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Thursday, 26. january 2012 4 26 /01 /Jan. /2012 16:36

Der Spiegel-Journalist Peter Wensierski bekam das Bundesverdienstkreuz. „Damit werden Wensierskis Leistungen als Autor von „Schläge im Namen des Herren - Die verdrängte Geschichte der Heimkinder in der Bundesrepublik“ und seine Mitarbeit am Runden Tisch Heimerziehung, die zur Entschädigung der Betroffenen führt, gewürdigt.“, heißt es in der Begründung für die Verleihung.

Weiter ist zu lesen: „Über 500 Heimkinder haben sich bei ihm persönlich gemeldet, er hat sie angehört, mit ihnen die Heime ihrer Kindheit aufgesucht, nach Akten geforscht, versucht, persönlich zu helfen.“

http://www.berlin.de/sen/bjw/presse/archiv/20120118.1620.365114.html

Diese Auszeichnung habe Wensierski nicht verdient, heißt es in Verlautbarungen einiger Heimopfer. Andere Autoren hätten bereits viel früher auf diese Skandale aufmerksam gemacht und Wensierski wäre nur auf den fahrenden Zug aufgesprungen. Außerdem habe er sich ziemlich schnell nach Veröffentlichung des Buches um das Thema nicht mehr gekümmert und damit die „Heimkinder“ im Stich gelassen. Er sei an diesem Buch reich geworden und habe sich das Honorar eingesteckt, anstatt es den Opfern zu spenden. Gefragt wurde auch, ob diejenigen die Wensierski interviewt habe, aus den Buchtantimen ein Honorar erhalten haben. Schließlich wurde auch geäußert, dass die Überlebenden der Heimhöllen ebenfalls ein Bundesverdienstkreuz verdient hätten.

Auf Naivitäten umfangreich einzugehen, ist müßig. Sie können in kurzen Sätzen abgehandelt werden. Pro Buch gibt es etwa 50 Cent, nur berühmte Persönlichkeiten erhalten mehr. Etliche Autoren müssen ihre Bücher vorfinanzieren. Es ist total unüblich, interviewten Menschen ein Honorar zu zahlen. Ein Journalist hält sich nicht jahrelang an einem Thema fest. Er stellt sich immer wieder neuen Herausforderungen. Das macht erst den Journalisten aus. Dass er sich schnell von dem Thema entfernt hat, ist falsch. Auf seiner Homepage ist bei flüchtiger Betrachtung der letzte Eintrag im Juni 2011 zu finden. Außerdem ist immer noch eine Kontaktadresse angegeben.

http://www.schlaege.com/

Diskussionswürdig ist die Frage nach den bisherigen Veröffentlichungen der Skandale im Zusammenhang mit Kindern und Jugendlichen, die im Rahmen der Erziehungshilfe in Erziehungsheimen untergebracht waren. Unter dem Stichwort „Heimkampagne der APO“ finden wir Hinweise auf die Offenlegung von Skandalen schon zum Ende der sechziger Jahre. Bei Wikipedia heißt es:

„Neben der Region Frankfurt [dort wurde das Jugendamt besetzt – Hinweis von mir] lag ein weiterer Schwerpunkt der Kampagne in Berlin. Mit ihr, initiiert von Frankfurter Lehrlingen und SDS-Studenten im Jahre 1969, sollten jugendliche Insassen von Kinderheimen, insbesondere von geschlossenen Einrichtungen, wie etwa im Fürsorgeerziehungsheim Staffelberg bei Biedenkopf, unterstützt werden. Insbesondere wurden strenge Regelungen und beengte Unterbringungen kritisiert. Der damalige Frankfurter Pädagogik-Professor Klaus Mollenhauer und Studenten seiner Fakultät schlossen sich der Kampagne an. Ebenso waren die späteren RAF-Terroristen Ulrike Meinhof, Andreas Baader, Gudrun Ensslin[1], Astrid Proll und ihr Bruder Thorwald in der Bewegung aktiv. Meinhof schrieb das Drehbuch des für eine Ausstrahlung im Jahre 1970 geplanten Fernsehfilms Bambule über ein Mädchenheim in West-Berlin. Bei den Dreharbeiten lernte sie Irene Goergens kennen. Nachdem eine bundesweite Fahndung nach Ulrike Meinhof angelaufen war, wurde der Fernsehfilm abgesetzt. Das Drehbuch erschien daraufhin 1971 im Verlag von Klaus Wagenbach. Der Fernsehfilm wurde jedoch erstmals 1994 gesendet.

http://de.wikipedia.org/wiki/Heimkampagne

Die Probleme in der Heimerziehung hat auch Professor Dr. Manfred Kappeler, Erziehungswissenschaftler, in den sechziger Jahren und später aufgezeigt. Unter dem Kapitel „Von fremdbestimmter Fürsorge zu individuell unterstützender Jugendhilfe“ ist zu lesen: „In der zweiten Hälfte der sechziger Jahre kam es im Kontext der Studentenbewegung zu einer Kritik der psychiatrischen Anstalten, Strafanstalten und Fürsorgeerziehungsanstalten. An dieser Kritik war Professor Kappeler praktisch und theoretisch aktiv beteiligt.“

http://www.uni-protokolle.de/nachrichten/id/94674/

Auch andere Pädagogen haben schon frühzeitig ihre Finger in offene Wunden des Umgangs mit sogenannten Erziehungszöglingen gelegt.

