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20. Juni 2012 3 20 /06 /Juni /2012 15:13

Volmarstein. Über 500 Unterschriften hat die „Bürgerinitiative zum Erhalt des Cafés am Dorfplatz“ in den letzten Wochen schon gesammelt. In Volmarstein, Grundschöttel und auch in Wengern haben Bürger mit ihrer Unterschrift ein Zeichen gesetzt, dass ihnen das Fortbestehen des Cafés am Herzen liegt. „Unsere Bürger setzen sich für den Fortbestand dieses Treffpunkts von behinderten und nicht behinderten Menschen ein. Das ist echte Inklusion“, meint Inge Holland von der Initiative. „Das Café hat übrigens die einzige behindertengerechte Toilette hier im Dorf“, weiß Geschäftsfrau Irmela Potthoff, die schon fleißig Unterschriften gesammelt hat.

http://www.derwesten.de/staedte/nachrichten-aus-wetter-und-herdecke/buerger-setzen-zeichen-fuers-cafe-id6781250.html

Kommentar:

So zerplatzen Sprechblasen von "Rehabilitation", "Integration" und "Inklusion" schneller, als man die Begriffe verstanden hat. Aber so war es schon immer. Nach hohlen Phrasen, öffentlichkeitswirksam durch die Gegend und in die Blöcke der schreibenden Zunft posaunt, wird alles - möglichst unauffällig - wieder einkassiert. Aus kaufmännischer Sicht verständlich: Die ESV hat sich vor kurzem zwei Krankenhäuser einverleibt und will darin - laut Tageszeitung - in fünf Jahren zehn Millionen Euro investieren. Begründung: „Es ist unser Ziel, die evangelischen Krankenhäuser in kirchlich-diakonischer Trägerschaft zu erhalten und weiter zu entwickeln“, so Markus Bachmann, kaufmännischer Vorstand der ESV." in WAZ online vom 1. Februar 2012.

http://www.derwesten.de/staedte/nachrichten-aus-wetter-und-herdecke/esv-uebernimmt-kliniken-in-dortmund-id6306812.html

Das klingt nur allzu bekannt. Schon vor fast einem Jahrhundert hat man unter kirchlicher Trägerschaft ein Kinderheim geführt, das Johanna-Helenen-Heim. Auf der obersten und untersten Etage wurde massiv Gewalt an den Hilfslosesten der Gesellschaft, an behinderten Klein- und Schulkindern, ausgeübt. Die Homepage der Opfergruppe ist ein erschütterndes Dokument dieser Verbrechen.

http://gewalt-im-jhh.de/

Auch damals war der Neubau einer Kirche, der heutigen Martinskirche, wichtiger, als erträgliches Essen für die Kinder. Neben täglicher Gewalt bekamen sie - so nennen es einige Opfer noch heute - täglich "Schweinefraß" vorgesetzt. Die Stiftung - und das nur am Rande - verweigert den vor 70 bis 60 Jahren Geschundenen  eine angemessene Opferrente. Zwei neue Krankenhäuser scheinen wichtiger zu sein. Und - auch das nur am Rande - die Martinskirche war meist leer. Die schöne Holzkapelle vor dem Johanna-Helenen-Heim hätte noch heute völlig ausgereicht. Auch auf dem Gelände des Zentralbereiches haben Veränderungen stattgefunden. Besucher werden jetzt zur Kasse gebeten, indem sie in ein Parkhaus geleitet werden. So werden die letzten gutmütigen Menschen, die noch den Kontakt zu den Menschen aufrecht erhalten wollen, die nach meiner Meinung dort endgelagert wurden, abgezapft. Es hätte der christlich-diakonischen Einrichtung besser ins soziale und religiöse Bild gepasst, wenn sie den Besuchern rote Teppiche bis zu den Haustüren gelegt hätte. Aber: Zehn Millionen in den nächsten fünf Jahren für zwei Krankenhäuser in "kirchlich-diakonischer Trägerschaft" sind wichtiger. Schade um das Dorfcafé, um eine Chance, behinderte und nichtbehinderte Menschen zusammen zu führen. Das Café hätte auch gelohnt, wenn es ein ständiges Zuschussunternehmen wäre.

 

Kommentar für "Westfälische Rundschau" am 11. 07. 2012:

Soziale Rehabilitation ist im Behindertenbereich immer ein Zuschussunternehmen, weil sich dafür keine Kostenträger – außer im Bereich der Schul- und Berufsausbildung - finden. An dieser Stelle muss sich eine Einrichtung für Behinderte fragen: Sind wir Endlager für  Körper- und Geistigbehinderte, die nicht mehr in die Gesellschaft integrierbar sind? Dann stehen wir zu diesem Lebensabschluss Behinderter. Oder: Wollen wir das Konzept der Integration in die Gesellschaft auch für Schwerstbehinderte verfolgen? Dann entstehen Kosten. Eine evangelische Einrichtung darf – anders als staatliche, denen die soziale Rehabilitation schon aus Kostengründen wurscht ist – diese Kosten nicht scheuen, sondern muss nach Lösungen für die Umsetzung dieses Konzeptes finden.

Diese Lösungen liegen auf der Straße. Wetter hat den „Bürgerbus“ gestemmt; da sollte diese Aufgabe doch auch umsetzbar sein. Die Evangelische Stiftung Volmastein sollte die engagierte Inga Holland ins Boot nehmen und mit ihr nach Lösungswegen suchen. Wie viele Seniorenvereine gibt es, die an der Theke aushelfen könnten? Muss das Dorfcafe sieben Tage auf sein, oder genügen auch vier stark frequentierte Tage?

Außerdem kann die ESV auf eigene Ressourcen zurückgreifen. Wenn sie ihre Pensionäre pflegt und ihnen bei der Gestaltung des Lebensabend hilft; kann sie ihre Rentner auch für den Dienst im sozialen Treffpunkt behinderter und Nichtbehinderter begeistern. Bürgermeister Hasenberg, der in der Verantwortung für die Opfer des Johanna-Helenen-Heims in den drei Nachkriegsjahrzehnten völlig versagt, könnte Ein-Euro-Jobber für diese Aufgabe aktivieren und amtlicherseits kontrollieren. Und außerdem gibt es ja noch die Bufdis vom Bundesfreiwilligenjahr, die hier segensreich wirken könnten. Pfarrer Jürgen Dittrich und sein Verwaltungschef Markus Bachman müssen nur die Fantasie in Bewegung setzen, und schon lassen sich viele Experimente starten. Was spricht eigentlich dagegen, wenn auch Azubis aus dem Berufsbildungswerk in diesem Cafe ein Praktikum absolvieren.

Dann gibt es noch die schlichte Wettbewerbsseite: Man macht aus dem Cafe ein Restaurant, bietet Qualität an und macht aus diesem Restaurant einen Wallfahrtsort der guten Küche. 

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Published by Helmut Jacob
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