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18. Mai 2010 2 18 /05 /Mai /2010 22:41

 

Welch ein niedliches Bild. Ludwig Erhard besucht offensichtlich ein festlich geschmücktes Kinderheim zu Weihnachten. Ein Bild, das glückliche Kinder zeigt und fröhliche Erwachsene. Im Kontext mit dem Buchtitel lässt es nicht vermuten, dass es zwischen den Deckeln um die Aufarbeitung handfester Verbrechen an Kindern und Jugendlichen gehen soll.

 

Das Buch ist ein Ärgernis. Schon im Vorwort fühlt sich der Leser arglistig getäuscht. Ging er doch davon aus, dass er mit dem Erwerb des Buches nun das Endresultat der Forschungsarbeit der evangelischen und der katholischen Fakultät der Ruhruniversität Bochum in Händen hält. In vielen Internetmeldungen ist zu lesen: „Buch fasst erste Ergebnisse zusammen“. Dem ist überhaupt nicht so. Wer das Buch nicht in den Händen hält und damit den rückseitigen Text bis Ende lesen kann, weiß nicht, dass dieses Buch „das Ergebnis einer Tagung des Projektes zur Erforschung der konfessionellen Heimerziehung in der Bundesrepublik Deutschland ... [ist], die im Oktober 2009 stattgefunden hat.“

 

Dafür werden dem Käufer eben mal 29,80€ - dies ist umgerechnet in unsere alte deutsche Mark über einen halben Hunderter - aus dem Kreuz geleiert. Zumindest ich fühle mich arg getäuscht und möchte das Buch eigentlich den Verfassern zurückschicken. Wenn da nicht die beiden Autoren Ulrike Winkler und Hans Walter Schmuhl wären, die vor einigen Wochen mit einer eigenen wissenschaftlichen Untersuchung eine überzeugende Arbeit geleistet haben, an der sich andere Wissenschaftler messen lassen müssen.

 

Dieses Buch weiterzulesen, fällt mir auch in sofern schwer, als dass es unerwarteter Weise komplette Opfergruppen ausgrenzt: „Ausdrücklich ist dabei auch auf den Umstand hinzuweisen, dass sich das Projekt auf die Kinder- und Erziehungsheime konzentriert. Lehrlings- und Jugendwohnheime sowie Behindertenheime und psychiatrische Einrichtungen, die des Öfteren Berührungspunkte zur Jugendhilfe hatten, werden nicht untersucht, und ebenso war es nicht möglich, gezielt die Geschichte der Säuglingsheime in den engeren Blick zu nehmen.“

 

Was soll dann überhaupt dieses Buch? Das muss man sich völlig irritiert fragen. Hier sind Beiträge, die von einer Tagung im Herbst 2009 stammen, in ein Buch mit über 360 Seiten gefasst. Das allermeiste ist wirklich kalter Kaffee, hat irgendwo schonmal gestanden. Ich kann mich des Gefühls nicht erwehren, als dass volle Filtertüten erneut in den Kaffeefilter geklinkt und der ausgelaugte Kaffeesatz noch einmal aufgebrüht wurde.

 

Auch die Vorstellung des Buches ist ärgerlich. Unter dem Titel „Ein Buch zur rechten Zeit“ in den „Westfälischen Nachrichten“, Online-Ausgabe vom 03.05.2010, werden die Verfasser wie folgt zitiert: „Erst in den 70er Jahren, so unterstreichen der katholische Kirchenhistoriker Prof. Dr. Wilhelm Damberg und sein Kollege Jähnichen, kamen aufgrund neuer pädagogischer Erkenntnisse und Fortschritte Reformen der Heimerziehung in Gang.“ Dazu der Diplom-Theologe und Diplom-Psychologe Dierk Schäfer: „brandneu waren diese pädagogischen erkenntnisse. kein wort von der vorher schon laufenden fachdiskussion. erst recht kein sterbenswort über ulrike meinhoff und bambule. ist es null-ahnung oder dreistigkeit?“ Schäfer weiter: „dreistigkeit ist es jedenfalls, wenn die kirche zum vorbild für staatliche schulbehörden und sportvereine erklärt wird.“ Damit bezieht er sich auf Wilhelm Damberg, der in den „Westfälischen Nachrichten“ auf gleicher Seite so zititert wird: Damberg rechnet mit einer langen Periode der Aufarbeitung und sieht die Kirche trotz der moralischen Fallhöhe und dem großen Imageverlust bei der Aufklärung in einer begrüßenswerten Vorreiterrolle. Andere Institutionen wie staatliche Schulbehörden oder Sportvereine seien aufgerufen, in gleicher Weise für Aufklärung und Aufarbeitung zu sorgen.“

 

„ob damberg eine dankesschuld abzutragen hat?“, fragt sich Schäfer und stellt fest:

„jedenfalls haben wir hier ein wunderschönes beispiel unabhängiger forschung.“

 

Sollte es nicht noch zwei oder drei weitere Sonderbände geben, mit denen sich gut Kasse machen lässt, dürfen Heimopfer und –täter und alle, die in schönster Eintracht die Täter schützen, irgendwann das Endresultat des Forschungsauftrages in Händen halten. Sich das Buch zu kaufen, wird ebenso wie der Kauf dieses Buches, Geldverschwendung sein.

 

Helmut Jacob

14.05.2010

 

http://dierkschaefer.wordpress.com/2010/05/08/519/

http://www.westfaelische-nachrichten.de/aktuelles/kultur/nachrichten/1314144_Ein_Buch_zur_rechten_Zeit.html

 

Tags:

sozialarbeit, heimkind, wilhelm damberg, kindesmissbrauch, Heimopfer, Kinderheim, Köperbehinderte, behinderte Kinder, Säuglinge

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Published by Helmut Jacob
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