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24. Januar 2012 2 24 /01 /Januar /2012 23:41

 

„... [er] hat die Ehemaligen ins offene Messer laufen lassen... wieder und immer wieder! Erst hat er sie nicht richtig, nicht genügend beraten am RTH - wenn überhaupt. Dann hat es versäumt, seine Stimme zu erheben, als die himmelschreienden Ungerechtigkeiten sich abzeichneten. Dann hat er zu allem Dreck am RTH sein "Ja und Amen" gegeben. Und dann... man glaubt es kaum... hat er sich GEGEN die Ergebnisse des RTH ausgesprochen. Von ihm mit zu verantworten, von ihm mit abgestimmt ...“. Heidi Dettinger in einem Leserkommentar.

Dettinger1 

Sie bevorzugt die klare Aussprache. Man wird hellwach, wenn man ihre vielen Kommentare in Zeitungen, auf journalistischen Portalen, in Foren und Blogs liest. Sie übermittelt eine gewisse Härte und Sturheit, wenn es um das Thema „Heimkinder“ geht. Wer mehrere ihrer Beiträge gelesen hat, weiß: Heidi Dettinger steht bedingungslos auf der Seite der Heimopfer. Ich habe versucht, hinter der vermeintlich „rauhen Schale“ den „weichen Kern“ zu entdecken.

Seit sie im Vorstand des „Verein ehemaliger Heimkinder“ sind, hat die Vereinsarbeit wieder an Fahrt aufgenommen. Ist mein Eindruck richtig?

Der Eindruck täuscht. Der Vorstand ist ein gutes Team und das bringt naturgemäß „Fahrt“ in die Arbeit.

Wie beurteilen Sie die Zusammenarbeit in Ihrem Verein und wo lagen in den vergangenen Jahren Schwierigkeiten im Umgang miteinander?

Es gibt im Verein verschiedene Ebenen der Zusammenarbeit. Auf der Vorstandsebene. Da sind wir, wie gesagt ein Team und arbeiten gut zusammen. Dann gibt es die Ebene der Zusammenarbeit mit einigen Mitgliedern, die ziemlich eng und mit viel Engagement mit dem Vorstand zusammenarbeiten. Und es gibt die Ebene der Mitglieder, die aus der verschiedenen Gründen nicht so sehr oder gar nicht aktiv sein können oder wollen. Es ist schon manchmal ein Balanceakt, dies alles unter einen Hut zu bekommen.
Über die Schwierigkeiten der vergangenen Jahre kann ich mich nicht äußern, da ich diese Dinge bestenfalls vom Hörensagen kenne.

Sie selbst waren ehemaliges Heimkind. Wo?

Ich war in einem Heim für schwererziehbare Mädchen in Hannover, im Birkenhof.

Ich möchte Sie nicht ausfragen. Wollen Sie mir dennoch einige Erfahrungen schildern?

Es war eine graue, grausame Zeit. Eine Zeit ohne Anregungen, angefüllt mit drastischen Regeln, ebensolchen Strafen und mit unzähligen Stunden harter Arbeit. Es war ebenso eine Zeit der religiösen und politischen Indoktrination, der ständigen Angst, des ekligen Essens, des perversen Frauenarztes und der ständigen Ausbrüche – verbunden wieder mit Angst und Unsicherheit und dem Terror des Zurückkommens.

Inwieweit hat Ihr Heimleben Ihr Leben danach geprägt?

Ich habe im Birkenhof endgültig gelernt, dass ich nichts wert bin, dafür aber schuldig und schmutzig. Ich habe es gelernt, mich meiner Existenz zu schämen, meiner Gedanken, meines Tuns, meiner Fähigkeiten ebenso wie meiner Unfähigkeiten.

Und ich habe gelernt, die Zeit im Birkenhof zu verdrängen, zu vertuschen, zu verleugnen. Es hat nie jemand etwas erfahren, nicht einmal die Menschen, die mir am nächsten standen. In meiner Vita hatte ich das Heim gleichsam „ausradiert“.
Ich habe es nicht hingekriegt, eine vernünftige, erwachsene Partnerschaft zu leben. Darunter haben mit Sicherheit meine Kinder und auch meine Partner und natürlich auch ich selbst gelitten.

