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28. März 2011 1 28 /03 /März /2011 17:46

Psychopathologisch oder „nur“ geschädigt?

Veröffentlicht in heimkinder von dierkschaefer am 26. März 2011

Weil diese Frage immer wieder aufkommt:

Viele (nicht alle) ehemalige Heimkinder haben in ihrer Heimzeit unterschiedliche Belastungen und Schädigungen erlitten – sie sind bekannt und ich muß sie hier nicht aufzählen. Man kann aber drei Gruppen bilden:

1. Einige haben die Belastungen „weggesteckt“ im Sinne von: Sie fühlen sich nicht beeinträchtigt, weil sie es, wie man so sagt, zu etwas gebracht haben. Sie sind auch nicht der Meinung, daß ihr Privatleben nachhaltig von den Heimerlebnissen beeinträchtigt wurde. Bei einigen wurden Heim-Nachteile durch sogar Vorteile ausgeglichen, weil sie im Elternhaus weniger Förderung erhalten hätten oder von ihren Eltern mißhandelt wurden.

2. Von denen, die sich zu Wort melden, ist dies wohl die größte Gruppe: Sie wurden ausgebeutet, gedemütigt, mißhandelt, viele auch sexuell. Ihnen wurde Bildung vorenthalten.

Hier sind nun zwei Gruppen zu unterscheiden: Die einen sind dennoch beruflich erfolgreich geworden, aber privat nachhaltig belastet, nämlich unfähig, Partnerschaften aufrecht zu erhalten, haben Probleme in ihrer sexuellen Orientierung oder mit ihrem hohen Aggressivitätspotential.

Bei der anderen Untergruppe kommt hinzu, daß sie beruflich nicht das erreicht haben, was sie bei normaler Förderung hätten erreichen können, was in vielen Fällen klar erkennbar ist durch das intellektuell hohe Niveau ihrer Äußerungen. Dies gilt auch für einen Teil derjenigen, deren Heimkarriere in eine kriminelle überging.

Beiden Untergruppen ist gemeinsam, daß die erlittenen Schädigungen keine dauerhaften posttraumatischen Belastungsstörungen erzeugt haben. Es handelt sich jedoch um Schädigungen, die plausibel darstellbar sind, egal, ob es sich um einfacher zu taxierende wirtschaftliche Nachteile handelt oder aber um seelische Belastungen, die sich deutlich zum Nachteil in der privaten Lebensführung ausgewirkt haben.

3. In der dritten Gruppe finden wir die ehemaligen Heimkinder mit heute noch anhaltenden posttraumatischen Belastungsstörungen. Sie sind retraumatisierungsgefährdet, können sich nur unter großen Ängsten mit ihrer Vergangenheit auseinandersetzen und neigen dazu, alles, was daran erinnert, auszugrenzen. Sie sind anfällig für Trigger, für Reize, die sie unwillkürlich und unkontrolliert in die damalige Situation zurückversetzen, mit all den fürchterlichen Empfindungen von damals.

Ich möchte nicht mißverstanden werden: Die Differenzierung in verschiedene Gruppen bedeutet kein Werturteil, etwa in der Art eines heutigen Leiters einer Diakonie-Einrichtung: Andere sind doch auch damit klar gekommen. Warum Sie nicht. Das muß also wohl an Ihnen liegen. Eine solche Beurteilung ist unzulässig, offenbart jedoch, daß in manchen Köpfen, die heute für solche Einrichtung Verantwortung tragen, immer noch keine Einsicht herrscht.

Andere wollen nur Beeinträchtigungen anerkennen, die heute noch nachwirken. Das läuft darauf hinaus, daß es für Sozialhilfebedürftige die in Aussicht gestellte Einmalzahlung geben mag, die nur ein Almosen ist. Wer nicht almosenbedürftig ist, geht ganz leer aus. Es wird also jeder Anschein vermieden, daß es einen Rechtsanspruch für erlittene Unbill gibt, es gibt nur Gnade, die nicht einmal für das Gnadenbrot reicht. Das ist, wie wenn ein Verkehrsunfall-geschädigter nur den Ersatz seiner Reparaturkosten für Auto und Körper erhält, aber kein Schmerzensgeld, weil er sozial nicht bedürftig ist. Für Prinzessin Caroline von Monaco galt das übrigens nicht.

Und wer psychotherapiebedürftig ist? Der kriegt halt die Therapie gezahlt. Alles bingo?

Die ehemaligen Heimkinder sollten nicht aufhören zu betonen, daß unter dem Deckmantel der Verjährung ihre Entrechtung fortgesetzt wird. Sie sollten weder sozial- noch therapiebedürftig sein, um die Verletzung ihrer grundlegenden Menschenrechte anerkannt und entschädigt zu bekommen.

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Published by Helmut Jacob
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