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25. April 2012 3 25 /04 /April /2012 17:07

„Es geht nicht darum, Sicherungsverwahrte gegen ehemalige Heimkinder auszuspielen. Eine Sicherungsverwahrung, die nur die Fortsetzung des Strafvollzugs war, ist ein Skandal und die Betroffenen gehören entschädigt, egal, ob sie einem sympathisch sind oder nicht.“, meint der evangelische Pfarrer im Ruhestand, Dierk Schäfer, Bad Boll, in seinem Blogeintrag „Schmerzensgeld für ehemalige Sicherungsverwahrte“.

http://dierkschaefer.wordpress.com/2012/04/24/schmerzensgeld-fur-ehemalige-sicherungsverwahrte/

Selbstverständlich hat Dierk Schäfer Recht. Die Sicherungsverwahrung als Verlängerung einer Haftstrafe ist ein Skandal. Da traut die Justiz ihrem eigenen Urteil nicht.

Was mich interessiert, sind die Begriffe „Strafvollzug“ und „Sicherungsverwahrung“ in Verbindung mit der Heimkindersituation vor 65 bis 40 Jahren und der Heimsituation heute.

Die Unterbringung in Erziehungsheimen, aber auch in Heimen für behinderte Kinder, wurde – wie inzwischen historisch mehrfach aufgearbeitet – zurecht als Strafexpedition empfunden. Im Alltag der sogenannten Erziehungszöglinge spielte die Strafe ja eine wichtige Rolle schon darum, weil bei qualitativ schlechter und im Personalschlüssel völlig unzureichender Personalausstattung der Erziehungsauftrag so gut wie keine Rolle spielte und die alltägliche Strafe überhaupt das System der Heimunterbringung in den drei Nachkriegsjahrzehnten ermöglichte. Wer Angst und Schrecken durch Gewalt verbreitet, hält kritische junge Menschen in Schach, unter Kontrolle. Das totale Kontrollsystem braucht weniger Personal. Dies gilt insbesondere dann, wenn Heimbewohner mit der Ausübung von Kontrolle und Strafe beauftragt werden. Sie waren die schmutzigen Hände des Personals und haben durch ihre Gewaltmaßnahmen Einstellungen weiteren Personals überflüssig gemacht. Ein Vergleich mit den KZ’s ist durchaus legitim. Hier hießen die Handlanger der KZ-Wächter „Blockwarte“. Die Träger der Heime haben aus dieser Zeit nicht nur gelernt, sondern zum Teil auch das KZ-Personal (samt den für den KZ-Bereich geltenden Formularen) für Erziehungsheime übernommen.

Diese Erziehungsheime damaliger Zeit, aber auch Behindertenheime, waren immer auch Sicherungsverwahranstalten. Die Bevölkerung wurde vor den sogenannten Erziehungszöglingen geschützt, ebenso vor der Konfrontation mit behinderten Menschen bewahrt. Fast alle Einrichtungen hatten eins gemein: Sie wurden am Rande oder außerhalb eines geschlossenen Ortes gebaut. Wer die Berichte der Bewohner von Freistatt und Glückstadt gelesen hat, weiß, dass jegliche Verbindung zu den Ortsansässigen zumindest erschwert war. Sonntags wurden die Heimbewohner in die Ortskirche getrieben und selbst dort in reservierten Kirchenbänken von anderen Kirchenbesuchern abgesondert.

Auch die Heime für Behinderte wurden und werden fernab jedes pulsierenden Lebens gebaut. Die damalige Orthopädische Anstalt Volmarstein – heute Evangelische Stiftung Volmarstein – ist ein Paradebeispiel für die boykottierte Integration in die Gesellschaft. Pastor Franz Arndt, Gründer dieser Einrichtung, bekam billiges Bauland oben auf einem Berg, etwa einen Kilometer vom Ortskern entfernt, meinte, dass die Aussicht dort so schön sei und schon wurden die ersten behinderten Menschen ins Johanna-Helenen-Heim abgeschoben. PKW-Verkehr gab es noch nicht und der Volmarsteiner Esel mit seiner Karre hinten dran kam den Berg kaum hoch. In der Folgezeit entstand dort der Großteil der Einrichtung, die sich anmaßte, sich „Rehabilitationszentrum“ zu nennen. Für die berufliche Rehabilitation mag diese schmückende Bezeichnung durchaus zutreffen, für die medizinische auch, aber im sozialen Bereich hat in der längsten Zeit der über 100jährigen Geschichte der heutigen Evangelischen Stiftung Volmarstein soziale Rehabilitation nicht nur überhaupt nicht stattgefunden, sondern sie wird boykottiert.

