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20. März 2014 4 20 /03 /März /2014 13:35

Das Jahr 1964 hat ihr gesamtes Leben geprägt. Erst 11 Jahre alt, erlebte Erika Mustermann (Name anonymisiert) die Hölle auf Erden. Ihr Lehrer (ein Sonderschulpädagoge für körperbehinderte Schulkinder) versuchte, die kleine Erika fast ein Jahr lang immer und immer wieder zu vergewaltigen. „Das ging nicht, wegen meiner Behinderung“, berichtete Erika schon vor Jahren. Ihre medizinische Diagnose: Spastische Tetraplegie (1). Diese Behinderung beinhaltet Koordinationsstörungen und Verkrampfungen der Muskeln. Und genau wegen diesen Verkrampfungen, mitverursacht auch durch unbeschreibliche Angst, schlugen die Vergewaltigungsversuche fehl. Aber der Lehrer wollte seinen „Kick“. Er mißhandelte sie mit seinen Fingern, drang immer wieder in sie ein, berührte sie an den Brüsten. Erika wußte gar nicht, was da mit ihr geschah. „Ich hatte doch von nichts eine Ahnung!“. Erst Jahre später, sie war jetzt Teenager, erkannte sie: Er hatte versucht, sie zu vergewaltigen und sie auch sonst immer wieder sexuell belästigt. Jetzt wurde ihr auch klar, daß sie gar keine Sprachbehinderung hatte. Diese Behinderung diagnostizierte der Lehrer nämlich und übernahm selbst die Behandlung. In diesen Sitzungen geschahen die Verbrechen. Nach 11 Monaten faßte die kleine Erika allen Mut zusammen: „Ich habe ihm gesagt, ich komme nur noch in Begleitung.“ Von dem Tag an brauchte sie gar nicht mehr zu erscheinen und hatte endlich ihre Ruhe, eine trügerische Ruhe. Immer wieder ist mir Schlimmes passiert, so ging es ihr nachts durch den Kopf.

Erste Verliebtheiten als Teenager, erste körperliche Annäherungen. Spätestens da zog Erika die Bremse. Soviel Nähe konnte sie nicht ertragen. Die weiteren Jahrzehnte sind kurz umrissen: Sie heiratete, bekam zwei Kinder. Doch das richtige Eheglück, die tiefe Zweisamkeit, fanden die Eltern nicht. „Ich kann ihn einfach nicht immer ertragen“, erzählte sie einmal; und auch ihr Mann gab zu verstehen, daß nicht alles so sei, wie er es sich vorstelle. Großes Verständnis und sonst tiefe Liebe hat das Paar seit Jahrzehnten zusammengeschweißt.

Vor wenigen Wochen wurde die „Freie Arbeitsgruppe JHH 2006“, eine Opferinitiative für mißhandelte Kinder in den damaligen Orthopädischen Anstalten Volmarstein bei Hagen, durch den Stiftungsleiter benachrichtigt, daß jetzt auch die Kirchen für Mißbrauchsopfer Leistungen erbringen. Allerdings müsse ein Fragebogen ausgefüllt werden, um Gelder aus diesem kirchlichen Fonds zu erhalten. Erika bekam diesen Fragebogen irgendwo her und war wie versteinert. Noch am Abend, an dem sie die Fragen las, rief sie an und bat um einen dringenden Gesprächstermin. Direkt am nächsten Mittag saß sie vor einem Mitglied der Arbeitsgruppe und war außer sich: „Ich habe die ganze Nacht nicht geschlafen; alles kam wieder hoch“, berichtete Erika stockend. Auch ihr Mann sei entsetzt gewesen über die Aufforderung, das Opfer müsse den Tathergang schildern: „Das darf doch wohl nicht wahr sein!“ Man versuchte, Erika zu beruhigen: „Du mußt solche Fragen nicht beantworten“, versicherte der Vertreter der Arbeitsgruppe, „es genügt die Glaubhaftmachung.“ Immerhin wurde der Lehrer auch wegen zahlreicher anderer Sexualverbrechen zu jahrelanger Haft verurteilt. Jacob zu dem Brief der Anlaufstelle: „Dieses Schreiben läßt nur einen einzigen Schluß zu. Die Landeskirchen wollen mit diesen Hürden Opferanträge verhindern. Dabei kalkulieren sie offensichtlich Retraumatisierungen bewußt ein.“

