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26. Januar 2012 4 26 /01 /Januar /2012 16:36

Der Spiegel-Journalist Peter Wensierski bekam das Bundesverdienstkreuz. „Damit werden Wensierskis Leistungen als Autor von „Schläge im Namen des Herren - Die verdrängte Geschichte der Heimkinder in der Bundesrepublik“ und seine Mitarbeit am Runden Tisch Heimerziehung, die zur Entschädigung der Betroffenen führt, gewürdigt.“, heißt es in der Begründung für die Verleihung.

Weiter ist zu lesen: „Über 500 Heimkinder haben sich bei ihm persönlich gemeldet, er hat sie angehört, mit ihnen die Heime ihrer Kindheit aufgesucht, nach Akten geforscht, versucht, persönlich zu helfen.“

http://www.berlin.de/sen/bjw/presse/archiv/20120118.1620.365114.html

Diese Auszeichnung habe Wensierski nicht verdient, heißt es in Verlautbarungen einiger Heimopfer. Andere Autoren hätten bereits viel früher auf diese Skandale aufmerksam gemacht und Wensierski wäre nur auf den fahrenden Zug aufgesprungen. Außerdem habe er sich ziemlich schnell nach Veröffentlichung des Buches um das Thema nicht mehr gekümmert und damit die „Heimkinder“ im Stich gelassen. Er sei an diesem Buch reich geworden und habe sich das Honorar eingesteckt, anstatt es den Opfern zu spenden. Gefragt wurde auch, ob diejenigen die Wensierski interviewt habe, aus den Buchtantimen ein Honorar erhalten haben. Schließlich wurde auch geäußert, dass die Überlebenden der Heimhöllen ebenfalls ein Bundesverdienstkreuz verdient hätten.

Auf Naivitäten umfangreich einzugehen, ist müßig. Sie können in kurzen Sätzen abgehandelt werden. Pro Buch gibt es etwa 50 Cent, nur berühmte Persönlichkeiten erhalten mehr. Etliche Autoren müssen ihre Bücher vorfinanzieren. Es ist total unüblich, interviewten Menschen ein Honorar zu zahlen. Ein Journalist hält sich nicht jahrelang an einem Thema fest. Er stellt sich immer wieder neuen Herausforderungen. Das macht erst den Journalisten aus. Dass er sich schnell von dem Thema entfernt hat, ist falsch. Auf seiner Homepage ist bei flüchtiger Betrachtung der letzte Eintrag im Juni 2011 zu finden. Außerdem ist immer noch eine Kontaktadresse angegeben.

http://www.schlaege.com/

Diskussionswürdig ist die Frage nach den bisherigen Veröffentlichungen der Skandale im Zusammenhang mit Kindern und Jugendlichen, die im Rahmen der Erziehungshilfe in Erziehungsheimen untergebracht waren. Unter dem Stichwort „Heimkampagne der APO“ finden wir Hinweise auf die Offenlegung von Skandalen schon zum Ende der sechziger Jahre. Bei Wikipedia heißt es:

„Neben der Region Frankfurt [dort wurde das Jugendamt besetzt – Hinweis von mir] lag ein weiterer Schwerpunkt der Kampagne in Berlin. Mit ihr, initiiert von Frankfurter Lehrlingen und SDS-Studenten im Jahre 1969, sollten jugendliche Insassen von Kinderheimen, insbesondere von geschlossenen Einrichtungen, wie etwa im Fürsorgeerziehungsheim Staffelberg bei Biedenkopf, unterstützt werden. Insbesondere wurden strenge Regelungen und beengte Unterbringungen kritisiert. Der damalige Frankfurter Pädagogik-Professor Klaus Mollenhauer und Studenten seiner Fakultät schlossen sich der Kampagne an. Ebenso waren die späteren RAF-Terroristen Ulrike Meinhof, Andreas Baader, Gudrun Ensslin[1], Astrid Proll und ihr Bruder Thorwald in der Bewegung aktiv. Meinhof schrieb das Drehbuch des für eine Ausstrahlung im Jahre 1970 geplanten Fernsehfilms Bambule über ein Mädchenheim in West-Berlin. Bei den Dreharbeiten lernte sie Irene Goergens kennen. Nachdem eine bundesweite Fahndung nach Ulrike Meinhof angelaufen war, wurde der Fernsehfilm abgesetzt. Das Drehbuch erschien daraufhin 1971 im Verlag von Klaus Wagenbach. Der Fernsehfilm wurde jedoch erstmals 1994 gesendet.

