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19. Juli 2010 1 19 /07 /Juli /2010 15:16

 

Lange genug gedauert hat es, bis sich endlich die drei Vertreter der Heimopfer zu Wort gemeldet haben. Wen sie vertreten, wissen sie wahrscheinlich selbst nicht. Vom „Verein ehemaliger Heimkinder“ wurden sie verstoßen, von einem Großteil anderer Heimopfer werden sie nicht akzeptiert. Allein unter Antje Vollmers Augen fanden sie Gnade. Wohl auch unter den Augen der Vertreter der Täterseite. Hofften sie doch, diese drei schwächlich wirkenden Opfervertreter genussvoll  über den Tisch ziehen zu können. Bis zur Zwischenrunde - der Halbzeit des Runden Tisches und der daran anschließenden Pressekonferenz - ist ihnen dies auch gelungen. Wer das Trauerspiel sah (siehe unten angefügte Links), wer die frechen Äußerungen der Täterseite hörte, die bereits Formuliertes aus dem Zwischenbericht in Frage stellte und wer das Schweigen der Opfervertreter miterlebte, wer mitbekam, wie selbst Opfer aus den Reihen der Zuschauer frech abgebürstet wurden, so beispielsweise Wolfgang Focke, der musste diesen Eindruck gewinnen.

 

Jetzt aber haben die Drei dem Runden Tisch und seiner Vorsitzenden Vollmer, die allzu selbstherrlich von Anbeginn ihrer Tätigkeit manipulierte (Aussagen zur NS-Zwangsopferentschädigung, Begriffsverbiegung „Zwangsarbeit“, etc.) die rote Karte gezeigt. Nach anderthalb Jahren Schwadronierens, völlig überflüssiger Expertisen und Zusammentragung von Unwahrheiten (siehe Entschädigung der Zwangsarbeiter) verlangen sie dreihundert Euro Opferrente ohne Anrechnung auf andere soziale Einkünfte.

 

Dies ist eine Forderung, die von allen Opfern akzeptiert werden kann. Mehr ist eh nicht drin. Sie kommt auch der Vollmerschen Vorstellung nahe, die Zwangsarbeiterentschädigungen in etwa der gleichen Höhe ansiedelt und über die sie nicht hinaus will. Diese Summe ist auch realistisch, weil sie finanzierbar ist. Machen wir uns nichts vor: Die von Peter Wensierski (Journalist beim Wochenmagazin „Der Spiegel“) vermuteten 500.000 Opfer gibt es nicht mehr. Wer von ihnen sich meldet und Ansprüche stellt, ist zwar zahlenmäßig unbekannt, aber dürfte die 100.000er Grenze kaum überschreiten. Ich müsste mich sehr irren, wenn es anders käme. Am Beispiel Volmarstein (Verbrechen an behinderten Klein- und Schulkindern in den zwei Nachkriegsjahrzehnten) kann festgestellt werden, dass sich von den 240 ermittelten Heimopfern knapp 10% gemeldet haben. Wie viele davon eine monatliche Rente wollen, ist noch nicht bekannt.

 

Verdient haben es die Gequälten und Geschundenen von Volmarstein wie alle Heimopfer Deutschlands allemal. Halten wir uns vor Augen: Sie beklagen nicht die ein oder anderen „Ohrwatschen“, wie Walter Mixa es ausdrückte, sondern massivste Verbrechen, unter denen sie, manche bis zu 20 Jahren, litten. Dies waren psychische und physische Vergewaltigungen, sexuelle Ausbeutung zur Befriedigung perverser Gelüste (der Ausdruck „sexueller Missbrauch“ ist hier völlig irreführend), brutalste Schlägerorgien, körperliche und seelische Folter und Zwangsarbeit. Hier geschahen Menschenrechtsverletzungen übelster und deutlichster Art. Man kann sich nur wundern, dass von der Täterseite und vom Runden Tisch Vollmer dieser Begriff „Menschenrechtsverletzung“ wie vom Teufel das Weihwasser gemieden wird. Das heißt, so verwunderlich ist es nicht: Menschenrechtsverletzungen verjähren nicht, - und das weiß die Täterseite zu genau.

 

Die Opfervertreter drücken es völlig korrekt aus: „Die meisten von uns haben ihr Leben an der untersten Stufe der sozialen Leiter verbracht.“ Vielen blieb nach ihrem Martyrium die Integration in die Gesellschaft verwehrt. Sie sind immer noch psychische Wracks. Andere haben lebenslängliche Behinderungen davongetragen. Denken wir beispielsweise an solche Heimopfer, die sich infolge unerträglicher seelischer Belastungen in der Kindheit nun seit Jahrzehnten mit einer Sprachbehinderung durchs Leben quälen. Für sie sind 300€ Opferrente eher ein Hohn. Aber – wie schon gesagt: Mehr ist nicht drin.