Erika und ihr Mann stehen finanziell nicht auf der Sonnenseite des Lebens. Sie bekommt eine bescheidene Rente; er verdient nicht viel. Es reicht gerade, sich immer wieder einen älteren Gebrauchtwagen zu leisten. Wenn unerwartete Ausgaben im Haushalt anfallen, stößt das Paar an die Grenzen der Belastung. Darum bot der Vertreter der Arbeitsgruppe Erika an, für sie den Antrag in anonymisierter Form zu stellen. Schließlich komme es ja zunächst nur auf die Beurteilung des Falles an. Frau M. sagte zu, der Antrag ging zur Post.

Allerdings ist die Evangelische Anlaufstelle erbarmungslos. In einem Schreiben vom 11. März 2014 teilt sie mit: „1. Bitte verwenden sie das Originalantragsformular. 2. Eine Antragsbearbeitung kann nur erfolgen, wenn der Antragsteller nicht anonym bleibt. ...“. Außerdem sei die persönliche Unterschrift nötig. Zu den von der Arbeitsgruppe kritisierten Fragen schreibt die Anlaufstelle: „Die Angaben zum Sachverhalt ... sind für die Entscheidung der unabhängigen Kommission erforderlich.“ Hierbei geht es um Angaben zur Person des Täters, zum Tatort, zur Tatzeit, zum Tathergang und den Umgang mit dem Mißbrauchsfall. Und gerade diese Punkte wurden ausführlich geschildert. Helmut Jacob, Fallbearbeiter, ist empört: „Wollen die auch noch Fotos aus dem Intimbereich des Opfers, dort wo die Schweinereien passiert sind?“

Der Fragebogen stößt auch in anderen Blogs auf Kritik. Diplom-Psychologe Dierk Schäfer aus Bad Boll:

„Wollen sie es nicht kapieren oder können sie es nicht?
Es ist für viele ehemalige Heimkinder ein absolutes Unding, bei den Nachfolgern der Täter vorstellig zu werden, um irgendein Almosen zu erhalten. Täternachfolger triggern, d.h. sie lösen heftigste Erinnerungen an erfahrenes Leid aus. Die Bedingungen, die zum Beispiel von der Troika Westfälische Landeskirche und Konsorten gestellt werden, sind für viele ehemalige Heimkinder unannehmbar. Es ist, als müßte eine von Gewalttätern auf dem U-Bahnhof zusammengeschlagene Person einen Antrag an die Täter stellen, mit genauer Schilderung des Tathergangs, um etwas Geld für ihre zerrissene Kleidung zu erhalten.
Im Fall der erwähnten Troika kommt noch das widerwärtige Sparmodell hinzu. Man bleibt mit dem – vielleicht – erhältlichen Sachleistungsangebot weit hinter der Summe zurück, die eine andere Landeskirche zahlt.
So werden Täternachfolger selber zu Tätern und negative Vorbilder praktizierten Christentums. Manchmal wünsche ich mir Feuer und Schwefel über diese Brut – doch nein, das wäre ebenso abscheulich.“ (2)

Und als Diplom-Theologe verweist Schäfer auf Johannes 19,7: „Wir haben ein Gesetz, und nach dem Gesetz soll er sterben.“ Und Schäfer fügt hinzu: „Die drei Kirchen haben ein Formular, und danach muß sich der Mißbrauchte erneut ausziehen.“

Erika Mustermann muß sich nicht mehr ausziehen. Der Fallbearbeiter hat ihr geraten, auf die Almosen zu verzichten. Die Arbeitsgruppe verzichtet ihrerseits auf eine Stellungnahme zum Schreiben der Anlaufstelle.