Von diesen Kampagnen und Skandalisierungen der Probleme in der Erziehungsarbeit haben nur kleine Kreise profitiert. Es brauchte Jahrzehnte, bis diese Probleme in das Bewusstsein der Öffentlichkeit gelangten. Erste Übermittler dieser Probleme und Skandale waren natürlich die Zeitungen. Aber wie heißt ein geflügeltes Journalistenwort? „Nichts ist älter, als die Zeitung von gestern.“ So wurden die Skandale aufgegriffen, zwei, drei weitere Ausgaben darüber berichtet und verschwanden dann aus den Schlagzeilen.

Erst im Rahmen des Internets begannen die nachhaltigen und immer wieder abrufbaren Informationen über Geschehnisse in den Kinder- und Jugendheimen. Allerdings war es nicht das World Wide Web (www) mit seinen visuellen Möglichkeiten, sondern die Newsgroups, in denen zunächst der Erfahrungsaustausch über „virtuelle Nachrichtenbretter“ stattfand. Wikipedia erklärt das System so: „Newsgroups [ˈnjuːzˌgruːps] (engl., „Nachrichtengruppen“) sind virtuelle Internetforen (früher auch abseits des Internet in selbstständigen (Mailbox-) Netzen), in denen zu einem umgrenzten Themenbereich Textbeiträge (auch Nachrichten, Artikel oder Postings genannt) ausgetauscht werden. Veröffentlicht ein Benutzer einen Artikel in einer Newsgroup, so wird dieser an einen Newsserver gesendet. Dieser kann den Artikel dann seinen Benutzern zur Verfügung stellen und an andere Server weiterleiten, die ihn wiederum ihren Benutzern zur Verfügung stellen.“

http://de.wikipedia.org/wiki/Newsgroup

In der Tat wurden diese News zunächst über Mailboxen versand, mit einer Datenrate von 1200 Bit/s. Dazu Wikipedia im Beitrag „Geschichte des Modems“: „Die ersten Modems in Deutschland wurden ab 1966 von der Deutschen Bundespost eingesetzt. Diese Geräte hatten ein Blechgehäuse mit den Außenmaßen von etwa 60 × 30 × 20 cm und waren für die Wandmontage vorgesehen. Sie wurden Übergangsmodem D 1200 S genannt. Die Bezeichnung 1200 stand für die maximale Übertragungsgeschwindigkeit in bit/s; das S für Serielle Übertragung (zur Unterscheidung von Modems mit paralleler Übertragung).

http://de.wikipedia.org/wiki/Modem

Man brauchte also einen Newsserver, der meist bei Universitäten angesiedelt war. Der mir am günstigsten und nächsten liegende war beim Verein „ Ping e.V.“ stationiert. Auf ihrer Homepage ist zu lesen: „Am 16. Januar 1994 wurde der PING e.V. von Studenten der TU-Dortmund gegründet.“

http://www.ping.de/

Zwar gab es auch noch andere Server, aber die waren nicht so preisgünstig wie der des Vereins „Ping e.V.“.

Zusätzlich brauchte man einen Newsreader (Nachrichtenleseprogramm), der die Nachrichten, die als Datenpakete (ein bit/s besteht aus einer Aneinanderreihung der Zahlen Null und Eins) ankamen, entschlüsselt und lesbar macht.

http://de.wikipedia.org/wiki/Bit

Erst mit der Entwicklung des World Wide Webs

http://de.wikipedia.org/wiki/Geschichte_des_Internets

und den Entwicklungen der visuellen Möglichkeiten (Darstellung von Grafiken, Tonaufnahmen, Filmaufnahmen) kam die Verbreitung von Nachrichten so in Fahrt, dass immer mehr vorher Uninteressierte sich einen PC zulegten.

Wachstum-des-Internets.jpg

http://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/7/7b/Internet01.png

Vorher wurden Bücher in unbekannter Anzahl geschrieben, die die Heimerziehung und ihre Probleme thematisierten. Bücher kosten Geld und finden darum nicht die Verbreitung, wie Nachrichten im Internet an Usern (Anwender) mit Flatrate.

So kam das Buch von Peter Wensierski gerade zur rechten Zeit. Es fand Abnehmer, die es im Internet besprachen, aus ihm zitierten, es kritisierten und/oder für die eigene Aufarbeitung der Vergangenheit heranzogen. Zur Verbreitung des Buches hat auch die dazugehörige Homepage beigetragen.

Bei solch geballter Information kam der Inhalt des Buches bei denen an, die in dem Buch kritisiert werden, - bei den Kirchen und Einrichtungen unter kirchlicher Trägerschaft.

Zwar gründete sich schon vor Erscheinen des Buches der „Verein ehemaliger Heimkinder“. Dazu in Wikipedia: „Der Verein ehemaliger Heimkinder e.V. wurde schließlich am 14. Oktober 2004 in Idstein am Taunus gegründet und in Aachen in das Vereinsregister eingetragen.“

http://de.wikipedia.org/wiki/Verein_ehemaliger_Heimkinder

Aber, hat der Verein bewirkt, dass aufgrund seiner Petition an den Bundestag der „Runde Tisch Heimerziehung“ entstand? Ich darf Zweifel anmelden. War es nicht das zufällige Zeitfenster Petition und Herausgabe des Buches mit einer Lawine an öffentlicher Diskussion, das den Petitionsausschuss zwang, sich intensiver mit dieser Petition zu befassen? Kann es sein, dass dieses Buch von Wensierski solche Wogen geschlagen und damit Druck ausgeübt hat, dass der Bundestag einen Runden Tisch einrichten musste?

