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24. August 2013 6 24 /08 /August /2013 15:39

Wie „Mimerle“ zu Marianne kam

Das Versagen des Landschaftsverbands Westfalen-Lippe in Münster

Kapitel 2: Mimerles Weg zu Marianne

Zunächst galt es, die Adresse des Werkes zu finden, in der diese Käthe-Kruse-Puppen hergestellt werden. Ich schickte eine E-Mail an die Firmenleitung und wies auf die besondere Notwendigkeit einer schnellen Lieferung hin. Dazu nannte ich den Link, unter der Mariannes Kindheitserinnerungen zu lesen sind, damit der Inhaber erkennt, welches Schicksal an dieser Puppe hängt. Noch keine zwei Tage später, quasi direkt nach den Weihnachtstagen, schrieb mir die Chefsekretärin des Werkes eine traurige E-Mail: Mimerle wird in dieser Größe nicht mehr hergestellt. Ich reagierte sofort und fragte, ob eine Stelle bekannt sei, bei der diese Puppe gebraucht und in gutem Zustand zu erwerben ist. Anfang des neuen Jahres 2009 schrieb die Chefsekretärin zurück: Ja, ein gewisser Doktor XXX sammele solche Puppen und verkaufe sie weiter. Ein Hoffnungsschimmer. Sofort reagierte ich: Diese Puppe brauche ich bis zum 18. Januar. Es folgte eine weitere E-Mail der Chefsekretärin, die diesen Fall wohl selbst zu ihrer persönlichen Chefsache machte: Eine ehemalige Hotelbesitzerin hatte eine solche Puppe, wie Marianne sie wünsche, damals in ihrer Eingangshalle in einer Vitrine ausgestellt; sie könne die Puppe verkaufen. Nach Eingang dieser schönen Nachricht bestellte ich sofort, zumal Anette auch die Kosten übernehmen wollte.

Aber so schnell ging es nun doch nicht. Es war etwa der 15. Januar 2009 spätabends, als ich eine weitere E-Mail der Chefsekretärin las: Die Ex-Hotelbesitzerin wollte Vorauskasse. In solchen Fällen bin ich alarmiert und darum vorsichtig: „Ist die Dame auch vertrauenswürdig“, fragte ich zurück. Dies wurde mir am nächsten Tag bescheinigt. Aber der Zug fuhr an mir vorbei. Samstags, den 17. und sonntags, den 18. Januar fährt die Postbank nur auf Sparflamme und so kommt das Geld erst an Mariannes Geburtstag an.

Ein letzter Versuch fiel mir noch ein: Ich füllte den Überweisungsträger aus, sandte ihn als Grafik-Dateianhang per E-Mail an die ehemalige Hotelbesitzerin und versicherte ihr meine absolute Zuverlässigkeit. Am Samstag regnete es in Strömen und Anette fand nachmittags ein großes Paket vor der Haustür auf den Gehwegplatten. Sie brachte das naßtriefende Paket ins Haus und wir wussten sofort: Darin ist Mimerle! Aber wahrscheinlich ist sie vom Regen durchtränkt.

Aber, wir hatten uns geirrt. Die Puppe war dreifach verpackt und befand sich zusätzlich noch im Originalkarton mit durchsichtiger Folie. Alles war völlig trocken und Mimerle sah prächtig aus.

Am 19. Januar holten wir Marianne zum Kaffeetrinken ab. So einfach wollten wir die Geschenkübergabe nun doch nicht machen. Sie sollte zunächst ein Kreuzworträtsel ausfüllen, das ich abends zuvor am PC erstellt hatte. Es galt, Begriffe zu finden, mit denen sie im Rahmen der Aufarbeitung der Verbrechen konfrontiert war. Also musste sie beispielsweise das eine oder andere Gruppenmitglied erraten, einen ihrer ehemaligen Mitschüler, etc. Die Buchstaben in den dick umrandeten Kästchen ergaben das Lösungswort und damit unser Geschenk an Marianne, von dem sie noch nicht wusste, was für eins es denn ist. Mühsam setzte sie die Buchstaben zusammen, kam bis zu „MIMM“ und es flackerte eine kurze Hoffnung in ihr auf. „Doch nicht etwa Mimmerle?“, fragte sie und stellte dann aber fest, dass die Anzahl der Lösungskästchen nur auf sieben beschränkt war, „Mimmerle“ jedoch aus acht Buchstaben bestand. Also verglühte der Hoffnungsfunke. „Probiere doch mal, ob ‚Mimmerle’ nicht auch mit einem „m“ geschrieben sein könnte.“ Und sie probierte und plötzlich wurde sie ganz still: „’Mimerle’ könnte passen.“ Ich meinte zu ihr: „Dreh dich doch mal um!“ Vor Aufregung bemerkte Marianne nämlich nicht, dass Anette sich mit Mimerle im Arm hinter sie geschlichen hatte. Marianne wendete sich, und ein breites Strahlen, ein großes Leuchten in den Augen vermittelte: Sie ist unwahrscheinlich glücklich.

Wenige Tage später stellte ich ein Bild von Mimerle auf ihre Seite unserer großen Homepage. Zwei, drei Tage später erhielt ich eine E-Mail von einem Pfarrer im Ruhestand aus dem süddeutschen Raum: Was kostet Mimerle? Ich übernehme die Kosten. So oder ähnlich lautete die E-Mail. Nun war die Puppe bereits bezahlt, aber es bleibt unvergessen, dass dieser Pfarrer dieses nette Angebot machte.

Aus diesem Grunde widme ich diese Geschichte Dierk Schäfer. Herzlichen Dank noch einmal an dieser Stelle!

Mimerle_im_Strandkorb.jpg

Marianne ist inzwischen verstorben. Sie und ihr Schicksal bleiben uns unvergessen. Sie fehlt ihrer neuen Schwester und auch mir. Ihr Haushalt wurde aufgelöst und so ist Mimerle wieder dort angekommen, wo sie anläßlich Mariannes Geburtstags übergeben wurde.

Foto: Mimerle ist wieder dort, wo sie Marianne in den Arm gelegt wurde, zusammen mit einem Teil ihrer Bären. Die kleinen Schuhe übrigens, sind ein Geschenk von mir. Und dies ist 50 Jahre her. Über alle Jahrzehnte hat sie sie aufgehoben, denn an diesen kleinen Schuhen hängt auch eine große Geschichte.

 

Heimkinder, Heimopfer, Johanna-Helenen-Heim, Orthopädische Anstalten Volmarstein, physische Gewalt, psychische Gewalt, sexueller Missbrauch, Landschaftsverband Westfalen Lippe 

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Published by Helmut Jacob
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