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19. Dezember 2009 6 19 /12 /Dezember /2009 23:04
  Vorbemerkung

Es war Helmut Jacob von der Freien Arbeitsgruppe JHH (Johanna-Helenen-Heim), der mich fragte, ob ich nicht einen Gruß an alle Heimkinder „auf unserer Weihnachtsgrußseite“ schreiben möge.

Der würde aber sehr „pfarrerlich“ ausfallen, antwortete ich. Denn ich weiß, daß viele ehemalige Heimkinder fürchterlichste Erfahrungen mit dem ganzen Komplex »BIBEL-KIRCHE-CHRISTEN-GOTT« hinter sich haben und „rot“ sehen bei allem, was sie auch nur entfernt daran erinnert.

Darum also mein Vorbehalt, darum auch diese Vorbemerkung.

Helmut Jacob meinte dann aber, er würde ja nicht jeden Pfarrer bitten.

Nun also denn …

Ich bin aber immer noch bei der Vorbemerkung. Sehr „pfarrerlich“ würde der Gruß ausfallen, hatte ich geschrieben und dabei an mein Selbstverständnis gedacht. Als Funktionär der real existierenden Kirche Jesu Christi zu evangelisch-Württemberg bin ich im Ruhestand, doch nur als solcher.

Wenn ich Sie, verehrte Leserin, und Sie, verehrter Leser, nun zu einem Gedankenspaziergang einlade, sollten Sie aber nicht argwöhnen, in irgendeiner Weise vereinnahmt zu werden.

Wenn ich von „Gott“ spreche, dann ist es für diesen Spaziergang unerheblich, ob dieser Gott außerhalb unserer Vorstellungen existiert. Interessant und wichtig ist allerdings, wie Gott in unserem Kulturkreis, in der Bibel und dem „Christlichen Abendland“ „gedacht“ wurde.

Damit sind wir aber schon beim Beginn des Gedankenspaziergangs.



Wenn Sie nicht weiter mitgehen wollen, hören Sie einfach an dieser Stelle auf und seien Sie dennoch herzlich gegrüßt.


Wenn die Theologen von der Menschwerdung Gottes sprechen, so ist das zunächst einmal
recht abstrakt. Es begann auch so. Das älteste Evangelium (Markus) erzählt nichts von der
Geburt Jesu. Doch es war folgerichtig, den Gedanken des Mensch gewordenen Gottes
konsequent auf sein ganzes Menschenleben auszuweiten:
Gott wurde zunächst einmal Kind, Baby, „in Windeln gewickelt“.
Die Maler haben diese Vorstellung von Gott so einprägsam gemalt, daß eine Darstellung
von „Mutter mit Baby“, soweit sie den passenden atmosphärischen „Rahmen“ hat, uns
zugleich an die Geburt des „Gotteskindes“ denken läßt, wie bei dem Bild von George de
La Tour, das unter dem Titel „Das Neugeborene (Geburt Christi)“ bekannt ist.
Die Vorstellung von Gott als Mensch, als Kind – was hat sie gebracht?
Auf jeden Fall viele gedankliche Anregungen auf allen Gebieten unseres Lebens bis hin zu
ihrer kommerziellen Nutzung im Weihnachtsgeschäft, das ja immerhin für die Kinder bei
uns Geschenke beschert.


Doch wenn ich an die Geschichte von Marianne B. und ihrem Weihnachtspäckchen denke
( http://www.gewalt-im-jhh.de/Erinnerungen_MB/06_Rueck-Sicht_dierkschaefer_.pdf )
dann weiß ich, daß es nicht nur Kinder gegeben hat (und heute noch gibt, - nur anderswo),
die leer ausgingen, sondern auch Kinder, die in völlig unverständlicher Weise durch
brutale Wegnahme der Geschenke zu Weihnachten terrorisiert wurden, und das von Menschen,
die eigentlich darüber nachgedacht haben mußten, was es bedeutet, daß Gott Kind
geworden ist.


Und überhaupt: Warum hat man in vielen Einrichtungen, zumindest vielen kirchlichen, die
Liebe Gottes nicht auf die Kinder übertragen können?
Dabei denke ich nicht an die Verfehlungen Einzelner – Kriminalität gibt es nun einmal im
menschlichen Zusammenleben. Hier ist die Frage: Wird sie als solche erkannt und wie
wird damit umgegangen? Macht man die Augen zu? Was ist wichtiger: das Ansehen und
die „Heiligkeit“ der Institution oder das Wohl und Wehe von Kindern?


Die andere Frage geht tiefer: Viele dieser Einrichtungen wurden ja aus dem Wunsch heraus
gegründet, die Kinder als Geschöpfe Gottes ernst zu nehmen und sie zu „retten“. Leider
wurde dieser anscheinend kinderfreundliche Gedanke zum System-Fehler, der in vielen
Fällen „Mensch“ wurde in Gestalt von Erziehern, die bei der Rettung der Kinder eher an
ein jenseitiges Leben dachten und ihnen das diesseitige zur Hölle machten.
Gott wurde Kind, doch „das Licht scheint in der Finsternis, und die Finsternis hat’s nicht
begriffen“ (Johannes 1; 5).


Meinen Weihnachtsgruß verbinde ich mit dem Wunsch für das kommende Jahr, daß die
Kirchen ihrer „Sendung“ gerecht werden und eine angemessene Lösung für die vielen
ehemaligen Heimkinder finden mögen, die in kirchlichen Heimen nur in Andacht und Gottesdienst
etwas von der Liebe Gottes erfahren haben und die bis heute von den Erinnerungen
an ihre Kindheit alptraumartig heimgesucht werden.
Mein anderer Wunsch ist: Laßt es uns besser machen!
Wie, das hat Peter Maywald ganz diesseitig in einem Gedicht gesagt:


Wenn ein Kind geboren ist,
braucht es eine Wohnung,
Kleider, eine Spielzeugkist,
Bonbons als Belohnung,
Murmeln und ein eigenes Bett,
einen Kindergarten,
Bücher und ein Schaukelbrett,
Tiere aller Arten,
Wälder, Wiesen eine Stadt,
Sommer, Regen, Winter,
Flieger, Schiffe und ein Rad,
viele andre Kinder,
einen Mann, der Arbeit hat,
eine kluge Mutter,
Länder, wo es Frieden hat
und auch Brot und Butter.
Wenn ein Kind nichts davon hat,
kann’s nicht menschlich werden.
Daß ein Kind das alles hat,
sind wir auf der Erden.


Damit sind wir am Ende unseres Gedankenspaziergangs.
Danke, daß Sie mitgekommen sind!


Für Ihre Wege im neuen Jahr wünsche ich Ihnen alles Gute
und daß Sie ein Segen werden mögen für die Menschen, denen Sie begegnen.
Wenn Kinder darunter sind: Die brauchen das ganz besonders.


Dierk Schäfer

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Published by Helmut Jacob
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