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12. August 2011 5 12 /08 /August /2011 16:14

Evangelische Kirche will „gegenüber den ehemaligen Heimkindern um Verzeihung bitten“

Öffentlicher Akt am 11. September in Berlin

Kommentar: Statisten gesucht?

 

In einem Rundschreiben ohne Adressat haben der Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche Deutschland, Nikolaus Schneider und Diakoniepräsident Johannes Stockmeier ehemalige Heimkinder zu einem „gemeinsamen öffentlichen Akt“ eingeladen.

Zuvor verweisen sie auf die Empfehlungen des Runden Tisches Heimerziehung an den Deutschen Bundestag und betonen: „Die Evangelische Kirche und ihre Diakonie haben frühzeitig deutlich gemacht: Wir stellen uns unserer Verantwortung und sind bereit, unseren Anteil an dem geplanten Heimkinder-Fonds zu übernehmen.“ Es sei ihnen „ein Anliegen, gegenüber den ehemaligen Heimkindern um Verzeihung zu bitten.“

Schneider und Stockmeier weiter: „In Kenntnis des Abschlussberichtes des Runden Tisches und der Ergebnisse des zentralen Forschungsprojekts zur konfessionellen Heimerziehung in der Nachkriegszeit möchten wir diese Bitte um Verzeihung nun öffentlich für die gesamte Evangelische Kirche und ihre Diakonie aussprechen.“

Der Akt soll am 11. September um 15 Uhr in der Friedrichstadtkirche, Gendarmenmarkt, in Berlin stattfinden.

 

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Die Evangelische Stiftung Volmarstein, eine Einrichtung für körperbehinderte Menschen, in der in zwei Nachkriegsjahrzehnten massive Gewalt und zahlreiche Verbrechen an behinderten Klein- und Schulkindern verübt wurden, hat dieses Scheiben an zwei besonders Betroffene weitergeleitet mit der Zusage: „Die Fahrtkosten sowie eine Hotelübernachtung würde durch die Evangelische Stiftung Volmarstein übernommen werden.“ Zuvor allerdings hat sie eine geforderte Opferrente von 400 Euro monatlich bis zum Lebensende kategorisch abgelehnt: “Eine einseitige und nur durch die Evangelische Stiftung Volmarstein zu tragende monatliche Opferentschädigung über das bisher freiwillig von der Evangelischen Stiftung Volmarstein Geleistete hinaus, wie Sie es in Ihrem Brief formulieren, kann ich Ihnen nicht in Aussicht stellen.”

 

Klaus Dickneite, Sprecher der „Freien Arbeitsgruppe JHH 2006“ zu der Einladung: „Es ist zweifelhaft, ob bei einer solchen Massenveranstaltung den Bedürfnissen der Opfer auf Anerkennung der erlittenen Misshandlungen Rechnung getragen wird. Zum anderen ist für die Betroffenen auch nicht erkennbar, welche Konsequenzen möglicherweise das Diakonische Werk aus dieser Entschuldigung zieht, und zwar so, dass die Betroffenen real etwas davon merken.“ Dickneite erinnert daran, dass die Forderung nach einer monatlichen Opferrente weiterhin im Raum steht. Zum Opferfonds: „Es ist zum Beispiel völlig offen, inwieweit sich das Diakonische Werk für jeden Einzelnen beratend einsetzt, damit dieser aus dem Fonds, auf den sich das Diakonische Werk zukünftig beziehen will, seine Ansprüche geltend machen kann.“ Dickneite wird an der Veranstaltung teilnehmen, „um möglicherweise eine Gelegenheit nutzen zu können, die Mängel durch das Diakonische Werk anzusprechen und die Anforderungen der behinderten Heimopfer noch einmal anzusprechen.“

 

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Kommentar: Statisten gesucht?

