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13. September 2011 2 13 /09 /September /2011 15:32

„Ich bitte Sie, das, was ich sage, nicht persönlich zu nehmen.“ – Sonja Djurovic Vertreterin der Heimopfer?

 

  1. Kommentar zuvor
  2. Rede Sonja Djurovic am 11. September 2011 in der Friedrichstadtkirche
  3. Beispiel für eine "Rede auf Augenhöhe"

 

1. Kommentar zuvor

Sonja Djurovic ist Heimopfer wie viele hunderttausende auch. Viele von ihnen sind nicht redegewandt, viele haben noch heute „Angst vor der Obrigkeit“, viele haben an ihrem Leid so viel zu knacken, dass sie das Leid anderer Opfer nicht in ihrem verengten Blickfeld erkennen können. Sie alle bedürfen des besonderen Schutzes aller anderer Opfer, zumal ihnen von den Tätern, oder von den „Stammtischbrüdern“ oder von Nichtwissenden dieser besonders wichtige Schutz nicht gegeben wird. Wer Opfer weiterhin oder nachträglich angreift, trägt zu möglichen Retraumatisierungen bei. Darum habe ich lange überlegt, ob ich die Rede von Sonja Djurovic analysieren oder kommentieren soll.

Jetzt ist es allerdings an der Zeit, denn Djurovic hat sich selbst ins Licht der Öffentlichkeit gestellt. Vor 3 Jahren wurde sie Mitglied des „Runden Tisches Heimerziehung“ unter Antje Vollmer und von diesem gewaltig über den Tisch gezogen. Damals hat sie sich wahrscheinlich total überschätzt. Ihr Auftritt während der Vorstellung des Zwischenberichtes war kläglich und jämmerlich und das wurde ihr auch zugetragen. Aus diesen Kritiken hätte sie entweder lernen müssen oder die Konsequenz des Rückzugs ergreifen müssen. Sie hat durchgehalten bis zum letzten Sitzungstag und gegen die Heimkinder den Beschlüssen des RTH zugestimmt. Zwei Abstimmungen, klein aber in der Tendenz eindeutig sprachen eine andere Sprache als der RTH und mit ihm Djurovic. Es hagelte erneut Kritiken. Auch diese müssten ihr unter die Augen gekommen sein, wenn sie nach rechts und links geschaut hätte. Scheinbar nicht, denn sonst hätte sie sich auf die Rede in der Friedrichstadtkirche in Berlin gründlich vorbereitet. Sie weiß sicher schon längst, dass ihre Gegenüber ausgebuffte Menschen mit riesigen Verwaltungsapparaten im Nacken sind. Sie lassen sich die Butter nicht vom Brot nehmen und wissen genau, warum sie gerade Sonja Djurovic als Heimopfervertreterin zu einer Rede gebeten haben. Eben wegen ihrer vorherigen Auftritte. Die Vertreter der Täterseite können reden und in scheinbar wohlwollenden Formulierungen ihr Versagen schönwaschen. Dierk Schäfer hat diese Art der Rethorik in seinem Beitrag http://dierkschaefer.wordpress.com/2011/09/13/das-war-spitze-herr-ratsvorsitzender/

anhand der Rede von Nikolaus Schneider glasklar aufgezeigt.

Außerdem bekam Frau Djurovic Post; zum einen über den Blog von Schäfer, zum anderen per Email eine Bitte der „Freien Arbeitsgruppe JHH 2006“ vorgetragen: „Sehr geehrte Frau Djurovic, Ihnen ist es zugedacht, am 11. September bei der Veranstaltung in der Friedrichstadtkirche für die Heimopfer zu sprechen. Unsere Bitte, die ablehnende Position der „Freien Arbeitsgruppe JHH 2006″ durch unseren Sprecher Klaus Dickneite vorzutragen, wurde mit Verweis auf Sie abgelehnt. Unsere Arbeitsgruppe vertritt die Interessen der behinderten Heimopfer. Wir lehnen die Entschuldigung und die Empfehlungen des Runden Tisches ab und fordern, wie viele andere Opfer auch, Opferrente bis zum Lebensende.

