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26. Juni 2013 3 26 /06 /Juni /2013 15:05

Entstehung einer Selbsthilfegruppe behinderter Heimopfer

Wie die „Freie Arbeitsgruppe JHH 2006“ entstand

Teil 3: Die „Volmarsteiner Erklärung“, einige erneute Lügen, Reaktionen        

Die „Volmarsteiner Erklärung“, einige erneute Lügen, Reaktionen

Fast auf den Tag genau, drei Monate nach meinem ersten Leserbrief in „Unsere Kirche“, (1) brachte die Evangelische Stiftung Volmarstein eine „Volmarsteiner Erklärung“ zu den Vorwürfen heraus. Bereits der Titel verkürzt die Zeit der Verbrechen um 3 Jahre: „Die Nachkriegsjahre (etwa 1947 - 1962) im Johanna-Helenen-Heim (JHH) der Evangelischen Stiftung Volmarstein (ESV) ...“ (2) Immerhin dauerte diese Schreckenszeit mindestens bis Ende 1965. Die gewalttätige und in etliche Verbrechen verstrickte Diakonisse Jenny war immerhin bis 1967 auf der Kinderstation tätig.

VolmErkl

In der einleitenden Erklärung soll eine Entschuldigung an die Opfer gerichtet sein: „Wir sprechen diesen Opfern der damaligen Zeit unsere Anteilnahme aus, trauern mit ihnen über ggfs. eine ‚verlorene Kindheit’ und solidarisieren uns mit ihren Leiderfahrungen.“ In der Erklärung weiter: „Wir bedauern, jetzt erst aufgrund der aktuellen Thematisierung – für viele nicht mehr Lebende zu spät – auf diesen ‚weißen Fleck auf der Landkarte unserer Anstalts- bzw. Stiftungsgeschichte’, der gegenüber den anderen Heim- und Lehrwerkstätten unserer Stiftung offensichtlich ein ‚schwarzer’ war, gestoßen zu sein.“ (3)

Die Entschuldigungsformel: „Namens der Evangelischen Stiftung Volmarstein entschuldigen wir uns, dass die Grausamkeiten damals nicht verhindert, unterbunden und geahndet wurden und bitten um Vergebung und Versöhnung.“

In diesem Beitrag soll die „Volmarsteiner Erklärung“ nicht noch einmal analysiert werden. Dies haben Ulrich Bach, Wolfang Möckel, Marianne Behrs und ich in unseren Stellungnahmen ausgiebig versucht. (4) (5) (6) (7)

Allerdings habe ich diese Entschuldigungsformel einer besonderen Betrachtung unterzogen: „Bereits auf Seite 3 steht eine Entschuldigung. Schon in seinem Anschreiben dazu weist Ernst Springer ausdrücklich darauf hin und vermittelte den Eindruck, dass hier die Kernaussage seiner gesamten Ausarbeitung steckt. Betrachtet man diesen Satz der Entschuldigung allerdings kritisch und liest zwischen den Zeilen, tritt folgendes zu Tage: Ernst Springer entschuldigt sich im Namen der ESV dafür, dass, wer auch immer, irgendwelche Grausamkeiten (also keine Verbrechen) damals nicht verhindert, unterbunden und geahndet hat, - und dafür bittet er (wen überhaupt?) um Vergebung - und dazu noch um Versöhnung.“

Und weiter: „Er entschuldigt sich nicht für die Verbrechen an den Hilflosesten der Gesellschaft überhaupt: an behinderten Kleinkindern und Kindern. Er entschuldigt sich nur dafür, dass die damalige OAV die Aufsichtspflicht verpennt hat. Mehr nicht. Dafür bittet er um Entschuldigung.“

Im Übrigen wertet Stiftungssprecher Ernst Springer sein Entschuldigungsersuchen dadurch ab, dass er einige Seiten später Rechtfertigungsgründe aus der Bibel für die Brutalitäten der Schwestern und Lehrerinnen auftischt. Kostprobe: „Züchtige deinen Sohn, solange Hoffnung da ist, aber lass dich nicht hinreißen, ihn zu töten.“ (8) Letzteres soll nicht passiert sein. Dem Gerücht, von mehreren Ehemaligen bestätigt, dass ein verängstigtes Kind aus dem Badezimmerfenster im zweiten Stock sprang, wurde nicht nachgegangen. Auch nicht der Frage, wie viele Suizide diese Schreckenszeit im Nachhinein zu verantworten hat.

