Und bis dahin ist das Thema in der Öffentlichkeit eh „kalter Kaffee“
Wer die Hölle mitempfinden will, die kleine, hilflose Kinder in den 50er und 60er Jahren bereits auf Erden erlebt haben, braucht im www nur die Seite „gewalt-im-jhh“ anzuklicken. Hier, und in dem Buch „Gewalt in der Körperbehindertenhilfe“ der Historiker Winkler/Schmuhl wird dokumentiert, in welchem Ausmaß behinderte Klein- und Schulkinder Opfer von Gewalt, Verbrechen und psychischem Terror wurden.
Ähnliche Mißhandlungen werden seit eineinhalb Jahren am „Runden Tisch Heimkinder“ in Berlin aufgearbeitet. Unlängst haben zwei der drei Opfervertreter, Sonja Djurovic und Eleonore Fleth, ihre Forderungen zur Wiedergutmachung artikuliert: 300 € Opferrente ohne Anrechnung auf andere staatliche Leistungen. Diese Gelder sollen die kirchlichen und staatlichen Rechtsnachfolger der damaligen Heime, in denen Gewalt geschah, in einen Opferfond einzahlen. Gleichzeitig regen sie die Gründung einer Stiftung an, „in der ein Beirat der Opfer Vetorecht haben sollte.“ Zusätzlich sollen Kirchen und Staat auch die Kosten für notwendige Traumatherapien übernehmen.
Hans-Siegfried Wiegand, der dritte Opfervertreter, hat sich im Juli mit „Lösungsvorschläge[n] für die Anliegen ehemaliger Heimkinder“ an die Tischmitglieder gewandt. Er und eine ihn unterstützende Arbeitsgruppe schlagen vier Punkte vor, die es abzuarbeiten gilt:
„I. Zukunftssicherung
II. Immaterielle Anerkennung und Rehabilitierung
III. Materielle Anerkennung und Rehabilitierung
IV. Finanzierung“
Wiegand dazu: „Wir fassen die ersten drei Vorschläge zu einem unteilbaren Ganzen zusammen“
Was stutzig macht, ist die Reihenfolge der Themen.
Unter Zukunftssicherung verstehen sie „Maßnahmen, die Kindern und Jugendlichen, die jetzt oder zukünftig in Heimen untergebracht sind, ein menschenwürdiges Leben garantieren.“ Hier werden Präventivmaßnahmen vorgeschlagen.
Unter „Immaterielle Anerkennung und Rehabilitierung“ versteht die Gruppe:
1. Ehemaligentreffen
2. Info- und Beratungsstellen, Hotlines.
3. Ombudsleute und Vertrauenspersonen
4. Akteneinsicht und Aktensicherung / Archivierung
5. Therapieangebote
6. Hilfe bei Identitäts- und Familienfindung
7. Wissenschaftliche Aufarbeitung
8. Dokumentation und Erinnerung
Erst danach kommt die Arbeitsgruppe zu einem für die Täterseite unbeliebten Thema: Entschädigungen und Wiedergutmachung. Gottseidank wird die Gruppe hier konkreter als Sonja Djurovic und Eleonore Fleth. Sie verlangt „Renten für geleistete Arbeit ohne Sozialversicherung, Ausgleichsrenten für das Vorenthalten von Bildung und Ausbildung und für geleistete Arbeit ohne Entlohnung und ohne Sozialabgaben“. Ferner besteht sie auf „Auszahlung des Gesamtbetrags für die damals geleistete Arbeit in den Erziehungsheimen nach gegenwärtigen Löhnen“.
Ebenso, wenn nicht gar wichtiger, ist der Punkt Schmerzensgeld: „Jeder, der im Heim war, erhält einen bestimmten Sockelbetrag Schmerzensgeld“, so die Gruppe, die sich allerdings nicht zur möglichen Anrechnung auf andere Sozialleistungen äußert. Sie betont jedoch: „Zu diesem Sockelbetrag kommen bei gravierenden Schädigungen Ergänzungsbeträge hinzu, die der jeweiligen Schädigung angemessen sind.“ Gravierende Schädigungen sind nach ihrer Meinung: „
Säuglingsheim
Erlittene Deprivation
Entwürdigende Erfahrungen
Misshandlung
Kinderarbeit und Zwangsarbeit
Vorenthaltung von Bildung und Ausbildung
Geschlossene Unterbringung
Isolierzelle
Sexueller Missbrauch“
In ihrer Presseerklärung vom 22. Juli fügen sie hinzu: „Aber schon jetzt machen wir klar: Für massive Folgeschäden der Heimerziehung werden wir einen massiven finanziellen Ausgleich fordern! In Irland, Großbritannien, Kanada und den USA haben Staat oder Kirche (oder beide) namhafte finanzielle Entschädigungen geleistet. In Österreich ist Ähnliches geplant. Staat und Kirche in Deutschland dürfen nicht dahinter zurückstehen!“
Warum nur, so reibt man sich verwundert vor Augen, steht die Frage der Entschädigung nicht an erster Stelle, rangiert sie gar nach der Forderung nach wissenschaftlicher Aufarbeitung, Dokumentation und Erinnerung? Gerade das ist die immer deutlicher werdende Taktik der Vertreter der Täterseite nach dem Motto: Erst forschen wir sie tot, - der Rest kriegt ´ne Entschädigung. Ihre Taktik könnte zum Erfolg führen, wenn die Opfer das Thema Entschädigung hintanstellen. In zehn, spätestens zwanzig Jahren werden so wenig Opfer übrig sein, dass die paar hunderttausend € Schmerzensgeld aus den Portokassen beglichen werden können. Und bis dahin ist das Thema in der Öffentlichkeit eh „kalter Kaffee“.
Wer die Pressekonferenz zum Zwischenbericht des Runden Tisches aufmerksam verfolgte, sah und hörte, dass das Zwischenergebnis in einigen Punkten in Frage gestellt wurde, als das Papier des Zwischenberichtes noch nicht trocken war.
Präventivmaßnahmen, Anerkennung der Verbrechen und Rehabilitation der Opfer sind wichtig, können aber auf der zweiten Schiene abgearbeitet werden. Wissenschaftliche Aufarbeitung und Dokumentation finden schon jetzt statt, haben schon immer stattgefunden, wenn auch nicht in dem Rahmen, den das Internet bietet. Wiegand und seine Mitstreiter sollten mit der Faust auf dem Tisch darauf bestehen, dass endlich die Ausführungen der Herren Manfred Kappeler und Dierk Schäfer zur Kenntnis genommen und nicht immer mehr Expertisen in Auftrag gegeben werden, die teures Geld kosten. Mit dem Geld kann man einen ersten „Feuerwehrfond“ für die dringendsten Hilfen füttern.
Helmut Jacob
http://www.gewalt-im-jhh.de/Erinnerungen_ehemaliger_Schule/erinnerungen_ehemaliger_schule.html
http://www.berlinonline.de/berliner-zeitung/archiv/.bin/dump.fcgi/2010/0713/politik/0044/index.html
http://www.ehemalige-heimkinder-am-runden-tisch.de/files/losungsvorschlag.pdf
http://www.ehemalige-heimkinder-am-runden-tisch.de/files/pressemitteilung_entschadigung.pdf
http://www.gewalt-im-jhh.de/Schafer_-_Kappeler_und_sonstig/schafer_-_kappeler_und_sonstig.html
Runder Tisch, Heimkinder, Heimopfer, Kinderheim, Vollmer, Entschädigung, Opferentschädigung, Opferrente, Gewalt, Kirche, Zwangsarbeit, Behinderte