Was hat dieses Buch noch bewirkt?

Opfer fanden zueinander. Erste Homepages wurden erstellt, Opfergruppen gegründet. Es entstanden Diskussionsforen und es verschwanden solche. Es entstanden unzählige Blogs von Opfern und von Sympathisanten, die sich auf die Seite der Opfer stellten. Alle Presseorgane interessierten sich nun für das Schicksal der „ehemaligen Heimkinder“ in den zwei Nachkriegsjahrzehnten. Gab es vorher den Film „Bambule“, 1994 ausgestrahlt und danach den Film „Die unbarmherzigen Schwestern“ 2002 von Peter Mullan, so folgten hunderte eigene Heimvideos und Tonaufnahmen. Die Eingabe der Begriffe „Gewalt“ und „Heim“ bei YouTube ergibt 477 Treffer.

http://www.youtube.com/results?search_query=gewalt+heim&oq=gewalt+heim&aq=f&aqi=&aql=&gs_sm=s&gs_upl=22154l26281l0l27723l11l11l0l5l1l0l190l802l2.4l6l0

Nach Veröffentlichung dieses Buches und Verarbeitung im Internet outeten sich etliche ehemalige Bewohner von Heimen. Infolge dieses Buches rückten auch die Geschehnisse in den Heimen für Behinderte (Volmarstein, Wittekindshof, Annastift, Rummelsberger Anstalten) in den Fokus der Öffentlichkeit. Mehr und mehr finden auch die Zwangseingewiesenen in der Psychiatrie und die Säuglinge (dank Dr. Carlo Burschel) Öffentlichkeit. Das Buch hat weitere Bücher nach sich gezogen, über Freistatt, Volmarstein, Wittekindshof und Auftragsarbeiten der Kirchen (Universität und EFH Bochum). Das Buch zog aber auch im Rahmen der Aufarbeitung am „Runden Tisch Heimerziehung“ zahlreiche Beiträge solcher Menschen nach sich, die sich als Opfervertreter verstehen, beispielsweise des Pfarrers i.R. Dierk Schäfer aus Bad Boll und des Wissenschaftlers Professor Manfred Kappeler.

http://gewalt-im-jhh.de/Schafer_-_Kappeler_und_sonstig/schafer_-_kappeler_und_sonstig.html

http://gewalt-im-jhh.de/hp2/Statements_Prof__Manfred_Kappe/statements_prof__manfred_kappe.html

So hat das Buch auch dazu beigetragen, für das Thema „Gewalt an Heimkindern“ und für den Betrug am „Runden Tisch Heimerziehung“ zu sensibilisieren.

Ich meine, der Bundesverdienstorden ist mehr als verdient. Es ist schade, dass er von „nur“ einer Staatssekretärin verliehen wurde, was die Bedeutung dieses Ordens für das Engagements des Buchautors schmälert. Anderseits: Die Ordensverleihung durch den Bundespräsidenten in diesen Wochen und Monaten gereicht auch nicht zur besonderen Ehre. Auch findet sich Wensierski neben verdienstvollen Persönlichkeiten nun in einem elitären Club von weniger verdienstvollen wieder, die ebenfalls diese Auszeichnung erhielten. Sei es drum, auch sie spiegeln die Gesellschaft ein Stück wider und Wensierski kann ja nichts dazu. Auch nicht dazu, dass der Preis aus gepresstem und lackiertem Blech im Wert von etwa 15 Euro besteht und ein solcher Orden gerade bei Ebay für 30 Euro angeboten wird.

http://www.ebay.de/itm/Bundesverdienstkreuz-Bundesverdienstmedaille-Orig-/150733031494?pt=Militaria&hash=item2318638846

Eine kritische Stimme möchte ich doch unterstützen.

„Herzlichen Glückwunsch, Peter Wensierski. Sie bekommen nun also das Bundesverdienstkreuz, weil Sie die „Aufarbeitung ins Rollen gebracht“ haben. Und wir? Die, über die Sie geschrieben haben? Die Überlebenden der Kinderheimhöllen? Wir bekommen kein Verdienstkreuz für unsere Arbeit (auch wenn die Milliarden eingebracht hat), auch nicht dafür, dass wir jahrelang sexueller und anderer Folter unterworfen waren und natürlich auch nicht dafür, dass unzählige von uns sich ihre Geschichten von der Seele geschrieben haben – unter unendlichen Schwierigkeiten und Ängsten, ohne dafür entlohnt zu werden.“, schreibt Heidi Dettinger, Vorstandsmitglied des Vereins ehemaliger Heimkinder zu einem Beitrag von Dierk Schäfer.

http://dierkschaefer.wordpress.com/2012/01/20/bundesverdienstkreuz-fur-wensierski/#comments

Frau Dettinger hat recht. Die Überlebenden der Heimkinderhöllen haben ebenfalls eine Ehrung verdient. Ihre Überlebensleistung in Zentren der Finsternis und Gewalt verdient Anerkennung. Mehr noch: Sie müssen finanziell entschädigt werden.

Im Internet ist die Nachricht zu finden, nach der Peter Wensierski weiter am Ball bleiben will.