Bitte berücksichtigen Sie in Ihrer Rede unmissverständlich unser Anliegen:

Ablehnung der Entschuldigung

Ablehnung der Empfehlungen des RTH

Bestehen auf eine Opferrente

Mit herzlichem Dank schon heute und

mit freundlichen Grüßen“

Dierk Schäfer mailte ihr: „Hallo, Frau Djurovic, was immer Sie auch persönlich sagen wollen: In der öffentlichen Wirkung stehen Sie für die ehemaligen Heimkinder. Soweit Ihnen Voten von ehemaligen Heimkindern zum Thema Entschuldigung zugehen, sollten Sie diese in Ihrer Ansprache auch erwähnen. Mein Vorschlag bereitet Ihnen zwar zusätzliche Arbeit, hilft Ihnen aber auch, sich den Rücken freizuhalten. Ich wünsche Ihnen einen gelungenen und glaubhaften Auftritt in Berlin.

Viele Grüße dierk schäfer“

Frau Djurovic wollte sich nicht ihren Rücken freihalten, sondern zeigte uns die kalte Schulter. Sie schrieb:  "Ich habe meine Rede verfasst und werde keine Namen oder Gruppen erwähnen." Wer nach so vielen Bruchlandungen andere Opfervertreter dermaßen abbürstet, provoziert geradezu offene Kritik. Die Rede der Frau Djurovic war grottenschlecht. Weil sie nicht kämpferisch, sondern weinerlich rüberkam. Es fehlte unsere Anklage und es fehlte eine Aufzählung der Verbrechen, die an Säuglingen, behinderten und nichbehinderten Heimkindern, an Kindern und Jugendlichen in der Psychiatrie und an sogenannten „Erziehungszöglingen“ begangen wurden. Die Öffentlichkeit interessiert nicht das Einzelschicksal der Frau Djurovic, so schlimm sie auch gelitten haben wird. Sie interessiert das Schicksal DER EHEMALIGEN HEIMKINDER. Diese ehemaligen Heimkinder hat Djurovic mit ihrem Vortrag zum größten Teil nicht vertreten. Ich meine sogar, es war ein Vortrag gegen die Heimopfer; - aber eine Analyse ihres Vortrages werde ich mir ersparen. Einzig ihre Aufforderung zu einer Gedenkminute zu Ehren der toten Heimkinder war eine Glanzleistung. Damit hat sie die Vertreter der Täterseite gezwungen, ihren Kopf zu senken. Dabei hätte sie es belassen müssen.

 

2. Rede Sonja Djurovic am 11. September 2011 in der Friedrichstadtkirche (in Auszügen)

"Sehr geehrter Herr Ratsvorsitzender Schneider,

sehr geehrter Herr Präsident Stockmeier,

sehr geehrte ehemalige Heimkinder,

sehr geehrte Damen und Herren,

der Anlass dieses Treffens in der Kirche der EKD ist sicher ein besonderer Tag für die EKD und die Diakonie sowie auch für viele der ehemaligen Heimkinder. Ich bedanke mich, dass ich zu dem gegebenen Anlass als Betroffene der Heimerziehung der 50er und 60er Jahre eingeladen wurde, um einige Worte dazu sagen zu dürfen.

Ich war von 1964 bis 1968 in einem Mädchenerziehungsheim in Bayern unter der Trägerschaft des Diakonissen Mutterhauses Hensoltshöhe in Gunzenhausen.

Diese schlimme Zeit hat sich bei mir für immer eingeprägt, wie sonst nichts in meinem Leben. ...

Der Ratsvorsitzende der EKD, Herr Präses Schneider und der Präsident der Diakonie, Herr Stockmeier, möchten heute um Verzeihung bitten.

„Verzeihung“ muss wachsen, das geschieht nicht von heute auf morgen, zumal die Menschen, die sich heute bei uns für dieses Unrecht entschuldigen möchten, nicht die Täter waren.

