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3. Januar 2010 7 03 /01 /Januar /2010 01:45

Auf der langen Bank? Freeze now!

Was wird das neue Jahr den ehemaligen Heimkindern bringen?

Da steht zunächst der angekündigte Zwischenbericht des Runden Tisches im Januarkalender. Was wird wohl drinstehen? Die Mainpost weiß bereits, anscheinend aus berufenem Munde, daß es »wohl weniger um Geld, sondern vielmehr um die immaterielle Anerkennung der Schicksale« geht.

http://www.mainpost.de/nachrichten/politik/zeitgeschehen/Schikanen-Willkuer-und-Zwangsarbeit;art16698,5415237

Zwar bleiben »direkte finanzielle Entschädigungen … auf der Tagesordnung. Allerdings dürften, falls es zu solchen kommt, die Größenordnungen erheblich niedriger sein, als den Heimkindern vorschwebt. Vertreter der Zwangsarbeiterstiftung schilderten, dass selbst dieser Kreis im Durchschnitt nicht mehr als 2500 Euro pro Betroffenen bekam – für das unter Hitler erlittene Unrecht.« … »Wir haben eine einheitliche Auffassung von dem Geschehen«, sage Frau Vollmer, das sei ein Riesensprung.

Ob die einheitliche Auffassung wohl Eingang in den Zwischenbericht finden wird und ob sie klar erkennbare Ziele nennt? Soll man’s erhoffen oder soll man’s befürchten?

Wenn jedenfalls die Zwangsarbeiterlösung der Maßstab sein wird, sind wohl eher wohlfeile Entschuldigungen zu befürchten, denn eine fühlbare Unterstützung für die ehemaligen Heimkinder, die auf Sozialhilfeniveau leben müssen, wird das nicht sein. Selbst dabei gilt es noch die Feinheiten zu beachten. Schrieb doch das Hamburger Abendblatt von erfolgten Einzelentschädigungen für Zwangsarbeiter im Bereich von 2.500 und 7.500 Euro (siehe dazu http://dierkschaefer.wordpress.com/2009/12/13/zwangsarbeiterlosung-als-zwangslosung-fur-heimkinder/ ), so lesen wir in der Mainpost von Entschädigungssummen von »im Durchschnitt nicht mehr als 2500 Euro«. Die Zeitung berichtet, daß Forscher der Ruhr-Universität bei ihrem Vortrag am Runden Tisch von 500 000 betroffenen Menschen ausgehen. Das ergäbe immerhin die erkleckliche Summe von 2.500 mal 500.000. Damit hätten die sogenannten Opferanwälte im Ankündigungspoker so falsch gar nicht gelegen.

Doch gemach, die Gesamtentschädigung wird auch nicht die Hälfte dieser Anwaltssumme ausmachen. Das Diakonische Werk (EKD) hat dem Runden Tisch ihre Untersuchung vorgelegt. http://www.ex-heimkinder.de/Dokumente/Diakonie-1.pdf . Nach diesen Heimauskünften wird man zumindest evangelischerseits von nur der Hälfte der Heime ausgehen müssen, denen ehemalige Heimkinder überhaupt bekannt sind, »die ihre Zeit im Heim als problematisch bezeichnen«.

»Ein Drittel [der Heime] weiß von vereinzelten Fällen. Bei den 5 Einrichtungen, die mehr als 15 Ehemalige kennen, die ihre Heimzeit als problematisch bezeichnen, handelt es sich um die Heime Freistatt, das Stephansstift Hannover und das Haus Gotteshütte Kleinenbremen (alle im Landesverband Hannover) sowie um das westfälische Mädchenheim Ummeln und die Karlshöhe Ludwigsburg (Württemberg). Im Durchschnitt sind jeweils 3 Personen bekannt, die unter dem Heimaufenthalt gelitten haben.«

Wenn unter diesen Umständen die ehemaligen Heimkinder nicht andere Zahlen glaubhaft dokumentieren, dann hat sich der Aufwand des Runden Tisches gelohnt, aber für wen? Frau Vollmer benennt laut Mainpost als wichtigstes Zwischenergebnis, »dass die Debatte in die Breite gegangen ist«. Damit folgt sie der Sozialarbeiter-Veralberung: „Ich konnte Ihnen zwar nicht helfen, aber es war gut, daß wir mal miteinander darüber geredet haben“.