 

Entschuldigungsveranstaltungen der geplanten Art hat es in der Vergangenheit öfter gegeben. Sie hängen vielen Opfern schon zum Halse heraus; können doch die Formulierungen getrost dem Begriff „Entschuldigungsgestammel“ zugeordnet werden. Die Opfer empfinden sie als Wortblasen, die sie nicht mehr ernst nehmen. Es fehlt nach ihrer Meinung an echter Reue und Aktionen der Wiedergutmachung. In den ersten Jahren der Aufarbeitung der Verbrechen an wenigstens 1.000.000 Klein- und Schulkindern, Jugendlichen und in Psychiatrieen Zwangseingewiesenen glaubten sie noch Äußerungen a la Bischof Wolfgang Huber und Margot Käßmann mit dem Tenor: „Wir schämen uns dafür, ...“. Danach waren eher Peinlichkeiten  zu beobachten. Bischof Franz-Josef Bode streckte sich im Osnabrücker Dom lang vor den Altar. Der Akt wäre glaubwürdiger geworden, wenn er sich, um 180 Grad gedreht, vor den Opfern niedergestreckt und nicht Gott, sondern diese um Vergebung gebeten hätte. Sein Kollege Joachim Meisner hat unter hörbarem Gelächter der Besucher des Kölner Doms per Gesang für die Opfer gebetet. Das Wort Verzeihung kam nicht über seine Lippen.

Wenn es dann doch zu scheinbar überzeugenden Entschuldigungsformeln kam, waren sie ohne rechtliche Bedeutung, weil das klare Schuldeingeständnis vergessen wurde.

 

An Zeichen der Wiedergutmachung hat es von Anfang an gefehlt. Die beiden Kirchen mit Caritas und Diakonie haben sich nicht nur unter dem „Runden Tisch Heimerziehung“ (RTH) verschanzt, sondern – nachdem ihnen die Wahrheit um die Ohren geflogen ist – die billigste Lösung gesucht: den Opferfonds. Darauf verweisen sie nun bei jeder sich bietenden Gelegenheit. Sie ignorieren bewusst die Ablehnung der Empfehlungen des RTH an den Bundestag. In zwei Abstimmungen, eine online, die andere per Post, wurde diese Ablehnung mit über 90% bestätigt. Schnell kamen die Opfer dahinter, dass ihre drei Vertreter samt ihren drei Stellvertretern systematisch über den Runden Tisch unter Vorsitz der Pastorin Antje Vollmer gezogen wurden. Selbst diese Opfervertreter haben sich inzwischen fast komplett vom RTH-Ergebnis distanziert und eine Opferrente gefordert.

 

So ist zu befürchten, dass der Akt in der Friedrichstadtkirche reines Spektakel und der wirkliche Adressat nicht die Opfer, sondern die Medien sind. Sie haben bisher nicht nachgelassen, die Finger in die offene Wunde „Wiedergutmachung an die Heimkinder“ zu legen. Erneut sollen sie eingelullt werden: Seht her, wir bitten inständig um Verzeihung. Aber jetzt muss auch mal Schluss sein mit den negativen Schlagzeilen.

 

Wer die Aufarbeitung der Verbrechen an den Heimkindern seit 2006 beobachtet hat, stößt immer wieder auf die Versuche der Beendigung diese schwarzen Kapitels der Kirchen. „Wir wollen den Blick nach vorn richten“, heißt es überall bis hinunter zu den Heimen und Anstalten. Die Opfer verlangen zurecht, dass erst der Dreck hinter ihnen aufgeräumt wird, bevor sie in die Zukunft blicken und in der Lage sind, zu verzeihen.

 

BRD Kirchen-Kollekte

 

Zur Vertiefung:

Schreiben EKD und DW: http://www.gewalt-im-jhh.de/hp2/Aktivitaten_der_Evangelischen_/aktivitaten_der_evangelischen_.html

Kardinal Meisner betet für die Heimopfer: http://www.youtube.com/watch?v=iWfdApi8trI

Bischof Bode streckt sich nieder: http://helmutjacob.over-blog.de/article-osnabrucker-bischof-bode-legt-im-dom-schuldbekenntnis-fur-missbrauchsfalle-ab-62010175.html

Bußaktion der katholischen Kirche: http://helmutjacob.over-blog.de/article-ein-bisschen-bu-e-bischofe-bitten-um-vergebung-fur-missbrauch-69530445.html

Quelle Satire: http://www.heimkinder-ueberlebende.org

 

 

 

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Published by Helmut Jacob
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