„Sie wurde Bettnässerin, ein Verhängnis. Bei diesem Vergehen kannten die Schwestern kein Pardon. Die kleinen Mitbewohnerinnen wurden von der Nonne aufgefordert, Roswitha bei Wiederholung zu bestrafen. Das musste sie ertragen, denn sie nässte oft ins Bett. Sie wurde dafür angespuckt, geschlagen von ihren kleinen Mitbewohnern. Wer von den Kleinen nicht mitmachte, bekam gesondert von der Nonne eine Tracht Prügel. Schwester Marte ließ nicht locker und prügelte bei den kleinsten Anlässen auf die kleinen Kinder nach ihrem Ermessen drauflos. Bettnässer bekamen ab 15 Uhr weder zu trinken noch etwas zu essen. Roswitha war ein lebhaftes Kind, wollte alles wissen und spielte gerne mit den anderen Heimkindern. Für die Schwester Marte auf der Krabbelstation war sie zu wild beim Spielen, sie nahm einen Strick und band Roswithas rechtes Bein an einem Stuhlbein fest.
Nach einigen Stunden Stillsitzens, vergaß die Kleine, dass sie angebunden war und lief mit dem ganzen Stuhl durchs Zimmer. Die Nonne Marte war aufgebracht, jetzt ging sie mit einem anderem abgeschnittenen Stück Strick anders vor. Sie nahm jetzt beide Beine von Roswitha und band sie an einem Tischbein fest. Aufstehen konnte sie nun nicht mehr und es gab, weil sie weinte, noch zusätzlich einige Ohrfeigen und Schläge auf den Hinterkopf. Bald wurde sie 6 Jahre alt ...“
Diese Zeilen schreckten mich auf, als ich die Dokumentation des Humanistischen Pressedienstes (hp/d) las. Wer ist diese Roswitha, die schon als Kleinkind in die Hölle schaute?, fragte ich mich. Als ich diesen Abschnitt in den Blog eines evangelischen Theologen, der sich auf die Seite der Heimopfer gestellt hat, einfügte, lernte ich sie kennen. „das was Du geschrieben hast, stimmt alles. Aber es ist noch längst nicht alles.“ schrieb sie in den Blog und nannte mir gleich den Link, auf dem ich ihre Erinnerungen abrufen konnte.
Mit zweieinhalb Jahren kam sie ins katholische St. Josef-Kinderheim in
Lippstadt. "Da gab es die Säuglingsstation, die Krabbelgruppe und dann noch jeweils eine Jungen- und eine Mädchengruppe."
Auszüge aus ihrem Bericht:
"Die Nonne Marta stand mitten zwischen den schreienden Kindern. Sie packte einige, verprügelte sie und schmiss sie anschließend an eine blutverschmierte Wand. Anderen Kindern schlug sie reihenweise ins Gesicht. Die Köpfe dieser Kinder knallten dabei laut an die Rückwand."
Unter dem Kapitel "Karlchen, mein Bruder" schildert Roswitha, wie sie ihren Bruder kennenlernte, der im gleichen Heim eingewiesen war:
"Dann bemerkte mich die Nonne und zerrte mich zu einem weinenden, blutverschmierten kleinen Jungen, der auf einem der Töpfchen saß. 'Hier sitzt Karlchen, dein Bruder. Schau ihn dir genau an, er ist auch so einer aus der Brut, ein Zigeuner wie du auch. Der kann gleich mit dir nach Marsberg!'" [In Marsberg befindet sich eine Einrichtung für psychisch Kranke. Vielen Heimkindern wurde mit einer Einweisung in die Psychiatrie gedroht.]
Über das Essen im St. Josef-Kinderheim:
"Eine der üblichen Schikanen waren diese ganzen Heringsschwänze als Mittagessen. Mal gab es sie mit Gries Brei, mal mit getrockneten Pflaumen. Auch das Beten vor und nach dem Essen machte den Fraas nicht besser! Ich musste mich oft übergeben – genau wie andere Kinder auch. Die Blechnäpfe mit dem Erbrochenen wurden bis zur nächsten Mahlzeit an die Seite gestellt und am nächsten Mittag bekam man irgendeinen der Blechnäpfe, gefüllt mit Erbrochenem, wieder vorgesetzt. Diese Näpfe wurden immer voller, immer wieder mussten wir uns übergeben. Das Erbrochene stank und gehrte nur so vor sich hin. Anderes 'Essen' gab es nicht! Nach Tagen wurde mir und den anderen dann diese Gülle mit Gewalt in den Rachen gegossen.
Nach diesen Zwangsfütterungen wurde besonders darauf geachtet, dass auch ich mein Nachtischgebet laut mit betete." ...
"Mein Hunger war so groß, dass ich einmal das Essen, das für eine im Sterben liegende Nonne bestimmt war und ich sie füttern sollte, nicht ihr gab, sondern selber aufaß."
