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8. Januar 2010 5 08 /01 /Januar /2010 00:25

Kungelei im Hinterzimmer

 

Entwurf des Zwischenberichtes
des Runden Tisches vorgelegt


Den Teilnehmern des Runden Tisches ging
dieser Tage der Entwurf des Zwischenberichtes zur Heimerziehung in den
Nachkriegsjahren zu. Nach der nächsten Sitzung am 15. Januar 2010 hat
man dann für etwaige Änderungen noch 7 Tage eingeplant, Termin der
Veröffentlichung soll schon der 22. Januar 2010 sein.

Diese Eile ist ebenso verdächtig wie
unnötig. Für die Zusammenfassung des in den Bericht eingeflossenen
Lehrbuchwissens zur Heimerziehung hatte man gut 9 Monate Zeit und sehr
weit darüber hinaus geht der Bericht leider nicht.

Manches gerät zudem peinlich, anderes
ist so offensichtlich als Vorbereitung der in einem Jahr anstehenden,
abschließenden Stellungnahme geplant, dass hier ein unguter Verdacht
aufkommt: wurde dieser Zwischenbericht in den Hinterzimmern mit den
Nachfolgern der damals Verantwortlichen ausgehandelt und zwar unter
Ausschluss der ehemaligen Heimkinder und der Öffentlichkeit?

Peinlich ist die Selbstdarstellung der
sog. Geschäftsstelle, die sich „über Nacht“ von der festgeschriebenen
Dienstleister-Rolle zu einem allzu eigenständigen Moderator gewandelt
zu haben scheint und damit nicht mehr und nicht weniger in Frage stellt,
als die Rolle der Vorsitzenden Frau Dr. Antje Vollmer. Ein Eindruck,
der auf Nachfrage auch durch die Eindrücke und Erfahrungen vieler ehemaliger
Heimkinder bestätigt wird. Der Runde Tisch ist keine Veranstaltung
des AGJ und doch vermittelt dieser Zwischenbericht genau diesen Eindruck.

Das Schicksal ehemaliger Heimkinder in
der Nachkriegszeit kommt nicht wirklich vor in diesem Papier, das in
seinem sozialtechnokratischen Tenor so gar nicht in die Zivilgesellschaft
passen will. Selbstbespiegelung einer hoffnungslos in der eigenen Bürokratie
erstarrten „Branche“.

Basierend auf der vorliegenden umfangreichen
Literatur „gönnt“ man sich viele weiße Flecken in der Landkarte
der Heimerziehung der Nachkriegsjahre. Ansatzweise konkret wird man
nur bei der Beschreibung der angeblichen finanziellen Strukturen.

Übertroffen wird dieses nur durch den
ein oder anderen recht unverhohlen eingewebten „Persilschein“, etwa
für die Kinderheime in kommunaler Trägerschaft. Dass hierzu ebenfalls
erschütternde Heimbiografien vorliegen, lässt man schlicht unter den
Tisch fallen.

Fällt aber auch nicht weiter auf, weil
man generell die ehemaligen Heimkinder nicht zu Wort kommen lässt.

Gipfel der Inkompetenz ist aber die Behauptung,
dass die kirchlichen Mitarbeiter für „Gottes Lohn“ gearbeitet hätten.
Ein schneller Blick in die Akten kommunaler Sozialbehörden hätte da
sofort offen gelegt, dass diese sehr wohl in den Gehaltslisten der Kommunen
standen.

Die Art und Weise der Beschreibung der
zeitgenössischen Pflegesätze, als nicht „kostendeckend“, ist schlichte
betriebswirtschaftliche Inkompetenz. So ist dem AGJ oder wer auch immer
den Zwischenbericht verfasst hat, schon der einfache Degressionseffekt
von Fixkosten unbekannt. Wer heute wirklich noch bezweifelt, dass die
Kinder- und Erziehungsheime für deren Träger florierende Wirtschaftsbetriebe
gewesen sind, hat sich nicht wirklich kritisch mit dem Thema auseinandergesetzt.

Der gesamte Zwischenbericht trägt den
unangenehmen „Duft“ der Schadensbegrenzung für die ehemaligen Heimträger.
Hierzu passt allerdings auch, dass man ziemlich schamlos die ehemaligen
Heimkinder, heute mündige Erwachsene, ausgegrenzt hat. Klar und deutlich,
und dies ist der ungünstigste Eindruck, der von einem Bericht dieser
Art ausgehen kann: dieser „Bericht“ ist die Verlängerung des sozialen
Ungleichgewichts aus den alten Heimtagen.

Der Zwischenbericht hilft trotzdem dem
interessierten Beobachter beim Verstehen der aktuellen Heimdebatte auf
die „Sprünge“: da war nämlich wiederholt die regelrechte „Sorglosigkeit“
kirchlicher Akteure zu beobachten, die den Heimskandal zwar als lästig,
aber nicht wirklich beunruhigend einzustufen schienen.

War man sich vielleicht sicher, dass
man die „Deutungshoheit“ mit Hilfe des AGJ und der vielen Hinterzimmer
unter Ausschluss der ehemaligen Heimkinder fest im Griff hatte?

Wenn das so wäre, wäre es endlich Zeit
für ein Donnerwetter der Vorsitzenden!

In diesen Zusammenhang passt auch, dass
man Ausführungen zu dem Rechtsgutachten der Frankfurter Universität
vergebens sucht, das offen und unmissverständlich über Menschenrechtsverletzungen
in der Heimerziehung der Nachkriegsjahre berichtet.

Es gibt weitere Ungereimtheiten. So ein
groß angekündigtes Forschungsprojekt (Universität Bochum), von
dem weder Ross noch Reiter wirklich bekannt sind. Dessen angekündigter
Zwischenbericht konnte von den ehemaligen Heimkindern, trotz wiederholter
Nachfrage und Zusagen seitens der Projektleitung, bis dato nicht eingesehen
werden.

Die Heimträger hinterlassen den Eindruck,
dass man sich „seiner Sache“ sehr sicher ist und das ist der schlechteste
aller möglichen Eindrücke, den man von einen vorgeblichen Runden Tisch
haben kann.

Jürgen Beverförden

http://www.diakonie-forum.de/themen-und-arbeitsfelder-der-diakonie/heimkinder/p12833-heimkinder-brauchen-die-unterst-tzung-der-diakonie/#post12833

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Published by Helmut Jacob
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