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30. März 2013 6 30 /03 /März /2013 16:10

Vorstellung des Buches von Ulrike Winkler: „’Es war eine enge Welt’ Menschen mit Behinderungen,  Heimkinder und Mitarbeitende in der Stiftung kreuznacher diakonie, 1947 bis 1975“ , Bielefeld 2012 (= Schriften des Instituts für Diakonie- und Sozialgeschichte, Band 22).

Kreuznachbuch-Titel

Vor mir liegt das Buch und ich empfehle es schon jetzt, obwohl ich gleich zu Beginn Kritik zu üben habe.

Der Buchtitel sagt nämlich zunächst wenig aus. In der Retrospektive war jeder Zeitabschnitt ein beengender, eingrenzender. Da ist das erste der nunmehr drei Bücher, in denen versucht wird, die Verbrechen an behinderten Kindern in evangelischen Heimen zu dokumentieren, in der Überschrift deutlicher: "Gewalt in der Körperbehindertenhilfe - Das Johanna-Helenen- Heim in Volmarstein von 1947 bis 1967" (1). So der Titel des Erstlingswerkes des Autoren-Duos Dr. Ulrike Winkler, Politikwissenschaftlerin, Berlin und Prof. Dr. Hans-Walter Schmuhl, Historiker, Bielefeld (2). Hier erkennt der Interessent die Thematik, so, wie sie auch im nachfolgenden, zweiten Werk der beiden Autoren ablesbar ist: „’Als wären wir zur Strafe hier’ Gewalt gegen Menschen mit geistiger Behinderung – der Wittekindshof in den 1950er und 1960er Jahren“ (3).

Dieses Buch ist trotzdem uneingeschränkt zu empfehlen, weil es als drittes Werk, verfasst von Ulrike Winkler, einmal mehr versucht, die Verbrechen in Heimen evangelischer Behinderteneinrichtungen anhand von wenigen Akten und wenigen Zeitzeugen zu rekonstruieren und zu dokumentieren. Damit trägt es dazu bei, aufzuzeigen, dass die Behauptung von „Einzelfällen“ ebenso eine Gewalt an den Opfern darstellt. Inzwischen kann getrost davon ausgegangen werden, dass in allen Heimen der Diakonie Gewalt an behinderten Kindern ausgeübt wurde. Damit werden, auch Dank Winkler/Schmuhl, die Schlussfolgerungen des „Runden Tisches Heimerziehung“ ad absurdum geführt und der lächerliche Opferfonds als Almosenzahlstelle deklassiert. In der Zweit- oder Drittauflag dieser drei genannten Bücher sollte ein Kapitel hinzugefügt werden: Der Umgang der Rechtsnachfolger dieser diakonischen Einrichtungen mit der Vergangenheitsschuld und eventuelle Entschädigungsbemühungen.

Winkler.jpgEmpfehlenswert ist das Buch auch und nicht zuletzt darum, weil sich Ulrike Winkler nicht ins Konzept hineinreden und nicht manipulieren lässt. Diese Gefahr steht immer im Raum und findet ihre Bestätigung in vielen entsprechenden Versuchen. Hat man bei einigen anderen ähnlichen Büchern anderer Autoren das Gefühl, ein Gefälligkeitsattest zu lesen, ist hier ganz klar Sachlichkeit, Nüchternheit, aber auch (was einem Wissenschaftler nicht verboten werden darf) eine gewisse Kritik erkennbar. Beispielhaft sei hier auf das Résumé zu der Arbeit über die Verbrechen in Volmarstein verwiesen (4).

Die Gliederung des nun vorzustellenden  Buches über die Gewalt in der Stiftung kreuznacher diakonie ähnelt denen der beiden anderen angeführten Bücher (5).

