Overblog Folge diesem Blog
Edit post Administration Create my blog
18. August 2010 3 18 /08 /August /2010 17:22

Von den Verbrechen an behinderten Kindern will die Evangelische Kirche nichts hören

 

„Die Evangelische Kirche von Westfalen (EKvW) und die Lippische Landeskirche haben gemeinsam mit ihrer Diakonie ehemalige Heimkinder zu einer Begegnung eingeladen.“, so steht es in einer Pressemitteilung, und weiter: „Damit sollen alle Betroffenen in der Region ein Forum erhalten, in dem sie zu Wort kommen und sich austauschen können. ...“

 

Er hätte ihnen am 25. August in Bielefeld Grausamkeiten erzählt, wenn man ihn als Vertreter der behinderten Heimopfer von Volmarstein zum Gespräch eingeladen hätte. Auch, wie er als Schulkind schlimmste Isolationsfolter erlebte:

„Ich wurde beispielsweise in der damaligen Klinik der Volmarsteiner Anstalten (wie es damals hieß) für ein beim kindlichen Spiel zerrissenes Handtuch der Einrichtung 14 Tage lang in ein Badezimmer isoliert bei tropfendem Wasserhahn ohne irgendeine Beschäftigungsmöglichkeit, lediglich unterbrochen von der Essensausgabe und Toilettenversorgung. Es gab keinen anderen menschlichen Kontakt. Nur einige Geräusche vorbeigehender Menschen und hin und wieder eine Stimme erinnerten daran, daß es noch andere Menschen gab. Ich hatte nicht einmal die Möglichkeit, im Notfall klingeln zu können, weil ich einfach nur so mitten im Raum abgestellt worden war. Ich lag eingegipst in einen Spreizgips, der von den Brustwarzen bis zu den Zehen ging. Damit konnte ich ausschließlich auf dem Rücken liegen, nicht sitzen oder mich auf die Seite legen, Tag und Nacht.“

 

Er, Klaus Dickneite, Pressesprecher der „Freien Arbeitsgruppe JHH 2006“, die Verbrechen an Klein- und Schulkindern in den zwei Nachkriegsjahrzehnten aufarbeitet, hätte sicher auch berichtet, daß er als Behinderter eine Beckenbeinschiene trug und darunter litt: „Immer wieder geschah es, daß in Höhe der Hüfte das Metall brach und repariert werden mußte. Mir wurde grundsätzlich unterstellt, den Bruch absichtlich zu verursachen. Jedes mal, wenn das geschah, mußte ich für eine Woche in einem Toilettenstuhl sitzend von 15 bis 20.30 Uhr in einer Dunkelkammer sitzen, in der die Hilfsmittel abgestellt waren.“

 

Und er hätte von seiner Klassenkameradin erzählt, die ebenfalls schlimm gelitten hat, weil sie elternlos war, weil sich niemand um sie kümmert. MB schreibt in ihren Erinnerungen: „Die Kinder lagen alle schon in ihren Betten. Nachdem ich meine Arbeit erledigt hatte, gewaschen und umgezogen war, wollte ich mich in mein Bett legen. Das ging aber nicht. Schwester E. und Schwester M. standen an meinem Bett. Sie zwangen mich mit Hilfe eines Rohrstockes, mein Nachthemd auszuziehen. Als Schwester E. die Bettdecke von meinem Bett zurückschlug, wimmelte es da von Insekten. Sie verlangten von mir, daß ich mich nackig in dieses Insektennest legen sollte.“ Und sie erinnert sich an eine weitere Grausamkeit: „Als wir beide acht Jahre alt waren, starb Bärbel in einem Krankenhaus in Dortmund. Es war um die Weihnachtszeit. Alle Kinder waren in die Ferien gefahren. Ich lag alleine in dem großen Schlafsaal. Von der Frauenstation, die unter unserer Kinderstation lag, hörte ich Weihnachtslieder. Die Schwestern gingen oft abends dahin, weil dort ein Fernseher stand. Die Schlafsaaltür ging plötzlich auf und Schwester E. kam herein. Sie stand an meinem Fußende und sagte: ‚Bärbel ist tot! Man mußte ihr die Beine brechen, damit sie in den Sarg paßt. Glaub ja nicht, daß du mit zur Beerdigung gehen darfst! Du kannst dich sowieso nicht benehmen!‘ Damals wußte ich noch nicht, daß man keine Schmerzen mehr hat, wenn man tot ist. Schwester E. verschwand ohne ein Wort des Trostes. Ich fühlte mich schrecklich allein. Meine Trauer war sehr groß. Keiner konnte mir helfen.“