Heimkinder, Heimopfer, Wensierski, Schläge im Namen des Herrn, Erziehungsheim, Evangelische Kirche, Katholische Kirche, Diakonie, Caritas, Verein ehemaliger Heimkinder, Johanna-Helenen-Heim, Freistatt, Wittekindshof, Rummelsberger Anstalten

von Helmut Jacob
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Tuesday, 24. january 2012 2 24 /01 /Jan. /2012 23:41

 

„... [er] hat die Ehemaligen ins offene Messer laufen lassen... wieder und immer wieder! Erst hat er sie nicht richtig, nicht genügend beraten am RTH - wenn überhaupt. Dann hat es versäumt, seine Stimme zu erheben, als die himmelschreienden Ungerechtigkeiten sich abzeichneten. Dann hat er zu allem Dreck am RTH sein "Ja und Amen" gegeben. Und dann... man glaubt es kaum... hat er sich GEGEN die Ergebnisse des RTH ausgesprochen. Von ihm mit zu verantworten, von ihm mit abgestimmt ...“. Heidi Dettinger in einem Leserkommentar.

Dettinger1 

Sie bevorzugt die klare Aussprache. Man wird hellwach, wenn man ihre vielen Kommentare in Zeitungen, auf journalistischen Portalen, in Foren und Blogs liest. Sie übermittelt eine gewisse Härte und Sturheit, wenn es um das Thema „Heimkinder“ geht. Wer mehrere ihrer Beiträge gelesen hat, weiß: Heidi Dettinger steht bedingungslos auf der Seite der Heimopfer. Ich habe versucht, hinter der vermeintlich „rauhen Schale“ den „weichen Kern“ zu entdecken.

Seit sie im Vorstand des „Verein ehemaliger Heimkinder“ sind, hat die Vereinsarbeit wieder an Fahrt aufgenommen. Ist mein Eindruck richtig?

Der Eindruck täuscht. Der Vorstand ist ein gutes Team und das bringt naturgemäß „Fahrt“ in die Arbeit.

Wie beurteilen Sie die Zusammenarbeit in Ihrem Verein und wo lagen in den vergangenen Jahren Schwierigkeiten im Umgang miteinander?

Es gibt im Verein verschiedene Ebenen der Zusammenarbeit. Auf der Vorstandsebene. Da sind wir, wie gesagt ein Team und arbeiten gut zusammen. Dann gibt es die Ebene der Zusammenarbeit mit einigen Mitgliedern, die ziemlich eng und mit viel Engagement mit dem Vorstand zusammenarbeiten. Und es gibt die Ebene der Mitglieder, die aus der verschiedenen Gründen nicht so sehr oder gar nicht aktiv sein können oder wollen. Es ist schon manchmal ein Balanceakt, dies alles unter einen Hut zu bekommen.
Über die Schwierigkeiten der vergangenen Jahre kann ich mich nicht äußern, da ich diese Dinge bestenfalls vom Hörensagen kenne.

Sie selbst waren ehemaliges Heimkind. Wo?

Ich war in einem Heim für schwererziehbare Mädchen in Hannover, im Birkenhof.

Ich möchte Sie nicht ausfragen. Wollen Sie mir dennoch einige Erfahrungen schildern?

Es war eine graue, grausame Zeit. Eine Zeit ohne Anregungen, angefüllt mit drastischen Regeln, ebensolchen Strafen und mit unzähligen Stunden harter Arbeit. Es war ebenso eine Zeit der religiösen und politischen Indoktrination, der ständigen Angst, des ekligen Essens, des perversen Frauenarztes und der ständigen Ausbrüche – verbunden wieder mit Angst und Unsicherheit und dem Terror des Zurückkommens.

Inwieweit hat Ihr Heimleben Ihr Leben danach geprägt?

Ich habe im Birkenhof endgültig gelernt, dass ich nichts wert bin, dafür aber schuldig und schmutzig. Ich habe es gelernt, mich meiner Existenz zu schämen, meiner Gedanken, meines Tuns, meiner Fähigkeiten ebenso wie meiner Unfähigkeiten.

Und ich habe gelernt, die Zeit im Birkenhof zu verdrängen, zu vertuschen, zu verleugnen. Es hat nie jemand etwas erfahren, nicht einmal die Menschen, die mir am nächsten standen. In meiner Vita hatte ich das Heim gleichsam „ausradiert“.
Ich habe es nicht hingekriegt, eine vernünftige, erwachsene Partnerschaft zu leben. Darunter haben mit Sicherheit meine Kinder und auch meine Partner und natürlich auch ich selbst gelitten.

Darf ich über Ihre Berufstätigkeit erfahren?

Nach ziemlich langen Jahren im Ausland, nach zwei gescheiterten Beziehungen und vier Kindern habe ich das Abitur nachgemacht und Sozialwissenschaften studiert. Eine gute Wahl, allerdings nichts, mit dem ich noch groß „Karriere“ machen konnte.

Jetzt sind Sie älteren Semesters. Verraten Sie Ihr Alter?

Ich werde dieses Jahr 65. Erstaunlich ...

Man erlebt Sie im Internet als streitbar. Warum?

Weil ich streitbar bin. Ungerechtigkeiten bringen mich auf die Palme. Und wahrscheinlich bin ich auch einfach ein bisschen zickig...

Wo hört bei Ihnen die Kompromissbereitschaft auf?

Kompromissbereitschaft muss meiner Ansicht nach da aufhören, wo Rechte und gerechtfertigte Forderungen mit Füßen getreten werden.

