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9. Februar 2012 4 09 /02 /Februar /2012 18:11

WARTEN AUF OPFERRENTE - EVANGELISCHE STIFTUNG VOLMARSTEIN LEHNT "ECHTE WIEDERGUTMACHUNG" AB

 

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Die Namensgeberin inmitten der Baustelle für das "Marianne-Behrs-Haus"

Es geschieht selten, dass ein Neubau den Namen eines Menschen erhält, der noch lebt. In der Evangelischen Stiftung Volmarstein (bei Hagen) wird ein Haus für behinderte Kinder und Jugendliche gebaut. Dieses Haus wird zum Ende des Jahres „Marianne-Behrs-Haus“ heißen. Marianne Behrs ist körperbehindert und verbrachte einen großen Teil ihrer Kindheit im Haus gegenüber, nämlich im Johanna-Helenen-Heim. Dort, auf der obersten „Kinderetage“ und im Erdgeschoss, in dem die Klassenräume und zwei Speisesäle untergebracht waren, wurden die Kinder zu Opfern. Ihnen wurde physische, psychische und zum Teil sexuelle Gewalt angetan.

Marianne Behrs hat schon in den 80er Jahren ihre Erlebnisse ausführlich niedergeschrieben. Anfang 2006 holte sie die Kindheit ein. Sie las im Wartezimmer eines Arztes einen Leserbrief und brach zusammen. Seit dem Herbst 2006 gehört sie der „Freien Arbeitsgruppe JHH 2006“ an. Auf der Homepage dieser Opfergruppe sind die Erlebnisse der heute 62-jährigen Frau zu finden.

Kürzlich war Richtfest für das „Marianne-Behrs-Haus“. Sie empfindet es als Ehre, ihren Namen für dieses Haus herzugeben. „Das kann natürlich nur stellvertretend für alle anderen ehemaligen Kinder sein, die im Johanna-Helenen-Heim litten“, so Marianne Behrs.

Die „Freie Arbeitsgruppe JHH 2006“ (FAG JHH 2006) unterstützt das Bauprojekt, weil die Bauzeichnungen verdeutlichen, dass den Kindern eine vorbildliche Unterkunft gebaut wird. Für 24 Kinder stehen etwa 1.300 qm Hausfläche inklusive zweier überdachter Innenhöfe zur Verfügung. Vor dem Haus ist ausreichend Gelegenheit zum Spielen.

JHH-Schrift

Das Johanna-Helenen-Heim vor fünfzig Jahren

Vor fünfzig Jahren sah der Bewegungsraum der Kinder anders aus. 24 Mädchen, soviel wie im neuen Haus an Jungen und Mädchen gleichzeitig untergebracht werden, mussten Bett an Bett in zwei Schlafzimmern übernachten oder zur Strafe auch den Tag verbringen. Mit dem Speisesaal für Mädchen, der auch als Tagesraum benutzt wurde, standen ihnen etwa 130 qm Bewegungsraum zur Verfügung. 5,5 qm für Kinder, für Kinder mit Bewegungsdrang und für solche, die zusätzlich noch schwere Rollstühle bewegten.

Die FAG JHH 2006 hat als unterstützende Maßnahme die „Aktion KK“ gestartet. Die beiden Buchstaben „KK“ stehen für den Begriff „kuscheliges Kinderheim“. Marianne Behrs möchte, dass „ihr Haus“ eine wohnliche Atmosphäre ausstrahlt. Viel Spielzeug soll dort zu finden sein. So technische Baukästen, Gesellschaftsspiele, Puppen und Bären zum Knuddeln, Bücher, die den Horizont erweitern. All diese Spielmittel müssen aus Spendengeldern aufgebracht werden. Mit den Buchstaben „KK“ auf dem Überweisungsträger für eine Spende an die Evangelische Stiftung Volmarstein dokumentieren die Spender den Wunsch, dass die FAG JHH 2006 über die Verwendung dieser gezielten Spendengelder mitentscheidet.