Als die Missstände in der Heimerziehung der 50er und 60er Jahre in der Öffentlichkeit bekannt wurden wusste noch keiner von dem tatsächlichen Ausmaß der Entwürdigungen.

Ein Bewusstsein für dieses große Unrecht musste den heutigen Trägerorganisationen der damaligen Heimerziehung erst einmal begreiflich gemacht werden. Es war für viele nicht nachvollziehbar, dass Menschenrechtsverletzungen in den Heimen geschehen konnten.

Die evangelische Kirche und die Diakonie haben ein schweres Erbe übernommen.

Sie stehen heute in der Verantwortung für das damals geschehene Unrecht und haben dieses Unrecht auch erkannt.

Ich finde, es ist auch eine gute Sache, dass einige evangelische Träger und Einrichtungen und auch Ehemalige aus diesen Heimen der Einladung zu dieser Veranstaltung gefolgt sind.

Ich bitte Sie, das, was ich sage, nicht persönlich zu nehmen. Doch ich sehe Sie alle in einer moralischen und bedingt damit auch in einer rechtlichen Verantwortlichkeit. Sie haben als Träger der Heime ein Erbe mit zu schultern und zu verarbeiten, wo wir Ehemalige Sie mit unseren Schicksalen konfrontieren und unsere Forderungen daraus ableiten. Bitte haben Sie dafür Verständnis und ein offenes Ohr! Denn an unseren Schicksalen tragen wir heute noch alleine oft zu schwer. ...

Einige der Betroffenen können möglicherweise eine Bitte um Verzeihung nicht annehmen.

Sie sind der Meinung, dass die evangelische Kirche und Diakonie diese Bitte als politischen und finanziellen Schachzug meint, ihnen fehlt der Glaube an der Wahrhaftigkeit der Veranstaltung.

Sie fordern für die Menschenrechtsverletzungen, Zwangsarbeit, dem Zwang zur unentgeltlichen Arbeit, Kinderarbeit, die auch damals verboten war, die schwarzen Pädagogik, und auch die sexuelle, bzw. sexualisierte, körperliche und seelische Gewalt heute eine angemessene Entschädigung.

Wie würden Sie fühlen, wenn Ihnen all dies geschehen wäre? – und Sie heute noch unter den Folgen der Heimerziehung leiden müssten!!!!!!

Viele Heimopfer einfach wollen, dass dieser Umgang und die Misshandlungen offiziell als Unrecht von der Diakonie und EKD anerkannt werden. Bis heute wurden wir nicht „entstigmatisiert“ oder „rehabilitiert“, weder vom Runden Tisch Heimerziehung, noch vom Bundestag, auch nicht von den Kirchen.

Wann wird das geschehen?

Doch ohne Reue und ohne Bitte um Verzeihung durch die Einrichtungen, die Erzieher und Kirchenoberen sehe ich keine Chance, dass sich damit der Frieden bei uns einstellen kann. ...

Wie können wir verzeihen, wenn nicht aus Ihrem Munde, Herr Ratsvorsitzender, von systematischem Unrecht und Menschenrechtsverletzungen im Rahmen einer schwarzen Pädagogik mit sexueller bzw. sexualisierter, körperlicher und seelischer Gewalt an Kindern und Jugendlichen in evangelischen Heimen bei unentgeltlicher erzwungener Arbeit, die nach dem Grundgesetz als unverhältnismäßige Zwangsarbeit galt, die Rede sein wird?

Wir erwarten, dass die Kirche zu dem steht, was damals geschah. Aber wie ich schon vorher sagte, es muss ein Bewusstsein in der Kirche und der Gesellschaft für dieses Unrecht wachsen, damit wir, die Belasteten, unseren verloren Wert wieder finden können. Besser heute, als morgen.

Zur Verbesserung unseres Selbstwertgefühls entspricht das, was materiell vom Runden Tisch Heimerziehung empfohlen und vom Bundestag beschlossen wurde, nicht unseren Vorstellungen.

