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23. Juli 2010 5 23 /07 /Juli /2010 01:14

 

Heimopfer: Leere Worte der Entschuldigung sind billig - sie bringen weder Heilung, Wiedergutmachung, soziale Rehabilitation noch Gerechtigkeit.

 

Offener Brief

Herrn

Nikolaus Schneider

Ratsvorsitzender der

Ev. Kirche in Deutschland

Herrenhäuser Str. 12, 30419 Hannover
Tel.: 0511 / 27 96 - 0, Fax: 0511 / 27 96 – 707

 

Auf der Homepage „NRW evangelisch.de“ sind unter dem 14. Juli 2010 Äußerungen von Ihnen zum sexuellen Mißbrauch nachzulesen. Zunächst möchte man ganz gerührt sein ob Ihres Mitfühlens mit den Opfern und Ihrer Aufforderung „den Mißbrauch nicht zu bagatellisieren und stattdessen innerhalb der Kirche transparent aufzuarbeiten“ (so werden Sie wiedergegeben).

 

Wenn Sie dies bereits vor vier Jahren gesagt hätten, wär vielen Heimopfern Leid und Elend erspart geblieben. Immerhin hört man auf die Stimmen der Kirchen. Zu der Zeit hat Ihre Kirche allerdings noch zu gern mit strafrechtlichen Konsequenzen gedroht, wenn ein Opfer es wagte, über sein Leid öffentlich zu sprechen. Jahrelang hat man den Opfern nicht geglaubt und man schenkt ihnen auch heute nur „offiziell“ Glauben. Erst, als sie vermehrt in die Öffentlichkeit gingen, Internetpräsenzen schafften, offene Ohren bei den Medien erlebten, blieb Ihrer Kirche nichts anderes übrig, als die ungeheuerlichen Verbrechen in den drei Nachkriegsjahrzehnten Stück für Stück einzugestehen. Diakoniepräsident Kottnik, aber auch Ihr Haus, bemühen sich bis heute, diese Verbrechen zu verharmlosen.

 

Nun bitten Sie die Opfer um Verzeihung. Sehr geehrter Herr Schneider, die meisten Opfer haben die jahrelangen Verharmlosungen, Relativierungen und Ausflüchte so satt, dass sie auf jede Entschuldigung verzichten. Ihnen kommen diese als lästige Pflichtübungen vor, die in Wirklichkeit Worthülsen seien.

 

„Leere Worte der Entschuldigung sind billig - sie bringen weder Heilung, Wiedergutmachung, soziale Rehabilitation noch Gerechtigkeit. Sieglinde Alexander“ zu den Entschuldigungen der Hephata-Direktoren Barbara Eschen und Peter Göbel-Braun im Rahmen einer Pressekonferenz. „Schläge, sexuelle Übergriffe und psychische Gewalt in der Heimerziehung waren in den fünfziger bis siebziger Jahren an der Tagesordnung. Etwa 1.600 Kinder, die damals in Hephata lebten, waren täglich dieser Art der Erziehung ausgesetzt. 15 von ihnen erheben inzwischen schwerwiegende Vorwürfe gegen das Diakonie-Zentrum.“ So ist es in den „heimat-nachrichten.de“ nachzulesen. Es müsste Sie schon schockieren, dass solche Entschuldigungen öffentlichkeitswirksam vor der Presse ausgesprochen werden und anscheinend nicht von Täterseite zu Opferseite, Auge in Auge. Damit will man nur eins: das erboste Volk beruhigen.

 

Zu Worthülsen verkommen solche Entschuldigungen wirklich, wenn ihnen nicht Zeichen der Reue und umfangreiche Maßnahmen der Wiedergutmachung folgen. Sie verweisen, wie alle anderen kirchlichen Stellen auch, auf den Runden Tisch. Man kann sich des Eindrucks nicht erwehren, dass nach dem St.-Florians-Prinzip spekuliert wird: Verschon mein Haus, zünd’s andere an. Dieses Gefühl verstärkt sich, weil Sie in dem selben Gespräch für Ihr Haus die Reißleine ziehen: „Bei der Höhe einer finanziellen Beteiligung der Kirchen gebe es allerdings Grenzen aufgrund der kirchlichen Finanzsituation.“ Damit begrenzen Sie jede eigene Anstrengung zur finanziellen Wiedergutmachung der Schäden auf eine Summe, die Ihr Haus willkürlich festsetzen will. Auf die „Würdigung der Lebensgeschichte der Betroffenen“, die Sie im Vordergrund sehen, können die Opfer nach vier Jahren Lug, Betrug, Aktenfälschungen, Aktenvernichtungen, öffentliche Falschdarstellunge von Sachverhalten, nun wirklich verzichten. Ihnen ist es sicher bekannt, dass Verbrecher ihre Verbrechen nicht in den Akten dokumentieren. Schon darum ist die Unterstützung bei der Aktensuche eher Opium fürs Volk. Es soll vermittelt werden, dass sich die Kirche ins Zeug legt und auf der Seite der Opfer steht. Die Akten sind nicht nur zu gern aufgrund gesetzlicher Vorschriften vernichtet worden und gerade in den letzten Jahren in angeblich regengefluteten Kellern abgesoffen. Was für ein Zufall.