Darf ich über Ihre Berufstätigkeit erfahren?

Nach ziemlich langen Jahren im Ausland, nach zwei gescheiterten Beziehungen und vier Kindern habe ich das Abitur nachgemacht und Sozialwissenschaften studiert. Eine gute Wahl, allerdings nichts, mit dem ich noch groß „Karriere“ machen konnte.

Jetzt sind Sie älteren Semesters. Verraten Sie Ihr Alter?

Ich werde dieses Jahr 65. Erstaunlich ...

Man erlebt Sie im Internet als streitbar. Warum?

Weil ich streitbar bin. Ungerechtigkeiten bringen mich auf die Palme. Und wahrscheinlich bin ich auch einfach ein bisschen zickig...

Wo hört bei Ihnen die Kompromissbereitschaft auf?

Kompromissbereitschaft muss meiner Ansicht nach da aufhören, wo Rechte und gerechtfertigte Forderungen mit Füßen getreten werden.

Dettinger2

Im Dezember haben auch Sie vor der Christuskirche in Bochum demonstriert. Dagegen, dass die Ex-Vorsitzende des „Runden Tisches Heimerziehung“, Antje Vollmer, den „Hans-Ehrenberg-Preis“ bekommt. War die Demo ein Erfolg?

Ja. Ich fand schon, dass die Demo ein Erfolg war. Wir haben es verstanden, mit relativ wenigen Demonstranten Präsenz zu zeigen und unseren Unmut über diese ungerechtfertigte Preisverleihung gut und eindrucksvoll zu bekunden.
Übrigens bin ich der Meinung, dass jede Art von Demonstration von Überlebenden ein Erfolg ist. Schließlich sind die meisten von uns ziemlich alt, nicht sonderlich gesund, eher arm und auch eher ängstlich. Und die allermeisten ohne Demoerfahrung. Also ist jeder und jede, die sich in der Öffentlichkeit zeigt, ein Erfolg.

Irgendwo schrieben Sie, Sie würden Frau Vollmer verfolgen, solange Ihre Kraft reicht. Klingt da Verbitterung an oder sportlicher Ehrgeiz?

Ach, ich bin eine miserable Schützin :-) Aber ich werde mich weiterhin um Konfrontationen bemühen, will diese Frau nicht einfach ins Vergessen rutschen lassen!

Dettinger re

 

H. Dettinger rechts

Seit wann stehen Sie auf der Seite der Heimopfer?

Seit ich begonnen habe, meine eigene Heimzeit aus der Verdrängung zu holen. Also seit 2007/2008 etwa.

Welche besonderen Enttäuschungen in der gemeinsamen Aufarbeitung belasten Sie?

Es war für mich schockierend am Anfang, wieviel Unfrieden unter den Ehemaligen herrscht. Inzwischen finde ich das nicht mehr schockierend. Manchmal traurig, manchmal auch lästig und verletzend.

Gibt es glückliche Momente im Rahmen der Aufarbeitung?

Der glücklichste Moment war vielleicht das Realisieren, dass nicht ich unbedingt die Böse war, das schlechte Mädchen, sondern dass da etwas mit mir gemacht worden ist. Ich kann also wieder gut sein. Heute noch macht es mich froh, um mich herum Menschen zu wissen, denen ich im Prinzip nichts erklären muss. Von denen ich noch nie gehört habe: „Na, bei dir wundert mich das nicht...“ Außerdem muss ich sagen, dass ich durch meine doch recht intensive Beschäftigung ganz viele sehr besondere Menschen kennengelernt habe von denen ich manche heute durchaus als Freunde bezeichnen würde.

Jetzt ruft Ihr VEH zum Boykott auf. Wer soll was boykottieren?

