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1. Juli 2013 1 01 /07 /Juli /2013 14:28

Entstehung einer Selbsthilfegruppe behinderter Heimopfer

Wie die „Freie Arbeitsgruppe JHH 2006“ entstand

Teil 5: „Ohne Öffentlichkeitsarbeit kräht kein Hahn nach uns“


Nachdem sich die Arbeitsgruppe konstituierte, legte sie sich eine kleine Geschäftsordnung zu: „Die sogenannte 'Kleine Geschäftsstelle' besteht aus drei Personen, dies sind der Gruppensprecher, der Pressesprecher und der Koordinator, der die Kontakte zu den einzelnen Ehemaligen hält.“

Konstituierende-Sitzung-2008.jpg

Bis zum Jahre 2011 war ich der Gruppensprecher, Klaus Dickneite der Pressesprecher und Wolfgang Möckel aus Holland der Koordinator, der Verbindungen zu ca. 60 von 240 ehemaligen MitschülerInnen hält. Um auch private Beiträge schreiben zu können, die nicht die Meinung der Arbeitsgruppe abdecken müssen, hat die Arbeitsgruppe auf meinen Wunsch hin Klaus Dickneite auch die Gruppensprecherfunktion übertragen. „Der Gruppensprecher hat keine besonderen Befugnisse; er ist Gleicher unter Gleichen“, so in der kleinen Geschäftsordnung weiter. Dieser Grundsatz hat bis heute bewirkt, dass in der Gruppe ein harmonischer Zusammenhalt besteht. Jeder Briefentwurf geht allen Gruppenmitgliedern zu. Ziel ist es, möglichst eine einstimmige Verabschiedung der Texte zu erreichen. So kann es geschehen, dass an einem Text (wie z. B. diesem) mehrere Gruppenmitglieder arbeiten, eigene Gedanken oder Formulierungsänderungen einfügen.

Zwei Mitglieder der kleinen Geschäftsstelle handeln völlig autonom: der Pressesprecher und der Koordinator. Der Pressesprecher bekommt viele Texte vorformuliert, weil er als Bezirksbürgermeister von Hannover und in anderen Behindertenverbänden stark eingespannt ist. Alle anderen Gruppenmitglieder erhalten die vorformulierten Pressetexte ebenso und können Änderungen oder Ergänzungen vornehmen. Weiterer Auszug aus der Geschäftsordnung: „Selbstverständlich ist jedes Gruppenmitglied autonom genug, selbst eigene Beiträge oder Anregungen im Sinne der Arbeitsgruppe einzubringen. Jedes Mitglied kann sogar den Briefkopf der FAG benutzen, wenn dies mit einem Gruppenmitglied aus der 'Kleinen Geschäftsstelle' abgesprochen ist.“ (1)

Bei Gesprächen mit der Evangelischen Stiftung sind möglichst viele Gruppenmitglieder, aber wenigstens zwei, anwesend. Mit Zustimmung der Stiftungsleitung werden diese Gespräche aufgezeichnet, sofern sie nicht vertraulich sind. Von den Aufzeichnungen wird ein Protokoll zur Information der gesamten Gruppe angefertigt.

Was sollen viele Briefe, etliche Gespräche, Kontroversen und Erfolge in der Aufarbeitung bewirken, wenn sie nicht veröffentlicht werden? Schon frühzeitig erkannte die Gruppe: Wir müssen andere Opfergruppen ermutigen, an die Öffentlichkeit zu gehen, indem wir ihnen Beispiele aus unserer Arbeit geben. Ein zweiter Gedanke war, unsere gesamte Arbeit für die breite Öffentlichkeit zu dokumentieren und nachvollziehbar zu machen. Interessenten sollen verfolgen können, wie weit der Aufarbeitungsprozeß fortgeschritten ist und welche Erfolge oder Misserfolge zu verzeichnen sind. So haben wir von dem ursprünglichen Vorhaben, lediglich unsere MitschülerInnen einmal im Jahr per Brief zu informieren, Abstand genommen und uns entschlossen, eine Homepage einzurichten. Sie ging am 01. April 2008 ins Netz. (2)

HPAusschnitt.jpg

Die Bedrohung

Uns war bewusst, dass wir mit dieser Homepage einen gewissen Druck auf die Evangelische Stiftung Volmarstein (ESV) erzeugen könnten. Aber zur beiderseitigen Aufarbeitung gehört auch die Konfrontation mit der „anderen Seite“.