„Grobe Unwahrheit“

Der „weiße Fleck“ auf der sonst angeblich weißen Landkarte der Evangelischen Stiftung Volmarstein erregte Aufmerksamkeit, sowohl bei Ulrich Bach, als auch in der Lokalredaktion der „Westfälischen Rundschau“ in Wetter. Insbesondere die Bemerkung vom Springer, erst jetzt, also im Jahre 2006, auf diese Taten aufmerksam geworden zu sein, war eine offensichtliche Lüge.

Ulrich Bach schrieb dazu in seiner Stellungnahme: „Die Rede muß sein von Ihrer Behauptung, sie seien erst jetzt (2006) auf diesen ‚Fleck’ ‚gestoßen’ ... . Tatsache ist aber (vgl. mein Buch ‚Ohne die Schwächsten ist die Kirche nicht ganz’, S. 87-90; dazu die Presse: WR, Lokalteil Wetter und Herdecke vom 15.8.06), daß Sie im Mai 1996 (mag sein: nicht erstmalig) auf dieses wohl schwärzeste Kapitel der ESV-Geschichte ‚gestoßen’ wurden. Sie haben also zehn Jahre lang versäumt, mit der Aufarbeitung zu beginnen, die Ihnen heute, nach dem Auftauchen des Themas in den Medien (vgl. Leserbrief von Helmut Jacob, UK 19.3.06), wichtig und eilig ist.“ (9)

Auch Klaus Görzel von der „Westfälischen Rundschau“ ging auf diese offensichtliche Lüge ein: „Nun hat das Bild vom ‚weißen Fleck auf der Landkarte unserer Anstalts- und Stiftungsgeschichte’ selbst einen Flecken bekommen: Gräuel im Johanna-Helenen-Heim der Nachkriegszeit und bleibende Schäden bei den körperbehinderten Opfern wurden bereits vor 10 Jahren aus dem Dunkel der Vergangenheit geholt.“

Görzel muss Springer mit diesen Ungereimtheiten konfrontiert haben. Springers Reaktion beschreibt er so: „Dabei kann sich Pfarrer Ernst Springer, Autor der Erklärung und vor zehn Jahren wie heute Vorstand der Stiftung, durchaus noch an die Rede von Bach erinnern. ‚Wie vor den Kopf geschlagen’ sei die Abschiedgesellschaft 1996 angesichts dieser ‚absolut nebulösen’ Eröffnungen gewesen. Es sei das Problem von Ulrich Bach, ‚dass er ein absolut verschlüsselter Mensch ist’, erklärt Springer, warum die Schilderungen damals keine Nachforschungen nach sich gezogen hätten.“ (10)

Jetzt wurde immer klarer, dass die Evangelische Stiftung an einer wahrheitsgemäßen und schonungslosen Aufarbeitung dieser Zeit nicht interessiert war. Wieder war es Ulrich Bach, der den entscheidenden Impuls gab: Ihr müsst euch zu einer Interessengruppe zusammenschließen. Und mit diesem Impuls wurde Bach zum Gründer der „Freien Arbeitsgruppe JHH 2006“.

(1) http://gewalt-im-jhh.de/Wie_alles_begann_-_Presseberic/UK_12_-_190306.jpg

(2) http://gewalt-im-jhh.de/Volmarsteiner_Erklarung_von_Er/ESV_1.jpg

(3) http://gewalt-im-jhh.de/Volmarsteiner_Erklarung_von_Er/ESV_2.jpg

(4) Bach: http://gewalt-im-jhh.de/Stellungnahme_zur_Volmarsteine/stellungnahme_zur_volmarsteine2.html

(5) Möckel: http://gewalt-im-jhh.de/Stellungnahme_zur_Volmarsteine/stellungnahme_zur_volmarsteine.html

(6) Behrs: http://gewalt-im-jhh.de/Stellungnahme_zur_Volmarsteine/stellungnahme_zur_volmarsteine3.html

(7) Jacob: http://gewalt-im-jhh.de/Stellungnahme_zur_Volmarsteine/stellungnahme_zur_volmarsteine1.html

(8) http://gewalt-im-jhh.de/Volmarsteiner_Erklarung_von_Er/ESV_10.jpg

(9) http://gewalt-im-jhh.de/Stellungnahme_zur_Volmarsteine/stellungnahme_zur_volmarsteine2.html

(10) http://gewalt-im-jhh.de/Grobe_Unwahrheit_-_ESV-Leiter_/Unwahrheit_2klein.jpg

Teil 4: Gründung der Freien Arbeitsgruppe JHH 2006

Teil 5: „Ohne Öffentlichkeitsarbeit kräht kein Hahn nach uns“

Heimkinder, Gewalt, Johanna-Helen-Heim, Volmarstein, Orthopädische Anstalten Volmarstein, Evangelische Stiftung Volmarstein, Freie Arbeitsgruppe JHH 2006

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Published by Helmut Jacob
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