Zunächst lesen wir das Geleitwort der Stiftung kreuznacher diakonie, dass man getrost überlesen darf. Es ähnelt dem Strickmuster diakonischer Einrichtungen: Wir waren ein bisschen böse; - „In den Kapiteln dieses Buches finden Sie Berichte über Gewalt, sexuellen Missbrauch und Demütigungen. Wir lesen sie mit großer Betroffenheit und Scham.“; - „Für erfahrenes Unrecht und Verletzungen bitten wir um Vergebung.“; - aber es waren die Zeitumstände mit mangelndem und unqualifiziertem Personal (Wobei ganz vergessen wird, dass sich die Unternehmen preislich unterboten haben, um die Betten belegt zu bekommen. Bei diesem Preiskampf bleibt die Qualität zwangsläufig auf der Strecke.). Wenige Sätze später - und damit sich bei den Opfern ja kein Hoffnungsschimmer entwickelt - wird die Bremse durchgetreten: „Geschehenes Unrecht können wir nicht wieder gut machen.“ Damit ist das Thema Schmerzensgeldzahlungen, Entschädigung, Absicherung des Lebensendes nach verpfuschter Kindheit, vom Tisch gefegt. Dafür werden die Leser und damit auch lesende Opfer noch einmal ermahnt: „Wo Menschen sind, kann es zu Gewalt kommen.“, und darum dürfe die Stiftung kreuznacher diakonie „’nicht aufhören anzufangen’ – zu einer ‚Kultur der Achtsamkeit’ zu kommen.“

Es folgt der pastorale Teil mit der erstaunlichen Erkenntnis: „Jesus von Nazareth lehnt in der Bergpredigt konsequent jegliche Gewalt ab.“ Donnerwetter, wer hätte das gewusst und warum hing diese Erkenntnis nicht schon vor sechzig Jahren in den Büros der Talarträger der Kreuznacher Diakonie schön eingerahmt an der Wand? Den Opfern wäre manches erspart geblieben.

Unter der Überschrift „Quelle und Methodik“ ist zu erfahren, dass 12 ehemalige Bewohnerinnen und Bewohner befragt wurden, von denen allerdings 2 es ablehnten, dass die Interviews aufgezeichnet werden. Ferner wurden 6 ehemalige Mitarbeiter/innen befragt. Interessant die Fußnote: „Für die Arbeit in den 1940er und 1950er Jahren in Alt-Bethesda konnte keine Schwester mehr befragt werden. Allerdings standen hier entsprechende Akten zur Verfügung. Ähnliches gilt für das Kinderheim Zoar in Rechtenbach. Eine Gesprächspartnerin zog ihr bereits gegebenes Interview zurück, zudem verweigerte sie die Verwendung ihrer Schilderungen als Hintergrundinformationen. Ihrem Wunsch wurde entsprochen, sie wurde daher auch nicht in die Liste aufgenommen.“ Den Fussnoten sollte insgesamt besondere Aufmerksamkeit geschenkt werden, weil sie das Bild über die Einrichtung abrunden.

Schon im zweiten Kapitel, ab Seite 53, kommen die Opfer zu Wort, wird ihr bisheriger Lebensweg nachgezeichnet, die erlittene Gewalt, ihre Gefühlslage während dieser von Gewalt beherrschten Zeit, ihr Umgang mit dem Erlebten in den Jahrzehnten danach beschrieben. Die Platzierung dieses Themas in der ersten Hälfte des Buches wurde von der Autorin bewusst gewählt. In dem Buch „Endstation Freistatt“ (6) sind der Historiker Schmuhl und die Politikwissenschaftlerin Winkler mit ihren „Gastbeiträgen“ über die Erlebnisse von Jugendlichen in Heimen der Anstalten Bethel bei Bielefeld erst ab Seite 153 vertreten. Bis dahin wird der Leser von Mitarbeitern der Einrichtung mehr oder weniger manipulativ unterhalten und ermüdet. In diese Richtung zielt das Geleitwort zum Buch über Freistatt von Anstaltsleiter Ulrich Pohl (Pohl ist allerdings nicht der einzige Anstaltsleiter, der nach meinem Empfinden versucht, die Vergangenheit durch den Weißwaschgang der Anstaltsgeschichte zu spülen (7).

Wer das Vergnügen hat, das Buch von Ulrike Winkler als Textdatei vor sich zu haben, dem kann bald die Freude über diese Arbeitserleichterung vergehen. Gebe ich den Begriff „Gewalt“ in die Suchmaske ein, wird sie mir dermaßen komprimiert aufgetischt, dass ich stellenweise um Fassung ringen muss. Das Wort ist über hundertmal zu finden; der Begriff „Missbrauch“ immerhin auch dreizehnmal und dahinter steht sexuelle Gewalt in den unterschiedlichsten Formen.

