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11. Dezember 2010 6 11 /12 /Dezember /2010 13:26

Schlussbericht des „Runden Tisches Heimerziehung“ in Berlin

 

Pressemitteilung der Freie Arbeitsgruppe JHH 2006“ (FAG JHH 2006)

 

Die FAG JHH 2006 versteht sich als Interessenvertretung behinderter Opfer von Gewalt und Verbrechen in den drei Nachkriegsjahrzehnten in den Orthopädischen Anstalten Volmarstein, heute Evangelische Stiftung Volmarstein in Wetter (Ruhr). Weil andere Behinderteneinrichtungen erst vor dem Beginn oder im Anfangsstadium der Aufarbeitung der Ereignisse stehen, ist sie auch so lange Stimme für die dortigen Heimopfer, bis diese sich selbst organisiert haben.

Der „Runde Tisch Heimerziehung“ in Berlin, unter Vorsitz von Dr. Antje Vollmer, hat in seinem Abschlussbericht laut Presseinformationen vom 10. Dezember dieses Jahres folgende Empfehlung an den Deutschen Bundestag gerichtet:

Einrichtung eines Fonds in Höhe von 120 Millionen Euro mit der Willensbekundung zur Aufstockung bei Bedarf. Aus diesem Fonds sollen entgangene Rentenansprüche für Jugendliche bezahlt werden, die in den Nachkriegsjahrzehnten in Erziehungsheimen Zwangsarbeit geleistet haben. Außerdem sollen Therapien für Traumatisierte finanziert werden. Ob behinderte Heimkinder und –jugendliche von dem Opferfonds profitieren, ist ungeklärt.

Die FAG JHH 2006 teilt hierzu mit:

Sie empfindet es nach wie vor als einen besonderen Skandal von weiteren Skandalen im Rahmen der Aufarbeitung der Verbrechen an ehemaligen Heimkindern, dass die Gruppe der behinderten Heimopfer brüsk ausgeschlossen wurde:

 RTH-Absage210409.jpg

Schreiben des Runden Tisches vom 21. April 2009

Die FAG JHH 2006 hat betont, dass auch in Behinderteneinrichtungen Erziehung stattgefunden hat und der Beschluss des Bundestages zur Einrichtung des „Runden Tisches Heimerziehung“ den Ausschluss der Heimerziehung in Behinderteneinrichtungen für Kinder und Jugendliche nicht vorsieht. Auf die Frage nach Belegen für einen möglichen Ausschluss hat der Runde Tisch nicht mehr reagiert.

Die FAG JHH 2006 empfindet es ebenfalls als Skandal, dass die Verbrechen an Säuglingen und Kleinkindern keine Aufarbeitung erfahren haben. In den damaligen Orthopädischen Anstalten Volmarstein wurde Gewalt auch an Kleinkindern verübt. Ebenso ist es ein Skandal, dass die Misshandlungen an zum Teil zwangsweise in die Psychiatrie eingewiesene Kindern und Jugendlichen nicht aufgearbeitet wurden.

Die FAG JHH 2006 betrachtet den „Runden Tisch Heimerziehung“ als eine Farce. So hat der Runde Tisch durchgängig Stellungnahmen vermieden, die zu einer spürbaren Verbesserung der finanziellen Situation ehemaliger Heimkinder hätten beitragen können. Da die Fakten weitgehend von Beginn an bekannt waren, haben wir den Eindruck, daß hier Zeit geschunden wurde, in der die Zahl der Anspruchberechtigten durch Tod minimiert wurde. Doch wahrscheinlich ist das nur ein (willkommener?) Nebeneffekt.

Die FAG JHH 2006 verurteilt das Verhalten der evangelischen und der katholischen Kirche und ihrer Verbände Caritas und Diakonie. Die Kirchen und ihre Organisationen haben sich zwar für die an ihnen anvertrauten Heimkindern und Jugendlichen verübten Verbrechen entschuldigt, weichen aber immer wieder dem Thema der Wiedergutmachung aus. Solange sie jedoch keine konkreten Wiedergutmachungsmaßnahmen vorschlagen, betrachten wir Opfer ihre Entschuldigungsformulierungen als Heuchelei.

