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9. Oktober 2009 5 09 /10 /Oktober /2009 14:51
Evangelische Scham über die Verbrechen an Kindern und Jugendlichen in den drei Nachkriegsjahrzehnten ist nichts Neues. Bereits am 10. März 2006 erfüllte es Bischof Wolfgang Huber mit Scham darüber, was ihm alles zu Ohren und vor die Brille kam. Landesbischöfin Margot Käßmann schämte sich bereits im Januar 2009 „dafür, dass in unseren Heimen so etwas vor sich gegangen ist und Kinder wirklich auch gebrochen wurden in ihrem Willen, und ihre Würde derart verletzt wurde.“, und schob bereits die Entschuldigung vorweg: „Ich kann öffentlich sagen, dass ich mich entschuldige, ...“ Der Bedarf an Scham und Entschuldigung ist also gedeckt.

Vergebung kann natürlich nur gewährt werden, wenn Zeichen der Reue und Wiedergutmachung sichtbar werden. Nicht nur, dass es daran nach wie vor mangelt, nein – nach der Scham folgt die Schamlosigkeit auf dem Fuße.

Wenn Diakonie-Direktor Christoph Künkel - obwohl die Druckerschwärze der gemeinsamen Erklärung der Evangelisch-lutherischen Landeskirche Hannovers und des Diakonischen Werkes der Evangelisch-lutherischen Landeskirche Hannovers e.V. noch an den Fingern klebt - bereits dicke Felsbrocken vor berechtigte Entschädigungsforderungen karrt, kann das Schamgefühl so groß nicht sein. Künkel ist sich seiner Worte bewußt, wenn er die Verzögerungsformel "die Diakonie lehnt eine pauschale Entschädigung ab" wiederholt. Die Umsetzung individueller Wiedergutmachung nach den Vorstellungen beider Kirchen wird mehr als die Hälfte der Opfer nicht mehr erleben.

Eine besondere Schamlosigkeit ist die erneute Flucht unter die Stühle des Runden Tisches. Zwar hat die Kirche den Dreck (Verbrechen) angerichtet, aber der Staat soll die Sauställe (Folgen der Verbrechen) ausmisten. Damit selbst das nicht so schnell passiert, schwadroniert Künkel von irgendwelchen notwendigen Gesetzesänderungen. Dreister kann die Scham nun wirklich nicht zur Schamlosigkeit verkommen. "Wir richten uns, was Entschädigungszahlungen anbelangt, nach den Ergebnissen des Runden Tisches", soll ein Sprecher der Landeskirche gesagt haben. Also gilt auch hier das Sankt Floriansprinzip: „Heiliger Sankt Florian, verschon mein Haus, zünd andre an!“

Dabei sind Möglichkeiten für erste Reue und Wiedergutmachung reichlich vorhanden. Die Kirchen könnten selbst einen „Feuerwehrfond“ einrichten und aus einer Jahreskollekte - zum Beispiel zum Buß- und Bettag - speisen. Schließlich haben viele ältere Gemeindeglieder fest die Augen zugedrückt, damit sie das Elend in den Heimen nicht sehen. Einige hunderttausend Eltern müssen wohl ihre Zöglinge in eben diesen verkommenen Heimen abgeliefert haben. So ist eine solche Kollekte mehr als berechtigt.

Ein preiswertes Zeichen der Reue wäre der Druck des Hannoverschen Schuldbekenntnisses vom 7. Oktober 2009 auf Messingplatten und der Aushang in kirchlich geführten niedersächsischen Heimen - den Opfern zum Gedenken und den dort Tätigen zur Mahnung, dass ihnen heute auf die Finger geschaut wird.

Von den Kirchen ist mehr Kreativität in der Umsetzung ihres Schuldbekenntnisses gefordert. Die Evangelische Stiftung Volmarstein macht vor, wie man mit wenigen Mitteln echte Reue dokumentieren und Opfer zur Versöhnungsbereitschaft bewegen kann.

Helmut Jacob
9. Oktober 2009


siehe hierzu: http://www1.ndr.de/nachrichten/niedersachsen/missbrauch118.html

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Published by Helmut Jacob
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