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1. April 2010 4 01 /04 /April /2010 23:38

Veröffentlicht in Kirche, Theologie, heimkinder von dierkschaefer am 1. April 2010

 

Symbolhandlungen und ihre Glaubwürdigkeit – Und die Opfer zweiter Klasse

»In den Karfreitagsgottesdiensten der katholischen Kirche soll eigens für die Opfer sexueller Übergriffe gebetet werden. Der Beauftragte der Deutschen Bischofskonferenz für Fälle sexuellen Missbrauchs, der Trierer Bischof Stephan Ackermann, regte am Mittwoch an, in die traditionellen Fürbitten eine Bitte “für die Kinder und Jugendlichen” einzufügen, denen “in der Gemeinschaft der Kirche, großes Unrecht angetan wurde, die missbraucht und an Leib und Seele verletzt wurden”«.

http://www.faz.net/s/Rub79FAD9952A1B4879AD8823449B4BB367/Doc~EA931EBCD1A0C4F01822D792AB0BF1E55~ATpl~Ecommon~Scontent~Afor~Eprint.html Donnerstag, 1. April 2010

Zweierlei Maß auch hier? http://dierkschaefer.wordpress.com/2010/04/01/zweierlei-mas/

Oder schließt » missbraucht und an Leib und Seele verletzt« auch die ehemaligen Heimkinder ein?

Doch nehmen wir einmal an, die Kirche, in diesem Fall die katholische, wolle für alle in ihrem Verantwortungsbereich mißhandelten Kinder ein Zeichen der Buße setzen, so ist das zunächst ein gutes Zeichen. Am Buß- und Bettag vergangenen Jahres veröffentlichte ich in diesem Blog einen „Bußaufruf an die Kirchen in Deutschland“. Ich bekam auch einige Antworten von kirchenleitenden Personen, die mein Engagement lobten, aber ansonsten hauptsächlich auf den Runden Tisch verwiesen.

Wer zu spät kommt, den bestraft das Leben. Nachdem nun die Mißbrauchsenthüllungen – ja, ich weiß, nicht nur kirchliche Einrichtungen sind betroffen, auch andere – nachdem nun immer neue Enthüllungen zur täglichen Lektüre des Zeitungslesers geworden sind und die Kirche, hier speziell die katholische, in Bedrängnis gebracht haben, da besinnt sich die Kirche auf etwas mehr als „Betroffenheitsgestammel“: Sie setzt ein Zeichen: Wir beten für die Opfer! – Morgen, am Karfreitag, dem christlichen Opferfest.

Ein Symbol ist hohl, wenn es keine Entsprechung im Leben hat. Ein Gebet wird zur Heuchelei, wenn es tätige Reue ersetzen soll.

Von der tätigen Reue ist immer noch nichts zu sehen. An getrennten Runden Tischen sollen gleichgeartete Verbrechen abgehandelt werden. Die Opfer zweiter Klasse werden seit einem Jahr hingehalten, während „ihr“ Runder Tisch längst Bekanntes zusammenträgt. Mehr dazu: http://www.gewalt-im-jhh.de/Kappeler_zu_ZB_RTH.pdf .

Die Kirchen haben sich in die Situation gebracht, daß Entschädigungszahlungen nur noch den Charakter von Strafzahlungen annehmen können; kaum jemand wird noch an Umkehr und Reue denken – da können die Kirchen noch so sehr beten lassen. Diese Entwicklung schmerzt.

»Die deutschen Kirchen sind stark vermachtete und verfilzte Organisationen mit viel Pfründenwirtschaft zur Alimentierung von Funktionären, die gern unter sich bleiben und miteinander in einem verquasten Stammesidiom kommunizieren, das für Außenstehende unverständlich bleibt – der ideale Nährboden für Schweigekartelle und Wagenburgmentalität.« Dies schreibt Friedrich Wilhelm Graf, der heute eine erhellende Analyse vom ehemaligen Glanz und heutigen Elend der Kirchen vorgelegt hat. http://www.faz.net/s/Rub117C535CDF414415BB243B181B8B60AE/Doc~E1B34F6F7FBC44C9EBB2877C9A10ACA36~ATpl~Ecommon~Scontent~Afor~Eprint.html

Wenn man das liest, kann man sich so manche unangemessene Reaktion der Kirchen auf die Vorwürfe, sei es von mißhandelten Heimkindern oder von mißbrauchten Domspatzen erklären bis hin Verschwörungstheorie des Vatikans.

Graf schreibt weiter: »Die Kirchen sind hoch narzisstisch und fortwährend auf sich selbst fixiert. Es fehlt ihnen zunehmend an überzeugendem Personal, speziell an gebildeten Führungskräften, sieht man einmal von Karl Kardinal Lehmann und Wolfgang Huber ab. Sie kennen keine diskursive Kultur des offenen argumentativen Austrags interner Konflikte. In Tausenden von Ausschüssen, Kommissionen, Kammern und beratenden Gremien wird viel geredet, aber nichts gesagt und noch weniger verbindlich entschieden. Die eitle Neigung, sich zu allem und jedem zu Wort zu melden, unterminiert die religiöse Glaubwürdigkeit.«

Graf nennt Karl Kardinal Lehmann. Dies sicherlich mit Recht. Auch Lehmann ist heute mit einem Artikel vertreten. Wer ihm und seiner Kirche übel will, wird sagen, da habe man einen elder churchman vorgeschickt, um die Kastanien aus dem Feuer zu holen. Das sehe ich nicht so. Lehmann ist zwar umsichtig genug, um die über die katholische Kirche hinausreichende Allgemeinheit des Problems aufzuzeigen. Doch anders als bei seinen Kollegen wirkt er sachlich und glaubwürdig. Und eines ist ganz neu: Er spricht nicht nur von über Heiligkeit der Kirche, sondern auch von ihrer und Sündigkeit.

http://www.faz.net/p/Rub0FA9A4B1B13749AC97BC3B6889482661/Dx1~Eb38e845604439e463530152da11d1079~ATpl~Ecommon~Scontent.html

Das Vokabular gehört zwar zum verquasten Stammesidiom, eröffnet aber einen für die katholische Kirche unerhörten Ansatz, Kirche differenzierter zu denken und zu gestalten. Dies wird und muß die ehemaligen Heimkinder nicht interessieren. Für sehr viele von ihnen ist das Kapitel Kirche bestenfalls abgeschlossen, soweit nicht die noch offenen Rechnungen im Vordergrund sind. Wenn die Kirche diese Rechnungen beglichen hat, wird sie auch wieder Symbole setzen können.

Graf schreibt zum Schluß seines Artikels: » Niemand kennt den Preis, den eine freiheitliche Bürgergesellschaft auf lange Sicht zu zahlen hat, wenn ihre religiösen Institutionen und Organisationen erodieren. Er dürfte sehr viel höher sein als von vielen vermutet, und deshalb bedarf es nun einer politischen Debatte über Aufgabe und Zustand der Kirchen. Sie sind zu wichtig, als dass man sie ihren eigenen, wahrlich „exzentrischen“ Funktionseliten überlassen darf.« Dem möchte ich nichts hinzufügen.

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Published by Helmut Jacob
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