Die FAG JHH 2006 sieht eine zusätzliche Diskriminierung behinderter Menschen, die ebenfalls in stationären Einrichtungen in unvorstellbarer Form Opfer von Gewalt und Verbrechen wurden. Für diese Gruppe gibt es zur Zeit niemanden auf der politischen oder kirchlichen Ebene, der sich darum kümmert, auch für diese Gruppe eine angemessene Entschädigung und Wiedergutmachung zu erreichen. So fühlen sich die behinderten Heimopfer in doppelter Weise misshandelt: Einmal in der Zeit zwischen 1947 bis Ende der 70er Jahre und zum anderen heute dadurch, dass zwischen ihnen und den Kindern der Heimerziehung offensichtlich ein gewollter Unterschied gemacht wird. Das kann und darf nicht unwidersprochen hingenommen werden. Es wird erwartet, dass die verantwortlichen Politiker endlich für eine angemessene Anerkennung dieses Leidens auch Menschen mit Behinderungen sorgen.

Die FAG JHH 2006 fasste am 21. 08. 2010 folgenden Beschluss:

Forderungen an Politik und Kirche:

  1. Opferrente für alle Geschädigten in Höhe von 400 € bis zum Lebensende
  2. Individuelle Wohnformsicherung (im Einvernehmen der Betroffenen) zur Verhinderung erneuter stationärer Unterbringung
  3. Nichtanrechenbarkeit jeglicher Geld- und Sachleistungen für Entschädigungen und Wiedergutmachungen auf bisherige oder zukünftige Leistungen der verschiedenen Sozialleistungsträger.

Die FAG JHH 2006 hat diesen Beschluss mit heutigem Datum noch einmal einstimmig bekräftigt. Sie nimmt in diesem Beschluss das Votum eines Gruppenmitglieds auf, das an Stelle einer monatlichen Opferrente eine pauschale Opferentschädigung in Höhe von 54.000 Euro fordert. Sie wird keine anderen Entscheidungen akzeptieren. Über die Zustände in Volmarstein liegt eine wissenschaftliche Expertise vor.* Die FAG JHH 2006 wird nicht noch einmal den Wahrheitsgehalt der Berichte und die Schäden, die aus den Misshandlungen während der Kindheit entstanden sind, überprüfen lassen. Für Opfer von Gewalt im damaligen Johanna-Helenen-Heim reklamiert die FAG JHH 2006 die volle Anspruchsberechtigung für Leistungen, sei es vom Heimträger, sei es aus einem möglicherweise eingerichteten Opferfonds, für jedes einzelne Opfer.

Wir fordern ferner die Evangelische Stiftung Volmarstein (ESV), entscheidungsbefugte Vertreter der Kirchen, der Landschaftsverbände, des Ennepe-Ruhr-Kreises und der Stadtverwaltung Wetter auf, nunmehr binnen kürzester Zeit in einen Dialog zu treten, um die drei genannten Punkte umzusetzen. Wir verweisen darauf, dass wir von der ESV bereits die Einrichtung eines „Runden Tisches Volmarstein“ gefordert und nur darum zurückgestellt haben, weil die ESV die Beschlussempfehlung des „Runden Tisch Heimerziehung“ abwarten wollte.

 

* Die FAG JHH 2006 begründet ihre Forderungen mit dem unvorstellbaren Ausmaß an Gewalt in dem damaligen Johanna-Helenen-Heim und in anderen Häusern oder Stationen für behinderte Kinder (Orthopädische Klinik Volmarstein, Hermann-Luisen-Haus). Diese Gewalt, die auch nach damaliger Rechtsprechung teils justiziabel war, wurde inzwischen zweifach bestätigt:

1. durch die Aufarbeitung einiger Opfer und einiger ehemaliger MitarbeiterInnen, dokumentiert auf der Homepage:

http://gewalt-im-jhh.de/

2. durch die Aufarbeitung der Historiker Dr. Ulrike Winkler und Prof. Dr. Hans-Walter Schmuhl, dokumentiert in dem Buch:

„Gewalt in der Körperbehindertenhilfe – Das Johanna-Helenen-Heim in Volmarstein von 1947 bis 1967“ Hans–Walter Schmuhl, Ulrike Winkler, Verlag für Regionalgeschichte

ISBN 978-3-89534-838-9

 

Freie Arbeitsgruppe JHH 2006

  Erika Bach

Marianne Behrs

Klaus Dickneite

Christel Flügge

Eberhard Flügge

Helmut Jacob

Wolfgang Möckel

Horst Moretto

Karl-Joachim Twer

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Published by Helmut Jacob
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Kommentare

Andy_b 12/12/2010 10:10


Eli, Eli, lama sabachthani-My God, my God, why hast thou forsaken me?-Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen? - Psalm 22,2.