Als der Begriff „Rehabilitation“ als "Wiedereingliederung in die Gesellschaft" im Behindertenbereich Wirkung entfalten sollte, wurden weitere Häuser, so ein riesiges Alten- und Pflegeheim auf dem Zentralberg der Einrichtung und ein Berufsbildungszentrum auf dem höchsten Berg von Volmarstein errichtet. Gleichzeitig wurde nicht etwa die Verkehrsanbindung an die umliegenden Städte Hagen, Dortmund, Bochum und Witten durchgesetzt oder im Falle des Berufsbildungszentrums intensiviert, damit die behinderten Menschen überhaupt die Möglichkeit zur Teilnahme am Leben in der Gesellschaft erhalten. Nein, die Schwerbehinderten sind auf den Behindertenfahrdienst angewiesen, zu dem sie sich zwei Tage vorher anmelden müssen, und die in ihrer Anzahl bezahlter Fahrten beschränkt sind. Abendfahrten beispielsweise zu Kinospätvorstellungen und sonstigen Spätveranstaltungen in einer Stadt können nicht wahrgenommen werden. Ein stündlicher oder wenigstens zweistündlicher Beförderungsdienst seitens der Evangelischen Stiftung Volmarstein zu den umliegenden Zentren besteht nicht, trotz Zuwendungen der "Aktion Mensch" gerade auch für diesen Zweck.

Der Verweis auf den öffentlichen Verkehr mit vorhandenen Linienbus-Haltestellen kann nur zur Lachnummer geraten. Die Stadt Wetter hat es seit dem „Jahr der Behinderten“ 1981 (http://www.behinderte.de/1981/81planung.htm) nicht vermocht, für seine heute „mehr als 3000 Kinder, Jugendliche, Erwachsene und Senioren sowie mehrere tausend Patienten pro Jahr“ der Evangelischen Stiftung Volmarstein (http://esv.de/index.php?option=com_content&view=article&id=504&Itemid=1) die Buslinien-Verkehrsgesellschaften zu Niederflurbussen zu verpflichten, die Teilnahme Behinderter am öffentlichen Nahverkehr zu jeder Zeit zu ermöglichen. Statt dessen fahren sporadisch die ein oder anderen behindertentauglichen Linienbusse.

Eingliederung in die Gesellschaft kann nur heißen, Einrichtungen für zuvor Ausgegliederte dort zu bauen, wo keine Ausgliederung mehr stattfinden kann. Das Berufsbildungszentrum hätte nach Hagen gehört und das neue Alten- und Pflegeheim ganz dicht an eine Fußgängerzone, damit der alte oder gehbehinderte Mensch es nur wenig Schritte zum „prallen Leben“ hat. So werden die Behinderten auch heute noch ausgegrenzt, verwaltet, man kann sagen sicherheitsverwahrt. Was unter Kontrolle ist und nicht erst in der Fußgängerzone zusammengesucht werden muss, braucht weniger Personal.

Zehn Jahre Lichtblick hatte auch die Evangelische Stiftung Volmarstein zu verzeichnen. In den 70er Jahren gab es ein umfangreiches Freizeitprogramm und – wenn auch viel zu wenige – Kontakte zu Gruppen Nichtbehinderter.

Ich erwähne die Evangelische Stiftung Volmarstein nicht etwa als besonders schlechtes Beispiel für nie funktionierte soziale Eingliederung in die Gesellschaft, sondern darum, weil ich die Verhältnisse kenne. Als das Berufsbildungszentrum neu gebaut wurde, sagte ich Anstaltsleiter Rudolf Lotze klar, dass damit der Zentralbereich, etwa zwei Kilometer entfernt, stirbt, weil keine jungen Menschen mehr die Hartmannstraße beleben. Lotze antwortete mir, ich sei ein Pessimist und immerhin würde stündlich der Spezialbus vom Berufsbildungszentrum zum Zentralbereich der Orthopädischen Anstalten Volmarstein pendeln. Heute pendeln eher die Verpflegungs-LKWs zwischen der Großküche im BBW zu den Pflegehäusern im Zentralbereich. Und der Zentralbereich ist an Wochenenden tot. Zum Sterben trägt auch ein Parkhaus bei, in dem den wenigen Besuchern Parkgebühren aus dem Kreuz geleiert werden (pro Stunde ein Euro).

http://helmutjacob.over-blog.de/article-ein-schandfleck-als-klingelbeutel-das-neue-parkhaus-der-evangelischen-stiftung-volmarstein-85817899-comments.html#anchorComment

Aber so, wie in der Evangelischen Stiftung Volmarstein – die den Begriff „Rehabilitation“ längst aus dem Briefkopf gestrichen hat – sind auch in anderen Heimen für Behinderte keine oder nur dürftige soziale Eingliederungsbemühungen zu beobachten. Wer gelungene Integration in die Gesellschaft erleben will, besuche das Altenheim St. Pankratius, Am Dicken Turm 19, 58636 Iserlohn.

http://www.kkimk.de/index.php?public&page=282

Gucken die alten Menschen aus dem Fenster, liegt unter ihnen der Marktplatz. Quer über den Marktplatz laufend erreichen sie nach 300 Metern die Fußgängerzone. Wer noch kreuchen und fleuchen kann, ist in den Cafes anzutreffen. Wer nicht mehr gut zu Fuß ist, geht mit seiner Verwandtschaft dort spazieren.