(1) http://de.wikipedia.org/wiki/Infantile_Zerebralparese
und
(1) http://www.amm-rheintalklinik.de/amm06/DE/Erkrankungen/TetraDipleHemiplegie.php

(2) http://dierkschaefer.wordpress.com/2014/03/18/schieflage/

 

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Published by Helmut Jacob
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Kommentare

Reiner Gläser 04/01/2014 22:27

Schreiben eines Heiminsasse des „Gut an der Linde“ Bensberg , Diakonie Aprath
(von heute am 31.03.2014)

(Alt.... war ein verurteilter Pädophiler Erzieher im Heim,Urteil incl Anklageschrift von 1972 habe ich auch im Orginal hier...)


Betrifft Zeit um 1970-1971
Angaben zur Tat
1. Täterin/Täter
Dirk Alt....

Funktion der Täter zur Tatzeit: Praktikant/Erzieher

2. Tatort
Institution/Ort/Beschreibung des Tatorts:
Spätsommer 1970 Wikingergruppe,
Sommer 1971 Navahogruppe
Sommer 1971 Feuerplatz

3. Tatzeit
Spätsommer 1970 – Sommer 1971

4. Tathergang
Herr Alt.... war nicht unsympathisch, immer locker drauf, nicht so streng. Zum ersten Mal als er mir anders vorkam, war beim Fußballspielen. Abends nach dem Abendbrot haben wir oft noch Fußball auf
dem Platz gespielt. Herr Alt... stand am Rand und sagte, ich und Andreas, wir hätten nix drauf. Wir sollten nicht soviel wixen. Davon bekäme man Rückmarkschwund und würde schwach. Er könne uns aber
mal zeigen, wie das richtig geht. Das kam so unvermittelt, dass ich total geschockt war, diese Worte von einem Erwachsenen/Erzieher zu hören. Ein paar Tage später hatte Alt....Nachdienst. Ich wurde
dadurch wach, dass jemand unter meiner Bettdecke nach mir tastete und versuchte, meinen Penis anzufassen. Ich fragte „Was ist los? Was soll das?“ Herr Alte... sagte, ich soll die Taschenlampe
abgeben, er hätte gesehen, dass jemand mit einer Taschenlampe in unserem Zimmer rumfunzelt. Ich soll jetzt schlafen, und keinen Quatsch mehr machen. Dann verschwand er wieder. Ich habe danach
gedacht, ich hätte wirklich mit einer Taschenlampe rumgespielt, aber ich hatte gar keine. Von da an, war er mir komisch. Er sprach immer so doppeldeutiges Zeug. Es gab eine Zeit in den
Sommerferien, wo manche, die nicht nach Hause fuhren, oder fahren durften in der Navahogruppe betreut wurden, u.a. von Herr Alt.... In der Zeit, in der ich in dieser Gruppe war, schlich Herr
Alt.... fast jeden Abend von Bett zu Bett und „kontrollierte“, ob alle schlafen. Als er sich dabei auf mein Bett setzte legte ich mich fest auf den Bauch und hoffte, dass er weiter geht. Er hat
dann eine Weile an meinem Hintern rumgefummelt, dann ist er wieder verschwunden. Ich habe mich wie tot gestellt. Bei manchen dieser Besuche hörte man Schnaufgeräusche, so wie wenn jemand leise
kämpft. Das war voll der Horror, nachts nicht zu wissen, was dann alles wieder passiert. Ich weiß noch, der Hans Peter G……, der Reiner G…. und Michael R….waren auch in der Zeit da. Der G…., hatte
mich gefragt, was der Alt... bei mir macht, und was er bei ihm macht. Er, Herr Alt..., will, das G….. „sein Ding“ in den Mund nimmt bzw. der Gr……….. hatte auch immer unter Alte.... zu leiden. Der
Reiner G...hatte dem Heimleiter Trappe mehrere Briefe und Beschwerden in den Kummerkasten gelegt, um auf unsere Situation aufmerksam zu machen. Später kam raus, das der Alt... den G………. anal
vergewaltigt hat. Das war für mich unglaublich, aber statt dass die anderen Mitleid mit dem Gr…. hatten, wurde er noch ausgelacht und verarscht deswegen.
Da war noch eine Situation mit G….., Alt.... und Willce..... Ich stand mit ein paar Jungs am Feuerplatz, in der Woche im Sommer 1971 rum. Plötzlich war hinter dem Fachwerkhaus ein Tumult, da war
was aus dem Fenster geflogen, die Äste knackten und wir hörten Geschrei, Ah und Oh. Dann kam Alt..... aus der Tür und schreit „Bleibt stehn“, „Halt“ usw. Dann rannte G…… auf uns zu. Alt.... kurz
darauf hinterher und schrie „haltet den fest“. Willc.... griff sich den G…. am Hemd und war ihn hin. G…. lag mit den Beinen über dem Baumstamm, der am Feuerplatz lag. Dann schlug der Will..... dem
G,,,, einen rostigen Nagel aus der Asche mit dem Beil durch den Fuß. G…. schrie wie am Spieß, dann kamen noch drei Praktikanten und kritisierten lautstark Willc..... Alles brüllte durcheinander.
G…. versuchte sich zu befreien und versuchte sich loszureißen. Wir wurden von Alt.... und Willc.... im Befehlston sofort in die Gruppe weggeschickt. Ich dachte, nix wie weg. Wir trauten uns nicht,
laut darüber zu sprechen. Kurze Zeit später war der Alt.... Ich hatte nicht gedacht, dass es so etwas gibt. Ich war noch lange von dem Vorfall geschockt. Es gibt noch mehr solcher Fälle von
perverser Gewalt, ich mache aber hier Schluss mit Schreiben.

