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4. März 2012 7 04 /03 /März /2012 14:53

Welche technischen Hilfen existieren für schwerst Körperbehinderte, wenn sie mit ihrer Umwelt außerhalb ihres Sichtfeldes kommunizieren möchten? Da bieten sich Handys und Telefone an. Schon scheint das Problem gelöst zu sein, denn diese Geräte gibt es „wie Sand am Meer“. Schwierig wird es erst dann, wenn das Telefon von einem behinderten Menschen bedient werden soll, der die Hände mangels Kraft überhaupt nicht einsetzen kann oder die Kraft in den Händen nicht ausreicht, den Hörer zu heben oder Tasten zu drücken. Sie bedürfen der Hilfe anderer und des Vertrauens anderer, weil sonst Gespräche privater Natur nicht möglich sind.

Ich habe versucht, eine Problemlösung zu finden. Zunächst war umfangreiche Internetrecherche notwendig mit darauf folgendem Emailverkehr. Telefongeräte, die den Bedürfnissen der angesprochenen Behindertengruppe nahekommen, sind solche, die es ermöglichen, dass das Gespräch des Anrufers direkt durchgestellt wird, wobei die Kommunikation über ein eingebautes Mikrofon und Lautsprecher oder über ein Headset (Mikrofon und Hörer im Kopfbügel oder Ohrclip) funktioniert. Zunächst habe ich nur ein Gerät gefunden, das so programmierbar ist, dass entweder ein einziger Anrufer oder bei einem Gerät sechs zuvor programmierte Anruferstellen durchgeschaltet werden. Die Möglichkeit des Behinderten mit Handlähmung, selbst zu telefonieren, ist bei diesen Geräten nicht gegeben. Außerdem muss „aufgelegt“ (wenigstens durch Druck auf die Lautsprechertaste) werden, damit das Gerät für den nächsten Anruf frei ist.

Das kann ja nicht die Lösung sein: Telefongespräche von maximal sechs voreingestellten Gesprächsteilnehmern empfangen, aber selbst keine führen zu können.

Ich forschte weiter und mir fielen die Adressbücher in diversen Computerprogrammen ein, z.B. im Emailprogramm „Outlook“ oder im „Lotus Organizer“. Über sie kann per Mausklick eine Telefonnummer angewählt werden. Der Teilnehmer kann über den PC angerufen und über diesen können auch Anrufe entgegengenommen werden. Der Nachteil: Die Zeitverzögerung. Der Ton kommt später an und der Gegenton gelangt mit etwa 2 Sekunden Zeitverzögerung zum Anrufer. Welche Problematik dahintersteht, muss hier nicht erörtert werden (eine Voll-Duplex-Soundkarte soll die meisten Probleme der Zeitverzögerung beheben), weil dann das Thema Telefon in den Hintergrund gerät.

Es muss also ein Telefon sein, das automatisch Gespräche durchschaltet und die Anwahl einer Telefonnummer per Tastatur oder Maus ermöglicht. Bald stieß ich auf das Telefon „elmeg CS410“. Ein Firmenvertreter sicherte mir diese notwendigen Eigenschaften zu. Es ist für ca. 190,00 Euro im Versandhandel erhältlich und hier gilt 14 Tage Rückgaberecht. Schnell war das Gerät bestellt und angeschlossen. Der Hörer sollte ganz verschwinden, damit er nicht zu Boden fällt, wenn das Gerät herumgetragen wird. Um es kurz zu fassen: Das Konfigurieren ist so kompliziert, dass man trotz Onlinehandbücher schier verzweifelt. Als technisch vorbegabt meine ich, durch die Konfigurationsanweisungen durchzublicken, aber das hätte einiger Tage intensiven Studiums der einzelnen Schritte bedurft. Die Firma sandte einen Techniker. „Darf ich mal an Ihre Maus?“, fragte dieser und binnen 3 Minuten war alles installiert, - und endlich verstand ich auch, wie das Gerät konfiguriert wird. Die Konfiguration funktioniert teils über Tastatur, teils über das Programm „Professional Configurator“, welches auf CD beiliegt. Ich erspare mir die Erklärung einzelner Konfigurationsschritte und zeige auf, was das Gerät elmeg CS410 nach bisherigem Stand kann:

elmeg-CS410.jpg

Nicht schön, aber praktisch: zugeklebte Hörerauflage

Der Hörer kann abmontiert werden; er ist überflüssig. Allerdings muss die sogenannte Hörergabel in gedrücktem Zustand verklebt werden, damit die Lauthörfunktion eingeschaltet ist. Der Lautsprecherton ist gut verständlich und kann per Software und über Tastatur laut und leiser gestellt werden. Das eingebaute Mikrofon scheint gut zu sein. Selbst im Abstand von 2 Metern kann der Angerufene ausreichend verstehen. Je näher man am Gerät sitzt, desto besser ist natürlich die Verständigung. Um auf das PC Adressenprogramm zugreifen zu können, muss das elmeg CS410 per Lankabel oder ganz einfach per USB-Kabel mit dem PC verbunden werden. Ein solches USB-Kabel liegt bereits bei und ist ausreichende 3 Meter lang.

Die ankommenden Gespräche werden je nach Wunsch nach 5 oder 10 Sekunden automatisch durchgestellt. Legt nach beendetem Gespräch die Gegenstelle auf, hat dies die selbe Wirkung, als ob der Hörer aufgelegt wird; das Gerät (es ist übrigens ein ISDN Gerät) steht für weitere Gespräche zur Verfügung. Das irritiert gelegentlich die angerufene Seite, die ein hörbares Auflegen vermisst.

Auf dem Gerät sind 5 programmierbare Tasten angebracht. Wer nicht möchte, dass Gespräche automatisch durchgestellt werden, kann diese Funktion mit der dafür programmierten Taste ausstellen und bei Bedarf wieder einstellen. Ansonsten wäre mit dem Telefon eine Raumüberwachung möglich. Handgelähmte können diese Funktion auch über das Konfigurationsprogramm einstellen, wenn das Telefon mit dem PC verbunden ist.

Ein Problem sind unliebsame Anrufer. Hier sind insbesondere Callcenter gemeint, aber auch der ein oder andere Zeitgenosse, der einfach nur nervt. Die entsprechenden Nummern können gebannt werden. Solche Anrufer erhalten das Besetztzeichen. Noch viele weitere Konfigurationsmöglichkeiten sind gegeben. Sie aufzuzählen, ist erst nach längerer Erprobungsphase möglich.

Was macht der behinderte Mensch mit Handlähmung, der gern auf dem Balkon oder auf der Terrasse verweilt und trotzdem angerufen werden möchte? Für ihn bieten sich kabellose Headsets an. Erste Recherchen ergaben gute Reichweiten (50 Meter) und lange Akkulaufzeiten (8-12 Stunden). Vorsicht: Headset ist nicht gleich Headset für das elmeg CS410. Auf der Homepage der Firma werden einige Headsets vorgeschlagen. Geht man den Vorschlägen nach und bestellt, kann es möglicherweise nicht funktionieren, weil die Bestellnummer geringfügige Abweichungen hat. Man sollte bei der Bestellung eines drahtlosen Headsets immer angeben, dass es kompatibel mit dem elmeg CS410 sein muss. Übrigens kostet ein solches Headset etwa 200 Euro.

Es ist zu überprüfen, ob mit einem Spracherkennungsprogramm für beispielsweise Windows die Nummerneingabe oder Namenseingabe des Gesprächsteilnehmers aus dem Software-Adressbuch heraus wegfallen kann.

Zusammengefasst: Fast unbeschränkte Selbständigkeit beim Telefonieren ist nur in Verbindung mit einem PC gegeben, wobei ein Netbook (Mini-Laptop) völlig ausreicht. Natürlich muss ein Adressenverzeichnis mit Anwahlmöglichkeiten per Tastatur oder Maus gegeben sein. Das elmeg CS410 verdient meine Empfehlung. Es ist nötig, dass die Hilfen so verständlich beschrieben werden, dass jeder sie ohne Mühe umsetzen kann. Möglich ist dies.

Helmut Jacob

04. März 2012 

http://www.funkwerk-ec.com/de/elmeg-CS410-16.html

http://www.funkwerk-ec.com/de/Standorte-1473,113093,111103.html?seite_neu=downloads_elmeg_ip_s290_ip_s400_de

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Published by Helmut Jacob
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