Wir wollen mit unserem Boykott noch einmal ganz klar machen, dass das, was sich Staat und Kirchen haben einfallen lassen, keineswegs eine Entschädigung ist, sondern ein Schnäppchen für die Täterorganisationen und ein Schlag ins Gesicht für uns! Wir rufen die Überlebenden auf, sich nicht an diesem Betrug zu beteiligen, sich nicht schon wieder abstrafen zu lassen!

Wie lange besteht eine Möglichkeit zur Teilnahme an der Abstimmung?

Wir haben die Abstimmung erst einmal auf 6 Monate terminiert. Wir glauben, dass allen erst einmal die Möglichkeit gegeben werden muss, sich zu informieren, durchzuatmen, vielleicht zu prüfen, ob wir wirklich Recht haben mit dem, was wir schreiben.

Ihre Meinung zur Verzichtserklärung auf künftige Rechtsmittel:

Eine Verzichtserklärung mag sinnvoll sein, wenn beide Parteien – die Forderer (also wir) und die Schadensverursacher (also Kirche, Staat et al) – sich an einen Tisch setzen und so lange verhandeln, bis sie zu einem für beide Seiten akzeptablen Resultat kommen. In unserem Fall aber wurde das „Resultat“ einseitig und äußerst diktatorisch festgelegt.

Das ist schlicht undemokratisch und unverschämt! Verzicht auf Rechtsmittel gegen einen Stützstrumpf!

Wie steht es nach Beendigung der Runden Tische um die Zusammenarbeit mit der Presse?

Die Presse ist naturgemäß interessiert an Schlagzeilen, nicht an der tagtäglichen Kleinarbeit, egal wie aufreibend. Also versuchen wir, eine andere Öffentlichkeit zu schaffen. Dank des Internets geht das ja auch – allerdings gibt es, ebenso dank des Internets, hier dann auch eine gewisse Beliebigkeit.

In der letzten Zeit allerdings hatte ich unbedingt den Eindruck, als hätten wir es mit einer gleichgeschalteten Presse zu tun. Man las nur noch von Entschädigung. Es war eine mühsame Arbeit, dagegen anzuschreiben. Aber letzten Endes scheint es so, als hätten unsere gemeinsamen Bemühungen doch Erfolg gehabt und einige Zeitungen zumindest haben ein bisschen genauer recherchiert und dementsprechend berichtet.

Wie beurteilen Sie den Zusammenhalt der Heimopfer?

Ich glaube, dass es schwierig ist, dieser allgemeinen Form vom „Zusammenhalt der Heimopfer“ zu reden. Dazu sind wir doch alle zu unterschiedlich, haben auch in den Heimen die unterschiedlichsten Erfahrungen gemacht, haben unser Leben auf die unterschiedlichste Art und Weise gelebt. Und das spiegelt sich auch in Umgang und Zusammenhalt untereinander wider.

Viel schlimmer finde ich allerdings, dass offensichtlich immer und von allen Seiten dieses „Harmoniebedürfnis“ herangetragen wird. In jeder Gruppierung gibt es Schwierigkeiten, Streitigkeiten, Auseinandersetzungen. Das mag nervig sein, sprengt auch so manches, ist oftmals auch nicht so leicht auszuhalten. Aber es kann doch auch beflügeln, neue Ideen reinbringen, neue Sichtweisen. In den Parteien heißt das dann Strömungen, in der Wissenschaft sind das unterschiedliche Meinungen und Thesen. Nur bei uns soll alles immer freundlich zugehen? Und alle einer Meinung sein? Ich finde, da sollten wir einfach den Ball etwas flacher halten, uns nicht bange machen lassen und vor allem: nicht reinreden lassen!

Naja, und uns gegenseitig nicht gleich ganz zu zerfleischen, wäre natürlich auch gut! Wenn man über das Ziel hinausgeschossen ist, kann man sich entschuldigen, ansonsten ist es sinnvoll, die Augen und die Ohren auch für andere Meinungen offen zu halten.

Worüber können Sie sich in Sachen Heimkinder richtig ärgern? Worüber können Sie sich freuen?

