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16. August 2013 5 16 /08 /August /2013 23:16

Sie erwarteten Akten und bekamen sie auch. Akten, die auf jeden Fall unvollständig sind, weil kein Verbrecher seine Taten dokumentiert. Viele Akten sind es eh nicht. Die in den Heimen fielen ab 2008 sintflutartigen Kellerüberschwemmungen zum Opfer oder waren gerade erst vernichtet worden, weil ja die Aufbewahrungspflicht längst abgelaufen war. Andere Akten sind immer noch unauffindbar. In den Akten der Volmarsteiner Heimopfer blätterten andere Kinder; sie wurden vom Johanna-Helenen-Heim auf den Dachboden des Jungen-Lehrlingsheims ausgegliedert. Als es dann soweit war mit der Aufarbeitung, war wohl nichts mehr vorhanden. Und nun lagen die Restbestände auf den Tischen der Sachbearbeiter oder Fallbearbeiter, wie immer sie sich auch nennen. Jene Männer und Frauen, die zu den Anlaufstellen für die Abwicklung des Opferfonds für ehemalige Heimkinder der Erziehungshilfe in den einzelnen Bundesländern großteils abkommandiert wurden. Viele dieser Fallbearbeiter wurden aus anderen Abteilungen abgezogen, um diese Akten zu bearbeiten und Fallentscheidungen zu treffen. Entscheidungen über die Höhe der Gelder, die direkt als „Rentenersatzleistungen“ oder indirekt als Sachleistungen zur Kompensation der Folgeschäden ausgezahlt wurden.

Und plötzlich kommen Menschen. Erst zögerlich, dann in immer größerer Zahl. Opfer, die es aufgegeben haben, auf Gerechtigkeit zu warten und eine ehrliche Wiedergutmachung zu bekommen. Es kommen Krebskranke und solche, die spüren, dass ihre Lebensuhr bald stehen bleibt. Sie wollen wenigstens den „Spatz in der Hand“ abholen, den der Vertreter der Opfer ohne Mandat ihnen andrehte.

Es kommen Wracks, die seit Jahrzehnten traumatisiert sind und niemanden finden, der mit ihnen die physischen, psychischen und sexuellen Höllen aufarbeitete, die sie erlebten; die Höllen auf Erden. Es kommen solche, die ihr Leben in Einsamkeit verbringen, weil sie anders sind, als der Durchschnittsbürger. Weil sie in Jugendheimen dazu erzogen wurden, asozial zu werden. Weil sie sich gegen Attacken ihrer Mithäftlinge wehren mussten, die selbst Gewaltverbrecher wurden, und nun selbst verbal oder mit geballter Faust um sich schlagen, wenn sie Gefahr befürchten. Wer will schon so einen als Freund. Es kommen alte Männer und Frauen, die ihren Ehepartner und Kindern verschweigen, dass sie einmal Heimkind waren. Heimkind zu sein, war viele Jahrzehnte ein Makel und führte in allen Bereichen zur Diskriminierung. Heimkinder galten und gelten teils heute noch als purer Dreck. Es kommen solche, die heimlich kommen und auch ihre Zahl wird steigen. Die sich klammheimlich ihr Geld abholen wollen und darum flehen, dass es nicht aufs Konto überwiesen wird. Die Familie könnte ja etwas merken und peinliche Fragen stellen. Und das Sozialamt verlangt immer die Kontoauszüge zur Kontrolle ihrer Hilfeempfänger. Wer weiß schon, dass diese Gelder unantastbar sind?

Und sie erzählen. Einige sicher zum ersten Mal, weil sie einem Fallbearbeiter gegenübersitzen, der ihnen zuhört. Das spüren sie: Da hört einer zu. Jetzt kann es endlich raus. Und sie spüren auch: Der Druck wird weniger, je mehr ich sprechen darf. So erzählen sie viel und soviel Schlimmes, dass auch der Aktenbearbeiter ins Schlucken kommt. So deutlich hat man das in den Zeitungen doch nicht gelesen. Zu Recherchen im Internet war keine Zeit; bisher hatte man auch nichts damit zu tun. Sie erzählen von Vergewaltigungen untereinander, von Tritten, von Bewußtlosigkeit, von riesigen Ängsten, die ihnen den Schlaf raubten und immer noch rauben. Sie erzählen von der Schwerstarbeit im Moor oder beim Bauern im Nachbardorf, der sie zusammenschlug, wenn sie ihr Tagessoll nicht erfüllten. Denn: Heimkinder galten als purer Dreck. Sie erzählen von ehemaligen KZ-Wächtern, die sie, die Jugendlichen, nun in Schach halten sollen. Von solchen, die sich an ihnen vergingen, solchen, die „Blockwarte“ heranzüchteten, die ihnen die Drecksarbeit, das Zusammenprügeln angeblich rebellischer junger Männer und Frauen abnahmen.