Um Zusammenarbeit bemüht, sandten wir vor der Freischaltung der Homepage einen Entwurf auf CD an die Evangelische Stiftung. Viele Monate später erhielten wir eine Reaktion. Man warf der Gruppe Urheberrechtsverletzung vor und kritisierte „die Herausnahme von Motiven aus dem Kontext.“ Als Beispiel nannte die ESV: „Wenn beispielsweise fröhlich spielende Kinder gezeigt werden und mit einem Kommentar über Leichenhallen versehen werden.“ Die ESV kam zu der Meinung: „Daher raten wir von einer Veröffentlichung des Materials, das zu großen Teilen aus unserem Archiv stammt, dringend ab und können einer Veröffentlichung in der von Ihnen dargestellten Weise grundsätzlich nicht zustimmen und müssen uns gegebenenfalls rechtliche Schritte vorbehalten.“ (3)

Diese Androhung rechtlicher Schritte signalisierte der Arbeitsgruppe: Die ESV wünscht entweder keine Homepage oder möchte sie zumindest nach ihren Vorstellungen gestaltet wissen. Wir kontaktierten einen befreundeten Richter und einen Rechtsanwalt, sowie einen Mitarbeiter des „Weißen Ringes“, ein pensionierter Polizist. Sie sahen in dem vorliegenden Material nichts Verwerfliches und stellten fest, dass die angeprangerten Fotos vielen Ehemaligen vorliegen. Das Bild der fröhlich spielenden Kinder vor den zwei Klassenzimmern mit der darunter befindlichen Leichenhalle löschten wir sofort und ich bat eine Assistentin, die Schulklassenfront mit der darunterliegenden Leichenhalle ohne sichtbare Personen zu fotografieren und das Foto an der freien Stelle auf der Homepage einzufügen. Der Arbeitsgruppe war aber auch sofort klar: Die damaligen Kinder lebten unter permanenter Bedrohung durch die Ordensschwestern, der Lehrerinnen und eines Arztes; noch einmal lassen sie sich nicht bedrohen. Uns wurde Mut gemacht, dieses Schreiben auf der Homepage zu veröffentlichen.

Ulrich Bach formulierte ein Antwortschreiben an die Evangelische Stiftung. Auszug: „Wenn wir allerdings als erstes Bild eine fröhliche Kinderschar an ersten Spielgeräten für unsere Homepage aussuchen, dann ist es uns völlig unverständlich, was Sie und Ihre Rechtsabteilung daran bemängeln. Wollen Sie, dass wir nur seelisch zerstörte, zusammengetretene, sexuell misshandelte, weinende, verzweifelte, schreiende, tote Kinder zeigen, um die damalige Zeit zu präsentieren?“ Bach weiter: „Kann es nicht auch in Ihrem Interesse liegen, dass wir auch Szenen zeigen, in denen sichtbar wird, dass es, wenn auch selten, glückliche Momente im Leben dieser geschundenen Kinder gab? Wollen Sie uns daraus einen Strick drehen?“ (4) Wir fragten nach weiteren Fotos, die seitens der ESV beanstandet werden und stellten den gesamten Schriftverkehr ins Netz.

Nach dieser ersten überstandenen Krise war und ist bis heute die Arbeitsgruppe weiterhin um eine vertrauensvolle Zusammenarbeit mit der Evangelischen Stiftung bemüht. Wir haben aber auch klargemacht: Alles wird veröffentlicht, außer vertrauliche Dokumente.

Es war spürbar, dass mit Pfarrer Jürgen Dittrich ein neuer Wind durch die Stiftung fegte und wieder der diakonische Geist Einzug halten soll.

Ich, damals Gruppensprecher, besuchte mit einer Assistentin und einem Aufnahmegerät einige Opfer und interviewte sie. Diese Interviews wurden abgeschrieben und auf die Homepage gestellt. Die Interviewten konnten sich ein Namenskürzel aussuchen, der für Außenstehende keine Rückschlüsse auf sie zulässt. So formte sich ein erster Eindruck über die Gewaltexzesse im Johanna-Helenen-Heim in den zwei Nachkriegsjahrzehnten.