5. Umgang mit dem Missbrauchsfall
Ich habe keine dieser Begebenheiten angezeigt, ich weiß noch von vielen anderen Vorkommnissen sexueller und anderer Gewalt. Leute, die sich kritisch äußerten, waren plötzlich weg oder wurden von
den anderen gehänselt oder ausgelacht. Von den Größeren am Pimmel gezogen zu bekommen oder irgendwas in den Hintern geschoben zu bekommen, angespuckt, bepißt oder mit Ejakulat beschmiert zu werden,
war in gewisser Weise an der Tagesordnung. Ich habe einmal dem Heimleiter Bohmhammel in Moitzfeld gesagt, dass ein Junge, mit dem ich das Zimmer teile dauernd onaniert und seinen Pimmel an allem,
was rumliegt abputzt. Dann sagte der, das würde ich doch auch bestimmt tun. Oder als ich eine Mega Tracht Prügel, 6 Wochen Ausgehverbot, also auch nicht nach Hause fahren dürfen, Taschengeldsperre
und 6 Wochen alleine, morgens, mittags, abends spülen, für eine Sache Strafe bekam, die ein halbes Jahre später von dem, der es wirklich war, zugegeben wurde, sagte Bohmhammel auf Nachfragen meiner
Mutter nur lapidar: Dann wäre das die Strafe für etwas, was ich getan hätte, was aber nicht rausgekommen ist. Das wars.
Heute frage ich, wieso solche gestörten Personen sich in solchen Berufen ansammeln. Ich habe in mehreren Schulen gearbeitet und habe dort einige Idioten als Lehrer getarnt, erlebt. Auch die
Pädagogen-, Psychologen- und Therapeutenszene ist nicht frei von Leuten, die selbst Hilfe brauchen.