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14. Dezember 2011 3 14 /12 /Dezember /2011 14:40

Zur Demonstration in Münster trafen sich nach Zeitungsberichten etwa 25 wohl ehemalige Heimkinder. Bei der Demo im Rahmen der Ehrenberg-Preisverleihung an Antje Vollmer waren es etwas mehr. Auf den ersten Blick mag diese geringe Zahl erschrecken. Wer nachdenkt, findet viele Ursachen für solche kleinen Demonstrantengruppen. Aber an dieser Stelle soll nichts analysiert und schon gar nicht gemeckert werden. Die Protagonisten haben ihr Bestes gegeben.

Wie kann man es noch besser machen? Dies ist die Frage, die sich nach nun drei Demos stellt. Es gibt viele effektive Möglichkeiten für eine gelingende Demonstration. Und hier greife ich gerne auf die Demo am 15. April 2010 in Berlin zurück. Da hat fast alles gestimmt. Leider nur fast alles.

Genug der Vorrede, kommen wir zu den Punkten, die eine weitere Demonstration erfolgreich werden lassen können.

1. Wir brauchen einen Demonstrationsgrund

Es wird genug Gründe geben; halten wir uns bei diesem Punkt nicht auf.

2. Wir brauchen einen Demonstrationstermin

Und schon hier beginnt das Problem. Termine vor dem Mai und nach dem September sind für viele Opfer ungeeignet. Denken wir an das zum Teil hohe Alter vieler oder der meisten Ehemaligen. Denken wir an die Kälteempfindlichkeit, denken wir an Regen, verbunden mit kalten Temperaturen. Ich schlage vor, die Monate Mai und Juni und die zweite Hälfte des Monats August und den September zu bevorzugen. In diesen Monaten stimmt das Klima. Ideal wäre natürlich auch der Juli und die erste Hälfte des Monats August, aber da – und das weiß jeder – liegen bekanntlich die Sommerferien der Schüler, der Studenten und auch der Behörden.

Wichtig ist auch eine Uhrzeit. Die beste Zeit ist immer mittags oder gar nachmittags, will man auch solche Ehemaligen zum Demonstrieren bewegen, die ein- oder zweihundert Kilometer Anreise (vielleicht sogar mit der Bahn) bewerkstelligen müssen. Am geeignetsten scheint mir die Zeit zwischen 13 und 15 Uhr zu sein.

3. Wir brauchen eine Vorlaufzeit

Wenn ich mich richtig erinnere, betrug die Vorlaufzeit zur Demo in Berlin etwa vier Monate. Wollen wir also im Juni demonstrieren, müssen wir bereits im Januar mit der Organisation beginnen.

4a. Wir brauchen Demonstrationsmaterial

Flyer, das ist meine Erfahrung, werden nicht gelesen. Man nimmt sie freundlich an und wirft sie außer Sichtweite des Verteilers in den Papierkorb.

Plakate sind effektiver und unterm Strich kostengünstiger.

Für Plakate brauchen wir Pappe, Holzleim oder sonstige Klebe, einen Tacker, Ideen für Plakataufdrucke und einen Copy-Shop.

Wie kommen wir an die Pappe? Völlig einfach. Beobachten Sie den Supermarkt Ihres Vertrauens und ermitteln sie, wann die Regale neu gefüllt werden. An diesen Tagen schlagen Sie zu und nehmen alle großen Kartons mit. Der Filialleiter wird Sie nicht belästigen, weil sich dadurch sein Müllberg verkleinert.

Diese Pappen befreien Sie vom Boden und von der Kartonöffnung, so dass Sie die Pappe zusammenklappen und mit Ihrem Klammeraffen an den Kanten zusammentackern können. Und schon haben wir Arbeitsflächen für unsere Plakate.

Die Plakate sollten groß, aber nicht zu groß sein. Ein Banner von einer Straßenseite zur anderen wirkt lächerlich, wenn sich dahinter nur zehn Demonstranten verkriechen. DIN A1 bis 4 sind empfehlenswert. Immer wieder sieht man auch kleine Zettelchen in zaghaften Händen von Demonstrierenden. Sie vermitteln nur eine gewisse Ängstlichkeit. Die Plakate sollten aussagekräftig sein. Vermeiden Sie das Schwadronieren oder zu kleine Schrift. Bei der Gestaltung dieser Plakate können wir von der Zeitung mit den vier Buchstaben lernen: Maximal 5 bis 7 Wörter, keine fetten Buchstaben, die in der Entfernung ineinander überlaufen und nicht mehr lesbar sind. Keine Schnörkelschrift, allenfalls Kursivschrift, wenn es überhaupt nötig ist.

