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24. Juni 2013 1 24 /06 /Juni /2013 16:15

Entstehung einer Selbsthilfegruppe behinderter Heimopfer

Wie die „Freie Arbeitsgruppe JHH 2006“ entstand

Teil 2: Die Beleidigung, die Lüge, der Zusammenbruch eines Opfers

Nach dem rührseligen Brief des Anstaltsleiters erkannte ich sofort: Der Mann spielt mit gezinkten Karten und will nur Infos über diese Zeit. Von mir wurde er nicht beliefert. Vielmehr schrieb ich einen Leserbrief zu dem Artikel des Lokalredakteurs Görzel und stellte klar: „Fakt ist: Auf den zwei Kinderstationen arbeiteten insgesamt vier allesamt gewalttätige Schwestern. Auf der Kleinkinderstation war eine Schwester als gewalttätig bekannt. Viel mehr als diese fünf Schwestern waren auf allen drei Stationen nicht beschäftigt (etwa sechs).“ (1)

Damit korrigierte ich Springers Behauptung in der Lokalpresse, wonach er an eine Bündelung der Gewalt „als bestimmendes Bild“ nicht glauben wollte. Und damit fühlte sich Springer sicher zu Recht provoziert.

So kam, was kommen musste; Ernst Springer holte in einem Gegenleserbrief im Evangelischen Wochenmagazin „Unsere Kirche“ zum Gegenschlag aus: „Erstens sind wir Herrn Jacobs Hass auf schreckliche Erlebnisse seiner Kindheit und seine Institutionskritik gewohnt, ja verstehen Herrn Jacob hier vor Ort.“ Springer weiter: „Wir wissen aber auch, wie Traumatisierungen oft den Blick trüben, zumindest fixieren können.“ (2)

Der Angesprochene verstand sofort: Er stellt mich öffentlich als verrückt dar. Und er wollte mich mit diesem verbalen Schlag für immer und ewig mundtot machen. Außerdem stecken in diesem Satz mehrere Lügen. Über schreckliche Erlebnisse aus meiner Kindheit habe ich mit der Evangelischen Stiftung, mit den Anstaltsleitern und sonstigen Pfarrern nie zuvor gesprochen. Traumatisiert war ich zu keinem Zeitpunkt.

Mit diesem Brief ist Springer der wohl entscheidende Fehler unterlaufen. Angesichts solcher Beleidigungen schlagen sich manche Leser auf die Seite des Getroffenen. Durch Springers Aufforderung im Beitrag der Lokalzeitung, mehr „Butter an die Fische“ zu geben, fühlten sich andere Opfer angesprochen und öffneten ihre Butterdose.

Portrait-Klaus.jpg

Klaus Dickneite meldete sich schriftlich zu Wort: „Ich habe meine gesamte Kindheit in der angesprochenen Einrichtung verbracht seit meinem 2. Lebensjahr und hatte keine Angehörigen, zu denen ich Kontakt hatte. Ich war also ein Vollweise. Erst als ich 18 Jahre alt war, übernahm eine in der Einrichtung neu eingestellte Lehrerin meine damalige Vormundschaft. Bis dahin war ich ‚allein auf dieser Welt und in dieser Einrichtung’.“ Dickneite weiter: „Herr Springer möchte gern mehr ‚Butter an die Fische’? Das ist durchaus möglich. Es gab eine noch viel stärkere Bündelung von Gewalt, Folter und Isolationshaft, als sie in dem Artikel beschrieben wurde. Hier ist ‚das Futter’ in Form einiger Beispiele aus eigenem Erleben und Erleiden“. Dann berichtete er von schlimmen Misshandlungen im Johanna-Helenen-Heim und in der Orthopädischen Klinik. (3)