Dettinger2

Im Dezember haben auch Sie vor der Christuskirche in Bochum demonstriert. Dagegen, dass die Ex-Vorsitzende des „Runden Tisches Heimerziehung“, Antje Vollmer, den „Hans-Ehrenberg-Preis“ bekommt. War die Demo ein Erfolg?

Ja. Ich fand schon, dass die Demo ein Erfolg war. Wir haben es verstanden, mit relativ wenigen Demonstranten Präsenz zu zeigen und unseren Unmut über diese ungerechtfertigte Preisverleihung gut und eindrucksvoll zu bekunden.
Übrigens bin ich der Meinung, dass jede Art von Demonstration von Überlebenden ein Erfolg ist. Schließlich sind die meisten von uns ziemlich alt, nicht sonderlich gesund, eher arm und auch eher ängstlich. Und die allermeisten ohne Demoerfahrung. Also ist jeder und jede, die sich in der Öffentlichkeit zeigt, ein Erfolg.

Irgendwo schrieben Sie, Sie würden Frau Vollmer verfolgen, solange Ihre Kraft reicht. Klingt da Verbitterung an oder sportlicher Ehrgeiz?

Ach, ich bin eine miserable Schützin :-) Aber ich werde mich weiterhin um Konfrontationen bemühen, will diese Frau nicht einfach ins Vergessen rutschen lassen!

Dettinger re

 

H. Dettinger rechts

Seit wann stehen Sie auf der Seite der Heimopfer?

Seit ich begonnen habe, meine eigene Heimzeit aus der Verdrängung zu holen. Also seit 2007/2008 etwa.

Welche besonderen Enttäuschungen in der gemeinsamen Aufarbeitung belasten Sie?

Es war für mich schockierend am Anfang, wieviel Unfrieden unter den Ehemaligen herrscht. Inzwischen finde ich das nicht mehr schockierend. Manchmal traurig, manchmal auch lästig und verletzend.

Gibt es glückliche Momente im Rahmen der Aufarbeitung?

Der glücklichste Moment war vielleicht das Realisieren, dass nicht ich unbedingt die Böse war, das schlechte Mädchen, sondern dass da etwas mit mir gemacht worden ist. Ich kann also wieder gut sein. Heute noch macht es mich froh, um mich herum Menschen zu wissen, denen ich im Prinzip nichts erklären muss. Von denen ich noch nie gehört habe: „Na, bei dir wundert mich das nicht...“ Außerdem muss ich sagen, dass ich durch meine doch recht intensive Beschäftigung ganz viele sehr besondere Menschen kennengelernt habe von denen ich manche heute durchaus als Freunde bezeichnen würde.

Jetzt ruft Ihr VEH zum Boykott auf. Wer soll was boykottieren?

Wir wollen mit unserem Boykott noch einmal ganz klar machen, dass das, was sich Staat und Kirchen haben einfallen lassen, keineswegs eine Entschädigung ist, sondern ein Schnäppchen für die Täterorganisationen und ein Schlag ins Gesicht für uns! Wir rufen die Überlebenden auf, sich nicht an diesem Betrug zu beteiligen, sich nicht schon wieder abstrafen zu lassen!

Wie lange besteht eine Möglichkeit zur Teilnahme an der Abstimmung?

Wir haben die Abstimmung erst einmal auf 6 Monate terminiert. Wir glauben, dass allen erst einmal die Möglichkeit gegeben werden muss, sich zu informieren, durchzuatmen, vielleicht zu prüfen, ob wir wirklich Recht haben mit dem, was wir schreiben.

Ihre Meinung zur Verzichtserklärung auf künftige Rechtsmittel:

Eine Verzichtserklärung mag sinnvoll sein, wenn beide Parteien – die Forderer (also wir) und die Schadensverursacher (also Kirche, Staat et al) – sich an einen Tisch setzen und so lange verhandeln, bis sie zu einem für beide Seiten akzeptablen Resultat kommen. In unserem Fall aber wurde das „Resultat“ einseitig und äußerst diktatorisch festgelegt.

Das ist schlicht undemokratisch und unverschämt! Verzicht auf Rechtsmittel gegen einen Stützstrumpf!

Wie steht es nach Beendigung der Runden Tische um die Zusammenarbeit mit der Presse?

Die Presse ist naturgemäß interessiert an Schlagzeilen, nicht an der tagtäglichen Kleinarbeit, egal wie aufreibend. Also versuchen wir, eine andere Öffentlichkeit zu schaffen. Dank des Internets geht das ja auch – allerdings gibt es, ebenso dank des Internets, hier dann auch eine gewisse Beliebigkeit.

In der letzten Zeit allerdings hatte ich unbedingt den Eindruck, als hätten wir es mit einer gleichgeschalteten Presse zu tun. Man las nur noch von Entschädigung. Es war eine mühsame Arbeit, dagegen anzuschreiben. Aber letzten Endes scheint es so, als hätten unsere gemeinsamen Bemühungen doch Erfolg gehabt und einige Zeitungen zumindest haben ein bisschen genauer recherchiert und dementsprechend berichtet.

Wie beurteilen Sie den Zusammenhalt der Heimopfer?

Ich glaube, dass es schwierig ist, dieser allgemeinen Form vom „Zusammenhalt der Heimopfer“ zu reden. Dazu sind wir doch alle zu unterschiedlich, haben auch in den Heimen die unterschiedlichsten Erfahrungen gemacht, haben unser Leben auf die unterschiedlichste Art und Weise gelebt. Und das spiegelt sich auch in Umgang und Zusammenhalt untereinander wider.