Unsere Vorschläge zur materiellen Anerkennung am Runden Tisch Heimerziehung, die im Abschlussbericht des Runden Tisches abgedruckt wurden, von den Linken im Bundestag am 7. Juli 2011 als Antrag eingebracht und von der Mehrheit des Bundestages abgelehnt wurde, fand unsere volle Zustimmung. ...

Betroffene werden ihr Verzeihen auch an das binden, was die Kirche konkret nach dem Beschluss zur Umsetzung der Empfehlungen des Runden Tisch in den Leitlinien mit den Ländern, dem Bund und Betroffenen vereinbaren wird.

Und zwar an der tatsächlichen Niedrigschwelligkeit der Antragsmöglichkeiten, Geld aus dem Fonds oder den Stiftungsgeldern zu erhalten und dem, welche Unterstützung sie in neutralen Stützpunkten in ihren Bundesländern erfahren werden und schließlich an dem, wie die Träger der Heime und auch ehemalige Erzieher auf Sie zukommen und das Gespräch mit Ihnen suchen.

Wer hätte vor 40 oder 50 oder auch vor fünf Jahren gedacht, dass irgendwann in der Zukunft, also hier und heute, die ev. Kirche und Diakonie bei uns, den ehemaligen Heimkindern um Verzeihung bittet. Durch die Petition wurde viel bewegt. Dafür möchte ich mich bei den ehemaligen Heimkindern, die diese auf den Weg gebracht haben, herzlich bedanken! Ohne sie wäre das Thema noch immer ein großes Tabu.

Mein Dank an Sie als Kirche und Diakonie für diesen Akt ist mit der Hoffnung verbunden, dass dies kein Ende sondern ein Anfang im gemeinsamen Dialog ist. ...“


3. Beispiel für eine "Rede auf Augenhöhe"

Demorede Klaus Dickneite zur Demo der Heimopfer am 15.04.2010 in Berlin

„Die Würde des Menschen ist unantastbar.“

Artikel 1 des Grundgesetzes. Wir kennen ihn alle.

Der Artikel geht noch weiter:

„Sie zu achten und zu schützen ist Verpflichtung staatlicher Gewalt“

Kluge Politiker haben diesen Artikel geschrieben.

Und trotzdem mussten viele Kinder genau das Gegenteil erleben. Sie wurden:

geschlagen

zwangsgefüttert

sexuell missbraucht

gefoltert

in dunkle Zimmer eingesperrt

isoliert

gedemütigt und erniedrigt,

schlecht oder gar nicht ausgebildet

aufeinander gehetzt

zum Verrat angestiftet

medizinisch falsch versorgt

zum Kirchgang gezwungen

als Lügner bezeichnet.

Von Würde und Schutz blieb in den Kinder- und Jugendheimen nicht viel übrig.

Auch die behinderten Heimkinder haben Gewalt und Terror erlebt.

Schlimm waren die Zustände in kirchlichen Heimen.

So auch in Heimen für Kleinkinder und Schulkinder.

Unsere Eltern erwarteten, dass wir etwas lernen,

dass wir selbständig werden,

dass wir mit unserer Behinderung umgehen können,

dass wir eine Ausbildung machen und unser Geld verdienen,

dass wir unseren Platz in der Gesellschaft finden.

Stattdessen nahm man den Kindern ihre Würde.

Man versetzte sie in Angst, rund um die Uhr,

24 Stunden, jeden Tag!

Ohne Grund schlugen Diakonissen behinderte Kinder,

ohne Grund schimpften die Diakonissen mit ihnen,

und wenn die Kinder nicht essen wollten,

wurde ihnen das Essen reingestopft.

Wir Kinder wurden gestopft wie Weihnachtsgänse.

Wenn wir erbrachen, mussten wir das Erbrochene essen.

Wenn wir auf den Fussboden erbrachen, mussten wir vom Fussboden essen.

Hat uns das Essen nicht geschmeckt?

Es konnte uns nicht schmecken!

Haben Sie einmal gekochte Schweineschwarte gegessen?

Auch solche, an denen noch die Borsten fest sitzen?