Marianne Behrs, eine ehemalige Mitschülerin, bezog regelmäßig „Unsere Kirche“. Eines Tages musste sie zum Hausarzt und wollte sich die Wartezeit mit der Lektüre dieses Blattes verkürzen. Plötzlich las sie den Leserbrief eines ihrer Mitschüler, den von Helmut Jacob. Es wurde ihr schwindelig, es wurde ihr schlecht und sie brach vor ihrem Hausarzt zusammen. Der Arzt stellte ihren Kreislauf wieder her und forschte nach, warum sie zusammengebrochen sei. Behrs erzählte von dem Leserbrief, reichte die Zeitung dem Arzt und der verstand sofort: Auch diese Frau muss unendliches Leid erlebt haben. Und dann sprudelte es aus Marianne heraus und sie erzählte, was ihr als Kind widerfuhr. (4)

Der Arzt vermittelte ihr, dass sie sich mit dieser Zeit auseinandersetzen müsse. Und so rief Marianne Behrs ihren Konfirmator an, Ulrich Bach. Der wiederum fragte mich, ob er meine Telefonnummer an sie weiterreichen dürfe und ich stimmte sofort zu. Eines Tages rief mich ein verängstigtes Häuflein Elend an. Es war Marianne. Sie wolle sich mit mir treffen. Es kam zu diesem Treffen in einem solch familiären Umfeld, wie es Marianne Behrs nicht erwartet hatte. Anette, die mir zur Seite steht, bewirtete sie liebevoll, wie ihre eigene Schwester.

Im Laufe vieler Gesprächsstunden versuchte ich Marianne zu vermitteln, dass es unsere Aufgabe sein müsste, nicht in Selbstmitleid zu verfallen, sondern Sprachrohr für die zu werden, die wirklich noch heute traumatisiert sind. Ich wußte nicht, dass auch sie zu dieser Gruppe gehörte und psychotherapeutische Hilfe in Anspruch nahm, weil der Leserbrief alles, aber auch alles, in ihr aufbrach. „Schreibe Deine Geschichte auf“, forderte ich sie auf. Und dann berichtete Marianne, dass sie ihr Erlebtes bereits in den 1980er Jahren niedergeschrieben hatte. Sie stand vor einer Operation und wollte, dass man ihre Geschichte im Nachtschränkchen fand, wenn sie diese nicht übersteht. Wenig später erhielt ich ihre Erinnerungen. Da steht von Schlägen und sexueller Bloßstellung, von täglichen Demütigungen, von Beleidigungen und Enttäuschungen, von brutalem Angstmachen und auch vom Zertreten einer kleinen Puppe, die sie zu Weihnachten geschenkt bekam und verstecken wollte, damit sie etwas zum Liebhaben hat.

Mimerlle.jpg„Sie [die Schwester] nahm die Puppe, riss ihr den Kopf ab und schlug ihn so lange auf den Boden, bis er zerbrach. Es dauerte eine Weile, weil der Fußboden aus Holz war. Mit beiden Händen nahm sie die Beine und riss die Puppe in der Mitte durch.“ So Marianne Behrs in ihren Erinnerungen. (5)

Der Leserbrief von Ernst Springer hat sie entsetzt. Wie sollte sie darauf reagieren. „Schreibe doch auch einen Leserbrief“, empfahl ich ihr und bereitete ihr damit ziemliches Kopfzerbrechen.

Eins verbindet alle Heimopfer: Sie wurden systematisch entmündigt. Man verlangte von ihnen absoluten, bedingungslosen, nicht diskutierbaren Gehorsam. Dazu gehörte das Verbot jeglicher Kritik, ob sie berechtigt war oder nicht. Ärzte, Heimleiter und Stationsleiter waren wie Götter zu behandeln, sie waren unantastbar. Was sie sagten, war durch die Heimkinder und Heimjugendlichen als Evangelium zu verstehen. Wer gegen diese unausgesprochenen Regeln verstieß, musste mit schärfsten Sanktionen rechnen.

