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28. Februar 2011 1 28 /02 /Februar /2011 22:48

Evangelisches Johannesstift Berlin Spandau: Ein bisschen Aufarbeitung anhand von einem bisschen Aktenmaterial

 

Das „Evangelische Johannesstift“ in Berlin Spandau legte Anfang 2011 seine Ergebnisse der Studie „Heimerziehung in den Jahren 1945 - 1970 ... “ vor. Um es vorwegzusagen: Die Ergebnisse sind nicht nur dürftig, sondern eigentlich gar nicht zu gebrauchen.

 

Bereits in der themenbezogenen Veröffentlichung auf der Homepage der Einrichtung

(http://www.evangelisches-johannesstift.de/stiftung/presse/evangelisches-johannesstift-legt-ergebnisse-der-studie-zur-heimerziehung-zwischen-19)

findet sich der bemerkenswerte Satz: „Da die Quellenlage jedoch für einige Einrichtungen lückenhaft ist, stützte sich die Betrachtung vor allem auf noch erhaltene Heimakten des Lehrlingsheims Ulmenhof.“ Der geneigte Leser hätte bereits an dieser Stelle gern erfahren, wie viele Einrichtungen auf dem Untersuchungskalender standen und ob und wie viele Gespräche mit Opfern stattgefunden haben. In der „Erklärung des Vorstandes des Evangelischen Johannesstifts zu der Situation von Kindern in Heimen des Johannesstifts von 1945 bis 1970“

(http://www.evangelisches-johannesstift.de/sites/default/files/stiftung/Bilder/Pressemeldung/2011/2011-01-25_Heimerziehung/Heimerziehung_ErklaerungVorstand.pdf)

ist darüber auch nichts zu finden.

 

Erst die Zusammenfassung „Heimerziehung im Evangelischen Johannesstift 1945 – 1970“ von Helmut Bräutigam

(http://www.evangelisches-johannesstift.de/sites/default/files/stiftung/Bilder/Pressemeldung/2011/2011-01-25_Heimerziehung/Heimerziehung_ZusammenfassungStudie.pdf)

liefert einige Fakten: „In die Untersuchung einbezogen wurden das heute nicht mehr existierende heilpädagogische Heim Jungborn für Kinder bis 15 Jahre (einschließlich seiner bis 1954 existierenden Mädchenabteilung Heideborn), das Lehrlingsheim Ulmenhof, ferner das Schüler- und Lehrlingsheim Birkenhof (beide für Jugendliche ab etwa 15 Jahren) und das Kleinkinderheim Neue Erde.“ Gleich danach wird allerdings die Aufarbeitung der Gewalttaten in besonders wichtigen Heimen verschoben: „Die Verhältnisse in den damaligen Heimen für Kinder und Jugendliche mit Behinderung, Quellenhof und Stoeckerhaus sollen aufgrund ihrer besonderen pädagogischen und medizinisch-therapeutischen Situation in einer eigenen Studie behandelt werden.“ Worin allerdings nun die besondere pädagogische Situation liegt und was die medizinisch-therapeutische Situation mit der offensichtlich stattgefundenen Gewalt zu tun hat erschließt sich mir nicht sofort. Allerdings ist klar, dass behinderte Kinder und Jugendliche wegen ihrer Wehrlosigkeit besonders schwer gelitten haben.

 

In dieser Zusammenfassung wird nebulös über die Aktenlage geschrieben. Nicht für alle Heime hätte „genügend“ Aktenmaterial zur Verfügung gestanden. So habe man sich trotz schlechter Quellenlage auf den Ulmenhof und auf Jungborn konzentriert. Über den Ulmenhof liegen laut Johannesstift noch rund 1.200 Bewohnerakten vor. Verweist die Einrichtung zunächst auf die geringe Aktenlage, verwundert es um so mehr, dass sie von den 1.200 vorhandenen Akten lediglich etwa ein Viertel ausgewertet hat („Etwa ein Viertel wurde ausgewertet.“). Man fragt sich erstaunt, warum so wenige Akten ausgewertet wurden.