Mut zur Öffentlichkeitsarbeit

Mit diesem Gedanken angefreundet, erweiterten wir die Homepage um die Rubrik „Blick über den Tellerrand“. Wir wollten „nicht im eigenen Saft schmoren“, uns nicht bemitleiden, sondern aufzeigen: Die Hölle erlebten nicht nur behinderte Kinder in Volmarstein, sondern viele Kinder und Jugendliche auch in anderen Heimen, z. B. auch der Erziehungshilfe. Das Zusammenfügen unzähliger Informationen aus anderen Heimen ergibt folgendes Bild: Das Johanna-Helenen-Heim rangiert mit den erlebten Gewaltexzessen eher im Mittelfeld. In anderen Heimen war zusätzlich zur Gewalt des Aufsichtspersonals - das in einigen Fällen aus ehemaligen KZ-Wächtern rekrutiert wurde - die Gewalt unter den „Erziehungszöglingen“ verbreitet. In anderen Heimen waren die Aufseher – anders kann man sie nicht bezeichnen, weil die wenigsten über eine qualifizierte Ausbildung verfügten – noch gewalttätiger. Ein „Hausvater“ hetzte beispielsweise seinen Schäferhund auf vermeintlich faule jugendliche Zwangsarbeiter.

Aus der Rubrik „Blick über den Tellerrand“ sind inzwischen sieben lange Webseiten entstanden. (5) Auch hat die Arbeitsgruppe die Vorgänge an den Runden Tischen „Heimkinder“, unter Vorsitz von Antje Volmer (6)(7) und „sexueller Missbrauch“ unter Vorsitz von Christine Bergmann (8), dokumentiert, so dass aus der Homepage ein Dokumentationsarchiv entstanden ist.

Welche Ergebnisse hat die Freie Arbeitsgruppe in Verbindung mit ihrem Internetauftritt bewirkt?

Diese Frage müsste umformuliert werden: Was hat die FAG unter der Informationsoffensive durch die Homepage und was hat die neue Stiftungsleitung bewirkt? Schon nach den ersten veröffentlichten Interviews war klar: Die aufgezeigten Gewaltexzesse waren keine Einzelfälle. Durch die unbeeinflusste Bestätigung anderer Heimopfer, die untereinander längst nicht mehr in Kontakten standen, sind die Berichte glaubhaft geworden. Die Arbeitsgruppe hat aber auch kritisch nach dem Material geforscht, das nach Angaben von Ernst Springer der Stiftungsleitung vorliegen soll. Laut Mitteilung seines Nachfolgers war von diesem Material, kaum etwas vorhanden.

Wahrscheinlich trugen die Arbeitsgruppe und ihr Internetauftritt dazu bei, dass auf den Gutachter des Diakonischen Werkes, der die Gewalt im JHH erforschen sollte, verzichtet und die Wissenschaftler Professor Dr. Hans-Walter Schmuhl und Dr. Ulrike Winkler mit der Begutachtung beauftragt wurden. Diese Gutachter vermittelten den Opfern: Wir sind unparteiisch, wir lassen uns nicht beeinflussen, wir glauben Euch zunächst. Indem sie etliche Heimopfer mit demselben Fragenmuster konfrontierten, verstärkte sich die Glaubwürdigkeit unserer Ausarbeitungen. Schließlich hatten wir vor Schmuhl und Winkler unsere Forschungsergebnisse bereits im November 2008 veröffentlicht. (9) Sie zogen nun auch unsere Homepage als wichtige Quelle für ihre eigene Forschungsarbeit heran. Im Übrigen bestätigte Schmuhl ausdrücklich: „Was die Glaubwürdigkeit der Texte auf der Homepage angeht, so besteht für uns ‚kein Zweifel’, dass sie eine ‚dichte und belastbare Überlieferung’ darstellen, zumal die Berichte in einzelnen Fällen sogar durch Schriftquellen aus der damaligen Zeit bestätigt werden. Die Lebensberichte auf der Homepage sind daher ‚eine wichtige Quelle’ - abgesehen davon, dass das Niederschreiben des eigenen Schicksals für viele ehemalige Schülerinnen und Schüler des JHH eine befreiende Wirkung haben dürfte.“ Ausführungen in [kleinen] Anführungsstrichen sind originale Formulierungen vom 26.03.2009 im Rahmen der Buchvorstellung. (10)

Am 13. März 2010 veröffentlichte das Forscherduo seine Ergebnisse in dem Buch „Gewalt in der Körperbehindertenhilfe – Das Johanna-Helenen-Heim in Volmarstein von 1947 bis 1967“.