Viel schlimmer finde ich allerdings, dass offensichtlich immer und von allen Seiten dieses „Harmoniebedürfnis“ herangetragen wird. In jeder Gruppierung gibt es Schwierigkeiten, Streitigkeiten, Auseinandersetzungen. Das mag nervig sein, sprengt auch so manches, ist oftmals auch nicht so leicht auszuhalten. Aber es kann doch auch beflügeln, neue Ideen reinbringen, neue Sichtweisen. In den Parteien heißt das dann Strömungen, in der Wissenschaft sind das unterschiedliche Meinungen und Thesen. Nur bei uns soll alles immer freundlich zugehen? Und alle einer Meinung sein? Ich finde, da sollten wir einfach den Ball etwas flacher halten, uns nicht bange machen lassen und vor allem: nicht reinreden lassen!

Naja, und uns gegenseitig nicht gleich ganz zu zerfleischen, wäre natürlich auch gut! Wenn man über das Ziel hinausgeschossen ist, kann man sich entschuldigen, ansonsten ist es sinnvoll, die Augen und die Ohren auch für andere Meinungen offen zu halten.

Worüber können Sie sich in Sachen Heimkinder richtig ärgern? Worüber können Sie sich freuen?

Ich ärgere mich – nicht nur in Sachen Heimkinder – über Stigmatisierungen und Dummheit. Ich freue mich, dass ich immer wieder mutigen, klugen Menschen begegne, mit denen ich nicht nur diskutieren, sondern auch lachen kann.

Brennt Ihnen etwas unter den Nägeln, was Sie loswerden wollen?

Ja! Ich finde, wir müssen unbedingt ein paar Sprachregelungen finden. Ich will mal ein paar Begriffe nennen, die ich einfach schrecklich finde:

„Ehemaliges Heimkind“ macht uns irgendwie tatsächlich zu Kindern. Nicht wirklich verantwortungsbewusst und ernst zu nehmen.

„Betroffene“, „Opfer“ hört sich für mich beklagenswert an. Und irgendwie nach aufgeben.

Die „Heime“ waren eigentlich keine, sondern sie waren Anstalten! Heim nämlich trägt die Bedeutung von heimelig, geborgen, warm ....

Und das ist eigentlich das schrecklichste Wort meiner Sammlung: „Kindesmissbrauch“ impliziert, dass es einen „richtigen“ Gebrauch von Kindern gibt. Wenn dieses Wort auch noch in Kombination mit anderen gebraucht wird, wird es einfach scheußlich: „Missbrauchsbeauftragte“ z.B. - heißt das, dass der Kindesmissbrauch nun in den kompetenten Händen einer Beauftragten liegt?

Das hört sich vielleicht erst einmal kleinlich an. Aber Sprache hat einen großen Einfluss – sowohl bei der Verschleierung von Sachverhalten als auch bei deren Aufdeckung! Ich bin der Meinung, dass man die Dinge beim Namen nennen muss! Dann wird aus „Kindesmissbrauch“ nämlich Vergewaltigung. Und aus einem Heimkind ein Überlebendes der Kinderheimhöllen.

Beeinflusst Ihr Engagement Ihr Familienleben?

Familienleben? Was ist das? Nein, im Ernst – ich lebe seit vielen Jahren allein; fast meine komplette Familie ist inzwischen in Spanien zu Hause. Also kann ich tun und lassen, was ich will, wann ich will, wie ich will. Durch meinen Freundeskreis allerdings geht manchmal ein hörbares Seufzen ...

Was halten Ihre Kinder, was die Enkel von der Arbeit der Oma Heidi?

Meine Enkeltochter ist erst fünf Jahre alt, und wenn sie mich besuchen kommt, nehme ich mir soviel Zeit für sie, wie sie möchte. Meine Kinder kennen mich eigentlich immer politisch aktiv und sind – nachdem sie erst einmal voller Schrecken von meiner Vergangenheit erfahren haben – froh, dass ich mich weiterhin damit auseinandersetze. Und – so mein Ältester unlängst – laufen sie wenigsten keine Gefahr, dass ich langweilig werde.

Homepage „Verein ehemaliger Heimkinder e.V.“: http://veh-ev.info/

Boykottaufruf „Fondsverteilung ehemalige Heimkinder“: http://www.veh-ev.info//pages/verein-ehemaliger-heimkinder-e.v.-veh-e.v.-skandale-und-affE4ren-FCber-den-umgang-mit-den-ehemaligen-heimkindern/boykott-fondsverteilung-ehemalige-heimkinder.php

Demo gegen Preisverleihung an Antje Vollmer: http://www.veh-ev.info//pages/verein-ehemaliger-heimkinder-e.v.-veh-e.v.-skandale-und-affE4ren-FCber-den-umgang-mit-den-ehemaligen-heimkindern/boykott-fondsverteilung-ehemalige-heimkinder.php

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von Helmut Jacob
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Tuesday, 24. january 2012 2 24 /01 /Jan. /2012 01:09

Warum nur - fragt man sich entsetzt - hat er dann dem Abschlußbericht des "Runden Tisches Heimerziehung" zugestimmt?

von Helmut Jacob
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Sunday, 22. january 2012 7 22 /01 /Jan. /2012 15:44