 

Dabei haben die Misshandlungen ja immer noch kein Ende gefunden. Nehmen wir zuletzt die Studie „Heimkinder im Rheinland“ des Landschaftsverbandes Rheinland in Köln, die in diesen Wochen im Internet bekannt wurde. Hier zeigt sich, dass Heimopfer immer noch den Wahrheitsgehalt ihrer Aussagen beweisen müssen, selbst wenn sie nur Zeugen sind. Dazu einer der wenigen echten Opfervertreter, der Theologe und Psychologe Dierk Schäfer: „Der dritte skandalöse Aspekt ist die Missachtung der Heimkinderberichte als historische Quelle. Auf den ersten Seiten der Studie werden einige Problembereiche genannt. Dazu heißt es dann, je nach Quelle:

-           kann der Wahrheitsgehalt der Aussagen nicht überprüft werden

-           kann nur schwer beurteilt werden

-           kann nicht mehr festgestellt werden

-           Arreste als Strafmaßnahme bei Entweichungen und anderen disziplinarischen „Vergehen“ werden als besonders verletzend und als Missachtung der Persönlichkeitsrechte beschrieben. Eine Aktenrecherche ergab dazu keine Anhaltspunkte.“

 

Welch eine Unverfrorenheit tritt hier zu Tage. Da werden die Aussage von Zeugen klassifiziert. Da vertraut man den eigenen Akten mehr, als dem Vorgetragenen. Dabei kann man keine Blödheit irgendwelcher Verwaltungsbeamten vermuten. Sie wissen zu gut, dass die meisten Akten gefälscht und unvollständig sind. Welcher Verbrecher dokumentiert schon seine Verbrechen? Die Aktenmanipulation wird ja in den letzten drei Jahren munter fortgeführt. In vielen Heimen fielen auf einmal die Akten irgendeiner Kellerüberflutung zum Opfer. In Volmarstein beispielsweise stand beim ersten Treffen der Opfer mit den Rechtsvertretern der Behinderteneinrichtung im Herbst 2006 zwei Tische nebeneinander Ordner an Ordner, darunter auch Fotobände. Nun ist kaum etwas davon wiederzufinden.

 

Eine weitere Niedertracht der Stellen, die sich offiziell mit der Aufarbeitung von Heimkinderschicksalen beschäftigen (Runder Tisch, Katholische Kirche, Evangelische Kirche, Caritas, Diakonisches Werk, Landschaftsverbände und Landesjugendämter), besteht auch darin, dass sie den wirklichen Opfervertretern keine Beachtung schenken. Prof. Manfred Kappeler, der den Zwischenbericht zum Runden Tisch analysierte und auch sonst wichtige Beiträge zur Aufhellung der Erziehungsgeschichte in den Nachkriegsjahrzehnten geliefert hat, wird offensichtlich ebenso ignoriert, wie Diplom-Theologe/Diplom-Psychologe Dierk Schäfer, der immer wieder Möglichkeiten der Opferhilfe aufgezeigt hat.

 

Weitere Misshandlungen sind auch die Äußerungen a la Walter Mixa, Klaus-Dieter Kottnik, Karl Lehmann und andere so genannte geistige Würdenträger, die ihre Würde längst an der Garderobe abgegeben haben. Auf der Homepage der Volmarsteiner Opfer sind ihre teils unsäglichen Aussagen in den Rubriken „Blick über den Tellerrand“ dokumentiert. Aber es reicht, diese Namen zu googlen und das Wort Heimkind dazu zu setzen, um ihre Absonderungen in Sachen Heimopfer zu studieren.

 

Wo immer es auch in der Ökumene kracht, auf einem Gebiet funktioniert sie wunderbar: Opfer juristisch bedrohen, Verbrechen leugnen, Tatsachen verdrehen, nur eingestehen, was nicht mehr zu leugnen ist, Schadensbegrenzung verfolgen. Sie verschanzen sich - zusammen mit den staatlichen Verwaltungen und den Heimen, in denen die Verbrechen stattfanden -  hinter dem Runden Tisch und hoffen - nach dem Sankt-Florians-Prinzip „verschon mein Haus, zünds andere an“ - dass der Steuerzahler ausbadet, was die Täter verbrochen haben. Frech, dreist und schamlos warten sie darauf, was der „Runde Tisch Heimkinder“ beschließen möge, an dem wenigstens sechs ausgebildete Juristen sitzen, die nun wirklich nichts anderes im Sinn haben, als den Schaden zu minimieren.

