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16. Mai 2013 4 16 /05 /Mai /2013 18:10

Mit einer Arbeitsgruppe arbeiten wir seit 7 Jahren die Gewalt an behinderten Kindern in den Nachkriegsjahrzehnten in einem Heim auf.

Waren es nur Kleinkinder und Kinder, die psychische, physische und sexuelle Gewalt in allen Facetten erleben mußten? Dieser Frage gehe ich ebenfalls seit 7 Jahren nach. Gestern traf ich meinen Freund Werner wieder (Namen und Orte sind anonymisiert, um juristische Schritte gegen Werner zu vermeiden) und wir sprachen über seine Zeit in einem Heim für körperbehinderte Männer.

Als junger Mann wurde er dort eingeliefert, weil im Rehabilitationszentrum für Querschnittsgelähmte in Heidelberg kein Platz für ihn frei war. Übergangsweise sollte er in diesem Heim für behinderte Männer leben. Jahre später kam ihm seine Akte und damit ein Brief eines Oberarztes unter die Augen. Der Oberarzt schrieb: Herr Werner ... wird hier vor Ort rehabilitiert. Jetzt verstand Werner, warum er trotz intensivster Bemühungen nie nach Heidelberg verlegt wurde.

Werner erlitt einen Sportunfall und ist aus diesem Grunde querschnittsgelähmt. Den Kopf kann er noch gut bewegen, Arme und Beine sind außer Funktion. Er ist heute Firmeninhaber mit über 400 Mitarbeitern.

Zunächst hatte Werner mit seinem Leben abgeschlossen. Tage und Nächte lang lag er nur im Bett in einem Mehrbettzimmer. Eine Rückzugsmöglichkeit ins ganz Private gab es nicht. In den drei Nachkriegsjahrzehnten standen in vielen Pflegeheimen 6-10 Betten in einem Raum, nur durch ein Nachtschränkchen voneinander getrennt.

Aber Werner war ja ein junger Mann mit allem drum und dran, mit allen Sehnsüchten und Bedürfnissen und er war hübsch anzusehen und darum immer auch von jungen Frauen umgeben. Intimität und Sexualität blieb ihm aber verwehrt; so etwas ist in einem Mehrbettzimmer nicht möglich. Nur, wenn ihn seine Freundin mit seinem Rollstuhl rausschob, irgendwo anders hin, fand das Liebespaar enger zueinander. Diesen unbefriedigenden Zustand wollte Werner beenden und so machte sich sein Durchsetzungswille bemerkbar. Der „Hausvater“ - der diese Bezeichnung nie verdiente, aber auf diese Behauptung gehe ich noch ein – wollte ihm kein Einzelzimmer geben und begründete dies damit, daß ein tatsächlich noch freies Einzelzimmer für Mitarbeiter vorgesehen sei.

In diesen Monaten zog ein Gerücht Kreise, daß der Verwaltungsdirektor (Jede größere kirchliche Einrichtung mit mehreren Häusern hatte einen Verwaltungsdirektor und einen Anstaltsleiter, wobei letzterer meist ein Pastor war) ein Techtelmechtel mit einer Verwaltungsangestellten pflegte. Dieses Gerücht nutzte Werner für ein Gespräch mit Verwaltungsdirektor Mümmelkamp. „Ich bin jung, Herr Mümmelkamp, Sie schon etwas älter, aber ich habe Bedürfnisse und wie man hört, Sie in besonderem Maße.“, begann Werner seine Rede und schob gleich hinterher, „Ich brauche ein Einzelzimmer und das können Sie sicher am besten verstehen.“ Herr Mümmelkamp verstand sofort und wenig später bekam Werner jenes Einzelzimmer, das ihm der „Hausvater“ nicht geben wollte. „Ziemlich beste Freunde“ wurden beide auch aus diesem Grunde nicht.

Besonders ärgerlich für den „Hausvater“: Er mußte Werner sogar einen Zimmerschlüssel aushändigen. Das fuchste den „Hausvater“, weil sich ihm so die Kontrolle über das Geschehen hinter der Tür entglitt.

Nette junge Damen trugen dazu bei, daß Werner seine Faulheit und Trägheit, das Bett zu verlassen, überwand und versuchte, endlich eine Ausbildung zu beginnen. Ein entsprechendes Ausbildungszentrum für behinderte junge Männer und Frauen wollte ihn mit Verweis auf seine schwere Behinderung nicht ausbilden. Ein Psychologe gab Werner den Tipp: „Schreib einen Brief an das Kultusministerium in Düsseldorf und trage dort Deinen Fall vor.“ Und Werner, zwar am Körper gelähmt, aber geistig voll fit und darum um geharnischte Formulierungen nicht verlegen, schrieb diesen Brief und bekam prompt Antwort und das Ausbildungszentrum in Kopie gleich mit. Die Behörde verdonnerte es, ihn gefälligst umgehend auszubilden. So wurde Werner Kaufmann.

Allerdings wohnte er immer noch in dem Pflegeheim für behinderte Männer. Und darüber berichtete Werner gestern.

