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29. Juni 2013 6 29 /06 /Juni /2013 15:05

Entstehung einer Selbsthilfegruppe behinderter Heimopfer

Wie die „Freie Arbeitsgruppe JHH 2006“ entstand

Teil 4: Gründung der Freien Arbeitsgruppe JHH 2006

Anmerkung zum Namen unserer Arbeitsgruppe von Wolfgang Möckel: „Der Name passt perfekt auf diese Gruppe. Sie ist kein Verein und es ist auch nichts vereinsmäßig organisiert. Und es ist eine Freie Arbeitsgruppe. Die Freiheit des Einzelnen steht an erster Stelle. Auch die in den Namen integrierte Jahreszahl des Beginns ist bedeutsam. Der Beginn der Tätigkeit wird immer wieder dokumentiert.“

Nachdem sich die Hoffnung, dass die „Evangelische Stiftung Volmarstein“ ihr schwarzes Kapitel offen und ehrlich aufarbeitet, zerschlug, jede Korrespondenz ins Leere lief und seitens des Stiftungssprechers eher aggressive Verlautbarungen ertragen werden mussten, bemühte sich Ulrich Bach um die Zusammenstellung einer Gruppe. Als Vertreter der Opfer war die beabsichtigte Zahl von 5 Personen, ehemalige Schülerinnen und Schüler, schnell erreicht: Wolfgang Möckel, Klaus Dickneite, Marianne Behrs und ich stimmten sofort zu. Nach der Gründungssitzung erweiterte Horst Moretto diesen Kreis auf 5 ehemalige Schüler.

Allerdings mussten auch ehemalige Mitarbeiter aus dieser Zeit gefunden werden. So forschte Ulrich Bach über das „Diakoniewerk Ruhr“ nach Adressen. Auch konnten wir ihm Diakonenschüler nennen; und Marianne Behrs erinnerte sich immer wieder angenehm an eine Christel Reuter, damals Diakonische Helferin im Johanna-Helenen-Heim. Dort arbeitete Reuter zunächst auf der Station für behinderte, pflegebedürftige Frauen unterhalb der Kinderetage. (1) Sie wurde aber zur Mädchenstation versetzt, weil die dort eingesetzten beiden überalterten Diakonissen ihr Pensum nicht mehr leisten konnten.

Twer Jochen

Karl-Joachim Twer, Gemeindediakon, bereitete sich auf die Beendigung seiner beruflichen Laufbahn und auf einen Umzug vor. Zufällig kam ihm sein Praktikumsbericht, den er über seine Zeit auf der Jungenstation im JHH verfasste, wieder in die Hand. (2)

Umzug lädt zum Entsorgen ein. So vernichtete er seinen Praktikumsbericht aufgrund des inzwischen viel zu großen Abstandes zu dieser Zeit. Obwohl, eine Verbindung gab es noch, nämlich die zu mir. Jochen Twer ist mein Taufpate und so haben wir uns gelegentlich geschrieben. Das Johanna-Helenen-Heim war allerdings nie Thema.

In dieser Zeit rief ihn Ulrich Bach an und Twer versprach, sich zu kümmern. Wenig später kam für uns alle die erlösende Nachricht: Der Praktikumsbericht (eine Kopie aus der Personalakte der Ausbildungsstätte) ist gerettet. Dieser Bericht und die Erinnerungen von Christel Reuter - die den Diakonenschüler von der Jungenstation, Eberhard Flügge, ehelichte und darum heute Christel Flügge heißt - sind das Fundament für die Glaubwürdigkeit der gesamten Arbeitsgruppe. Ulrich Bachs Rechnung ging auf: Den Opfern eine Anzahl ehemaliger Mitarbeiter gegenüberzustellen und damit zu verhindern, dass diese Opfer in die Gefahr geraten, in Selbstmitleid zu zerfließen und damit unsachlich zu werden. Mit ihm selbst als vierten ehemaligen Mitarbeiter der Einrichtung, der, außer der Tatsache, Konfirmator von Marianne Behrs gewesen zu sein, wenig Bezugspunkte zum Kinderheim hatte, stieg die Anzahl der Gruppe jetzt auf 9 Personen.

Zurück zum Praktikumsbericht von Jochen Twer aus dem Jahr 1965. Spätestens an dieser Stelle muss die Gesamtüberschrift dieser Ausarbeitung geändert werden. Es geht nicht mehr darum, wie, sondern warum die „Freie Arbeitsgruppe JHH 2006“ entstand. Ein Blick in diesen Praktikumsbericht zeigt eine erneute Diskrepanz in der Feststellung von Ernst Springer bezüglich seines weißen Fleckes auf seiner weißen Anstaltskarte auf. Twer in seinem Bericht: „Ein Gespräch über diesen Vorfall, das sich zufällig mit Herrn Pfarrer K. [damals Anstaltsleiter] ergab, endete mit den leeren Worten: ‚Bruder Twer, es ist gut, wenn man neben den positiven auch die negativen Seiten sieht!“ Twer weiter: „Meine Marschrichtung war klar. Mit Hilfe von höherer Stelle war nicht zu rechnen. Ich sagte dem unmenschlichen Geschehen auf der gesamten Schulstation den Kampf an. Das klingt sehr hart, war aber in dieser Verzweiflung mein Fahrplan. Mir war klar, daß für mich nun ein Nervenkrieg folgen würde, wie er in einer kirchlichen um nicht zu sagen christlichen Einrichtung wohl nicht erforderlich zu sein brauchte.“ (2)

