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22. September 2012 6 22 /09 /September /2012 13:49

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Sie werden verachtet, geschnitten, bestraft: Whistleblower. 

Laut Wikipedia ist dies „ein Hinweisgeber oder ein Informant, der Missstände wie illegales Handeln (z. B. Korruption, Insiderhandel und Menschenrechtsverletzungen) oder allgemeine Gefahren, von denen er an seinem Arbeitsplatz oder in anderen Zusammenhängen erfährt, wie beispielsweise als Patient bei einer medizinischen Behandlung, an die Öffentlichkeit bringt.“
http://de.wikipedia.org/wiki/Whistleblower

Im großen Weltgeschehen sind es z.B. amerikanische Soldaten, die über Menschenrechtsverbrechen in einem Gefangenenlager der US-Navy in der Guantanamo-Bucht der Insel Kuba oder über militärische Vernichtungszüge gegen die Zivilbevölkerung in Afghanistan und im Irak berichten. Wegen Verbreitung solchen Insiderwissens versucht beispielsweise die amerikanische Justiz, den Wikileakes-Gründer Julian Assange, der derzeit Asyl in England genießt, im Rahmen eines Auslieferungsantrages vor die amerikanische Gerichtsbarkeit zu bekommen, wo ihm wegen Hochverrates die Todesstrafe droht.

Im näheren Umfeld wurde in den vergangenen Jahren die Berliner Altenpflegerin Brigitte Heinisch zum Whistleblower. Der evangelische Theologe Dierk Schäfer aus Bad Boll hat ihre Zivilcourage nachgezeichnet: „...Heinisch hatte durch die Anzeige gegen ihren Arbeitgeber öffentlich gemacht, daß in dem Vivantes-Pflegeheim, in dem sie arbeitete, aus Personalmangel die alten Leute zum Teil bis mittags unversorgt in ihren Exkrementen liegen mußten und daß es eine Anweisung gab, an Windeln zu sparen.“ Schäfer weiter: „Würdiges Sterben sieht anders aus.“ 
http://dierkschaefer.wordpress.com/2011/07/31/wurdiges-sterben/

Die Firma Vivantes kündigte ihr und bekam vor deutschen Gerichten Recht. Erst vor dem Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte in Straßburg wurde sie rehabilitiert. „World Socialist Web Site” dazu: Das Verfahren gegen Vivantes aufgrund der Anzeige stellte die Staatsanwaltschaft Berlin schon im Mai 2005 ein; die fristlose Kündigung der Altenpflegerin aber wurde 2006 in der zweiten Instanz vor dem Landesarbeitsgericht Berlin bestätigt. Das Bundesverfassungsgericht ließ keine Klage zu.

Der Europäische Gerichtshof für Menschenrechte weist diese gerichtlichen Entscheidungen nun zurück. Der Ruf der Firma könne nicht schwerer wiegen, als das öffentliche Interesse an der Aufdeckung von Mißständen in Pflegeanstalten. Auf frühere Hinweise an die Geschäftsleitung habe das Unternehmen nicht reagiert, wodurch sich der Verdacht auf bewusste Vertuschung erhärtet habe. Brigitte Heinisch wurden vom EGMR 15.000 Euro Schadensersatz zugesprochen.
http://www.wsws.org/de/2011/jul2011/hein-j28.shtml

Bezeichnenderweise wurde Brigitte Heinisch das Bundesverdienstkreuz, dass Dierk Schäfer für ihre beispielhafte Zivilcourage beim Regierenden Bürgermeister von Berlin, Klaus Wowereit, beantragte, verweigert. Schäfer: „Am 2. Dezember erhielt ich die Auskunft, „dass nach Abschluß des hierfür erforderlichen Prüfungsverfahrens die Voraussetzung für eine Ordensverleihung an Frau Heinisch nicht gegeben sind.“
http://dierkschaefer.wordpress.com/2011/12/31/2243/