Buch_Gesamtansicht2.jpg

Festzustellen ist: Die ehemaligen Heimkinder von Volmarstein wären wahrscheinlich längst aus der Erinnerung der Öffentlichkeit verschwunden, wenn es die Internetpräsenz nicht gäbe. Auch die inzwischen zahlreichen Wiedergutmachungsbemühungen der Evangelischen Stiftung Volmarstein, die zum Teil gar nicht im Internet dokumentiert werden, würden in dieser Größenordnung sicher nicht stattfinden. Wir vermuten, dass nach seiner sichtbaren persönlichen Betroffenheit der derzeitige Stiftungsleiter alles unternimmt, um im Rahmen seiner begrenzten Möglichkeiten Wiedergutmachung zu leisten. Wir vermuten aber auch, dass der Aufsichtsrat und das Kuratorium der Evangelischen Stiftung sich gegen eine Opferrente stemmen.

Das Bild über und die Arbeit der Arbeitsgruppe in der Öffentlichkeit zeigt sich nicht nur in folgendem Kommentar: „Mir tut es unendlich Leid, lese ich diese Seiten kommen mir die Tränen. Wie kann man helfen?“ Helfer, beispielsweise moralisch und mit Denkanstößen, ist seit Jahren ein Pfarrer im Ruhestand mit Zivilcourage, - Dierk Schäfer aus Bad Boll. Er steht nicht nur den Volmarsteinern, sondern allen Heimopfern zur Seite.

Sichtbar wird das Interesse an der Arbeit der FAG in der Besucherstatistik für die Homepage. Jedes Jahr sind zweistellige Zuwachsraten zu verzeichnen. Mehrere hunderttausend Seiten werden pro Jahr angeklickt. In Universitätsbibliotheken ist das Buch zu finden und eigene Rechneranlagen der Universitäten bezeugen den Zugriff auf die Homepage. Die meisten Besucher kommen verständlicherweise aus Deutschland. Zugriffe geschehen aber auch beispielsweise aus Russland oder Jugoslawien.

Statistik--062013.jpg

Wie wichtig diese Homepage ist, beweist aber auch die simple Tatsache, dass der Verfasser dieser Ausarbeitung schnell und gezielt auf die einzelnen Websites zugreifen und das Niedergeschriebene mit Links belegen kann.

Es besteht die Möglichkeit, dass ein Vertreter der Arbeitsgruppe von den pädagogischen Lehreinrichtungen eingeladen, zu den Geschehnissen befragt und mit ihm Konzepte zur Prävention erarbeitet werden kann. (11)

Juni/Juli 2013

Helmut Jacob mit Dank an Wolfgang Möckel und Karl-Joachim Twer

(1) http://gewalt-im-jhh.de/Arbeitsweise_der_FAG/arbeitsweise_der_fag.html

(2) http://gewalt-im-jhh.de/

(3) http://gewalt-im-jhh.de/ESV_droht_mit_juristischen_Mas/esv_droht_mit_juristischen_mas.html

(4) http://gewalt-im-jhh.de/ESV_droht_mit_juristischen_Mas/Bildentfernung_auf_Schr_ESV_150.pdf

(5) http://gewalt-im-jhh.de/Blick_uber_den_Tellerrand/blick_uber_den_tellerrand.html und nachfolgende Lesezeichen in der Menüleiste

(6) http://gewalt-im-jhh.de/Runder_Tisch_-_Informationen_u/runder_tisch_-_informationen_u.html

(7) http://gewalt-im-jhh.de/hp2/Runder_Tisch_Heimkinder__Vollm/runder_tisch_heimkinder__vollm.html

(8) http://gewalt-im-jhh.de/hp2/Runder_Tisch_sexueller_Missbra/runder_tisch_sexueller_missbra.html

(9) http://gewalt-im-jhh.de/Aufarbeitung_der_Grausamkeiten_171108.pdf

(10) http://gewalt-im-jhh.de/Bericht_der_Historiker_Prof__S/bericht_der_historiker_prof__s.html

(11) http://gewalt-im-jhh.de/hp2/Wir_informieren_Sie_-_Freie_Ar/wir_informieren_sie_-_freie_ar.html

Beitrag bebildert komplett http://gewalt-im-jhh.de/hp2/In_die_Puschen_gestellt-_komplett.pdf

 

Heimkinder, Gewalt, Johanna-Helen-Heim, Volmarstein, Orthopädische Anstalten Volmarstein, Evangelische Stiftung Volmarstein, Freie Arbeitsgruppe JHH 2006


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Published by Helmut Jacob
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