So wurden kleine hilflose Kinder während des Essens regelrecht gefoltert.

Es gab kein Entrinnen, keine Gnade.

Wegen Kleinigkeiten, Raufereien unter Kindern,

kamen wir in Isolationshaft.

14 Tage, manchmal auch länger.

Wenigstens aber einen Tag.

So wurden wir weggesperrt und von Klassenkameraden getrennt.

Statt die Kinder zu lieben, wie es die Bibel lehrt, haben sie den Kindern Hass entgegen geschleudert. Und das in vielen Heimen für behinderte Kinder.

Endlich gibt es ein Heim für behinderte Kinder,

das sich zu den Verbrechen vor 50 Jahren bekennt.

Aber es ist nur dieses eine Heim.

Es versucht, Wiedergutmachung zu leisten.

Es arbeitet mit den Heimopfern zusammen.

Aber, wir sind erst auf dem Weg zur Versöhnung.

Bis dahin ist es noch eine lange Strecke.

Bis dahin müssen wir Heimopfer spüren,

dass die Wiedergutmachung wirklich lange anhaltend wird.

Manche Kinder wurden 15 Jahre misshandelt,

gedemütigt, gefoltert, von anderen isoliert.

Manche Kinder waren nach dieser Zeit psychische Wracks.

Einige Kinder kamen noch behinderter aus dem Heim als sie hineinkamen.

Hier, was einige Opfer, unsere Mitschüler und Mitschülerinnen uns gesagt haben:

“Wir durften nie spielen”
“Wir durften keine Jungs kennenlernen”
“Wir durften keine Mädchen kennenlernen”
“Ich hatte Tag und Nacht Angst”
“Ich hatte immer Bauchschmerzen”
“Ich habe mich geekelt”
“Ich wollte oft sterben, um meine Ruhe zu haben”
“Ich lebe völlig vereinsamt”
“Ich finde keine Kontakte”

Und was ist aus einigen Ehemaligen geworden?
Einige sind in psychologischer Behandlung.

Einige sind seit Jahren in medizinischer Behandlung.

Sie wurden als Kind falsch behandelt.

Sie quälen sich ihr Leben lang mit Schmerzen.

Andere sind Stotterer.

Zu schrecklich waren die Erlebnisse für sie.

Sie konnten die Verbrechen nicht verarbeiten;

nun können sie nur noch schwer und mühsam sprechen.

Viele konnten keine Berufe erlernen.

Sie sind arm und vom Staat abhängig.

Viele konnten keinen Lebenspartner finden.

Sie versauern einsam in ihrer kleinen Wohnung oder immer noch im Heim.

Aber auch das ist aus einigen geworden:

Ein Schüler hat später, in seiner Jugend,

eine Diakonische Helferin vergewaltigt und umgebracht.
Ein Schüler ging zur Fremdenlegion und danach zur Heilsarmee.
Eine Schülerin lebt in einem Haus für Obdachlose,

für Menschen am Rande der Gesellschaft.

Ein Schüler zeigte sich später öffentlich in schamloser Weise.

Er wurde mehrmals verhaftet.
Ein Schüler zwang gutmütige Diakonische Helferinnen

zu sexuellen Handlungen.

Nur wenige hatten Glück nach ihrem Martyrium.

Sie bekamen Hilfe, - man nahm sie an der Hand.

So konnten sie scheinbar unauffällig ihr Leben regeln.

Aber Langzeitschäden - nach diesen Qualen im Heim - bleiben bis zum Lebensende.

Wir klagen an:

die heute noch lebenden Verbrecher.

Sie wurden offensichtlich immer noch nicht bestraft.

Sie zeigen immer noch keine Einsicht,

spüren immer noch keine Reue.

Wir klagen an:

die Kirchen.

Sie haben die Verbrechen unter ihrem Dach geduldet.

Sie haben dazu beigetragen, dass so viele Leben zerstört wurden.

