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16. Februar 2010 2 16 /02 /Februar /2010 22:36
Runder Tisch Heimkinder legt Zwischenbilanz vor
Kommentar von Peter Henselder-25.1.2010

Der Runde Tisch zur Heimerziehung in den 50ziger und 60ziger Jahren hat
einen Zwischenbericht vorgelegt. Er umfaßt gut 50 Seiten und enthält
einige Eingeständnisse, die vor kurzem den Verantwortlichen wohl kaum
über die Lippen gekommen wären. Zu den entscheidenden Frage ist die
Antwort des Runden Tisches jedoch ungenügend geblieben. Da ist zum einen
die Anerkennung der Zwangsarbeit. Obgleich das Grundgesetz den Begriff
der Zwangsarbeit kennt, will der Runde Tisch ihn in einem engen
nationalsozialistischen Sinn als "Vernichtung durch Arbeit" verstanden
wissen, als ob etwa ein Richter nach Art. 12 (3) GG bei der Anordnung
von "Zwangsarbeit" die "Vernichtung durch Arbeit" im Blick hätte. Wie
man zu einer solchen merkwürdigen Begriffsbestimmung kommen kann,
obgleich zur Zeit des Dritten Reiches Zwangsarbeiter selbst in
kirchlichen Einrichtungen tätig waren und die Kirchenvertreter dies doch
eigentlich wissen müßten, ist unbegreiflich. Hier ist zu hoffen, daß
diese Geschichtsklitterung keinen Bestand haben wird. Ähnlich sieht es
bei der Anerkennung als Menschenrechtsverletzung aus. Daß die
systematische Mißhandlung der Kinder in den Heimen erst eine Anerkennung
finden könnten nach Einrichtung des Europäischen Gerichtshof für
Menschenrechte ist eine ebenso absurde Auffassung, denn die Heimkinder
standen wie jeder andere Deutsche unter dem Schutz des Grundgesetzes und
durften Achtung ihrer Würde (Art. 1 GG) verlangen. Diese Würde ist noch
viel umfassender gedacht, als ihre Auslegung in einzelnen
Menschenrechtsnormen.
Doch wird man noch einen Schritt weitergehen. Es ist zugestanden, daß
bei unehelicher Geburt das Jugendamt tätig wurde und das Kind in ein
Heim einwies. Nun ist aber die Forderung nach Schaffung gleicher
Bedingungen für die leibliche und seelische Entwicklung der unehelichen
Kinder mit den ehelichen, ja nicht erst eine Forderung des Grundgesetzes
von 1949 (Art. 6 (5)), sondern bereits der Weimarer Reichsverfassung von
1919 (Art. 121 (1)). Hätte man diese Forderungen ernst genommen, dann
wäre das Ausmaß dessen, womit sich der Runde Tisch heute beschäftigen
muß, wesentlich eingeschränkter. Die "Unehelichkeit" ist ja häufig der
Anlaß gewesen, die Heimkinder in ihrer Existenz abzuwerten. Und hier
setzt nicht nur eine historische, sondern auch eine geistige
Verantwortlichkeit ein. Bisher hat der Runde Tisch nach den geistigen
Voraussetzungen für das, was geschehen ist, nicht gefragt. Und gerade in
diesem Punkt kommt die Verantwortlichkeit der Kirchen in den Blick. Es
ist ja sicher kein Zufall, daß wir von den Mißbrauchsfällen im
wesentlichen nur aus Ländern hören, die sich zum christlichen
Kulturkreis rechnen. Hier muß eine Wurzel dessen gesucht werden, worüber
heute alle Welt redet.
Vermißt wird auch eine Darstellung der Ausbildung der damals
verantwortlichen Erzieher und Erzieherinnen. Kontrastiert man das, was
in den 50ziger und 60ziger Jahren in den Heimen geschehen ist, mit dem,
was bereits in den 20ziger und 30ziger Jahren an psychologischen
Erkenntnissen vorlag, dann fragt sich auch hier, weshalb diese
Ergebnisse nicht in die Erziehung der Heimkinder eingeflossen sind.
Sollte der Grund darin liegen, daß man glaubte, die Psychologie als mit
dem christlichen Menschenbild nicht vereinbar und daher als eine zu
vernachlässigende Größe betrachten zu dürfen, dann stellt sich auch hier
für die Zukunft die Frage, ob der Staat überhaupt einer
weltanschaulichen Gruppe Kinder anvertrauen darf. Es wird abzuwarten
sein, welche Konsequenzen der Runde Tisch in diesem Punkt zieht. Zu
wünschen ist, daß er dabei durchaus eine weite historische Perspektive
nimmt und die Entwicklung der Heime seit dem 17. Jahrhundert in den
Blick nimmt und etwa anhand des Waisenhausstreites die Unfähigkeit
religiöser Gruppen, aus der Geschichte zu lernen, nicht verkennen wird.
http://www.evangelisch.de/themen/gesellschaft/runder-tisch-heimkinder-legt-zwischenbilanz-vor10507#comment-15713

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Published by Helmut Jacob
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