Die Plakate sollten wenigstens in der Größe DIN A3 sein. Auf der Pappe in dieser Größe passen zwei Seiten DIN A4 Hochformat. Um Druckertinte zu sparen, lohnt sich der Gang zum Copy-Shop. Hier können Sie ganz preiswert Ihre Schlagzeilen auf – das ist ganz wichtig – farbigem Papier ausdrucken lassen. Die Papierqualität spielt keine Rolle, weil die Ausdrucke eh mit dem Kleber auf die Pappe geklebt werden.

Jetzt brauchen Sie noch ein paar Holzstöcke, die Sie im Baumarkt billig holen können und noch eine Kiste Nägel, mit denen Sie die Holzstöcke und die Pappe verbinden. Zur Not genügt ein Gummiband am oberen Rand der Pappe befestigt, und man hängt sich diese an die Brust oder auf den Rücken. Besser auf beiden Körperfronten. Eine Lösung ist auch ein Besen oder ein Schrubber, an dem Sie das Plakat befestigen können.

4b. Wir brauchen ein geschlossenes Bild

Wie die Gewerkschaften auch, die sich bedruckte Mülltüten umhängen (was auch vor Regen schützt), sollten wir Demonstranten möglichst einheitlich gekleidet sein. Was wir anziehen ist wurscht, aber das Heimkinderlogo OHNE ZUSÄTZLICHE BESCHRIFTUNG muss von jedem Demonstranten getragen werden. Ob auf T-Shirts oder auf Pappe auf der Brust, ist egal. Das Logo – das übrigens unser aller Logo werden sollte – ist die Aussage überhaupt (Dazu gehört auch die Verbreitung des Logos auf unseren Homepages oder in den Blogs, auf unserem Briefpapier).

 

Heimkind-Logo

5. Wir brauchen ein Programm

Dazu gehören gute Redner. Bitte glaubt mir: Es müssen gute Redner sein; zumindest zu Beginn der Demo. Wir brauchen auch prominente Redner. Wenn wir sie rechtzeitig bitten und ihnen offen sagen, dass wir ihre Zugkosten nicht einmal finanzieren können, werden sie – wenn sie sich mit der Heimkinderproblematik auseinandergesetzt haben – trotzdem kommen. Aber: Diese Promis haben gefüllte Terminkalender. Wollen wir sie gewinnen, müssen wir sie schon im Januar für eine Veranstaltung im September einladen.

Wer sich dann noch berufen fühlt, seinen Protest verbal beizutragen, soll um des Erfolges willen sich in der Rednerliste hinten anstellen. Der Organisator sollte die Reden vorher lesen und entsprechend in der Reihenfolge einsortieren. Ich weiß, dass diese letzten Bemerkungen Ärger einbringen. Aber der Erfolg einer Demo hängt auch von schlagkräftigen Reden ab.

Bitte denkt daran: Die schreibende, visuelle und virtuelle Presse hat nicht den ganzen Tag Zeit, über diese Demo einen Bericht zu konzipieren. In der ersten viertel bis halben Stunde muss alles „rübertransportiert“ werden, sonst sind die meisten Leute weg.

Musik ist schön, ein Schauspiel auch, langweilt aber die Presse ungemein. Sie wollen Worte hören, die Anklage, den Grund für die Demonstration. Also muss das Showprogramm sich ebenfalls hinten anstellen. Wer unbedingt Musik braucht zwischen den Reden, sollte sich auf eine maximal drei-minütige Musikeinlage beschränken.

6. Wir brauchen eine eigene Berichterstattung

Auf die Presse können wir uns nicht verlassen. Irgendwann ist unser Thema „ausgelutscht“. Wir müssen, um die Demo im Internet zu verbreiten, selbst

fotografieren

filmen

uns interviewen

Berichte schreiben.

Schließlich müssen wir uns vor Augen halten: Die Demo findet im Internet ihre Fortsetzung. 50 Demonstranten in der Öffentlichkeit scheinen nicht viel zu sein. Die umfangreiche Berichterstattung in Internetzeitungen, auf den Homepages, in den Blogs und reichlich Filmmaterial auf youtube sorgen schon dafür, dass das Anliegen der Demonstranten in die Öffentlichkeit kommt.

7. Wir brauchen ein oder zwei Zelte

Es kann regnen. Denken Sie an Gebrechliche, die keinen Regenschirm halten können. Sie müssen eine Überdachung haben.

8. Wir brauchen eine Bühne und wenigstens ein starkes Megaphon

Nehmt nicht diese Billiggeräte zu fünf Euro, wie sie zur Zeit in Großmärkten angeboten werden.

9. Wir brauchen Sponsoren

An Spenden kommt wahrscheinlich nichts rein. Internetaufrufe kann man zwar starten, aber ich verspreche mir nicht viel davon.

