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21. Juli 2013 7 21 /07 /Juli /2013 12:54

Zu den geschätzten 800.000 Heimopfern, die in den zweieinhalb Nachkriegsjahrzehnten im Rahmen der Erziehungshilfe in sogenannten Erziehungsheimen kaserniert waren, kommen noch Opfergruppen hinzu, die offenbar über keine Lobby verfügen. Darum wurden sie entweder vom „Runden Tisch Heimerziehung“ (RTH), der diese Verbrechenszeit aufarbeiten sollte, abgewiesen oder erst gar nicht zur Kenntnis genommen. Die behinderten Heimkinder, die im Rahmen der Beschulung in Kinderheimen eingewiesen waren, wurden vom RTH schriftlich abgewiesen, weil sie angeblich nicht zu der Kategorie „Erziehungshilfe“ gehören. Völlig unberücksichtigt sind die zu Unrecht in die Psychiatrie eingewiesenen behinderten und nichtbehinderten Jugendlichen und Kinder. Auch die Säuglinge, die in vielen Kinderheimen gequält und zumindest vernachlässigt wurden, erhalten bis heute keinen Cent Wiedergutmachung.

Für die behinderten Heimopfer wollen die Rechtsnachfolger der damaligen Anstalten und das Diakonische Werk Deutschland Gelder in den Opferfonds des Bundes, der Länder und der Kirchen eingezahlt haben. Dies behaupten sie ohne Belege, aber dennoch fortwährend gefragt und ungefragt.

Zur Erinnerung: Die Erziehungs- und Behindertenheime standen zu 70% in kirchlicher Trägerschaft. Katholische und evangelische Kirche zusammen haben allerdings nur 30% in diesen Fonds eingezahlt. Den Rest müssen die Steuerzahler aufbringen.

In Volmarstein bei Hagen existiert eine der größten Behinderteneinrichtungen der Bundesrepublik. Damals trug sie den Namen „Orthopädische Heil-, Lehr- und Pflegeanstalten Volmarstein“. In den 80er Jahren wurde sie in „Evangelische Stiftung Volmarstein“ umbenannt. Das zweitälteste Haus dieser Einrichtung ist das „Johanna-Helenen-Heim“. In diesem Heim befanden sich neben der Verwaltung und einer Pflegestation für Frauen drei Schulklassenräume im Erdgeschoss, eine Schlafabteilung für Mädchen und eine für Jungen in der zweiten Etage, sowie eine Station für behinderte Kleinkinder. Die Schulkinder waren massivster Gewalt und Verbrechen in allen Facetten ausgeliefert. Sie mussten psychische, physische und sexuelle Vergewaltigungen ertragen. Ein Teil dieser Verbrechen ist auf der Homepage der „Freien Arbeitsgruppe JHH 2006“ und in dem Buch der Historiker Ulrike Winkler/Hans-Walter Schmuhl dokumentiert.

Homepage der Arbeitsgruppe: http://gewalt-im-jhh.de/ 

Homepage 2 der Arbeitsgruppe: http://www.gewalt-im-jhh.de/hp2/index.html

Buch der Historiker: http://gewalt-im-jhh.de/Gewalt_in_der_Korperbehinderte/gewalt_in_der_korperbehinderte.html

 

Bis heute haben diese ehemaligen Kinder weder eine Entschädigung, noch Schmerzensgeld für die erlittenen Qualen und Misshandlungen, aber auch keine Leistungen aus dem Opferfonds erhalten, obwohl das Diakonische Werk und die Evangelische Stiftung Volmarstein in diesen Fonds eingezahlt haben wollen. Den ehemaligen Kindern aus anderen Behinderteneinrichtungen geht es nicht anders. Auch sie gehen bisher leer aus. 

