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14. Oktober 2011 5 14 /10 /Oktober /2011 01:08

Verluderte Moral? Erzbischof Zollitsch und ein Bettelbrief

 

Helmut Klotzbücher hat einen Brief erhalten. Briefsendungen erhalten Millionen Menschen täglich. Also ist das nicht ungewöhnlich. Interessant wird die Geschichte erst, wenn man Briefabsender, Empfänger und den Briefinhalt näher kennenlernt.

Der Absender ist Robert Zollitsch. Er ist Freiburger Erzbischof und zur Zeit „Vorsitzender der Deutschen Bischofskonferenz“. Dieses Gremium ist der Zusammenschluss der katholischen Bischöfe aller Diözesen in Deutschland.

Helmut Klotzbücher ist Pressesprecher des „Vereins ehemaliger Heimkinder e.V.“ (VeH), jener Gruppe, die vor einigen Jahren durch eine Petition an den Deutschen Bundestag den „Runden Tisch Heimerziehung“ unter Vorsitz der ehemaligen Grünen-Politikerin und Pastorin Antje Vollmer erreicht hat.

Erschütternd ist das Leben dieses Helmut Klotzbücher. Von 1954 bis 1961 war er Heimkind in einer Einrichtung unter katholischer Trägerschaft. Dort hat er unendliches Leid, zahlreiche Verbrechen erdulden müssen. Die „Südwest Presse“: „Er sei ins St. Konradihaus nach der Scheidung seiner Eltern vom Jugendamt eingewiesen worden, berichtet Helmut Klotzbücher. Ein Priester habe das Heim damals geleitet, Nonnen aus Untermarchtal arbeiteten dort. Gleich nach seiner Ankunft habe er sich nackt ausziehen müssen, sei in die Dusche geschickt und mit einem ‚erbärmlich stinkenden’ Desinfektionsmittel überschüttet worden. Die Haare kamen ab. ‚Damit sollten die Parasiten, die angeblich an mir klebten, abfallen.’"

Die gleiche Zeitung und die „sueddeutsche.de“ berichten von einer besonderen Scheußlichkeit, die auch sein weiteres Leben geprägt hat: „Nachts nässt er das Bett ein, mit 15. Am Morgen schlagen sie ihm das nasse Laken um die Ohren. Als das nichts hilft, kommt er nach Tübingen, da gibt es einen Arzt, der hat da eine neue Methode. Er wird festgeschnallt, sieht den Kasten mit den Drähten, die Klemmen befestigen sie an Glied und Hoden. "Du spürst, wie alles verbrennt, eine Bombe explodiert", sagt er. Fünf Stunden ist er ohnmächtig. Er nässt weiter ein, sie wiederholen die Prozedur. Da ist er unfruchtbar.“

Klotzbücher berichtet, dass er durch diese und andere Erlebnisse weder Frau noch Heimat gefunden hat. „Alle zwei Jahre muss er umziehen - immer, wenn ihn die Albträume gefunden haben. Dann ist wieder eine Zeit lang Ruhe, bis sie wiederkommen, die Träume.“, so in „sueddeutsche.de“. „Dann ist Schwester Joachim wieder da, die ihn im Heim gequält hat, sie schlägt ihn, zwingt ihn, Erbrochenes zu essen, nimmt seine Prothese weg. Erst in der neuen Wohnung ist wieder Ruhe; 24 Mal zieht er um.“

Diesem Opfer der katholischen Kirche schickt Erzbischof Zollitsch einen Bettelbrief. Er soll aus Anlass des Papstbesuches „sei es im Gebet oder mit einer Spende“ den just zuvor gegründeten „Benedikt-Ostafrikafonds“ unterstützen. Zum Ende des Bettelbriefes gibt Zollitsch seiner Hoffnung Ausdruck, ihm, also Helmut Klotzbücher, „bei der Heiligen Messe zu begegnen“.

Klotzbücher hat zwar den Glauben an die Kirche verloren. „Er will keine Entschuldigungen hören, er hat genug von den Kirchen, auch wenn sie heute freundlich sind und das Heim lange nach seiner Akte gesucht hat. Die haben Geld. Die sollen zahlen.“ Aber spendenbereit ist er dennoch. „50.000 Euro“ Opferentschädigung verlangt er, „einen Teil für sich, einen Teil zum Verschenken.“, wird er in der Presse zitiert.

Nun weigert sich der Vertreter der Täterseite, nämlich Robert Zollitsch, beharrlich, ihm und vielen hunderttausend anderen Geschundenen der Katholischen Kirche, eine Opferrente von 300 Euro oder eine Abschlagszahlung von 54.000 Euro zu zahlen. Zollitsch und seine Mitstreiter von der Evangelischen Kirche verschanzen sich hinter den Empfehlungen des „Runden Tisches Heimerziehung“ und dem Beschluss des Deutschen Bundestages. Demnach soll es aus einem Opferfonds maximal 4.000 Euro, vornehmlich für Therapien und unter Nachweis noch heutiger Traumatisierung geben.

So kann Helmut Klotzbücher also seiner Spendierlaune nicht nachgehen. Der evangelische Theologe und Mitstreiter auf Seiten der Heimopfer, Dierk Schäfer, mutmaßt in seinem Blog denn auch: „Herr Klotzbücher hat bestimmt die Freude über den Papstbesuch in Freiburg tief empfunden und wird sicherlich von seiner großzügigen Entschädigung als ehemaliges Heimkind mindestens die Hälfte abgeben.“

Der Brief wirft ernste Fragen auf: Wie kommt die Adresse von Helmut Klotzbücher in die Spendenaquise der Katholischen Kirche? Er wird die Kirche angeschrieben, vielleicht dort sein Schicksal und die an ihm verübten Verbrechen geschildert haben. Weil er allerdings mit der Kirche gebrochen hat, wird er sicher nicht zugestimmt haben, dass seine Adresse in der Spendenkartei landet. Missbraucht die Katholische Kirche die Heimopfer ein weiteres Mal zum Zwecke der Spendeneintreibung? Hat sie überhaupt die Datenschutzbestimmungen eingehalten? Zumindest hat sie das Gebot der Vertraulichkeit, das sie in Sachen Heimkinder jahrelang - und auch im Zusammenhang mit dem Gespräch des Papstes mit fünf Opfern im Rahmen seines kürzlichen Besuches - wie eine Monstranz vor sich herträgt, schamlos gebrochen, um ein paar Euro mehr zu erbetteln. Es besteht Klärungsbedarf.

 

Robert Zollitsch und „Deutsche Bischofskonferenz:

http://de.wikipedia.org/wiki/Robert_Zollitsch

http://de.wikipedia.org/wiki/Deutsche_Bischofskonferenz

Verein ehemalige Heimkinder e.V.: http://veh-ev.info/

Klotzbücher in der „SÜDWEST PRESSE“: http://www.swp.de/ehingen/lokales/ehingen/Sieben-Jahre-lang-in-der-Hoelle;art4295,772376

Bericht in „sueddeutsche.de“: http://www.sueddeutsche.de/politik/kinderheime-misshandlungen-pruegel-im-haus-zum-guten-hirten-1.1033863-2

Homepage Dierk Schäfer mit Brief Zollitsch:

http://dierkschaefer.wordpress.com/2011/10/12/kaum-zu-glauben-%e2%80%a6/

 

Heimkinder, Heimopfer, Evangelische Kirche, Katholische Kirche, Robert Zollitsch, Verein ehemaliger Heimkinder, Runder Tisch Heimerziehung, Benedikt-Ostafrikafonds

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Published by Helmut Jacob
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