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20. Dezember 2010 1 20 /12 /Dezember /2010 14:37

Die Schlacht verloren?

 „Wir haben die Schlacht verloren“, heißt es immer häufiger von Opfern der Gewalt in kirchlichen und staatlichen Heimen in der Nachkriegszeit. „Ich bin immernoch geschockt und erst einmal garnicht in der Lage, dieses so richtig zu realisieren.“, schreibt ein ehemaliges Heimkind im Blog des Pfarrers Dierk Schäfer. Andere „Kämpfer“ sind ganz abgetaucht. Wohin man auch lauscht im Internet: es herrscht tiefe Resignation. Besteht Grund dazu?

 Listen wir einmal auf, wer zu den Verlieren dieser Schlacht gehört. Da ist die Grüne, die Pastorin, Antje Vollmer, die als Grüne und als Pastorin völlig versagt hat. Die Grünen standen immer für die Schwachen der Gesellschaft; und die Pastore sollten – per himmlischem Auftrag – immer auf der Seite der Schwachen stehen. Vollmer hat die Seite der Starken, der Mächtigen, der Politik, der Staatsräson, der Institution Kirche, der Täterseite gegen die lebenslänglich Schwachen und lebenslänglich Verwundeten vertreten. Mit ihren Begriffsverbiegungen und Begriffsunterdrückungen ist sie zur Lachnummer verkommen.

 Die drei sogenannten Opfervertreter gehören nur aus einem Grund zu den Verlierern: Weil sie nicht auf mahnende und beratende Stimmen gehört haben. Dass sie schwach waren, dazu können sie nichts. Das ist teils die Folge ihres eigenen Schicksals. Zuletzt wurden sie massiv unter Druck gesetzt und brachen unter diesem Druck zusammen. Sonja Djurovic hat diese m.E. Erpressung in mehreren Interviews eindrücklich geschildert. Von Dr. Wiegand allerdings hätte man Einsatz für die Misshandelten erwarten können. Er hatte eine Beratertruppe hinter sich. Letztendlich hat er deren Forderungen und Formulierungen in den Wind geschlagen. Wie er die Heimopfer verkauft hat, liest man zwischen den Zeilen eines Presseberichtes: „Wiegand möchte das letzte Wort in der Pressekonferenz. ‚Sie haben das alles für uns getan. Wir danken ihnen von Herzen‘, sagt er Vollmer, ähnlich leise wie sie. Ein Blumenstrauß als Zeichen.“

http://www.domradio.de/aktuell/69956/leise-toene-und-lauter-krach.html

Eindrucksvoller kann man Unterwürfigkeit nicht demonstrieren.

 Verloren haben die Kirchen. Sie haben eine Seite von gewaltig verlotterter Moral gezeigt. Sie, unter deren Dächern die häufigsten und schlimmsten, teils unvorstellbaren Verbrechen an Säuglingen, Kindern, Jugendlichen, psychisch Kranken, behinderten Klein- und Schulkindern, passierten, Zwangsarbeit und Menschenrechtsverletzungen übelster Art, verkrochen sich zwei Jahre unter dem „Runden Tisch Heimerziehung“. Gleichzeitig manipulierten sie diesen jedoch mit Äusserungen wie: „Das muss auch bezahlbar sein“, „Das war normale Hausarbeit“, „In den Familien war es nicht anders“, etc. Ihre Äusserungen sind auf den Seiten „Blick über den Tellerrand“ 1-4 dokumentiert auf der Homepage: www.gewalt-im-jhh.de.

Zuletzt beglückte uns Nikolaus Schneider, Ratsvorsitzender der EKD, mit seinen innersten Regungen in Sachen Heimkinder:

http://www.gewalt-im-jhh.de/hp2/Schneider_im_Video_zu_Heimkindern_161210.wav Karlheinz Deschner sieht die Selbstzerstörung der Kirchen positiv: „Je grösser der Dachschaden, desto schöner der Aufblick zum Himmel“.

 Verloren haben auch die Heime insgesamt, unter deren Dächern Gewalt, Verbrechen und Terror stattgefunden haben. Ihr Ruf ist ruiniert und damit auch der Ruf der Träger, egal ob staatlicher oder kirchlicher Art. Die Behauptung, „Hort christlicher Nächstenliebe“ zu sein, entpuppte sich in den vergangenen zwei Jahren als bloßes Geschwätz. Kirchliche Heime sind, wie alle anderen auch, reine Wirtschaftsbetriebe. Der kirchliche Deckmantel hat lediglich geholfen, die Schandtaten darunter zu verheimlichen. Diese Zeiten sind vorbei.