http://de.wikipedia.org/wiki/Heimkampagne

Die Probleme in der Heimerziehung hat auch Professor Dr. Manfred Kappeler, Erziehungswissenschaftler, in den sechziger Jahren und später aufgezeigt. Unter dem Kapitel „Von fremdbestimmter Fürsorge zu individuell unterstützender Jugendhilfe“ ist zu lesen: „In der zweiten Hälfte der sechziger Jahre kam es im Kontext der Studentenbewegung zu einer Kritik der psychiatrischen Anstalten, Strafanstalten und Fürsorgeerziehungsanstalten. An dieser Kritik war Professor Kappeler praktisch und theoretisch aktiv beteiligt.“

http://www.uni-protokolle.de/nachrichten/id/94674/

Auch andere Pädagogen haben schon frühzeitig ihre Finger in offene Wunden des Umgangs mit sogenannten Erziehungszöglingen gelegt.

Von diesen Kampagnen und Skandalisierungen der Probleme in der Erziehungsarbeit haben nur kleine Kreise profitiert. Es brauchte Jahrzehnte, bis diese Probleme in das Bewusstsein der Öffentlichkeit gelangten. Erste Übermittler dieser Probleme und Skandale waren natürlich die Zeitungen. Aber wie heißt ein geflügeltes Journalistenwort? „Nichts ist älter, als die Zeitung von gestern.“ So wurden die Skandale aufgegriffen, zwei, drei weitere Ausgaben darüber berichtet und verschwanden dann aus den Schlagzeilen.

Erst im Rahmen des Internets begannen die nachhaltigen und immer wieder abrufbaren Informationen über Geschehnisse in den Kinder- und Jugendheimen. Allerdings war es nicht das World Wide Web (www) mit seinen visuellen Möglichkeiten, sondern die Newsgroups, in denen zunächst der Erfahrungsaustausch über „virtuelle Nachrichtenbretter“ stattfand. Wikipedia erklärt das System so: „Newsgroups [ˈnjuːzˌgruːps] (engl., „Nachrichtengruppen“) sind virtuelle Internetforen (früher auch abseits des Internet in selbstständigen (Mailbox-) Netzen), in denen zu einem umgrenzten Themenbereich Textbeiträge (auch Nachrichten, Artikel oder Postings genannt) ausgetauscht werden. Veröffentlicht ein Benutzer einen Artikel in einer Newsgroup, so wird dieser an einen Newsserver gesendet. Dieser kann den Artikel dann seinen Benutzern zur Verfügung stellen und an andere Server weiterleiten, die ihn wiederum ihren Benutzern zur Verfügung stellen.“

http://de.wikipedia.org/wiki/Newsgroup

In der Tat wurden diese News zunächst über Mailboxen versand, mit einer Datenrate von 1200 Bit/s. Dazu Wikipedia im Beitrag „Geschichte des Modems“: „Die ersten Modems in Deutschland wurden ab 1966 von der Deutschen Bundespost eingesetzt. Diese Geräte hatten ein Blechgehäuse mit den Außenmaßen von etwa 60 × 30 × 20 cm und waren für die Wandmontage vorgesehen. Sie wurden Übergangsmodem D 1200 S genannt. Die Bezeichnung 1200 stand für die maximale Übertragungsgeschwindigkeit in bit/s; das S für Serielle Übertragung (zur Unterscheidung von Modems mit paralleler Übertragung).

http://de.wikipedia.org/wiki/Modem

Man brauchte also einen Newsserver, der meist bei Universitäten angesiedelt war. Der mir am günstigsten und nächsten liegende war beim Verein „ Ping e.V.“ stationiert. Auf ihrer Homepage ist zu lesen: „Am 16. Januar 1994 wurde der PING e.V. von Studenten der TU-Dortmund gegründet.“

http://www.ping.de/

Zwar gab es auch noch andere Server, aber die waren nicht so preisgünstig wie der des Vereins „Ping e.V.“.

