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9. September 2010 4 09 /09 /September /2010 15:39

Wenn die Ohrenzeugen der Augenzeugen verstummt sind, beginnt die Geschichtsschreibung.

Veröffentlicht in Kirche, Pädagogik, heimkinder von dierkschaefer am 9. September 2010

Geschichtliche Distanz

Wenn die Ohrenzeugen der Augenzeugen verstummt sind, beginnt die Geschichtsschreibung. So war es bisher. Die Geschichtsschreibung sondierte und filterte das ihr Zugängliche, emotionslos und doch interesse(n)geleitet.

Heute ist es anders. Die Erlebenszeugen haben ein Publikum bekommen, größer als es sich die Augenzeugen früherer Zeiten vorstellen konnten. Dank der Publikationsmöglichkeiten im Internet werden wir, die anderen, zu Ohrenzeugen und wir sehen die Bilddokumente dieser „Geschichtsschreibung von unten“. Man müßte sich Augen und Ohren verstopfen, wenn man nicht Zeitgenosse und Zeuge sein will.

So kommt es, daß auch kirchliche Medien über die Schicksale von Kindern in kirchlichen Heimen berichten. Nach meinem Aufsatz im Deutschen Pfarrerblatt (http://dierkschaefer.wordpress.com/2010/05/15/scham-und-schande-die-kirchen-und-die-heimkinderdebatte/ ) erscheint nun in der Evangelischen Sonntagszeitung ein Bericht über Säuglingsheime und der weiterführende Link zum Säuglingsheimarchiv (http://ev-medienhaus.de/printmedien/esz/aktuell/aktuelle_ausgabe.php?rubrik=thema und

www.saeuglingsheim-archiv.de). Vielen Dank an Herrn Mitchell/Australien für den Hinweis.

Wie für manch andere Einrichtungen sieht sich ja der Runde Tisch in Berlin auch für Säuglingsheime nicht für zuständig. Dabei könnten seine Mitglieder gerade aus der Beschäftigung mit Säuglingsheimen lernen, wie damals gegen damals schon bekannte wissenschaftliche Erkenntnisse über kindgerechte Erziehung verstoßen wurde. Von wegen zeitbedingt! Das was damals wohl üblich war, verstieß ebenso gegen das, was wir heute „good governance“ nennen, wie die Verbrechen des Nazireiches an sogenannten Ballast-Existenzen.

Warten wir also nicht darauf, daß die Historiker irgendwann sondieren und die Vergangenheit filtern. Bei solchem Verfahren spielt nicht nur die Würde der heute noch Lebenden keine Rolle mehr, sondern sie führen auch noch zu falschen Würdigungen derer, die ihrer Verantwortung nicht sach- und kindgemäß nachgekommen sind. Denn die Aktenführung war bisher stets Sache derer, die am Nachruhm interessiert waren. Die „Aktenführung“ im Internet ist zwar auch interessengeleitet, doch dichter am Leben und Leiden der Betroffenen.

Und aus diesen Akten geht hervor, daß die für die Mißstände in den Heimen Verantwortlichen und ihre Rechtsnachfolger einschließlich der Gesellschaft, die weggeschaut hat, die Schulden aus der Vergangenheit angemessen begleichen müssen.

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Published by Helmut Jacob
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