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18. März 2012 7 18 /03 /März /2012 15:47

Helmut Jacob

Am Leiloh 1

58300 Wetter

18.03.2012

 

 

  Reg. Anlauf- u. Beratungsstelle

für den Opferfonds Heimerziehung

LWL - Landesjugendamt Westfalen

Herrn Matthias Lehmkuhl

Warendorfer Str. 25
48133 Münster
matthias.lehmkuhl(at)lwl(dot)org

 

 

 

  Antrag auf Sachleistungen aus dem Opferfonds in Höhe von 10.000 Euro

für Herrn Jochen R. (Name geändert)

 

 

Sehr geehrter Herr Lehmkuhl,

 

ich beantrage Sachleistungen aus dem Opferfonds Heimerziehung für Herrn Jochen R. Und zwar sollen die Kosten für seinen Bierkonsum übernommen werden. Dass er ehemaliges Heimkind ist, brauche ich nicht lange zu dokumentieren. Gehen Sie nur auf unsere Homepage www.gewalt-im-jhh.de und suchen dort nicht nur unsere Dokumentationen, sondern auch das Buch der Historiker und schon wissen Sie, mit welcher Verbrecherbande die Hilflosesten der Gesellschaft zu tun hatte und wie die Rechtsnachfolger versucht haben, diese Verbrechen unter den Teppich zu kehren. Es hat sich unlängst herausgestellt, dass die Schulstationen im Johanna-Helenen-Heim der damaligen Orthopädischen Anstalten Volmarstein auch anerkannter Teil der Erziehungshilfe waren. Hierzu eine Mitteilung der Evangelischen Stiftung Volmarstein an den Sprecher der „Freien Arbeistgruppe JHH 2006“, Herrn Klaus Dickneite: „So findet sich die Evangelische Stiftung Volmarstein im „Verzeichnis Evangelischer Erziehungsheime", Sonderheft Ausgabe September 1953, herausgegeben vom Evangelischen Reichs-Erziehungs-Verband e.V., unter Nummer 63 und im „Verzeichnis der Erziehungsheime und Sondereinrichtungen für Minderjährige in der Bundesrepublik Deutschland und in Berlin“ unter Nummer 763. Somit war die Evangelische Stiftung Volmarstein sowohl anerkannter Teil der Erziehungshilfe wie auch Teil der Behindertenhilfe.“

 

Allerdings erwarten Sie jetzt eine Begründung dafür, dass Sie sein Bier für die ca. nächsten zehn Jahre bezahlen sollen. Als Kinder haben wir (ich war etwa zur gleichen Zeit auch im besagten Heim) aus Goldpapier Engelchen gebastelt. Wir mussten sie zunächst skizzieren und dann die Skizze auf diese Folie legen und mit einem Stift umranden. Dann wurde um die Skizze herum geschnitten und die Folie gefaltet und bums, war das Engelchen fertig. Ok, im Laufe des Fertigungsprozesses gab es oft ein paar rechts und links um die Ohren und auch schon mal einen schweren Gehstock ins Kreuz. Aber wie das Engelchen so gülden leuchtete, das war schon ein schöner Anblick. Diese Engelchen sind dem Antragsteller noch heute in angenehmster Erinnerung. Haben Sie schon mal eine Maß Pils gegen das Sonnenlicht gehalten? Sieht es nicht genauso aus? Sicher stimmen Sie mit mir überein: Jedes Pils erinnert ihn an die schönen Zeiten im Zentrum des Verbrechens. Allein die Tatsache, dass mit diesem Bier diese schönen Seiten seiner schrecklichen Kindheit verknüpft werden, ist sicher eine nachvollziehbare Begründung.

 