 

Zwangsläufig müsste dem Leser die Frage kommen, weshalb keine mündlichen Aussagen in die Bewertung einbezogen wurden. Diesen zwangsläufigen Gedankengang scheint auch das Johannesstift erkannt zu haben und schreibt in seiner Zusammenfassung: „Inzwischen liegen dankenswerterweise Aussagen von einigen ehemaligen Heimbewohnern vor, die die aus den Akten gewonnenen Erkenntnisse in wertvoller Weise ergänzen.“ Einige ehemalige Heimbewohner sollen also ausgesagt haben. Wie viele denn nun? Und doch: „Im Wesentlichen aber basiert die Studie auf zeitgenössischem schriftlichem Material, ...“. Was ist von einer solchen Aufarbeitung auf schriftlicher Basis zu halten?

 

Da das Aktenmaterial von den Tätern oder den Decker der Täter angefertigt wurde, interessiert eigentlich kaum noch die Art und der Umfang der Gewalt. Die Mitteilung auf der Homepage dazu: „Zumeist sind Ohrfeigen dokumentiert, aber auch Hinweise auf Prügelstrafen finden sich.“ Ferner wird die Züchtigungsform mit einem Rohrstock erwähnt. In der „Erklärung des Vorstandes“ wird lediglich von „körperlichen Strafen“ geschrieben, „die nach damaligem Rechtsstand nicht hätten geschehen dürfen.“

 

Der Zwischenbericht geht nicht wesentlicher ins Detail. Dort wird die reglementierte Freizeit angeführt, die Einordnung in die Gruppe und die nachrangige „Entfaltung des Einzelnen“. Unter dem Kapitel „Strafen in der Heimerziehung“ heißt es: „Zu den schweren Strafen zählte der Arrest, der den Betroffenen in der Regel für zwei bis drei Tage völlig von der Außenwelt isolierte. ... “. Desweiteren werden „Schläge mit der flachen Hand“ und „gelegentlich auch Prügel“ sowie „Schläge mit dem Rohrstock“ dokumentiert.

 

Wen wundert es, dass nicht mehr und größere Gewaltmaßnahmen in den Unterlagen zu finden sind? Es ist kaum denkbar, dass ein Gewalttäter Strafen, die über den damals noch akzeptierten Rahmen hinausgingen, dokumentiert. Hier offenbart sich das Versäumnis (war es ein gewolltes Versäumnis?), mit Betroffenen direkt gesprochen und sie nach der tatsächlich stattgefundenen Gewalt gefragt zu haben. Weil zur Dokumentation der Gewalt im Johannesstift wahrscheinlich ausschließlich auf das Aktenmaterial zurückgegriffen wurden, ist die gesamte Aufarbeitung eine Farce.

 

Zu den gesundheitlichen Folgen finden sich in dem Zwischenbericht auch nur wenige Hinweise: „Berichtet wird über Nasenbluten, Blutergüsse, Striemen auf dem Gesäß, Verletzungen des Gehörgangs, in einem Fall um Zahnschäden.“ Danach folgt ein bemerkenswerter Satz: „Über seelische Folgen wird nicht berichtet; wir wissen aber aus Berichten Betroffener, dass das sehr wohl der Fall war.“ Eine lächerliche Formulierung:

  1. Welcher Täter analysiert die seelischen Schäden, die aus seinem Handeln erwachsen und dokumentiert sie in den Akten?
  2. Aus wie vielen Berichten von Betroffenen geht denn nun hervor, dass die Gewaltanwendungen seelische Folgen hatten?
  3. Um welche seelischen Folgen handelt es sich überhaupt?

Diese unbeantworteten Fragen machen den Bericht ein weiteres Mal völlig unglaubwürdig. Daran ändert auch die Bemerkung nichts, dass die Einrichtung „von einer Dunkelziffer“ ausgeht. Wer so schluderig arbeitet, dem ist diese Dunkelziffer zuzulasten.

 

Entschuldigungsgestammel

Warum ist keine Einrichtung in der Lage, schnörkellos zuzugeben: Jawohl, unsere Vorgänger haben sich schuldig gemacht. Sie waren teilweise Verbrecher. Die unmittelbare, interne Aufsicht hat die Gewalttaten gedeckt. Wir haben versprochen es besser zu machen als die Familien und in diesem Anspruch versagt? Stattdessen windet man sich wie ein Aal.

 

Man sucht nach Entschuldigungen für „Körperstrafen“: „Dass es dennoch zur Anwendung von Körperstrafen kam, hat viele Ursachen: Gewohnheit, eine weitgehende gesellschaftliche Akzeptanz, das elterliche Züchtigungsrecht, eine bestimmte tradierte religiöse Interpretation.“ Fast könnte man meinen, Pfarrer Martin von Essen hätte Formulierungsanleihe bei Pfarrer Ernst Springer, dem inzwischen verstorbenen Leiter der Evangelischen Stiftung Volmarstein (bis Ende 2006) genommen.