Darum hat sich die Freie Arbeitsgruppe dazu entschlossen, die Leitung der Behinderteneinrichtung in Volmarstein und den Diakoniepräsidenten Johannes Stockmeier aufzufordern, die eingezahlten Gelder zurückzufordern und als Anzahlung für wirkliche Entschädigungsleistungen direkt an die Opfer weiterzugeben. Die Arbeitsgruppe schrieb:

“31. Mai 2013
Es ist nach unserem Empfinden nicht mehr zumutbar, dass die Opfer der Einrichtungen unter dem Dach der Diakonie (damals der Inneren Mission) weiter hingehalten werden. Nach und nach stirbt ein Mensch, ohne auch nur eine symbolische Entschädigung von Ihrem Haus erhalten zu haben. Inzwischen mehren sich die Stimmen, die dieses ‚auf die lange Bank schieben’ als moralisch unanständig betrachten. Wir fordern Sie darum auf, die von Ihnen eingezahlten Gelder und die anteiligen Gelder der Behinderteneinrichtungen zurückzufordern und sie direkt den Opfern der Einrichtungen und der Diakonie zukommen zu lassen.“ Die Gruppe weiter: “Eventuelle Rechtsstreitigkeiten in der Frage der Rückforderung sollten nicht auf den Rücken der Opfer ausgetragen werden. Darum sind Sie aufgefordert, bis zur Klärung des Sachverhaltes in Vorleistung zu treten.“

http://gewalt-im-jhh.de/hp2/Aktivitaten_der_Evangelischen_/Ruckforderungen_Opferfonds_-_DW_310513_2_.pdf

 

Die Antworten gingen im Juli 2013 ein:

DW170713grau.jpg

http://gewalt-im-jhh.de/hp2/Aktivitaten_der_Evangelischen_/DW170713grau.jpg

 

ESV-Opferfonds-sw-200713.jpg

http://gewalt-im-jhh.de/hp2/Aktivitaten_der_Evangelischen_/ESV-Opferfonds-sw-200713.jpg

Für Dierk Schäfer, Evangelischer Pfarrer im Ruhestand in Bad Boll, sind viele Frage offen. Sie decken sich mit den Fragen der „Freien Arbeitsgruppe JHH 2006“. Darum an dieser Stelle hier der Blogeintrag von Schäfer:

Wer ist hier behindert – oder: Wer behindert wen?

»Wie Sie wissen, hat sich die Diakonie von Anfang an dafür eingesetzt, dass der Runde Tisch Heimerziehung und der Fonds Heimerziehung auch die Interessen der Betroffenen, die als Kinder und Jugendliche in Einrichtungen der Behindertenhilfe waren, berücksichtigt werden. Das ist bislang nicht gelungen«. 

So heißt es in der Antwort des derzeitigen Diakoniepräsidenten (EKD). ... 

Von dem behaupteten Einsatz der Diakonie habe ich nichts wahrgenommen. Aber wenn doch, dann möchte ich gern belegt haben, mit welchen Mitteln und Worten es der Diakonie nicht gelungen ist, Frau Vollmer als Leiterin  des Runden Tisches davon abzubringen, ausschließlich Erziehungsheime zu thematisieren und nicht die Zustände in den Behindertenheimen.

Wäre doch schön, wenn die Diakonie glaubhaft machen könnte, daß Menschen mit Behinderung, wenn auch damals übelst behandelt, wenigsten heute nicht mehr Menschen zweiter Klasse sind.

Ich wüßte zudem gern, ob die Einrichtungen für Behinderte tatsächlich Geld in den Heimkinderfonds eingezahlt haben, wenn ja, ob der Fonds das Geld zurücküberwiesen hat, und schließlich, ob das Geld der Behindertenheime nun direkt an die Antragsteller aus diesen Heimen geht oder ob diese Behinderten weiter behindert werden, die paar Kröten zu erhalten. Bitte aber auch dafür Belege!

Warum sollte man den Rechtsnachfolgern von Einrichtungen, in denen Verbrechen an wehrlosen Kindern begangen wurden, die aber den ehemaligen Heimkindern aus den Erziehungsheimen nur nach Prüfung ihrer Belege Glauben schenken, warum sollte man denen einfach nur so glauben? 

http://dierkschaefer.wordpress.com/2013/07/18/wer-ist-hier-behindert-oder-wer-behindert-wen/#comments

 

Helmut Jacob
21. Juli 2013

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Published by Helmut Jacob
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