An dieser Stelle wird Twer zum Zeitzeugen für die Opfer: Er hat sich beim Anstaltsleiter beschwert, ihn über Misshandlungen aufgeklärt und wurde abgewimmelt. Die Zustände änderten sich nicht. Ebenso ging es Christel Reuter. Sie schreibt in ihren Erinnerungen: „Wiederholt habe ich der Oberin von den Vorfällen berichtet. Ihre Antwort war immer: ‚Mädelchen ich weiß, aber ich kann nichts machen!’“ (3)

Auch der damalige Schüler Wolfgang Möckel berichtete dem Anstaltsleiter Ernst Kalle im März 1963 anlässlich seines Endes im JHH persönlich über Gewalt von Schwester Jenny im Johanna-Helenen-Heim. Seine Antwort sinngemäß: Das wissen wir. (4)

Es steht also fest, dass die Anstaltsleitung bereits in der Zeit der Gewalt über diese informiert war. Der Praktikumsbericht von Twer zog disziplinarische Androhungen hinter sich her. Ihm wurde von der Brüderhausleitung „Martineum“ nahegelegt, diesen Bericht zurückzuziehen. Twer zeigte Zivilcourage und lehnte diese wiederholte Aufforderung ab. Ein Vierer-Gespräch (Oberin, Anstaltsleiter, Leiter der Diakonenausbildung und Twer) ließ einen gewissen Wissensstand über die  Zustände auf der Kinderstation erkennen, endete aber kirchlichtradiert mit faulen Beschwichtigungen.

Im Zuge der Aufarbeitung wurde immer deutlicher, dass auch die Nachfolger des Anstaltsleiters Kalle immer wieder informiert wurden. Rudolf Lotze lehnte es ab, mit den Opfern (die teils in seinem Haus mit seiner Frau zum Kaffeetrinken weilten) über diese Zeit zu sprechen.

Die Leugnungen der Anstaltsleiter, die Lügen des Ernst Springer, seine Verharmlosungsversuche und seine katastrophale „Volmarsteiner Erklärung“ schon ein viertel Jahr nach den ersten Leserbriefen, - das schrie geradezu nach Gegenwehr und „anständiger Aufarbeitung“.


Das erste Treffen

Am 23. August 2006 trafen sich Marianne Behrs, Klaus Dickneite, Host Moretto und Helmut Jacob mit Wolfgang Möckel in seinem Wohnort Valkenburg a/d Geul in Holland. Für Abstimmungen war die Möglichkeit der telefonischen Zuschaltung von Ulrich Bach und Jochen Twer gegeben.

Erstes-Treffen-NL.jpg

Es wurde ein Forderungskatalog an die Evangelische Stiftung Volmarstein formuliert. (5) Auch die „Westfälische Rundschau“ ging auf diese erste Zusammenkunft der Gruppe ein und schilderte insbesondere die Kritik der Gruppe am geplanten ersten Treffen mit der Anstaltsleitung im September 2006. Die Evangelische Stiftung beabsichtigte nämlich, für dieses erste Treffen lediglich drei Stunden Zeit zur Verfügung zu stellen. Klaus Görzel in der „Westfälischen Rundschau“: „Viel zu eng scheint ihr [der Arbeitsgruppe] der zeitliche Rahmen. ‚Angesichts dieser Gräueltaten’ sei eine dreistündige Kaffeetafel unzureichend.“ Görzel weiter: „Die ESV hat inzwischen geantwortet, dass es bei den Rahmenbedingungen der Einladung [drei Stunden] bleibt.“ (6) Mit dieser Antwort verstärkte sich die Vermutung, dass die Stiftungsleitung das Thema möglichst schnell vom Tisch haben möchte.

In dem Forderungskatalog wurde der Evangelischen Stiftung Mitarbeit seitens der Arbeitsgruppe an ihrer anstaltsinternen Aufarbeitung zugesagt. Die Gruppe wies aber auch darauf hin, dass sie „unabhängig von der Dokumentation der ESV und/oder durch Historiker ... selbst diese Zeit im Rahmen ihrer Möglichkeiten dokumentieren“ will. (7)

(1) http://gewalt-im-jhh.de/Das_Johanna-Helenen-Heim_1955-/JHH-Schrift.jpg

(2) http://gewalt-im-jhh.de/Auszug_aus_einem_Praktikumsber/auszug_aus_einem_praktikumsber.html

(3) http://gewalt-im-jhh.de/Erinnerungen_CF/erinnerungen_cf.html

(4) http://gewalt-im-jhh.de/Mockel_Antwort_auf_Springer_Bericht_Endversion.pdf

(Seite 22: Eigene Gedanken, 1. Die Anstaltsleitung)

(5) http://gewalt-im-jhh.de/Voraussetzungen_zur_Kooperatio/Forderungskatalog_komlett.pdf

(6) http://gewalt-im-jhh.de/Grundung_der_Freien_Arbeitsgru/grundung_der_freien_arbeitsgru.html

(7) http://gewalt-im-jhh.de/Forderung__Dokumentation_der_G/forderung__dokumentation_der_g.html

Teil 5: „Ohne Öffentlichkeitsarbeit kräht kein Hahn nach uns“

Heimkinder, Gewalt, Johanna-Helen-Heim, Volmarstein, Orthopädische Anstalten Volmarstein, Evangelische Stiftung Volmarstein, Freie Arbeitsgruppe JHH 2006

 

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Published by Helmut Jacob
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