Über die ärztliche Behandlung:
"Wir wurden der Ärztin in Gruppen vorgeführt und 'untersucht'. Bei Frau Dr. R. gab es bei jeder Untersuchung strenge Regeln: Alle Bettnässerinnen standen nackt vor der Oberin und der Ärztin. Erst einmal gab es Schläge mit dem Ochsen-Riemen von der Oberin, dann dasselbe noch einmal von der Ärztin."
Die Schlüpfer wurden nur einmal wöchentlich gewechselt:
"Unsere Schlüpfer wurden täglich kontrolliert. Dazu mussten wir im sitzend unsere Schlüpfer auf die Bettdecke legen. Diese Schlüpfer mussten eine ganze Woche lang getragen werden und dabei sauber bleiben. Wehe, es wurde etwas gefunden! Nach der Kontrolle durfte niemand mehr auf die Toiletten. Trotz wöchentlicher, ärztlicher Untersuchung, 'Sonderbehandlung', blieb ich noch eine Reihe von Jahren Bettnässerin."
rechts Roswitha
Versuchter Selbstmord:
"Ein Junge namens Bruno, vielleicht dreizehn oder vierzehn Jahre alt, war, wie
wir alle, körperlich und psychisch so fertig, dass er schon immer mal heimlich von 'weglaufen und sich umbringen' sprach. Wir alle hörten einen Zug ankommen. Bruno riss sich plötzlich aus der Reihe und stürzte sich vor den Zug. Die Nonne Engelmundis versuchte ihn zwar zurückzuhalten, aber ihr Übergewicht ließ dies nicht zu. Der Lokführer versuchte, seinen Zug mit quietschenden Bremsen noch rechtzeitig zu stoppen, aber das gelang ihm nicht. ... Bruno war nicht tot, er hatte – wie die Nonnen hämisch bemerkten - 'nur' ein Bein verloren. Schließlich sei er ja – so die Nonnen – auch selber Schuld gewesen."
Roswithas erste Erfahrung mit Sexualität:
Regelmäßiges Beichten war Pflicht. Die Kapelle befand sich im Heim. Ich habe nie verstanden, wo und wie ich gesündigt hatte. Den Kopf in Demut gesenkt, sollte ich beichten.
„Im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes, Amen.“ Ich schaute kurz durch das Holzgitter und ebenso schnell wieder weg. Der Beichtvater bewegte seine Hand auf seinem Schoß schnell hin und her. Der ganze Beichtstuhl wackelte. Ich nahm an, er habe ein Tier auf dem Schoß, das er streichelte. Ich war damals elf Jahre alt und hatte keine Ahnung, was der Priester da machte. Ich ahnte aber, dass da etwas nicht stimmte."
Ihre erste Periode als schreckliches Erlebnis:
"Etwa um dieselbe Zeit, mit ca., elf-zwölf Jahren bekam ich meine erste Regel. Die Nonne Serapia erfuhr dies sehr schnell durch Hildegard, die auch dort wohnte. Das Ergebnis war, dass die Nonne mich bei den Haaren zur Toilette zog, mich schreiend fragte, wo denn das Blut sei. Ich antwortete ängstlich, dass es hier in der Toilette sei. Mit hasserfülltem Gesicht drückte die Nonne daraufhin meinen Kopf tief in die Kloschüssel hinein und zog kräftig an der Wasserspülung. Das Klowasser lief mir über den Kopf. Einen Teil des Wassers musste ich schlucken, einen Teil konnte ich voller Ekel wieder ausspucken. Die Nonne wiederholte diesen Vorgang bis sie so erschöpft war, dass sie kurz von mir abließ."
Und zur hygienischen Versorgung:
"Die Schmerzen waren kaum auszuhalten. Mit der Strickbinde kam ich in Schwierigkeiten: Wohin damit? Ein komisches Ding, es sah für mich wie eine Schiffchen-Mütze aus und ich setzte es mir auf den Kopf. Die Nonne riss es mir runter, zugleich hatte ich mir wider einen Schlag mitten ins Gesicht eingefangen.
'Das musst du, na hier so, zwischen die Beine. Und hier ist ein Stoffgürtel zum befestigen.' Dann zeigte sie mir, wie ich das zusammenknöpfen solle. Weiter sagte sie, dass ich das jetzt alle vier Wochen bekommen würde. Mit diesem Hinweis konnte ich immer noch nichts anfangen. Mit der Binde zwischen den Beinen war sehr schlecht zu laufen. Ich musste die gleiche Binde vierundzwanzig Stunden tragen."
Roswitha: "Bei der Vergewaltigung war ich fünfzehn Jahre alt.":
"Bei dem Vormund setzte ich mich wie immer vor seinen Schreibtisch. Wie immer lag eine abgeschälte Apfelsine für mich auf dem Tisch. Langsam wurde der Vormund mir immer unheimlicher. Sein Grinsen wurde immer breiter. Dann kam er, nachdem ich die Apfelsine aufgegessen und er mich dabei förmlich belauert hatte, auf mich zu. Mir wurde schwindelig und er legte mich auf den Holzfußboden. Ich konnte mich nicht wehren, da muss ich wohl kurz weggetreten sein. Als ich erwachte, beugte er sich gerade über mich."