Ehemalige Sicherungsverwahrte im Justizbereich verlangen Schmerzensgeld. Sie haben in einem Urteil bereits 500 Euro monatlich zuerkannt bekommen.

Unter den damaligen Gegebenheiten bis 1969 empfanden viele Schulkinder ihre Unterbringung im Johanna-Helenen-Heim als Haft. Die Ausbildungszeit war eine Art „Sicherungsverwahrung vor der Gesellschaft“, weil kaum Kontaktmöglichkeiten außerhalb der Einrichtung bestanden.

Wie sah die Haftunterbringung in Volmarstein aus? Die Statistiken geben Auskunft. Danach stand jedem Kind im Schlafzimmer 1,3 bis 2 qm Bewegungsfreiheit zur Verfügung. Von täglichen, einstündigen Hofgängen, wie in Haftanstalten üblich, konnte in Volmarstein keine Rede sein. Die Hofgänge waren Hofsitzungen auf wenigen Bänken und fanden je nach Lust und Laune des Personals statt. Der Winter war meist passé und Regentage selbstverständlich auch. Den Hof von etwa 300 qm mussten sich 55 Schüler/innen teilen. Im Speisesaal standen – nach Geschlechtern getrennt – pro Kind etwa 1,9 qm zur Verfügung, wobei die Einrichtungsgegenstände wie Tische und Stühle nicht abgerechnet sind.

http://gewalt-im-jhh.de/Das_Johanna-Helenen-Heim_1955-/das_johanna-helenen-heim_1955-.html

In anderen Heimen – so auch in den Erziehungsheimen - werden die Unterbringungsgegebenheiten kaum anders gewesen sein. Nur der Hofgang war für viele Zwangsarbeiter länger und dauerte bis zu 10 Stunden am Tag. Er bestand zum Beispiel in der Arbeit im Moor zur Torfgewinnung.

500 Euro Entschädigung wird den zu Unrecht Sicherheitsverwahrten zugestanden. Die Sicherheitsverwahrten und Strafgefangenen in den Heimen verlangen lediglich die Hälfte. Die ehemaligen behinderten Häftlinge wollen 400 Euro.

Wie stumm sind doch die Opfer von Gewalt und Terror, Haft und Folter in drei Jahrzehnten überwiegend kirchliche Heime? Sie müssten spätestens jetzt auf die Straße gehen und diese asoziale Ungerechtigkeit laut anprangern. Sie, die ihre Haft oft gar nicht selbst verschuldet haben, denen man sich teils unter dümmsten Begründungen entledigt, sie abgeschoben hat, werden sogar um diese 250 Euro Opferrente betrogen.

Wie moralisch verkommen sind die Rechtsnachfolger der Täter, dass sie ihren Opfern selbst diese kümmerliche Wiedergutmachung verweigern?

Heimkinder, Heimopfer, Heimerziehung, Erziehungsheime, Evangelische Kirche, Katholische Kirche, Evangelische Stiftung Volmarstein, Integration, Rehabilitation

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Published by Helmut Jacob
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Kommentare

lehrling 05/04/2012 08:36

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Auf der Tagesordnung der rheinischen Jugend-Politiker steht auch die Fortentwicklung der Förderung von Kindern mit Behinderung in Kindertageseinrichtungen sowie ein Sachstandsbericht zur Anlauf-
und Beratungsstelle für ehemalige Heimkinder beim LVR-Landes

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Auf der Tagesordnung der rheinischen Jugend-Politiker steht auch die Fortentwicklung der Förderung von Kindern mit Behinderung in Kindertageseinrichtungen sowie ein Sachstandsbericht zur Anlauf-
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Auf der Tagesordnung der rheinischen Jugend-Politiker steht auch die Fortentwicklung der Förderung von Kindern mit Behinderung in Kindertageseinrichtungen sowie ein Sachstandsbericht zur Anlauf-
und Beratungsstelle für ehemalige Heimkinder beim LVR-Landesjugendamt Rheinland.
http://www.rp-online.de/region-duesseldo…d-vor-1.2817305

Vielleicht kann dort eine kleine Gruppe ehemaliger Heimkinder erscheinen und auf den " Mißstand " aufmerksam machen. Es wird doch wohl Presse dasein. Jede Gelegenheit sollte genutzt werden.