Hilfe bei Entschädigungsfragen und Anträgen bietet eine neue Einrichtung in Berlin-Friedenau.
Berlin - Ehemalige Heimkinder haben seit Donnerstag auch in Berlin eine Anlauf- und Beratungsstelle.
Opferverbände äußerten Kritik am Fonds. Peter Henselder, Vertreter der „Berliner Regionalgruppe für ehemalige Heimkinder“, wies darauf hin, dass von einer zu geringen Zahl Anspruchsberechtigter ausgegangen werde und die Entschädigung behinderter Heimkinder kaum berücksichtigt sei. Er kritisierte, dass der Fond vor allem Unterstützung in Form von Therapien und Sachentschädigungen vorsehe. Da die meisten Betroffenen heute im Rentenalter seien, sei dies nicht bedarfsgerecht. Aufgrund unterdrückter Bildungschancen in der Kindheit litten ehemalige Heimkinder oft unter Altersarmut, daher sei eine monatlicher Opferrente von 300 Euro oder eine einmalige Barzahlung von 56 000 Euro angemessen, sagte Henselder. Rund 400 Menschen wollen den Rechtsweg für höhere Entschädigungen notfalls bis zum Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte beschreiten.
http://www.tagesspiegel.de/politik/neue-anlaufstelle-beratung-fuer-misshandelte-ex-heimkinder-/6087194.html

 

von Helmut Jacob
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Saturday, 21. january 2012 6 21 /01 /Jan. /2012 16:12

Im großen WWW ist der Ratschlag von Heimopfer zu Heimopfer zu finden, jetzt ein Hörgerät bei der Anlaufstelle zu beantragen, die über die Fondsverteilung für Opfer der Erziehungshilfe in den Nachkriegsjahrzehnten mitentscheidet. Gleichzeitig wird Protest laut, weil Antragssteller ihren Arzt von der Schweigepflicht entbinden und die Anlaufstellen autorisiert werden sollen, von Sozialämtern und „gleichgestellten Stellen“ Auskünfte zu erhalten. Am Rande vermerkt: Es werden Hoffnungen auf Leistungen bis zu 20.000 Euro geschürt, man empfiehlt einen neuen Elektrorollstuhl und ganze Wohnungsumbauten. Kurz gesagt: Scharlatane sind unterwegs.

Es ist viel los in den Anlaufstellen und die ersten Bescheide flattern den Opfern bereits ins Haus. Entsprechend groß ist die Enttäuschung derer, die auf die vollmundigen Verheißungen solcher Spekulanten hereingefallen sind.
http://www.westfaelische-nachrichten.de/aktuelles/muensterland/1852379_ehemalige_heimkinder_sind_ueber_angebote_aus_fonds_enttaeuscht.html
http://

www.moz.de/de/nachrichten/berlin/artikel-ansicht/dg/0/1/1005556/

Zum Jahresende rief mich ein Opfer an und fragte etwa sinngemäß: Es gibt ja jetzt Geld, wo kann ich das denn abholen? Er war der Presse aufgesessen, die von „Entschädigungen“ schrieb. So musste ich dem Anrufer mitteilen, dass es keinen Cent auf die Hand gibt. Für ihn brach eine kleine Welt zusammen.

Was hat es mit den Erklärungen auf sich, die unterschrieben werden sollen?
Im Rahmen von Schadensabwicklungen sind solche Erklärungen gängige Praxis und sogar notwendig, um rechtliche Absicherungen zu erhalten.

Die Entbindung des Arztes von der Schweigepflicht ist dann angesagt, wenn ermittelt werden muss, ob die Forderung zur Schadensregulierung in ursächlichem Zusammenhang mit dem eingetretenen Schaden steht. Im Falle eines beantragten Hörgerätes könnte der Fall beispielweise wie folgt aussehen:
Das Opfer beantragt bei der Anlaufstelle ein Hörgerät. Es ist inzwischen 65 Jahre alt. Die Anlaufstelle muss überprüfen, ob die Hörminderung aufgrund von Gewalt in der Kindheit oder Jugend in einem Heim eingetreten ist. Oder ob es sich um eine nachträglich zugezogene Hörschädigung (z.B. Fabriklärm, Beschallung durch Walkman) oder um eine altersbedingte Hörminderung handelt. Diese Frage kann nur überprüft werden, wenn der Antragsteller den Arzt von der Schweigepflicht befreit. Nach der Befreiung darf die Leistungserbringerin medizinische und diagnostische Auskünfte verlangen. Erst dann kann die in Berlin eingerichtete „Geschäftsstelle des Fonds Heimerziehung“ (http://dierkschaefer.wordpress.com/2012/01/21/das-kannte-ich-auch-noch-nicht/) über die Vergabe dieser Sachleistung „Hörgerät“ entscheiden.


