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26. April 2010 1 26 /04 /April /2010 23:33

Nicht nur für die Heimkinder: Was ist aus dem Fall Mixa zu lernen?

Es geht hier nicht um die Person Mixa, sondern um den Versuch, den Fall zu analysieren.

1. Der Ablauf

  • Herr Mixa brachte sich ins Spiel, indem er in der Mißbrauchsdebatte die „sexuelle Revolution“ mitverantwortlich machte für sexuellen Mißbrauch von Kindern allgemein und für Pädophilie insbesondere. Damit machte er sich weithin lächerlich.

siehe: http://dierkschaefer.wordpress.com/2010/02/17/ein-mailwechsel/

  • Ehemalige Heimkinder geben eidesstattliche Erklärungen ab: Herr Mixa habe sie damals in seiner Eigenschaft als Stadtpfarrer mißhandelt (heftige Ohrfeigen, teils mit gesundheitlichen Folgeschäden).
  • Mixa streitet ab: Alles Lüge. Nie habe er überhaupt körperliche Gewalt gegen Kinder ausgeübt. Ohnehin sei er grundsätzlich gegen Gewalt. Seine Funktion als Militärbischof reflektiert er in diesem Zusammenhang nicht öffentlich.
  • Die Zahl der einschlägigen eidesstattlichen Erklärungen nimmt zu.
  • Mixa bzw. sein Pressesprecher streiten im Brustton der Überzeugung ab. Sie wiederholen, Mixa sei zu Gesprächen mit den Heimkindern bereit.
  • Ein Sonderermittler (wer hatte ihn beauftragt, und warum?) stößt auf finanzielle „Unregelmäßigkeiten“: Von Waisenhausgeldern habe Mixa u.a. „Kunstwerke“ und Wein gekauft.
  • Mixa relativiert und bagatellisiert die Luxusausgaben und hält ein paar „Watschn“ durchaus für möglich.
  • Der Druck wird stärker. Ein Gespräch mit Herrn Zollitsch bringt anscheinend nicht das gewünschte Ergebnis.
  • Zollitsch empfiehlt Mixa öffentlich geistliche Einkehr und Besinnung. Ein solcher Vorgang ist ein Novum und besagt nichts anderes als: Ich habe ihn nicht zur Raison bringen können. Er hat die letzte Chance vertan.
  • Mixa bietet seinen Rücktritt an.

2. Die Interpretation

  • Mixa hatte sich mit seiner aberwitzigen Verknüpfung von sexueller Revolution und Mißbrauch/Pädophilie als Zielscheibe der Kritik angeboten.
  • Die Öffentlichkeit war „vorgewärmt“ durch die Heimkinderdebatte und die  Mißbrauchsdebatte.
  • Die Vorwürfe der ehemaligen Heimkinder aus Schrobenhausen stießen auf eine durch die öffentlich gewordenen Mißbrauchsvorwürfe in anderen Einrichtungen und die Besonderheiten der Person Mixa (Bischof, katholisch, anti-modernistisch, 68er-bashing) auf mediales Interesse.
  • Mixa hielt dem stand durch Leugnung. Allerdings übersah er, daß sein Standpunkt unrealistisch erschien. Wer so generell behauptet, sich weder erinnern zu können, noch jemals überhaupt Gewalt befürwortet oder gar angewendet zu haben, ist unglaubwürdig, selbst wenn seine Behauptungen stimmen sollten. Damit hatte Mixa prinzipiell schon verloren. Hätte er gesagt, so genau erinnere er sich nicht, doch es könne schon sein, daß er als männliche Autorität in dieser von Frauen geleiteten Einrichtung die Kids auch mit leichter Gewalt diszipliniert habe, so wäre er damit aus dem gröbsten heraus gewesen. Denn eine körperliche Züchtigung in Maßen war tatsächlich damals gesellschaftsfähig und ist es mitunter auch heute noch. Hätte er gesagt, damals sei das halt nicht sonderlich ungewöhnlich gewesen, man habe es jedoch inzwischen als falsche Pädagogik erkannt – und insofern tue es ihm leid und er bitte nachträglich um Entschuldigung, so hätte der Fall einen für ihn glücklichen Ausgang genommen.
  • Erst der Vorwurf, er habe das Geld der Waisenkinder in Wein verwandelt, brach ihm das Genick. Denn es war nie gesellschaftsfähig, das Geld von Waisenkindern zu veruntreuen. Erst damit hatte er sich als zum Bock gewordener Gärtner entlarvt.