Sie ließen es zu, dass schwache und hilflose behinderte Kinder

von Diakonissen geschlagen

mit nacktem Po über splitternde Holzböden gezogen

sexuell vorgeführt und gedemütigt wurden.

Statt die Kinder zu lieben, wie es die Bibel lehrt, haben sie ihnen täglich ihren Hass gezeigt.

Die Kirchen haben es nicht verhindert,

saß eine Lehrerin behinderte Kinder mit ihrem schweren Gehstock zusammenschlug,

zarte, behinderte Kinderfinger grün und blau schlug,

Köpfe gegen die Wände schleuderte.

Bis in die heutigen Tage verleugnen oder verharmlosen die Kirchen die Verbrechen.

Sie weigern sich, stellvertretend die Verantwortung dafür zu übernehmen.

Wo haben die kirchlichen Träger versagt?

An diese Frage trauen sie sich nicht ran.

Sie müssten zugeben, dass hunderttausend Kinder und Jugendliche unter ihrem Dach zu Opfern wurden.

Wir klagen an:

die Landschaftsverbände und anderen staatlichen Aufsichtsbehörden.

Sie haben mit ihren Landesjugendämtern die Aufsichtspflicht nicht ausgeführt.

Sie ließen die Verbrecher gewähren, boten ihnen keinen Einhalt.

Durch ihr Versagen haben sie Menschen aus der Gesellschaft ausgeschlossen.

Hätten sie auf die Kinder aufgepasst, wären manche gesünder.

Welche Folgen hatte das Versagen der Aufsichtsbehörden?

Wir werden sie immer wieder anprangern:

Einige wurden zu Stotterern.

Einige wurden taub.

Andere wurden seelisch behindert.

Andere wurden Stotterer, taub und seelisch behindert.

Die Landschaftsverbände haben Gelder verweigert.

Mit ihnen sollten menschenunwürdige Unterkünfte renoviert werden.

Mit dem Geld sollte die Enge beseitigt werden.

So hausten wir Kinder eingepfercht in engen Räumen,

Bett an Bett, Stuhl an Stuhl.

Massenunterbringung und Massenbehandlung ließen keine Intimität zu.

Wir waren der ständigen Kontrolle, Willkür und Demütigungen ausgesetzt.

24 Stunden am Tag und das jeden Tag.

Und damit nicht genug.

Wer weniger behindert war, wer noch arbeiten konnte, musste dies tun.

Sie mussten Zwangsarbeit leisten, jeden Tag.

Wenn ein siebenjähriges behindertes Mädchen jeden Morgen 23 Nachttöpfe einsammeln muss,

wenn es die Fäkalien aus 23 Nachttöpfe in einen Eimer füllen muss,

wenn es den schweren Eimer zur Toilette tragen muss,

wenn es vorher nichts zu essen bekommt,

wenn es während der Arbeit geschlagen wird,

wenn es bedroht wird,

dann ist das Zwangsarbeit!

Wenn dieses Mädchen einmal wöchentlich unter Zwang

24 Paar Schuhe putzen muss,

dann ist das Zwangsarbeit!

Wenn andere Kinder, auch unter Strafandrohung,

andere Kinder versorgen mussten,

dann war das Zwangsarbeit!

Zwangsarbeit ist Zwangsarbeit!

Ein Vergleich mit anderen Opfergruppen ist unanständig!

Ein Vergleich soll nur unsere Zwangsarbeit weniger schlimm darstellen.

Wir lassen das Verbiegen dieses Begriffes nicht zu.

Jede vergleichende Wertung ist eine Form der Diskriminierung aller Opfer.

Frau Vollmer verzichten Sie auf solche Haarspalterei.

Viele von uns sind heute arm.

Für viele ist jeder Tag ein Kampf um ein menschenwürdiges Leben.

Viele kämpfen mit den Landschaftsverbänden oder anderen Kostenträgern.

Sie kämpfen um die Menschenwürde,

die ihnen damals verwehrt wurde

und heute vielfach immer noch verwehrt wird.