Ich ärgere mich – nicht nur in Sachen Heimkinder – über Stigmatisierungen und Dummheit. Ich freue mich, dass ich immer wieder mutigen, klugen Menschen begegne, mit denen ich nicht nur diskutieren, sondern auch lachen kann.

Brennt Ihnen etwas unter den Nägeln, was Sie loswerden wollen?

Ja! Ich finde, wir müssen unbedingt ein paar Sprachregelungen finden. Ich will mal ein paar Begriffe nennen, die ich einfach schrecklich finde:

„Ehemaliges Heimkind“ macht uns irgendwie tatsächlich zu Kindern. Nicht wirklich verantwortungsbewusst und ernst zu nehmen.

„Betroffene“, „Opfer“ hört sich für mich beklagenswert an. Und irgendwie nach aufgeben.

Die „Heime“ waren eigentlich keine, sondern sie waren Anstalten! Heim nämlich trägt die Bedeutung von heimelig, geborgen, warm ....

Und das ist eigentlich das schrecklichste Wort meiner Sammlung: „Kindesmissbrauch“ impliziert, dass es einen „richtigen“ Gebrauch von Kindern gibt. Wenn dieses Wort auch noch in Kombination mit anderen gebraucht wird, wird es einfach scheußlich: „Missbrauchsbeauftragte“ z.B. - heißt das, dass der Kindesmissbrauch nun in den kompetenten Händen einer Beauftragten liegt?

Das hört sich vielleicht erst einmal kleinlich an. Aber Sprache hat einen großen Einfluss – sowohl bei der Verschleierung von Sachverhalten als auch bei deren Aufdeckung! Ich bin der Meinung, dass man die Dinge beim Namen nennen muss! Dann wird aus „Kindesmissbrauch“ nämlich Vergewaltigung. Und aus einem Heimkind ein Überlebendes der Kinderheimhöllen.

Beeinflusst Ihr Engagement Ihr Familienleben?

Familienleben? Was ist das? Nein, im Ernst – ich lebe seit vielen Jahren allein; fast meine komplette Familie ist inzwischen in Spanien zu Hause. Also kann ich tun und lassen, was ich will, wann ich will, wie ich will. Durch meinen Freundeskreis allerdings geht manchmal ein hörbares Seufzen ...

Was halten Ihre Kinder, was die Enkel von der Arbeit der Oma Heidi?

Meine Enkeltochter ist erst fünf Jahre alt, und wenn sie mich besuchen kommt, nehme ich mir soviel Zeit für sie, wie sie möchte. Meine Kinder kennen mich eigentlich immer politisch aktiv und sind – nachdem sie erst einmal voller Schrecken von meiner Vergangenheit erfahren haben – froh, dass ich mich weiterhin damit auseinandersetze. Und – so mein Ältester unlängst – laufen sie wenigsten keine Gefahr, dass ich langweilig werde.

Homepage „Verein ehemaliger Heimkinder e.V.“: http://veh-ev.info/

Boykottaufruf „Fondsverteilung ehemalige Heimkinder“: http://www.veh-ev.info//pages/verein-ehemaliger-heimkinder-e.v.-veh-e.v.-skandale-und-affE4ren-FCber-den-umgang-mit-den-ehemaligen-heimkindern/boykott-fondsverteilung-ehemalige-heimkinder.php

Demo gegen Preisverleihung an Antje Vollmer: http://www.veh-ev.info//pages/verein-ehemaliger-heimkinder-e.v.-veh-e.v.-skandale-und-affE4ren-FCber-den-umgang-mit-den-ehemaligen-heimkindern/boykott-fondsverteilung-ehemalige-heimkinder.php

Heimkinder, Heimopfer, Evangelische Kirche, Katholische Kirche, Kinderheime, Gewalt, sexueller Missbrauch, Opferfonds, Runder Tisch Heimerziehung, Verein ehemaliger Heimkinder, VeH,

 

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Published by Helmut Jacob
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Kommentare

Mea 02/09/2012 18:38

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