Zusätzlich brauchte man einen Newsreader (Nachrichtenleseprogramm), der die Nachrichten, die als Datenpakete (ein bit/s besteht aus einer Aneinanderreihung der Zahlen Null und Eins) ankamen, entschlüsselt und lesbar macht.

http://de.wikipedia.org/wiki/Bit

Erst mit der Entwicklung des World Wide Webs

http://de.wikipedia.org/wiki/Geschichte_des_Internets

und den Entwicklungen der visuellen Möglichkeiten (Darstellung von Grafiken, Tonaufnahmen, Filmaufnahmen) kam die Verbreitung von Nachrichten so in Fahrt, dass immer mehr vorher Uninteressierte sich einen PC zulegten.

Wachstum-des-Internets.jpg

http://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/7/7b/Internet01.png

Vorher wurden Bücher in unbekannter Anzahl geschrieben, die die Heimerziehung und ihre Probleme thematisierten. Bücher kosten Geld und finden darum nicht die Verbreitung, wie Nachrichten im Internet an Usern (Anwender) mit Flatrate.

So kam das Buch von Peter Wensierski gerade zur rechten Zeit. Es fand Abnehmer, die es im Internet besprachen, aus ihm zitierten, es kritisierten und/oder für die eigene Aufarbeitung der Vergangenheit heranzogen. Zur Verbreitung des Buches hat auch die dazugehörige Homepage beigetragen.

Bei solch geballter Information kam der Inhalt des Buches bei denen an, die in dem Buch kritisiert werden, - bei den Kirchen und Einrichtungen unter kirchlicher Trägerschaft.

Zwar gründete sich schon vor Erscheinen des Buches der „Verein ehemaliger Heimkinder“. Dazu in Wikipedia: „Der Verein ehemaliger Heimkinder e.V. wurde schließlich am 14. Oktober 2004 in Idstein am Taunus gegründet und in Aachen in das Vereinsregister eingetragen.“

http://de.wikipedia.org/wiki/Verein_ehemaliger_Heimkinder

Aber, hat der Verein bewirkt, dass aufgrund seiner Petition an den Bundestag der „Runde Tisch Heimerziehung“ entstand? Ich darf Zweifel anmelden. War es nicht das zufällige Zeitfenster Petition und Herausgabe des Buches mit einer Lawine an öffentlicher Diskussion, das den Petitionsausschuss zwang, sich intensiver mit dieser Petition zu befassen? Kann es sein, dass dieses Buch von Wensierski solche Wogen geschlagen und damit Druck ausgeübt hat, dass der Bundestag einen Runden Tisch einrichten musste?

Was hat dieses Buch noch bewirkt?

Opfer fanden zueinander. Erste Homepages wurden erstellt, Opfergruppen gegründet. Es entstanden Diskussionsforen und es verschwanden solche. Es entstanden unzählige Blogs von Opfern und von Sympathisanten, die sich auf die Seite der Opfer stellten. Alle Presseorgane interessierten sich nun für das Schicksal der „ehemaligen Heimkinder“ in den zwei Nachkriegsjahrzehnten. Gab es vorher den Film „Bambule“, 1994 ausgestrahlt und danach den Film „Die unbarmherzigen Schwestern“ 2002 von Peter Mullan, so folgten hunderte eigene Heimvideos und Tonaufnahmen. Die Eingabe der Begriffe „Gewalt“ und „Heim“ bei YouTube ergibt 477 Treffer.

http://www.youtube.com/results?search_query=gewalt+heim&oq=gewalt+heim&aq=f&aqi=&aql=&gs_sm=s&gs_upl=22154l26281l0l27723l11l11l0l5l1l0l190l802l2.4l6l0