 

Auch die Nachfolger der Anstalten und Heime schauen nur auf diesen Tisch und hoffen, dass sie selbst allenfalls symbolhaft in Haftung genommen werden. Jahre hat es gedauert, bis sie sich zu einer Entschuldigung durchringen konnten. Von persönlichen Entschuldigungen Träger - Opfer, also Auge in Auge, hat man nichts vernommen. Meist sind es irgendwelche Briefe und Allgemeinplätze, die als Entschuldigung herhalten sollen. Dabei geht man direkt von der Annahme dieser Entschuldigung aus, um den lästigen Fall vom Tisch zu haben.

 

Jetzt allerdings haben sie alle Gelegenheit, ihre Worthülsen mit Glaubwürdigkeit zu füllen. Ihre Entschuldigungen bemessen sich einzig und allein daran, ob sie das Begehren der Opfervertreter am Runden Tisch unterstützen oder nicht. Wenn ihre Entschuldigungen nicht zu dummem Geschwätz verkommen sollen, dann lassen sie diesen Taten in der Form folgen, dass sie sich selbst, die Kirchen, die Landschaftsverbände und die Landesjugendämter in die Pflicht nehmen und darauf drängen, dass diese Opferrente völlig unbürokratisch schon ab 01. Januar 2011 gezahlt wird.

 

Es darf nicht sein, dass weitere Hürden aufgestellt werden, noch jahrelang überprüft wird, wer besonders schwer, wer besonders wenig gelitten hat. Der Betrag von 300 € sollte eine Summe sein, die allen Opfern zusteht. Darüber hinaus sind (wie im Falle der Entschädigung von Zwangsarbeitern - Wenn Frau Vollmer diesen Vergleich schon heranzieht, dann muss sie auch mit den Konsequenzen ihres Vergleiches fertig werden - ) nach oben hin immer noch zusätzliche Zahlungen möglich, aber auch nötig. Denn - wie die Opfervertreter festgestellt haben - manche stehen auf der untersten Treppenstufe der Armut, die einzig und allein im Verschulden der Heime und im Versagen der Heimaufsicht begründet ist.

 

Mit ihrem Verhalten in Sachen Heimopfer meißeln die Kirchen selbst an den moralischen Grundpfeilern ihrer Glaubwürdigkeit. Sie ist stark beschädigt und dieser Glaubwürdigkeitsverlust wird sie noch Jahre, wenn nicht Jahrzehnte, schädigen. Will sie auch nur ein bisschen Vertrauen zurückerobern, ist sie aufgerufen, die Entschädigung für die Verbrechen nicht auf die heutigen Steuerzahler abzuschieben, die für die Verbrechen vor 50 Jahren wirklich nicht zur Verantwortung gezogen werden können. Was damals passierte, ist einzig und allein den Heimträger – und hier überwiegend denen in kirchlicher Trägerschaft – anzulasten. Wenn die Statistiken davon ausgehen, dass die kirchlichen Träger zu etwa 70% in der Verantwortung standen, dann haben sie auch für etwa 70% der Kosten aufzukommen. Dabei müssen sie, so schmerzlich es für sie sein mag - wobei die Gefolterten und Gequälten mehr Schmerzen erlitten - auch auf ihre Rücklagen zugreifen, werden sie auch gezwungen sein, Grundstücke zu verkaufen und/oder Kredite aufzunehmen.

 

300 € Opferrente sind ein Kompromiss für die geschundenen Heimopfer, für die Verbrecher und ihre Rechtsnachfolger und für die Gesellschaft, die allzu sehr die Augen zugedrückt hat. Im Umgang mit diesem Kompromiss zeigen die zwei Kirchen ihr wahres Gesicht, zeigt die Gesellschaft ihr wahres Gesicht und zeigen die staatlichen Behörden ihren wahren Charakter.

Helmut Jacob

19. Juli 2010

 

Zur Vertiefung:  

Zwischenbericht TV-Beitrag Teil 1: http://de.sevenload.com/sendungen/Top-TV-im-OKB/folgen/iC47wnY-Zwischenbericht-Teil-1

Zwischenbericht TV-Beitrag Teil 2: http://de.sevenload.com/sendungen/Top-TV-im-OKB/folgen/UM0RAot-Zwischenbericht-Teil-2

Kritik des Zwischenberichtes von Prof. Manfred Kappeler: http://www.gewalt-im-jhh.de/Kappeler_zu_ZB_RTH.pdf

http://www.berlinonline.de/berliner-zeitung/archiv/.bin/dump.fcgi/2010/0713/politik/0044/index.html

Papst: http://www.sueddeutsche.de/bayern/walter-mixa-im-vatikan-papst-ruegt-deutsche-bischoefe-1.968666

Kirche: http://www.sueddeutsche.de/medien/katholische-kirche-erhaelt-negativ-preis-das-kalte-herz-der-kirche-1.973073

http://www.gewalt-im-jhh.de/

 

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Published by Helmut Jacob
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