Verkaufen Sie T-Shirts mit dem Heimkinder-Logo ohne zusätzliche Beschriftung. Auf diesen T-Shirts soll sonst nichts stehen. Das Logo an sich muss seine Wirkung entfalten. Auf der Demo wird sichtbar, wofür dieses Logo steht. Verschenken Sie T-Shirts mit Logo zum Weihnachtsfest. Heute werden T-Shirts getragen, deren Aufdruck oft albern und geschmacklos ist; dieses Heimkinder-Logo hat eine ungeheure Aussagekraft. Selbst wer das Logo nicht dem Thema Heimkinder zuordnen kann, wird das T-Shirt vielleicht schön finden. Mit dem Verkauf der Logos an die Straßenpassanten können Sie einen Teil der Kosten decken. Aber weitere Geldquellen sind wichtig.

Begeistern Sie die Täterseite für eine gute Tat. Schreiben Sie an den Rechtsnachfolger Ihres Heimes, in dem Sie gequält wurden. Und – setzen Sie dieses Schreiben auch auf die Homepage der Organisator für diese Demo. Wenn das Heim oder die Einrichtungsleitung nicht reagiert, erinnern Sie im Turnus von 14 Tagen an Ihr Bittschreiben um Sponsoring zur Teilnahme der Opfer an der Demonstration. Erhalten Sie eine Spende, dokumentieren Sie auch dieses freudige Ereignis auf der Demo-Homepage. Es soll andere Heime motivieren, ebenso Gutes zu tun. Wichtig: Weisen Sie bereits in Ihrem ersten Brief (und danach in allen anderen) darauf hin, dass Sie Ihren Brief und alle Antworten im Internet veröffentlichen, aber dem Briefempfänger die Möglichkeit geben, seine Antwort nicht zur Veröffentlichung freizugeben. Allerdings haben Sie dann das Recht, auf der Demo-Homepage mitzuteilen, dass die Einrichtung XY eine Veröffentlichung ihrer Antwort nicht wünscht.

10. Wir brauchen Öffentlichkeitsarbeit

Wir brauchen sie vorher und hinterher. Irgendjemand muss sich berufen fühlen, große Presseportale im Internet, große Zeitungsredaktionen, die örtlichen Zeitungen, die örtlichen Werbeblätter mit journalistischem Inhalt, die Fernseh- und Rundfunkanstalten etc. mit Informationen zu versorgen. Zu diesem Zweck muss eine Liste erstellt werden, wer alles informiert werden sollte.

Nach der Veranstaltung sollte unser selbst erstelltes Material (Video, Fotos, Tonbeiträge) möglichst zügig im Internet verbreitet werden. Zusätzlich schreibt man Leserbriefe zu allen Beiträgen in der Internet- und gedruckten Presse, so wie in den Kommentarfenstern der Rundfunk- und Fernsehsender.

Merke: Nur wenn wir am Ball bleiben, erhalten wir uns das Interesse der Journalisten.

11. Wir brauchen Solidarität

Alle, aber auch alle, die an dem großen Projekt Demo mitarbeiten, begraben sofort ihr Kriegsbeil gegeneinander und haben nur noch das Ziel DEMO vor Augen. Dies beinhaltet die Einrichtung eines eigenen Blogs oder einer Seite auf der eigenen Homepage. Diese Seiten müssen ständig aktualisiert werden. Kritiken am Text irgendwelcher Plakate sind völlig überflüssig. Auch andere Wege zur effektiven Demo sollten eher per E-Mail, als in der Öffentlichkeit kaputtdiskutiert werden. Das wollen die Vertreter der Täterseite, nämlich, dass wir uns kräftig verkrachen und darum so wenig wie möglich an der Demo teilnehmen.

 

Wer macht den Anfang zur Vorbereitung der nächsten Demo?

 

 

Heimkinder, Heimopfer, Evangelische Kirche, Katholische Kirche, Demonstration, Wiedergutmachung, Opferentschädigung, Opferrente

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Published by Helmut Jacob
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Kommentare

MeaCulpa 12/19/2011 09:23

Zu diesem Beitrag moechte ich folgendes sagen. Gravierende Fehler wurden im Vorfeld gemacht, welche man leider immer nur im Nachhinein erkennt.

Man kann eine regionale Demo nicht an einem Samstag in der Adventszeit festlegen, da kann man nur eine Enttaeuschung erleben.Erstens wegen des Weihnachtsgeschaefts und des Wetters.Da bleibt jeder
lieber zuhause.

Demos sollten grundsaetzlich im Sommer organisiert werden, die Bochum Demo war eine Ausnahme.
Der Demo Blog wurde immer aufs Neueste aktualisiert, so weit es mir moeglich war.Auch wuerde ich was den Demo Blog anbelangt, alles noch einmal so machen.

Auch die Anbahnungszeit der Demo war auch generell zu kurz.
Im Vorfeld hatte man fuer die Muenster Demo nicht frueh genug mit den Vorbereitungen angefangen.
Plakate usw. waren in Huelle und Fuelle organisiert, die Pressearbeit war meines Erachtens sehr gut.
Mitfahrer Gelegenheiten waren nicht organisiert.
Man hat jedoch versucht, das beste aus mancher Fehlentscheidung zu machen.