Aktion KK

Zwei Buchstaben auf dem Überweisungsträger, und die Arbeitsgruppe darf mitentscheiden

Die Arbeitsgruppe ist längst noch nicht zufrieden. Seit Jahren bemüht sie sich um eine Opferrente seitens der Evangelischen Stiftung Volmarstein (ESV). Diese Stiftung hieß zuvor nämlich Orthopädische Anstalten Volmarstein. Die Gruppe sieht die ESV in der Pflicht. Die ESV verweist in einem Ablehnungsschreiben auf den „Runden Tisch Heimerziehung“ (RTH). „Eine einseitige und nur durch die Evangelische Stiftung Volmarstein zu tragende monatliche Opferentschädigung ... kann ich Ihnen nicht in Aussicht stellen.”, schrieb sie der Gruppe im Mai des vergangenen Jahres. Allerdings steht fest: Der Opferfonds in Höhe von 120 Millionen Euro leistet keine Wiedergutmachung und deckt keine Schmerzensgeldansprüche ab. In den Fonds zahlen die beiden Kirchen, der Bund und die Bundesländer je ein Drittel ein. Aus ihm sollen beispielsweise Mittel für psychologische Behandlungen bezahlt werden, wenn die Opfer nachweisen können, dass sie noch heute unter dieser Gewalt in der Kindheit oder Jugend leiden. Alle Leistungen sind nachrangig. Zunächst wird nämlich überprüft, ob andere Kostenträger in der Pflicht stehen.

Zusammen mit den Säuglingen und zwangseingewiesenen Kindern und Jugendlichen in psychiatrische Einrichtungen standen körperlich und geistig behinderte Kinder nicht auf der Agenda des RTH. Im Gegenteil, die Volmarsteiner Heimkinder wurden abgewimmelt: „Der Deutsche Bundestag hat den Runden Tisch „Heimerziehung in den 50er und 60er Jahren“ mit der Aufarbeitung der Jugendhilfepraxis ... beauftragt. Daher wird sich der Runde Tisch ausschließlich mit der damaligen Heimerziehung im Bereich der Jugendhilfe in den „alten Ländern“ befassen können.“

Diese Tatsache wird von der ESV ignoriert. Mit Abschluss des „Runden Tisches sexueller Missbrauch“ verstärkt sich die allgemeine Meinung, dass beide Opferfonds sich für echte Wiedergutmachung nicht zuständig sehen. Christine Bergmann, Ex-Tischvorsitzende, bezog in ihrem Abschlussbericht und öffentlich schon Wochen vorher klare Position: “Genugtuung und Anerkennung liegt in der Zuständigkeit der jeweiligen Institution, in der der Missbrauch stattgefunden hat, ...” Sie sieht die  "Verpflichtung, dass auf Wunsch von Betroffenen einmalig eine angemessene Anerkennungssumme gezahlt wird, Orientierung an gerichtlich erzielbarem Schmerzensgeld zum Zeitpunkt des Missbrauchs".

Die FAG JHH 2006 hat die ESV mit diesen Aussagen konfrontiert. Sie wartet auf eine Antwort.

Bericht über das Richtfest für das „Marianne-Behrs-Haus“:

http://www.derwesten.de/staedte/nachrichten-aus-wetter-und-herdecke/ein-neues-zuhause-fuer-24-kinder-id6322934.html

Erinnerungen Marianne Behrs:

http://gewalt-im-jhh.de/Erinnerungen_MB/erinnerungen_mb.html

„Aktion KK“ der FAG JHH 2006:

http://gewalt-im-jhh.de/hp2/Aktion_KK_-_kuscheliges_Kinder/aktion_kk_-_kuscheliges_kinder.html

http://gewalt-im-jhh.de/Marianne-Behrs-Haus_-_neues_Ki/marianne-behrs-haus_-_neues_ki.html

Das Johanna-Helenen-Heim: http://gewalt-im-jhh.de/Das_Johanna-Helenen-Heim_1955-/das_johanna-helenen-heim_1955-.html

Ablehnung der Interessenvertretung für behinderte Opfer durch den RTH: http://gewalt-im-jhh.de/Runder_Tisch_-_Informationen_u/Runder_Tisch_210409.jpg

Erste Ablehnung der Opferrente durch die ESV: http://gewalt-im-jhh.de/hp2/index.html

Forderung Christine Bergmann: http://www.gewalt-im-jhh.de/hp2/Runder_Tisch_sexueller_Missbra/runder_tisch_sexueller_missbra.html

Entschädigungsforderungen der FAG JHH 2006: http://gewalt-im-jhh.de/hp2/Aktuelles/Forderung_nach_Entschadigung_110112.pdf

Pressemitteilung der FAG JHH 2006: http://www.gewalt-im-jhh.de/hp2/Presse-RF-TV-Filme_-_Berichte_/presse-rf-tv-filme_-_berichte_.html

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Published by Helmut Jacob
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