Was müssen wir dem Runden Tisch für 2010 ins Pflichtenheft schreiben?

1. Es kann zwar tatsächlich keine Pauschalregelung geben. Die Heime waren zu unterschiedlich. Aber die vielen und fürchterlichen Einzelfälle sind nicht pauschal nach dem Strickmuster der Zwangsarbeiterentschädigung zu behandeln. Hier muß es um angemessene Einzelfallentschädigungen gehen, angemessen auch an der wirtschaftlichen Lage der Betroffenen. (siehe auch http://dierkschaefer.files.wordpress.com/2009/04/verfahrensvorschlage-rt.pdf)

2. Zudem gab es nicht nur in Erziehungsheimen Kinder mit übelsten Heimerfahrungen. Es gab Säuglingsheime, in denen manche Kinder „vergessen“ wurden. Es gab Heime für behinderte Kinder. Hier sei beispielhaft an die belegten Mißhandlungen im Johanna-Helenen-Heim erinnert. »Öffnete man in den 1950er und 1960er Jahren die Tür zum Johanna-Helenen-Heim, so sah man in einen Abgrund der Willkür, der Zerstörung, der Gewalt, der Angst und der Einsamkeit. Man blickte in das „Herz der Finsternis“«. (http://www.gewalt-im-jhh.de/ ). Der Runde Tisch muß seinen Horizont erweitern und alle Heime gleich welcher Art erfassen, aus denen Mißhandlungsberichte vorliegen.

3. Der Runde Tisch hat wohl als einziger die Autorität, die beteiligten Heimträger zu einem „Freeze-Abkommen“ zu bewegen. Was ist das? Die ehemaligen Heimkinder bangen, ob sie ihre Entschädigung noch erleben werden. Dies wird genährt durch die Verfahrensdauer und manche kolportierten Äußerungen, man wolle durch die biologische Lösung so mancher Fälle Geld sparen. „Freeze“ wäre das Einfrieren der Ansprüche (wenn nicht der juristischen, so doch der moralischen nach Recht und Billigkeit) auf den Zeitpunkt des Beginns des Runden Tisches. Damit geht der Entschädigungsanspruch im Fall des Todes des Betroffenen auf seine Erben über. Dann wäre wenigstens das Mißtrauen aus dem Verfahren draußen, zügiges Vorgehen aber dennoch geboten – und möglich, wie meine Verfahrensvorschläge vom April 2009 belegen.

Doch ich fürchte, die Sache der Kindesmißhandlungen in den Heimen wird weiter auf die lange Bank geschoben werden.

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Published by Helmut Jacob
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Kommentare

christine klaus 03/09/2010 12:44


ich bin eine dieser heiminsassen aus ummeln und muß ihnen vollkommen recht geben. ich war zwar "nur" zwei jahre dort und danach für ein jahr im arbeitsurlaub auch ohne bezahlung. diese drei jahre
fehlen mir in meinem leben weil ich meine arbeitgeber immer anlügen mußte, sonst hätte mich wohl keiner angestellt.aber ich denke das die, die darüber entscheiden ob wiedergutmachung oder nicht,
sich garnicht in unsere lage versetzen können oder wollen. ich habe wut im bauch!! wie können menschen über uns entscheiden, denn sie wissen doch garnicht was heute noch in uns vor geht.ich habe
jetzt nach 40 jahren meine akte nach langen hin und her bekommen und war entsetzt aus welchen gründen ich dort eingesperrt war. alles ist wieder hochgekommen, ich muß ganz ehrlich sein seitdem geht
es mir nicht besonders gut. christine