Aber ein zweiter Grund drängt sich mir seit sechs Jahren auf. Ich habe darüber lange mit Herrn R. gesprochen und ihn gefragt, wie er die letzten fünf Jahre der Aufarbeitung der Verbrechen an ihm empfindet. Wie die Gemeinden, die Kreise, die Landschaftsverbände, die Länder, der Bund und die Kirchen mit den Verbrechen und Verbrechern unter ihren Dächern umgehen, „kann man nur ertragen, wenn man abends ziemlich besoffen ins Bett geht“. So drückte er es aus. Und eigentlich muss ich ihm zustimmen. Wenn ich so manche Veröffentlichung lese, nehme sogar ich schon mal einen tiefen Schluck aus dem Glas. Was da zusammengelogen und -betrogen wurde, wie die Heimkinder und –jugendlichen von den oben genannten Institutionen über den Tisch gezogen werden, ist schon fast eine gleichschlimme Misshandlung, wie sie viele Opfer in ihrer Jugend und Kindheit ertragen mussten. Am schlimmsten hat der Runde Tisch Heimerziehung gewirkt. Er hat Fakten unterschlagen, Opfervertreter manipuliert, ihnen den rechtlichen Beistand verweigert, Gegengutachten verhindert, ganze Opfergruppen ignoriert, mehrmals nachweislich gelogen und damit den Nährboden dafür bereitet, dass es so kommen musste, wie es lange befürchtet wurde. Die Opfer müssen einen Antrag aus einem Almosentopf stellen und sich dadurch erneut demütigen lassen. Diese Schweinereien sind auch an Herrn R. nicht spurlos vorübergegangen. Um das zu ertragen, so seine Meinung, sei die tägliche Dosis Bier ein Muss. Er müsse sich diesen Opferfonds geradezu „schönsaufen“.

 

Schlimm findet er es auch, wie die Täterseite diesen Opferfonds in den Himmel lobt und frech behauptet, dies sei die von den Opfern gewünschte Lösung schlechthin. Schlimm, wie sich die Rechtsnachfolger der Täter zuerst unterm Runden Tisch Heimerziehung verkrochen haben und sich heute hinter den widerwärtigen Beschlüssen dieses von den Opfern nicht legitimierten Vereins verstecken.

 

Diese Unmoral täglich zu beobachten und zu verkraften, das könne er eigentlich nur im Suff. Ich kann ihm sehr schwer, eigentlich überhaupt nicht, widersprechen.

 

Ihm würden drei Flaschen pro Abend reichen. Das macht im Jahr (365 x 3) 1095 Stück. Bei einem Preis von etwa einem Euro pro Flasche bekäme er also ca. 9,5 Jahre psychische Flüssig-Medizin aus dem Opferfonds. Nach dieser Zeit ist er aufgrund seines Alters eh nicht mehr da oder will einfach von der ganzen Sache nichts mehr wissen. „Das ist eh die Hoffnung der Täter“ sagte mir Jochen, „Aussitzen, bis sich kein Widerstand mehr regt.“

 

Zum Schluss versprach er mir für den Fall Ihrer freundlichen Zusage: Er gehe verantwortungsvoll mit dieser Sachleistung um, würde nur Qualitätsbier kaufen und sollte er einmal nur ein Fläschlein am Abend trinken, quasi zur Feier einer positiven Meldung in Sachen Heimkinder, gäbe er die beiden anderen Flaschen einem Heimkind, das sich schämt, bei Ihnen überhaupt einen Antrag zu stellen, oder das so viel Stolz hat, dass es diesen Opferfonds ablehnt.

 

Eins können Sie nicht von ihm erwarten: Eine Verzichtserklärung für evtl. wirkliche Wiedergutmachungsleistungen, die in Zukunft anfallen könnten. Wenn es mehr Geld gibt, würde er Ihnen gerne seinen monatlichen Bedarf an Ramazzotti in Rechnung stellen. Der Grund: Ramazzotti lindert Magenschmerzen, die sich bei ihm beim Lesen manch verlogener Stellungnahme, insbesondere von den Kirchen, einstellen. Zum anderen ist die Flüssigkeit braun und lässt ihn manches braune Gedankengut in den 60er Jahren ertragen, in dessen Folge behinderte Heimkinder ebenfalls zu leiden hatten. Aber auch das können Sie alles auf www.gewalt-im-jhh.de nachlesen.

 

Ich bitte um Ihre umgehende Stellungnahme zu dem Antrag. Nach Ihrer grundsätzlichen Zusage für mögliche Sachleistungen dieser Art würde ich Ihnen die Adresse und weitere Belege über seine Kindheit zusenden. Sollten Sie diesen Antrag ablehnen wollen, bitte ich um eine entsprechende Begründung und frage gleichzeitig an, warum Sie solche Sachleistungen übernehmen, die nicht im Zusammenhang mit der Heimzeit stehen. Im Internet kursieren Wünsche nach Wohnungsrenovierungen, Weltreisen, PKW-Neukauf, etc.

 

Mit freundlichem Gruß

 

Helmut Jacob

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Published by Helmut Jacob
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