Sie erzählen auch, wie sie dressiert wurden, all die Empfindungen, die sie als junge Menschen mit sich herumtragen, die Sehnsucht zum anderen Geschlecht, das Bedürfnis nach Liebe, Zuneigung, Kuscheln und Erfüllung als Schweinerei zu betrachten. Da ist der Pater, der seinen Jungen einen Vortrag hielt: „Zwischen den Schenkeln einer Frau findet sich der Eingang zur Hölle Sicher ist da auch die ein oder andere Frau, wie die aus Volmarstein, die schon vor ihrem 30sten Lebensjahr die Menopause erlebte. Auch ihr wurde beigebracht, dass all das da unten und die angeblich ach so schlimmen Gedanken im Kopf, allergrößte Sünde und Schweinerei ist. Und wenn die Funktionen eines Körpers nicht mehr gebraucht werden, stellen sie sich ab. Ein Mensch, der ein halbes Jahr bewegungslos im Krankenhaus liegt, braucht Physiotherapie, um wieder Treppen steigen zu können. So einfach ist das. Und so war es bei dieser Frau auch: Keine Liebe, kein Mann, kein Kuschelpartner, an Kinder war erst recht nicht zu denken.

So tun sich nun vor den Sachbearbeitern Abgründe auf. Sie brauchen gar keine qualifizierte Ausbildung, um zu begreifen: Mit Häkchen im Fragekatalog ist der Fall nicht vom Tisch. Da sitzen ja psychisch, physisch und sexuell gebrochene Menschen vor ihnen. Manche weinen, manche zittern am ganzen Körper und manche können zunächst nichts sagen. Sie brauchen Minute um Minute, um all ihren Mut zusammenzunehmen, um von ihren Höllen zu erzählen.

So kommt, was kommen musste, worauf immer wieder hingewiesen wurde: Diese Opfer sind personal- und kostenintensiv. Immer stärker setzt sich die Erkenntnis durch, dass die wenigen Mittel für den Einzelfall gar nicht ausreichen können. Dass viele tausend Euro aufgewandt werden müssen, um die vielen Traumatisierungen und Retraumatisierungen in den Griff zu bekommen. Dass viel mehr Sachbearbeiter, unbedingt aber auch qualifizierte Fachkräfte, wie Psychologen, Psychiater in den Anlaufstellen benötigt werden und solche, die die Nerven haben, zuzuhören und zu trösten. An der Front in den Anlaufstellen wird klar: Viele Opfer brauchen sofort Hilfe, um davon noch profitieren zu können.

Dieses Dokument wurde mir zugeschickt:

Probleme und Unzulänglichkeiten in der Berliner Anlaufstelle

...

[ offizieller Bericht ausgehend von ]

Berliner Anlaufstelle, Beratungsstelle und Treffpunkt für ehemalige Heimkinder [ ABeH ]

„Bedarfe psychosoziale Betreuung/psychotherapeutische Behandlung in der ABeH“

In der ABeH haben sich bisher ca. 2.000 von Heimerziehung betroffene Personen gemeldet, ca. 500 haben zum jetzigen Zeitpunkt eine Beratung zu den Fondsleistung durch eine/n hauptamtliche/n BeraterIn erhalten.

Die Rahmenbedingungen der Beratungssituation (kalkulierte 7,25 Stunden pro betroffener Person) erlaubt nur eine sehr zielorientierte Beratung, die auf den Abschluss der Vereinbarung und die Abwicklung der Fondsleistungen fokussiert. Dies steht in einem problematischen Verhältnis zu den Bedarfen der Betroffenen und den formulierten fachlichen Ansprüchen des Fonds. Bei der Installierung der ABeH wurden auf Grundlage der Vereinbarungen der Steuerungsgruppe u.a. folgende Ansprüche an die Arbeit mit den Betroffenen formuliert:

● „Dialogische Exploration der jeweiligen Problemlagen und Erarbeitung von Lösungsmöglichkeiten (...)

● Krisenintervention (...)

● Hilfe bei der Bewältigung von individuellen, familiären und gesellschaftlichen Problemen und Integration in das soziale Umfeld“ usw.

(zitiert aus der schriftlichen Vereinbarung des Senats und der GskA zur Einrichtung der ABeH)

Aufgrund der Rahmenbedingungen (Stellenausstattung, räumliche Ausstattung usw.) können die Ziele des Fonds nur teilweise umgesetzt werden. In der Beratung und Betreuung werden vielfach Bedarfe einer psychosozialer Betreuung, Biographiearbeit und Vermittlung in psychotherapeutische Behandlung sowie weitere Unterstützungsbedarfe offensichtlich, denen die BeraterInnen aufgrund der mangelnden Zeit nicht gerecht werden können.

Eine im Frühjahr 2013 dem Fachbeirat vorgelegten Stundenkalkulation hat gezeigt, daß im Durchschnitt pro Fall 11,6h aufgewendet werden, also mehr als die kalkulierten 7,25 Stunden. Dieses Missverhältnis hat man zwar versucht durch eine Entlastung im Arbeitsbereich „Finanzabwicklung“ zu begegnen, trotz dem fehlt oft die Zeit und der Raum, den Anliegen der Betroffenen gerecht zu werden.