Für die damals misshandelten behinderten Kinder fordern wir:

von der evangelischen und katholischen Kirche,

vom Diakonischen Werk und von der Caritas:

Übernahme der Verantwortung für die

Misshandlungen, Folterungen, Demütigungen und Diskriminierungen.

Entschuldigung an die Opfer

jedem einzelnen Opfer gegenüber, das bekannt ist oder noch wird.

Aktive Aufklärung und Aufarbeitung der Misshandlungen

Einsatz personeller, materieller und finanzieller Mittel,

zur Wiedergutmachung und Entschädigung,

Einrichtung eines Opferfonds für alle bedürftigen Opfer.

Wir fordern von den staatlichen Aufsichtsbehörden als Rechtsnachfolger:

Übernahme der Verantwortung für die versäumte Aufsichtspflicht

Entschuldigung bei jedem Opfer für die versäumte Aufsicht und die Duldung dieser Misshandlungen.

Finanzielle Unterstützung der Opfer bei dem Bemühen,

ihre Würde wieder zu erlangen

und ihr Leben menschenwürdig zu gestalten.

Finanzielle Hilfen an die Opfer dürfen nicht mit anderen sozialen Beihilfen verrechnet werden.

Wo kommen wir hin, wenn der Staat oder die Länder ein zweites Mal an den Opfern verdienen?

Wir fordern vom Staat, von den Politikern und von der Gesellschaft:

finanzielle Entschädigung oder Opferrente bis zum Lebensende!

Nichtanrechnung aller Entschädigungsleistungen, in welcher Form auch immer.

Wir fordern:

Jedem Heimopfer wird ermöglicht, seine Wohn- und Lebenssituation frei zu bestimmen.

Für die damaligen behinderten Kinder heißt das:

-          bezahlt unsere Unterkunft nach unseren Vorstellungen!

-          bezahlt uns Hilfe, wenn wir hilfsbedürftig werden.

-          sorgt dafür, dass wir uns fortbewegen können.

-          Acht und mehr Jahre eingesperrt sein, reichen uns.

-          bezahlt uns Pflege zu Hause, wenn wir Pflege brauchen.

Wir fordern den Behindertenbeauftragten des Bundes, Hubert Hüppe und die Missbrauchsbeauftragte der Bundesregierung Christine Bergmann auf:

Setzen Sie sich dafür ein, dass wir an die Runden Tische kommen.

Sorgen Sie dafür, dass behinderte Opfer von Verbrechen und Gewalt

an alle Runden Tische kommen,

auch an die zukünftigen Runden Tische.

Wir fordern die Ministerinnen Anette Schavan, Sabine Leutheusser-Schnarrenberger und Kristine Schröder auf:

Sorgen Sie dafür, dass ehemals misshandelte Kinder an Ihren Runden Tisch eingeladen werden.

Ihnen allen,  Politikern, Kirchenoberhäuptern und Verwaltungsleitungen sagen wir:

Uns wurde unsere Kindheit gestohlen,

stehlen Sie uns nicht auch noch die Würde im Alter!

Wir wollen auch mit unserer Behinderung einen würdigen Lebensabend verbringen.

Aber diesmal ohne Angst vor weiteren Verbrechen und Übergriffen.

Wir wollen in Würde sterben, nicht in einer Abstellkammer oder einem Badezimmer abgestellt.

Wir wollen in der von uns gewählten Umgebung Abschied nehmen und sterben.

Wir fordern alle auf, diese Forderungen schnell umzusetzen.

Hören Sie auf, immer wieder neue Gutachten einzufordern.

Es ist alles gesagt, steht alles geschrieben.

Jetzt müssen Sie handeln.

Alles was bisher von Ihnen passierte, sagt uns deutlich:

Sie hoffen auf die biologische Lösung der Probleme.

Sie wollen sich vor Entscheidungen drücken.

Sie wollen keine Wiedergutmachung leisten.

Sie hoffen auf den Tod der Opfer.

Beenden Sie dieses zynische Spiel!

Leisten Sie Opferhilfe und Opferentschädigung!

Sofort!

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Published by Helmut Jacob
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