Nach Veröffentlichung dieses Buches und Verarbeitung im Internet outeten sich etliche ehemalige Bewohner von Heimen. Infolge dieses Buches rückten auch die Geschehnisse in den Heimen für Behinderte (Volmarstein, Wittekindshof, Annastift, Rummelsberger Anstalten) in den Fokus der Öffentlichkeit. Mehr und mehr finden auch die Zwangseingewiesenen in der Psychiatrie und die Säuglinge (dank Dr. Carlo Burschel) Öffentlichkeit. Das Buch hat weitere Bücher nach sich gezogen, über Freistatt, Volmarstein, Wittekindshof und Auftragsarbeiten der Kirchen (Universität und EFH Bochum). Das Buch zog aber auch im Rahmen der Aufarbeitung am „Runden Tisch Heimerziehung“ zahlreiche Beiträge solcher Menschen nach sich, die sich als Opfervertreter verstehen, beispielsweise des Pfarrers i.R. Dierk Schäfer aus Bad Boll und des Wissenschaftlers Professor Manfred Kappeler.

http://gewalt-im-jhh.de/Schafer_-_Kappeler_und_sonstig/schafer_-_kappeler_und_sonstig.html

http://gewalt-im-jhh.de/hp2/Statements_Prof__Manfred_Kappe/statements_prof__manfred_kappe.html

So hat das Buch auch dazu beigetragen, für das Thema „Gewalt an Heimkindern“ und für den Betrug am „Runden Tisch Heimerziehung“ zu sensibilisieren.

Ich meine, der Bundesverdienstorden ist mehr als verdient. Es ist schade, dass er von „nur“ einer Staatssekretärin verliehen wurde, was die Bedeutung dieses Ordens für das Engagements des Buchautors schmälert. Anderseits: Die Ordensverleihung durch den Bundespräsidenten in diesen Wochen und Monaten gereicht auch nicht zur besonderen Ehre. Auch findet sich Wensierski neben verdienstvollen Persönlichkeiten nun in einem elitären Club von weniger verdienstvollen wieder, die ebenfalls diese Auszeichnung erhielten. Sei es drum, auch sie spiegeln die Gesellschaft ein Stück wider und Wensierski kann ja nichts dazu. Auch nicht dazu, dass der Preis aus gepresstem und lackiertem Blech im Wert von etwa 15 Euro besteht und ein solcher Orden gerade bei Ebay für 30 Euro angeboten wird.

http://www.ebay.de/itm/Bundesverdienstkreuz-Bundesverdienstmedaille-Orig-/150733031494?pt=Militaria&hash=item2318638846

Eine kritische Stimme möchte ich doch unterstützen.

„Herzlichen Glückwunsch, Peter Wensierski. Sie bekommen nun also das Bundesverdienstkreuz, weil Sie die „Aufarbeitung ins Rollen gebracht“ haben. Und wir? Die, über die Sie geschrieben haben? Die Überlebenden der Kinderheimhöllen? Wir bekommen kein Verdienstkreuz für unsere Arbeit (auch wenn die Milliarden eingebracht hat), auch nicht dafür, dass wir jahrelang sexueller und anderer Folter unterworfen waren und natürlich auch nicht dafür, dass unzählige von uns sich ihre Geschichten von der Seele geschrieben haben – unter unendlichen Schwierigkeiten und Ängsten, ohne dafür entlohnt zu werden.“, schreibt Heidi Dettinger, Vorstandsmitglied des Vereins ehemaliger Heimkinder zu einem Beitrag von Dierk Schäfer.

http://dierkschaefer.wordpress.com/2012/01/20/bundesverdienstkreuz-fur-wensierski/#comments

Frau Dettinger hat recht. Die Überlebenden der Heimkinderhöllen haben ebenfalls eine Ehrung verdient. Ihre Überlebensleistung in Zentren der Finsternis und Gewalt verdient Anerkennung. Mehr noch: Sie müssen finanziell entschädigt werden.

Im Internet ist die Nachricht zu finden, nach der Peter Wensierski weiter am Ball bleiben will.

Heimkinder, Heimopfer, Wensierski, Schläge im Namen des Herrn, Erziehungsheim, Evangelische Kirche, Katholische Kirche, Diakonie, Caritas, Verein ehemaliger Heimkinder, Johanna-Helenen-Heim, Freistatt, Wittekindshof, Rummelsberger Anstalten

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Published by Helmut Jacob
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