Wir haben in der ABeH versucht, die Bedarfe an psychosozialer/therapeutischer Versorgung durch eine MitarbeiterInnenbefragung zu konkretisieren.

1. Therapiebedarf

● ca. 10 % der Klienten fragen aktiv nach therapeutischer Behandlung/äußern aktiv Bedürfnisse nach Psychotherapie und ggf. auch Vermittlung.

● ca. 20% der Klienten zeigen passiv einen Bedarf an therapeutischer Behandlung bzw. einen Bedarf nach einem "Clearing" hierzu. Hinweise auf einen Bedarf hierzu sind z.B. geäußerte andauernde psychische / psychosomatische Beschwerden, Beschreibungen von Retraumatisierungszuständen, ausgelöst durch die Auseinandersetzung mit dem Fond usw.

● ca. 10-15% der Klienten befinden sich in einer akuten psychischen / psychosozialen Krisensituation.

(Die genannten Zahlen für den Therapiebedarf und psychosoziale Unterstützung sind nicht additiv, sondern überschneiden sich.)

Aktuelle Situation der Therapievermittlung

Wenn Therapiebedarfe offensichtlich werden, stellt sich das Problem, daß eine Vermittlung in Psychotherapie hohe Anforderungen an die Kompetenzen der Betroffenen stellt, da das kassenfinanzierte Verfahren sehr aufwendig und langwierig in der Abwicklung ist und es meist Wartezeiten von einem halben bis zu einem Jahr für einen Therapieplatz bei qualifizierten Therapeuten gibt. Häufig wäre es notwendig, die Betroffenen hierbei zu unterstützen und zu begleiten, um tatsächlich eine therapeutische Behandlung herzustellen. Therapieangebote ohne Kassenabrechnung innerhalb von Einrichtungen sind sehr limitiert und auch mit entsprechenden Wartezeiten verbunden.

2. Bedarf an psychosozialer Unterstützung

Hier wurde der Anteil der Klienten erhoben, die Bedarfe/Interesse an einer intensiveren psychosozialen Beratung/Unterstützung aufgrund der durch Heimaufenthalte (mit)-bedingte Problemlagen wie Bedrohung von Obdachlosigkeit, soziale Isolation, chronische psychische Krisen, Drogenmissbrauch, Mittellosigkeit, körperliche bzw. psychosomatische Erkrankungen, Behinderungen usw. haben. Des weiteren entsteht der Bedarf auch durch die mit der Fondsabwicklung teilweise ausgelöste Reakualisierung / Retraumatisierung.

● ca. 30 % der Betroffenen haben Bedarf an einer offenen psychosozialen Sprechstunde/Clearing/Weitervermittlung zu Problemlagen, die durch die Heimunterbringung verursacht wurden.

● ca. 20-30% der Betroffenen haben Bedarf an einer psychologischen Beratung (im thematischen Kontext ihrer Heimerfahrung)

● ca. 20% der Betroffenen haben Interesse/Bedarf an psychosozialer Gruppenarbeit (Entspannung, Stabilisierung usw.), um ihre psychische Situation zu stabilisieren.

Problem der Vermittlung in psychosoziale Unterstützungsangebote

Teilweise wurden Betroffene durch den Heimaufenthalt schwer traumatisiert und sind heute aufgrund der chonifizierten Symptomatik nur eingeschränkt in der Lage, eigene Interessen zu verfolgen, sich selbst zu versorgen usw. und begegnen dem Hilfesystem mit den jeweiligen Einschränkungen bzw. müssten unterstützt werden die Angebote des allgemeinen Hilfesystems zu nutzen. Viele habe durch biographische Erfahrungen aber auch ein Misstrauen gegen öffentliche Stellen und Hilfen entwickelt, das verhindert, sich hier Unterstützung zu holen.

3. Zusammenfassung der Situation

Die Arbeit der ABeH kann den Bedarfen der Betroffenen und den durch den Fonds formulierten Ansprüchen nur sehr eingeschränkt gerecht werden. Betroffene werden teilweise wieder mit ihren Erfahrungen und Problemen alleine gelassen. Es gibt außerhalb der ABeH nur ein spezifisches, aber auch sehr limitiertes Angebote für ehem. Heimkinder der DDR durch die Beratungsstelle Gegenwind (Beratungsstelle für politisch Traumatisierte der SED-Diktatur). Auch für die MitarbeiterInnen der ABeH bedeutet dies auf Dauer eine Überlastungssituation, da versucht wird innerhalb des knappen Zeitkontingents weitergehende Unterstützung zu leisten, was aber oft nur unbefriedigend gelingt.

Zitatende

 

Heimkinder, Heimopfer, Opferfonds, Runder Tisch Heimerziehung, Anlaufstellen für Heimopfer, Erziehungshilfe, Gewalt

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Published by Helmut Jacob
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