Bereits Springer betet in seiner „Volmarsteiner Erklärung“

(http://gewalt-im-jhh.de/Volmarsteiner_Erklarung_von_Er/volmarsteiner_erklarung_von_er.html)

nach oder vor, was andere Einrichtungen vor und nach ihm formuliert haben: „’Zucht und Ordnung’ galt noch lange nach dem Krieg als oberstes pädagogisches Ziel. ‚Züchtigung’ erschien vielfach noch als geeignetes Mittel zum Erreichen dieses Zieles, war noch lange allgemein – ob in Familien, Heim, Schule oder Betrieb – gesellschaftlich anerkannt, nicht verpönt und wurde in den 50er Jahren nur selten geächtet und geahndet, obwohl hier ein Wandel einsetzte und sich auch durchsetzte.“ Was Martin von Essen als „eine bestimmte tradierte religiöse Interpretation“ formuliert, liest sich bei Springer so: „Christlich vertieft bzw. verbrämt wurden Zucht und Züchtigung noch mit der Zielsetzung eines ‚keuschen, züchtigen’ Lebens als besonderer ‚moralischer Tugend.’“ Allerdings erspart Martin von Essen seinen Lesern den Griff in die Klamottenkiste des Alten Testaments. Ernst Springer führt nämlich sieben Bibelzitate an, die für „die soziale und religiöse Sozialisation unserer Vorväter/Vormütter“ herhalten sollen. Beispiel: Sprüche 19, 18 „Züchtige deinen Sohn, solange Hoffnung da ist, aber lass dich nicht hinreißen, ihn zu töten.“ Dies scheint Gott sei Dank im Johannesstift Berlin Spandau nicht passiert zu sein.

 

Weitere Entschuldigungsakrobatik in Verbindung zum damaligen sozialen Umfeld findet sich in der „Erklärung des Vorstandes ... “: „Auch wenn diese grenzüberschreitenden und unzulässigen Schläge und Züchtigungen in dieser Zeit in der Gesellschaft und in vielen anderen Einrichtungen üblich waren, so darf dies nicht als Entschuldigung herangezogen werden.“ Ein paar Sätze weiter werden die Umstände entschuldigt: „Die Studie zeigt, dass im betreffenden Zeitraum Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in den Einrichtungen für ihre verantwortungsvolle Aufgabe oft unzureichend qualifiziert waren. Die Heime der Jugendfürsorge waren in der Regel nicht auskömmlich finanziert. Ein zu geringer Personalschlüssel, der Praktikanteneinsatz als Regeleinsatz im Erziehungsdienst und die damit einhergehende Überlastung der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter begünstigten einen von Strafen und Gehorsam bestimmten Erziehungsstil.“

 

Formulierungen dieser Art finden sich in allen Stellungnahmen von Einrichtungen, die bisher mehr oder weniger falsch und verharmlosend versucht haben, ihre Vergangenheit durch den Weißwaschgang der kirchlichen Erziehungsgeschichte zu spülen. Die Bodelschwingschen Anstalten und die Evangelische Stiftung Volmarstein führen ebenso Geldmangel, Personalnot und unqualifiziertes Personal ins Feld und schustern diesen Umständen ein Teil der Verbrechen an den ehemaligen „Heimzöglingen“ zu. Andere Einrichtungen werden folgen. Auf der Tagesordnung steht beispielsweise noch der Wittekindshof in Bad Oeynhausen. Und Martin von Essen hat ja auch versprochen, noch die Heime für behinderte Kinder und Jugendliche unter seinem Dach in den Fokus der Aufarbeitung zu nehmen. Man braucht nicht zu rätseln, was dabei herauskommt.

 

Wenn in den zwei bis drei Nachkriegsjahrzehnten kein Geld, zu wenig und zu schlecht oder nicht ausgebildetes Personal zur Verfügung stand, wundert es, warum keine der bisherigen Anstalten konsequent war und die Arbeit eingestellt hat.

 

Dass heute alles schöner, besser, anständiger, liebevoller, qualifizierter, kontrollierter etc. etc. etc. ist, findet sich in jeder Ausarbeitung einer Anstalt, in der Gewalt und Verbrechen geherrscht haben. Die Wirklichkeit sieht oft anders aus.

 

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Published by Helmut Jacob
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