Beschrieben wird aber auch die Gewalt unter den Heimbewohnern selbst und gegenüber den Mitarbeitern. Der Leser erfährt auch – und das war in vielen anderen Heimen ebenso selbstverständlich – dass diese Taten entweder unter den Teppich gekehrt oder anstaltsintern behandelt wurden, wobei die Mitarbeiter meist mit einer Abmahnung davonkamen. Schon aus diesem Grunde fühlen sich viele Opfer noch heute mitschuldig an den an ihnen verübten Vergehen.

Das Buch ist für 19 Euro im Buchhandel zu beziehen. Das ist ein moderater Preis, der es auch Opfern sowohl der Einrichtung wie auch anderer Heime, die heute in großer Zahl wegen ungenügender Ausbildung und fehlenden Berufsmöglichkeiten arm leben, erlaubt, das 256-seitige Werk zu erwerben. Es gehört in jede Ausbildungsstelle für Pädagogen, Psychologen, Pflegekräfte. Insbesondere gehört es in jede Hand eines in einer Einrichtung für Hilflose neu eingestellten Menschen. Dies schon darum, weil damit zu verstehen gegeben wird: Was immer ihr tut, es bleibt nicht unbeobachtet und kann Konsequenzen haben.

Helmut Jacob

28. März 2013

(1) http://gewalt-im-jhh.de/Gewalt_in_der_Korperbehinderte/gewalt_in_der_korperbehinderte.html

(2) http://www.schmuhl-winkler.de/index.html

(3) http://www.readers-edition.de/2011/07/04/als-waeren-wir-zur-strafe-hier-buch-ueber-gewalt-in-einem-behindertenheim/

(4) http://gewalt-im-jhh.de/Bericht_der_Historiker_Prof__S/bericht_der_historiker_prof__s.html

(5) http://www.buchhandel.de/WebApi1/GetMmo.asp?MmoId=2258232&mmoType=PDF&isbn=9783895349423

(6) http://helmutjacob.over-blog.de/pages/Buchempfehlung_Endstation_Freistatt-1328320.html

(7) http://www.readers-edition.de/2012/05/15/eingelullt-und-abgehakt-wie-tatervertreter-ihre-heimopfer-abservieren-wollen/

 

Heimkinder, Heimerziehung, Gewalt, Missbrauch, Vergewaltigung, Evangelische Kirche, Diakonie, kreuznacher diakonie, Stiftung kreuznacher diakonie, 

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Published by Helmut Jacob
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Kommentare

Ex-Heimkind 04/07/2013 23:33

Lieber Herr Jacob –

danke für Ihren Buch-Hinweis, auch wenn ich nicht in einem Heim für Behinderte aufgewachsen bin, so sind doch viele Be- und Ver-Hinderungen in meinem Heimaufenthalt aufgetreten und haben mich mein
ganzes Leben begleitet.

Die kratzige Wolldecke auf dem Buchcover ist mir bis heute noch gut in Erinnerung, ein typisches Utensil…

Abmahnungen von Mitarbeitern in solchen Institutionen sind mir während meines 18jährigen Heimaufenthalts niemals begegnet.

Die Publikation über Freistatt, soweit ich mich erinnere, fand ich nicht ermüdent, vielmehr haben mich die umfangreichen Arbeitseinsätze und die Gewaltanwendung an den Ehemaligen erschrocken.
Immerhin wurden Strafbücher geführt, wenn auch manipuliert – bei uns gab es diese Bücher vermutlich nicht. Mein zuständiges Jugendamt hat sowieso beide Augen zugedrückt und die gesamten
Aktenbestände zwischenzeitlich vernichtet, so dass mein Heim-Aufenthalt, einvernehmlich mit der Kirche, ohne mein Einverständnis getilgt wurde.

Über die Verlogenheit der (evangel.) Kirche bedarf es meinerseits keiner weiten Ausführungen. Die Ignuranz, Abgebrühtheit, sowie die immer wieder regelmässig wiederholenden Gewaltexsesse von den
Bediensteten stehen im Kontext zur beredeten ‘Nächstenliebe’, die allerdings nicht praktiziert wurde. Gewalt und Bösartigkeit waren das Elixier meiner Heimunterbringung, von der Frau Vollmer am
Runden Tisch Heimerziehung (RTH) vermutlich nichts verstanden hat.

Die Erbnisse des RTH, sind eine erneute Ohrfeige, die sich ‘gewaschen’ hat – symbolisch eine Wiederholung jener Gewaltexesse, wie ich sie seit meinen Kindertagen nicht wieder erfahren habe.