 

Ferner werden Sie so zitiert: „Da jeder Mensch ein Recht darauf hat, seine Lebensgeschichte nachzuvollziehen, sollten die Kirchen gerade bei dieser Art der Identitätsfindung Unterstützung leisten.“

Herr Schneider, ganz so blöd sind die Opfer nicht. Sie kennen ihre Lebensgeschichte, weil sie ihr Leben geprägt und in völlig andere Bahnen gelenkt hat. Mir ist ein Fall bekannt, in dem einem behinderten Heimkind 24 Stunden Angst eingejagt wurde, und dies über mehrere Jahre. Er schlägt sich seit 50 Jahren mit einer Sprachbehinderung herum. Gleichzeitig wurde ihm mit einem Faustschlag aufs Ohr ein Trommelfell zerfetzt. Sein Leben wäre völlig anders verlaufen, wenn er die christliche Nächstenliebe nicht ertragen hätte. Sagen Sie ihm ins Gesicht, was Sie der Zeitung mitgeteilt haben, nämlich: „Der Begriff der Entschädigung sei außerdem falsch gewählt, denn jede finanzielle Zuwendung an Missbrauchsopfer könne nicht für das Leid entschädigen, das ihnen zugefügt wurde. Es gehe vielmehr um eine echte Nothilfe für die Opfer der Gewalt.“

 

Es geht um Entschädigung für Verbrechen, die Ihre Kirche zu verantworten hat. Jedes Opfer ist durch diese Verbrechen mehr oder weniger in Not geraten. Einige sind im Alter arm, andere sind bis zu ihrem Lebensende in seelischer Not. Beispielsweise solche, die ihre Schmerzen nicht in die Welt schreien können und sie sogar vor ihrem eigenen Ehepartner und ihren Kindern verheimlichen. Echte Not hat Ihre Kirche in jedem Fall angerichtet. Darum ist eine Entschädigung das Mindeste, das die Kirchen zu leisten haben. Wer den Opfern diese Entschädigung abspricht, ist seelisch brutal und kaum besser, als die Täter, die die Biographien der Opfer so nachhaltig zerstört haben.

 

Ihre Kirche hat Geld! Viele Gemeinden gehen pleite, weil die Gemeindemitglieder dem Spiel der Kirche nicht mehr folgen können. Verkaufen Sie die Häuser und Grundstücke und fügen Sie das Geld einem Opferfonds zu. Ihr Amtsbruder Dierk Schäfer hat vor einem Jahr einen solchen Opferfonds empfohlen. Sie sollten auf Ihren Mitbruder hören, denn er biegt immer wieder das Kreuz gerade, in das Menschen auf der höchsten Ebene Ihrer Kirche, ich nenne beispielsweise Klaus-Dieter Kottnik, hineintreten. Seine und andere unsäglichen Äußerungen sind weitere Schläge in die Gesichter der damals Geschundenen und Gequälten. Zeigen Sie endlich Wege Ihrer Kirche auf, die den Opfern ein bißchen Entschädigung zur Kompensierung der erlittenen Verbrechen bieten. Erst dann füllt sich die Worthülse „Entschuldigung“ mit Aufrichtigkeit.

 

Hochachtungsvoll

Helmut Jacob

23. Juli 2010

http://www.evangelisch.de/themen/religion/ekd-ratschef-missbrauch-nicht-bagatellisieren20555

http://www.heimat-nachrichten.de/index.php?artikel=50296

http://www.emak.org/news/news_index.htm

 

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Published by Helmut Jacob
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