In Volmarstein war es nicht anders. Noch heute spreche ich mit ehemaligen Mitschülern, die immer noch unter diesem Druck leiden. Meine Öffentlichkeitsarbeit schockiert sie streckenweise. „Dass Du Dich das traust!“, oder „Du bist aber frech!“, bekomme ich nicht selten zu hören und zu lesen. Und hier geht die Saat auf, die in Kinderpsychen gestreut wurde: Halte sie in Angst und Schrecken und sie werden dir später nicht gefährlich; - weil sie diese Angst behalten.

Vielleicht ist nun nachvollziehbar, warum die meisten Heimopfer sich nicht trauen, ihr Erlebtes öffentlich zu machen oder selbst die Almosen aus dem Opferfonds in Anspruch zu nehmen.

Marianne-Port.jpgSchließlich schrieb Marianne Behrs ihren Leserbrief. Auszug: „Kirchenlieder waren uns zu dieser Zeit sehr vertraut. Fast jeden Tag, den Gott werden ließ, hämmerte man mir diese Lieder ein. Egal wie, mal mit einem Rohrstock oder mit der Hand. ... Man versuchte auch dabei den Takt zu halten.“ Behrs zum Schluss: „Kleiner Junge, kleines Mädchen; mir wurde auf einmal klar: Wir waren ja kleine, hilflose, körperbehinderte Kinder!“ (6)

Mit diesem Leserbrief trug sie dazu bei, dass in der Öffentlichkeit das Bewusstsein entstand: In Volmarstein muss wirklich die Hölle gewesen sein.

Inzwischen lagen mir die ungekürzten Kindheitserinnerungen von Marianne Behrs vor. Ich habe sie wenigstens zehn Mal in zwei, drei Tagen gelesen und war und bin immer noch erschüttert über das Leid, das dieses Kind erdulden musste. Die übrigen Mitschüler männlicherseits bekamen wenig davon mit, weil der Kontakt zu den Mädchen streng verboten war. Viel Gewalt erfuhr sie auch ohne Zeugen, klammheimlich, vor der Schlafzimmertür oder auf dem Dachboden.

Um den Lesern des evangelischen Wochenmagazins noch einmal zu verdeutlichen, welche Verbrechen in den 60er Jahren in einem Volmarsteiner Kinderheim an der Tagesordnung waren, habe ich die Erinnerungen von Marianne Behrs grob und komprimiert in einem letzten Leserbrief in „Unsere Kirche“ zusammengefasst. An dieser Stelle wird auf das auszugsweise Zitieren verzichtet, weil diese Zitate bei einigen Opfern Trigger auslösen könnten. (7)

(1) http://gewalt-im-jhh.de/Wie_alles_begann_-_Presseberic/WR080406.jpg

(2) http://gewalt-im-jhh.de/Wie_alles_begann_-_Presseberic/UK220406.jpg

(3) http://gewalt-im-jhh.de/Erinnerungen_KD/erinnerungen_kd.html

(4,5) http://gewalt-im-jhh.de/Erinnerungen_MB/erinnerungen_mb.html

(6) http://gewalt-im-jhh.de/Wie_alles_begann_-_Presseberic/UK_17_-_230406.jpg

(7) http://gewalt-im-jhh.de/Wie_alles_begann_-_Presseberic/UK_19_070506.jpg

Teil 3: Die „Volmarsteiner Erklärung“, einige erneute Lügen, Reaktionen

Teil 4: Gründung der Freien Arbeitsgruppe JHH 2006

Teil 5: „Ohne Öffentlichkeitsarbeit kräht kein Hahn nach uns“

 

Heimkinder, Gewalt, Johanna-Helen-Heim, Volmarstein, Orthopädische Anstalten Volmarstein, Evangelische Stiftung Volmarstein, Freie Arbeitsgruppe JHH 2006

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Published by Helmut Jacob
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Kommentare

Hildegard Neumeyer 06/24/2013 18:54

Es ist vergleichbar mit dem Wittekindshof
Wenn ich das lese spüre ich wieder die Schläge