 

Sicher hätte Dickneite auch von dem Leiden eines weiteren Mitschülers erzählt. JH in seinem Bericht: „Einige Kinder litten unter Muskelerkrankungen, die die Muskeln langsam aber kontinuierlich lähmen. Diese Kinder konnten sich je nach Fortschritt der Erkrankung nur eine begrenzte Zeit auf den Beinen halten. Manche schafften eine halbe Stunde, andere mit Mühe und in Schinderei 2 Stunden und einzelne sackten nach fünf Minuten ineinander. Gertraude Steiniger knüppelte sie wieder auf die Füße. Mit ihrem Stock, der ihren schweren Körper stützte und nichts anderes als ihre Behinderung ausgleichen sollte, schlug sie solange auf Kinderköpfe ein, bis die Geschundenen unter Ausnutzung letzter Kraftreserven wieder auf ihre schwachen Füße gelangten. Danach schwoll die Kopfhaut an unzähligen Stellen oder es floß Blut durch den Lockenschopf. Kleine Kinder schrien wie heulende Robben. Ihre Anklagen an diese Welt hörte jeder im Haus und - ignorierte sie.“

 

Aber Klaus Dickneite hätte auch Fragen gestellt: Wann beginnt Ihr endlich, die Verwüstungen an Leib und Seele der Euch damals Anvertrauten zu reparieren? Wann werdet Ihr Euch endlich aufrichtig und glaubwürdig entschuldigen? Wann sühnt Ihr die Verbrechen unter Euren Dächern und zahlt Schmerzensgeld an die Wracks, die Ihr hinterlassen habt? Damit sie nach zerstörter Kindheit und verpfuschtem Leben wenigstens ihren Lebensabend in Würde erleben können!

 

Diese und andere Geschichten, dazu noch unangenehmen Fragen, will die Evangelische Kirche von Nordrhein Westfalen wohl nicht hören, denn sonst hätte sie ihn bestimmt eingeladen. So viele Grausamkeiten unter dem Dach der Evangelischen Kirche (der damaligen Inneren Mission) zu hören, ist wohl doch nicht erwünscht. Und Forderungen der Opfer? Ja, wo kämen wir da hin? Und so verkommt, bevor es überhaupt begonnen hat, dieses Treffen zu einem Kaffeekränzchen, das wohl einzig der Selbstbeweihräucherung der Evangelischen Kirche dient: Seht her, wir haben die Heimkinder angehört; wir haben ihnen Gelegenheit gegeben, ihr Herz auszuschütten.

 

Helmut Jacob

17. August 2010

 

http://www.evangelisch-in-westfalen.de/ansicht/artikel/begegnung-mit-ehemaligen-heimkindern.html

http://www.gewalt-im-jhh.de/Erinnerungen_KD/erinnerungen_kd.html

http://www.gewalt-im-jhh.de/Erinnerungen_MB/erinnerungen_mb.html

http://www.gewalt-im-jhh.de/Erinnerungen_JH/erinnerungen_jh.html

Klaus Dickneite berichtet bei TopTV in Berlin:

Teil 1: http://de.sevenload.com/sendungen/Top-TV-im-OKB/folgen/fEMhRD2-01-TopTV-17-8-2010

Teil 2:http://de.sevenload.com/sendungen/Top-TV-im-OKB/folgen/MxZjmNC-02-TopTV-17-8-2010


Runder Tisch, Heimkinder, Heimopfer, Kinderheim, Volmarstein, Gewalt, Isolationsfolter, Evangelische Kirche, Diakonie, Innere Mission, Behinderte, Schulkinder, Kleinkinder,

Diesen Post teilen

Repost 0
Published by Helmut Jacob
Kommentiere diesen Post

Kommentare