 Haben unsere Regierungen verloren? Sie haben schon immer verloren, weil sie nie auf der Seite ihrer Opfer standen. Gerade die Partei, unter derem ersten Bundeskanzler Konrad Adenauer sich der größte Dreck angesammelt hat, zögert, in den Fonds einzuzahlen. Über ihre Moral haben andere sich ausreichend geäußert.

 Sind die Heimopfer Sieger? Was die Umsetzung ihrer Forderungen betrifft, zunächst nicht. Die Betonung liegt auf „zunächst“. Es wird weiterer Schutt ans Tageslicht gespült, werden die Sünden des „Runden Tisches Heimerziehung“ immer wieder ins Licht der Öffentlichkeit gezerrt, so dass, will die Gesellschaft nicht ganz verkommen sein, das Thema Heimkinder bald wieder verstärkt auf der Tagesordnung steht.

 Gewonnen haben die ehemaligen Heimkinder ihre Schlacht um ihre Glaubwürdigkeit. Wer ihr Leid, wie Jahre zuvor, immer noch abstreitet, muss sich den Vorwurf der völligen Verdummung gefallen lassen. Gewonnen haben sie auch an Mut. Sie brauchen nicht mehr zu befürchten, von Kirchen und staatlichen Stellen den Staatsanwalt auf den Hals gehetzt zu bekommen. Damit schaden sich diese Institutionen selbst am meisten und tragen noch mehr zu ihrem ruinösen Ruf bei. Solange die Geschundenen trotz allem Erlittenen bei der Wahrheit bleiben, genießen sie den Schutz der Presse und der audiovisuellen Medien.

 In dieser zweijährigen Schlacht haben die Heimopfer eine zunehmende Zahl von Sympathisanten und echten Freunden gewonnen, die an ihrer Seite für die Gerechtigkeit kämpfen. Pfarrer Dierk Schäfer und Prof. Manfred Kappeler sind zwei Beispiele für Zivilcourage und glaubwürdige Moralvorstellungen. Die Zahl derer, die den Skandal „Runder Tisch Heimerziehung“ und das widerliche Verhalten der in der moralischen Verantwortung Stehenden anprangern, wird größer.

 Wenn wir wollen, sitzen wir am längeren Hebel. „Gemeinsam sind wir stark“ und „Jetzt reden wir“ und „Einigkeit macht stark“. Wenn wir diese Slogans, die seitens der ehemaligen Heimkinder immer wieder auf Demos, in öffentlichen Verlautbarungen, auf Blogs und HP‘s skandiert werden, für uns selbst umsetzen, haben wir eine große Macht: Stellt Euch vor, der Fonds ist „angerichtet“ und niemand greift rein.

 Helmut Jacob

20. Dezember 2010

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Published by Helmut Jacob
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Kommentare

Heidi Banerjee 12/22/2010 18:17


Sehr geehrter Herr Jacob,
es ist wohltuend,Ihre wirklich starken Äußerungen zu lesen.
Es ist klar zu erkennen:Hier spricht ein Insider.
Gut und ermutigend ist es für mich,zu erfahren,welchen Mut Sie aufgebracht haben und immer wieder aufbringen,um dieses dunkle Kapitel nachkriegsdeutscher Geschichte ins grelle Licht der
Öffentlichkeit zu bringen.
Einmal mehr zeigt sich,daß die gedemütigten Kinder nicht unter allen Umständen zum Schweigen zu bringen sind.
Irgendwie habe ich -selbst Betroffene-den Eindruck,daß die Zeit reif ist und daß die damals Verantwortlichen zur Rechenschaft gezogen werden müssen,wenn sie noch leben.
Jahrelang habe ich diesen Wunsch gehegt,und ich hoffe,daß hier noch ein Stück Gerechtigkeit erfahren werden darf.
Was glauben Sie,wie heiß es den Übeltätern schon geworden ist durch die Öffentlichkeitsarbeit?
Kirchenvertreter,die sich heute im Namen all derer entschuldigen,die sich schuldig gemacht haben,erscheinen angesichts des großen Leids unglaubwürdig.Es wäre m.E.klüger,sie würden helfen bei der
Aufklärung.

Mit besten Grüßen und in großer Verbundenheit.
Heidi Banerjee


Roland Dittmar 12/21/2010 01:09


Sehr geehrter Herr Jacobs,

Ihre und Dirk Schäfers Beiträge verfolge ich schon seit längerem. Bin selbst ein Heimkind gewesen (1963-1970), misshandelt und ausgebeutet von der Kath. Kirche.
Ich werde mich Ihrer Argumentation anschließen und diese "Almosen" nicht annehmen.
Für Ihre Beiträge nochmals herzlichen Dank!

Roland Dittmar
München