„Die wußten schon, wie die sich die Bewohner gehorsam drillten“, erzählte er. „Der Bonnhoff war ein besonderer Dreckssack. Wie oft der den Leuten, die gefüttert werden mußten, den Löffel in den Hals rammte, kannst Du Dir nicht vorstellen.“ Unvorstellbar auch andere Ereignisse: „Der Willi war manchmal so nervös, daß er in die Hose pinkelte,“ so Werner, „und zur Strafe mußte er drei Tage im Bett liegen.“

Werner selbst ging es noch gut, weil er ja blendende Kontakte zur Verwaltung hatte. Dort beschwerte er sich bei dem Verwaltungsdirektor und der griff gleich zum Hörer. Das machte den „Hausvater“ ganz fertig: „Pflegen wir Dich nicht immer richtig?, jammerte er. „Mich ja“, erwiderte Werner, „aber wie geht Ihr Personal mit den anderen Männern um?“.

Werner wollte zum Frühstück ein Ei. Zu den Mitarbeitern des Hauses hatte er darum einen guten Kontakt, weil, - siehe oben. So bat er einen von ihnen, ein Ei in die Küche zu bringen und darum zu bitten, daß ihm dies gekocht werde. Nach einiger Zeit betrat die „Hausmutter“ Werners Zimmer und eröffnete ihm: „Ich bringe Ihnen Ihr Ei zurück, selbstverständlich ungekocht; solche Extrawürste gibt es hier nicht.“ Werner gab Kontra: „Sie lassen sich doch gerne als `Hausmutter` bezeichnen, weil Sie Frau des `Hausvaters` sind.“, rief Werner, „Wissen Sie, was Sie sind? Sie sind eine Rabenmutter!“

„Du kannst Dir nicht vorstellen, Helmut, wie lieblos das Personal mit diesen teils schwertbehinderten Männern umgegangen ist.“, erzählte Werner im Laufe des gestrigen Nachmittags und was ihn besonders bedrückte: „Die Jungs kamen nie raus; die vergammelten entweder im Zimmer oder vor der Haustür“, so Werner, „Spazierfahrten waren nur drin, wenn ein Verwandter zu Besuch kam.“ Und die meisten Bewohner, berichtete Werner, hatten keine Verwandten oder keine Kontakte zu ihnen.

Der „Hausvater“ betrug die Männer um ihr Kleidergeld, verpaßte ihnen Kleidung aus dem Spendenkeller und rechnete die mit der Verwaltung ab. Für das Geld soll er seine Familie eingekleidet und die Belege zur Kostenerstattung eingereicht haben. Jahre später bekam der „Hausvater“ das Bundesverdienstkreuz.

All diese Storys trugen sich in den 70er Jahren zu. Außerhalb des Zeitraums, den der Bundestag für die Erforschung von Gewalt in Erziehungsanstalten festgelegt hatte.

Außer von Werner, wurden mir von vielen anderen behinderten Männern und Frauen Geschichten über Lieblosigkeiten und Gewalt zugetragen. In einem Heim für behinderte Frauen war die „Hausmutter“ besonders gläubig und bestand auf Teilnahme aller behinderten Frauen an ihrer morgendlichen Hausandacht. Wer fehlte, spürte dies durch besondere Mißachtung und Streichung von Vergünstigungen.

In einem Altenpflegeheim, irgendwo in dieser Republik, langte ein Pastor in den 80er Jahren immer wieder mit der Hand unter die Decke bettlägeriger behinderter Frauen. Eines Tages versteckte sich eine Mitarbeiterin im Kleiderschrank und erwischte den Herrn Pastor in flagranti. Der Pastor wurde nicht etwa der Staatsanwaltschaft überstellt, sondern - man ahnt es schon, wenn man mit der Dokumentation von Dreck in Heimen beschäftigt ist – versetzt.

In einem anderen Altenheim sah man es überhaupt nicht gern, wenn, noch kurz vor der Jahrhundertwende, Mitarbeiter sich ans Bett von Sterbenden setzten, um ihnen die Hand zu halten. „Für so etwas haben wir keine Zeit“, wurde eine Pflegerin angeschnauzt, die danach ihren Dienst im Altenheim quittierte.

Heute noch werden alte Menschen nicht dann abgetopft oder gewickelt, wenn es nötig ist, sondern erst dann, wenn Zeit dafür abgezwackt werden kann. Ich war in einem privat geführten Altenheim mit unserem Ökumenischen Chor zu Besuch. Wir haben ein kleines Konzert gegeben. Vor Beginn des Konzertes roch es plötzlich ganz penetrant nach Kot. An mir vorbei wurde ein alter, gehbehinderter Herr zu seinem Stuhl geleitet. Dort verfolgte er das Konzert. Ich weiß nicht, wann danach er frisch gemacht wurde. Dies geschah irgendwann nach dem Jahr 2000.

Gibt es heute noch Gewalt in Heimen? Körperliche wahrscheinlich eher selten, psychische bestimmt. Die meisten Angestellten sind auch heute noch unqualifiziert, zumindest nicht krankenpflegerisch ausgebildet, sondern nur angelernt. Das Gespür für die Wünsche und Bedürfnisse der ihnen anvertrauten behinderten Männer und Frauen fehlt ihnen. Die Personaldecke ist so dünn gestrickt, daß für Zuwendungen gar keine Zeit mehr ist. Auch das ist Gewalt: Die Schaffung eines Umfeldes, in dem menschenwürdiges Leben und glückliche Momente nicht möglich sind. Das ist Euthanasie durch die Hintertür.

 

Heimkinder, Heimopfer, psychische Gewalt, Evangelische Kirche, Katholische Kirche, Caritas, Diakonie, Pflegeheim, Altenheim

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Published by Helmut Jacob
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