3. Es gibt eine Parallele

Die Klagen der ehemaligen Heimkinder wurden lange nicht geglaubt und der Runde Tisch brachte als jämmerliches Zwischenergebnis die Bestätigung der Klagen, wiegelte jedoch ab: Mißbrauch sei selten gewesen, und von Zwangsarbeit könne man nicht reden. Es bleibe die Gewalt.

Doch die Gewalt gegen Heimkinder wird in Teilen der Öffentlichkeit gesehen als: das war damals halt so, wird nicht so schlimm gewesen sein, wir haben auch mal eine gefangen, hat uns aber weiter nicht geschadet. Dabei wird das Ausmaß von Demütigung und Gewalt ebenso wenig gesehen, wie die psychischen Folgen. Nur wenige wissen wirklich, was Traumatisierung bedeutet. Darum: Alles nicht so schlimm.

Sexueller Mißbrauch ist dagegen etwas anderes. Der hätte nicht sein dürfen. Hier spielt die „Einhegung“ der Sexualität in der bürgerlichen Ehe, wie sie vor der sexuellen Revolution üblich war, eine skandalfördernde Rolle. Erst hat sie zwar dazu geführt, die Augen vor Mißbrauch zu schließen. Nachdem nun jedoch das „Geheimnis“ öffentlich wurde, stellt die Öffentlichkeit die Täter an den medialen Pranger.

Nicht die Gewalt, sondern die unerlaubte Sexualität war der Motor der öffentlichen Empörung, verstärkt dadurch, daß mit den Gymnasiasten, wie Kappeler zurecht hervorgehoben hat, die Opfer aus der Mitte der „guten“ Gesellschaft kamen, also keine „Schmuddelkinder“ waren, keine Kinder vom sozialen Rand, die zudem ja „nicht ohne Grund“ in Erziehungseinrichtungen gelandet waren. Hätte es gegen Herrn Mixa auch Mißbrauchsvorwüfe gegeben, wäre er schneller erledigt gewesen. So mußte noch Veruntreuung von Waisengeldern hinzukommen.

4. Was lehrt uns das?

Die ehemaligen Heimkinder müssen aufpassen, daß sie aus dieser Wahrnehmungsfalle hinaus kommen. Sie und ihre Unterstützer müssen das fast Unmögliche tun: Der Öffentlichkeit beibringen, was sie nicht kennt und wahrhaben will. Ständige Demütigung und Bindungsverweigerung, die erzwungene Einpassung in eine totale Institution,  die unberechenbare, terrorartige  Gewalt und die Ausbeutung, auch die Verweigerung von Bildung und Ausbildung, all das ist Gift für das weitere Leben, zerstört vielfach die Fähigkeit zur Lebensbewältigung beruflich wie privat und führt zu ständiger Furcht vor Entdeckung als Heimkind, zu Heimlichkeit anstelle von Vertrauen. Kurz: viele Lebensläufe sind in den kirchlichen und staatlichen Kinderheimen gründlich – und schuldhaft! – deformiert worden. Da muß nicht unbedingt noch Mißbrauch hinzugekommen sein.

Mißbrauch ist in den Augen der Öffentlichkeit zurecht ein schlimmes Verbrechen. Aber er ist allenfalls die sichtbare „Krönung“ vielfältiger Kindesmißhandlung, sozusagen die Spitze des Eisbergs. siehe: eisberg

Was wir brauchen, ist die kindeswohlorientierte Bewertung der vergangenen „Pädagogik“ und die Ausrichtung  nicht nur der Pädagogik, sondern unseres gesamten Gemeinwesens am Kindeswohl. Wenn uns die Verbrechen der Vergangenheit teuer zu stehen kommen, wird die Gesellschaft vielleicht lernen, die wohlverstandenen Interessen der Kinder beizeiten  ernst zu nehmen.

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Published by Helmut Jacob
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