Eine zweite Begebenheit:
"Die obligatorische Apfelsine lag schon für mich bereit. Ich wollte sie aber dieses Mal nicht essen, weil mir vorige Woche davon schlecht geworden war. Auf Druck von ihm musste ich sie trotzdem aufessen. Er saß hinter seinem Schreibtisch und beobachtete mich während er mir irgendetwas erzählte, was ich nicht verstand. Dann verschwamm sein Gesicht plötzlich hinter einer Nebelwand. Das nächste, was ich wusste, war, dass ich schwer benommen auf dem Holzfußboden lag wie schon beim letzten Mal. Nur lag jetzt mein Schlüpfer neben mir und mein Kleid war durcheinander. Zwischen meinen Beinen spürte ich etwas Feuchtes – es war Blut. Ich schaute mich ängstlich im Büro um. Wo war mein Vormund, der Küster? Er war weg."
Kommunion - Roswitha links oben
Zwangsarbeit auf einem Bauernhof:
"Bald kam das Frühjahr und die Zeit der Feldarbeit brach an. Der Bauer fuhr mich jetzt jeden Morgen mit seinem Trecker auf die Runkel- und Steckrübenfelder. Mit meinen noch vierzehn Jahren, musste ich nun zwölf Stunden am Tag, sechs Tage die Woche, die bereits vorhandenen Pflänzlinge in den Furchen kniend oder gebückt vereinzeln. Der Sohn des Bauern brachte mir mittags belegte Brote aufs Feld. Obwohl er nicht älter war als ich, forderte er mich regelmäßig auf, schneller zu arbeiten. Der siebte Tag, meistens sonntags, musste ich auch in den Ställen weiter arbeiten. ... Im Sommer wurde die Feldarbeit von sieben Uhr früh bis zehn Uhr abends ausgedehnt. Vorher hatte ich mit Bauer Junior schon alle Tiere gemolken und die Kühe auf die Weide gebracht. Jetzt wurden Weizen, Hafer, Roggen eingefahren. Auf dem Feld musste ich auf dem Wagen die Bündel annehmen und stapeln. Anschließend wurden diese in der Scheune gedroschen und ich musste hoch droben auf dem Strohboden die Strohbündel annehmen und stapeln. (Wie zerkratz und Blutig meine Beine aussahen, das sah niemand).
Einmal arbeitete ich angeblich nicht schnell genug und bekam prompt vom Bauern eine Forke (Heugabel) hochgeschmissen, die in meiner rechten Wade steckenblieb. Mit den Wunden wurde ich wieder allein gelassen."
Der tote Junge im Keller:
"Sie schleifte mich zur Kellertür und schubste mich die Treppe zum Kohlen- bzw. Heizungskeller hinunter. 'Hier bleibst du heute Nacht' und die Eisentür knallte zu. Auf dem nackten Kohlehaufen schlief ich irgendwann ein. Vor Durst in dem heißen Kellerraum, in dem direkt neben mir der brennende Heizofen stand, wachte ich irgendwann auf. Ich tastete umher, um zu fühlen, wo ich war und stieß dabei auf etwas Weiches. Durch einen kleinen Lichtschimmer erkannte ich nach einer Weile die Gestalt eines Menschen. Ich stupste ihn an, aber er bewegte sich nicht. Ich hatteTodesangst. Den Lichtschalter fand ich nicht.
So wartete ich, an eine Wand gelehnt, den Morgen ab. Irgendwann ging die Kellertür auf und jetzt sah ich, wo ich gelegen hatte und wer neben mir lag. Die Nonne, die die Tür geöffnet hatte, war die Engelmundis, die für die Jungengruppe zuständig war. Sie kam die Kellertreppe hinunter, sah in den Kohlenkeller und schrie nach dem Kalfaktor. Schnell war er zur Stelle. Die Nonne schrie ihn an „Räumt das hier mal weg“! (Die Nonnen sprachen immer in der Mehrzahl, wenn was passiert war, auch um uns Kinder ständig zu irritieren).
Sie übersah dabei, dass ich auch dort unten war. Als sie mich schließlich erblickte, scheuchte sie mich dieTreppe hinauf. Dort stand dann schon die Nonne Serapia. Ich habe nie erfahren, an was der Junge gestorben war."
Später kam sie ins Vincenzheim in Dortmund, ebenfalls unter Leitung von Ordensschwestern.
Roswithas Leiden nahm auch hier kein Ende. Es kann nachgelesen werden auf der Homepage des "Vereins ehemaliger Heimkinder".
http://www.veh-ev.info//media/Roswitha%20Schnabel/Heimleben%20Bilder.pdf
http://helmutjacob.over-blog.de/article-lesenswert-deutschland-deine-kinder-serie-des-humanistischen-pressedienstes-88457944.html
Heimkinder, Gewalt, katholische Kirche