In einem Fall lehnte ein Versorgungsamt einen Antrag auf Opferentschädigung nach dem Opferentschädigungsgesetz mit folgender Begründung ab: Das Opfer habe in der Antragsbegründung mitgeteilt, dass infolge eines Schlages auf ein Ohr ein Trommelfell zerstört wurde, sich daraufhin eine Woche später eine eitrige Mittelohrentzündung einstellte, die Wochen später eine halbseitige Gesichtslähmung zur Folge hatte. Darum musste es operiert werden. Nun könne es auf dem operierten Ohr nichts mehr hören. Das Versorgungsamt stellte fest, dass Ansprüche eigentlich ausgeschlossen sind, weil der Vorfall vor dem Jahr 1976 eingetreten war. Im Rahmen der Übergangsfristen greift der Paragraph 10 OEG mit seiner Härtefallklausel (http://www.gesetze-im-internet.de/oeg/__10a.html). Leistungen nach dieser Härtefallklausel sind nachrangig. Der Antrag wurde übrigens abgeschmettert, weil der untersuchende Arzt zu der Erkenntnis gelangte, dass so kurz nach einem Schlag aufs Ohr keine Mittelohrentzündung entstehen könne und damit ein kausaler Zusammenhang mit dem Hörschaden nicht belegt werden könne. Berücksichtigt wurde nicht, dass das Opfer 40 Jahre nach der Tat sich nicht genau erinnern kann, wann tatsächlich (ob ein oder zwei oder drei Wochen später) diese Mittelohrentzündung eintrat. Trotz vieler Beteuerungen a la „Wir glauben den Opfern“ kommt hier zum Vorschein, dass etliche Opfer zunächst als Betrüger verdächtigt werden.

Warum sollen jetzt auch Auskünfte beispielsweise bei den Sozialämtern eingeholt werden dürfen? Weil alle Leistungen NACHRANGIG sind. Das heißt: Zuerst zahlen die Stellen, die erstrangig dazu verpflichtet sind. Hörgeräte werden aus Leistungen der Krankenversicherung finanziert, zumindest das Standartgerät, jenes, das in den Hilfsmittelkatalogen aufgeführt ist. Informationen über die bezuschußten Hilfsmittel geben die Krankenkassen. Erste Infos sind auch hier erhältlich:

http://de.wikipedia.org/wiki/Hilfsmittelverzeichnis_der_gesetzlichen_Krankenversicherung
http://www.rehadat.de/gkv2/Gkv.KHS
http://www.bvmed.de/links/Datenbanken/

Reichen diese Zuschüsse nicht aus, ist bei Bedürftigkeit der Sozialhilfeträger (Sozialamt) oder im Falle der meisten Heimopfer aufgrund des Alters das Amt für Grundsicherung gefordert. Dies Sozialämter gehen mehr und mehr zu Krediten über, die in monatlichen Raten von der Sozialhilfe einbehalten werden. Nichtbedürftige haben „Eigenleistungen“ zu erbringen, zahlen also drauf. Dies gilt besonders, wenn die Hilfsmittel vom Standart abweichen.

Wichtig ist noch einmal: Alle beantragten Leistungen müssen damit begründet werden, dass sie der Kompensierung (z.B. Abfederung von Beschwerden) von Mißhandlungen in der Kindheit oder Jugend dienen. Es gibt kein Schmerzensgeld.

Auch, wer seine Wohnung renoviert haben will, bekommt den Maler nicht bezahlt. Es sei denn, er kann nachweisen, dass die derzeitige Farbe ihn zu sehr an die Kalkwände in seinem damaligen Heim erinnere und er darunter psychisch leide. Dabei muss er sich allerdings die Frage gefallen lassen, warum er die Wohnung nicht von vornherein entsprechend anders gestrichen hat. Umbauarbeiten werden bezuschusst (aber auch nur nachrangig), wenn beispielsweise infolge medizinischer Falschbehandlungen die körperlichen Schäden im Alter so zugenommen haben, dass eine Wohnung behindertengerecht angepasst werden muss. Beispielsweise müssen Türen verbreitert werden, wenn ein Opfer, das auf den Rollstuhl angewiesen ist, sonst nicht durch die Klotür käme.

Wichtig ist aber auch:
Wir sollten uns weniger Hoffnungen machen und weniger Hoffnungen verbreiten. Wir sollten unsere Erwartungen nicht zu hoch ansetzen und gegebenenfalls zurückschrauben. Wir sollten nicht auf Profilneurotiker hören, die trotz Nichtwissens den Opfern Ratschläge geben. Wir sollten wissen, dass aufgrund des manipulierten „Runden Tisches Heimerziehung“ die Leistungen so sind, wie sie sind: ungenügend.

 

Und eins ist auch ganz klar: Selbstverständlich darf niemand zur Unterschrift gezwungen werden und selbstverständlich darf niemand erwarten, ohne diese Unterschriften Leistungen zu erhalten. Ihm bliebe nur der Rechtsweg offen.

 

Heimkinder lehnen Entschädigungsfonds ab
Bei vielen ehemaligen Heimkindern in Berlin stößt der neue Entschädigungsfonds auf herbe Kritik. Nun wurde eine Beratungsstelle in der Hauptstadt eröffnet. ...
Viele Betroffene aus dem Westen lehnen den Entschädigungsfonds ab, weil sie bei einem Antrag eine Verzichtserklärung auf weitere Entschädigung unterschreiben müssen. Und der Osten will keine westdeutsche Fonds-Kopie.
So herrschte bei der Eröffnung der Berliner Beratungsstelle für ehemalige Heimkinder am Donnerstag im Stadtteil Friedenau keine pure Freude vor. Während Scheeres für Sachleistungen des Fonds wie Therapien und Gesundheitsmaßnahmen warb, fühlte sich Liane Müller-Knuth als Betroffene erneut gedemütigt. „Ich will keine Stützstrümpfe und keinen Rollstuhl“, sagt die Berliner Seniorin. „Ich will eine Entschädigung, die ihren Namen verdient.“
http://mobil.morgenpost.de/berlin-aktuell/article1885175/Heimkinder-lehnen-Entschaedigungsfonds-ab.html?emvcc=-1

von Helmut Jacob
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