leben gezeichnet 

Anfang September lädt die Evangelische Kirche in Deutschland (EKD) für einen Sonntagnachmittag zu einer Veranstaltung über die "Evangelische Heimerziehung" im Französischen Dom auf dem Gendarmenmarkt in Berlin. Der EKD-Ratsvorsitzende Präses Nikolaus Schneider bittet dabei ganz offiziell "die betroffenen Heimkinder für das in evangelischen Heimen erfahrene Leid um Verzeihung".
Siegfried S. hält die Veranstaltung nicht aus. Empört verlässt er zeitweise den hellen Sakralraum. Nach der Veranstaltung spricht er Präses Schneider an, sagt ihm, dass er am liebsten mit einer 45er die Reihen in der Kirche lichten würde. Und er erzählt ihm von der Briefmarke. "Wir bleiben am Ball", habe ihm der EKD-Ratsvorsitzende gesagt, berichtet Siegfried S. In der EKD will man das Gespräch im Französischen Dom mit Verweis auf die Verschwiegenheitspflicht bei privaten Gesprächen nicht kommentieren.
Wie viele Heimkinder will Siegfried S. keine Therapiekostenhilfe mehr, sondern möglichst schnell eine Entschädigung von der evangelischen Kirche. Aber bisher tut sich da nichts. In seinem Wohnzimmer kramt er ein Antragsformular der katholischen Kirche für Missbrauchsopfer hervor. "Suchen Sie das mal bei den Evangelischen", sagt er, "finden Sie nicht." Nach dem stundenlangen Interview ist Siegfried S. erschöpft. Er kann nicht mehr sitzen, wegen der Operationen. Er muss Antibiotika nehmen, alles ist entzündet und "ständig heiß". Aber Siegfried S. kämpft. Er hat nichts zu verlieren. Und er will nicht mehr schweigen.
http://www.taz.de/Missbrauch-an-Heimkindern/%2179775/


Heimkinder, Heimopfer, Runder Tisch Heimerziehung, Evangelische Kirche, Katholische Kirche, Diakonie, Caritas, Diakonisches Werk, Opferentschädigung, Opferrente,

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Published by Helmut Jacob
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