Unbekannte Whistleblower gab es in der Heimszene schon vor 50 Jahren. In den damaligen „Orthopädischen Heil-, Lehr- und Pflegeanstalten Volmarstein“ (heute: Evangelische Stiftung Volmarstein), einer Einrichtung der Inneren Mission (die Vorläuferorganisation des Diakonischen Werkes) war es der Diakonenschüler Karl Joachim Twer, der geradezu verbrecherische Zustände in einem Heim für behinderte Schüler an die interne Öffentlichkeit brachte. Twer schrieb einen Praktikumsbericht. Auszug: 
„Eine Begebenheit auf der Mädchenstation, bei der ein Mädchen, ich möchte fast sagen auf bestialische Weise gezwungen wurde zu essen, beanspruchte meine Nerven aufs Äußerste. Die beiden Diakonissen der Mädchenschulstation hatten ein schmächtiges, elend aussehendes Würmchen auf den Boden gelegt, knieten sich auf Arme und Beine, und während die eine den Kopf festhielt und ihm den Mund aufriß, schaufelte die andere (man kann es wirklich nicht anders bezeichnen) das Essen, Kartoffel, Fleisch und grünen Salat in den Mund. Was das Kind erbrach wurde wieder mit hineingeschaufelt. Begleitet wurde das Ganze von einem herzzerreißenden Geschrei des Mädchens. Ich war unfähig zu handeln. Der freie Nachmittag, der das Essen beschloß, bewirkte durch endloses Wiederholen dieses Dokumentarfilms, begleitet von Herz- und Magenkrämpfen, einen hohen Grad an Erholung und Entspannung. - Sieht es so hinter allen Anstaltsmauern aus? 
Ein Gespräch über diesen Vorfall, das sich zufällig mit Herrn Pfarrer K. [Ernst Kalle, damaliger Anstaltsleiter] ergab, endete mit den leeren Worten: ‚Bruder T., es ist gut, wenn man neben den positiven auch die negativen Seiten sieht!’"
Aus dieser Ignoranz zog Twer Konsequenzen: “Meine Marschrichtung war klar. Mit Hilfe von höherer Stelle war nicht zu rechnen. Ich sagte dem unmenschlichen Geschehen auf der gesamten Schulstation den Kampf an. Das klingt sehr hart, war aber in dieser Verzweiflung mein Fahrplan. Mir war klar, daß für mich nun ein Nervenkrieg folgen würde, wie er in einer kirchlichen um nicht zu sagen christlichen Einrichtung wohl nicht erforderlich zu sein brauchte.“
http://gewalt-im-jhh.de/Auszug_aus_einem_Praktikumsber/auszug_aus_einem_praktikumsber.html
(Kompletter Praktikumsbericht: http://gewalt-im-jhh.de/Auszug_aus_einem_Praktikumsber/Twer_Jochen_Praktikumsbericht_komplett.pdf)


Twers Befürchtungen traten ein. Der Ausbildungsleiter des Brüderhauses „Martineum“ in der Volmarsteiner Anstalt drängte ihn, die anklagenden Teile aus dem Praktikumsbericht zurückzunehmen. Twer weigerte sich. 

In dieser Weigerung wird sichtbar, welche „heilsamen“ Wirkungen Whistleblower entfalten. Die Verbrechen an den behinderten Heimkindern fanden ein jähes Ende. Jahrzehnte später - Jochen Twer wollte das eine noch vorhandene Exemplar dieses Praktikumsberichtes im Rahmen eines Umzuges entsorgen – forschte der evangelische Theologe Ulrich Bach (inzwischen verstorben) nach diesem Dokument. Er sollte ein Beitrag zur Aufarbeitung der Verbrechen an den Volmarsteiner Heimkindern aus der Sicht einer Gruppe von Heimopfern werden. Bachs Überlegung: Neben subjektiven Schilderungen der Opfer machen Aussagen ehemaliger Mitarbeiter in der gleichen Zeit diese Schilderungen glaubwürdiger.

In der letzten Konsequenz waren die Schilderungen der Heimopfer zusammen mit dem Praktikumsbericht, der auf der Homepage der Opfergruppe veröffentlicht wurde, so überzeugend und eindringlich, dass sich die Evangelische Stiftung Volmarstein nach heftigem Sträuben veranlasst sah, die Historiker Professor Hans Walter Schmuhl und Dr. Ulrike Winkler mit Nachforschungen zu beauftragen.

Auch Brigitte Heinischs Engagement bewirkt – ebenso wie undichte Stellen überall da, wo Ungerechtigkeit und Verbrechen geschehen -, dass die Täter wissen: Sie werden beobachtet und in einzelnen Fällen angezeigt.

Die Welt braucht Whistleblower, damit sie moralisch nicht völlig unter die Räder kommt. 

 

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Published by Helmut Jacob
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