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8. Mai 2010 6 08 /05 /Mai /2010 22:54

Veröffentlicht in Kirche, heimkinder von dierkschaefer am 8. Mai 2010

Fortbildung zulasten der Heimkinder

Wer die Hoffnung hatte, daß der Runde Tisch die »Kritik des „Zwischenberichts“ « von Prof. Kappeler beherzigen würde, muß sich nun herb enttäuscht sehen.

http://helmutjacob.over-blog.de/article-prof-dr-manfred-kappeler-zwischen-den-zeilen-gelesen-kritik-des-zwischenberichts-des-runden-tisches-heimerziehung-46060529.html

Teil der Kritik war ja, daß der Runde Tisch im ersten Jahr seines Bestehens seine Zeit zu einem großen Teil damit zugebracht habe, sich über die Heimerziehung und die Mißstände in den Einrichtungen zu informieren, obwohl all dies schon zu Zeiten der Mißstände Gegenstand der pädagogischen Diskussion war, nichts neues also.

Nun liegt das Ergebnis der letzten Sitzung des Runden Tisches vor:

Protokoll: Ergebnisprotokoll_Sitzung7_RTH

Während draußen die ehemaligen Heimkinder demonstrierten, hat sich der Runde Tisch ausführlich beschäftigt mit den

»Erfahrungen aus der Arbeit mit Traumatisierten“« und mit der

»Expertise „Was hilft ehemaligen Heimkindern bei der Bewältigung ihrer komplexen Traumatisierungen?“«.

Toll! Fast so toll wie die Seifenblasen auf dem Photo, nur daß der Runde Tisch seine Nummer nicht so bezaubernd hinkriegt.

Im Zirkus ist das schön.photo: dierk schäfer

Der Ausdruck toll hat übrigens etwas mit Tollhaus zu tun.

Erkenntnisse über Trauma und posttraumatische Belastungsstörungen sind inzwischen durchaus auch über Fachkreise hinaus bekannt. Selbst den Teilnehmerinnen und Teilnehmern am Runden Tisch darf man rudimentäre Kenntnisse unterstellen, schließlich habe ich in der Anlage 2 meiner Verfahrensvorschläge einen Einblick in diese Zusammenhänge gegeben; das war bei meiner Anhörung am Runden Tisch am 2. April 2009.

http://dierkschaefer.wordpress.com/2009/04/05/anhorung-runder-tisch-2-april-2009/

http://dierkschaefer.files.wordpress.com/2009/04/verfahrensvorschlage-rt.pdf

Nun also noch eine Fortbildung, bevor man …?

… bevor man zu der auch nicht neuen, und nicht ganz falschen Erkenntnis kommt, daß finanzielle Entschädigungen die Wunden nicht richtig heilen können.

Aber mit der Finanzierung der Therapien hätte man längst beginnen können.

Mit der häufig desolaten sozialen Lage der von staatswegen an ihrem Leben geschädigten ehemaligen Heimkinder hätte man sich schon lange beschäftigen und überlegen können, wie man – natürlich mit Geld, womit sonst? – Besserung verschafft.

Das Problem möglicher erneuter Traumatisierungen bei Übersiedelung ehemaliger Heimkinder ins Alten- oder Pflegeheim wurde auch schon mehrfach genannt, aber nicht konstruktiv angegangen.

Mir drängt sich der Eindruck auf, daß am Runden Tisch nur Spesengelder verbraten werden, die besser in die Entschädigung fließen würden, – und die Zeit, die dahinfließt, ist die Lebenszeit der ehemaligen Heimkinder.

Frei nach Goethe kann ich nur sagen: »Der Worte sind genug gewechselt, laßt mich auch endlich Taten sehn; indes ihr Altbekanntes drechselt, kann etwas Nützliches geschehn.«

Auf Anfrage erfuhr ich vom Runden Tisch:

»Zum Zwischenbericht gab es zahlreiche Stimmen von unterschiedlichen Seiten und mit unterschiedlichen Inhalten. Hierzu gehört auch die Kommentierung von Prof. Kappeler. Die Mitglieder des Runden Tisches nehmen diese Einlassungen natürlich zur Kenntnis und tauschen sich auch darüber aus«.

Ich empfehle dem Runden Tisch für den Endbericht die gute alte Sozialarbeiterphrase:

»Es ist aber gut, daß wir wenigstens darüber geredet haben«.

Nachtrag als Antwort auf den Kommentar von Helmut Jacob (s. unten):

lieber herr jacob,

natürlich habe ich den link angeklickt. ist ja schon erstaunlich, was der gut informierte mitarbeiter der westfälischen nachrichten schreibt:

»„Es gab klare systemische Probleme“, erläutert der Bochumer Theologe und Ethiker Prof. Dr. Traugott Jähnichen. Die Heime, in NRW zu 70 Prozent in kirchlicher Trägerschaft, waren damals unterfinanziert (1,70 Mark pro Heimkind, heute wären das 4,20 Euro). Die Erzieher und Ordensleute waren überaltert und überfordert. Auf zwei Erzieher kamen nicht selten bis zu 30 Heimkinder«.

die armen erzieher! wenn man diese nicht oder kaum ausgebildeten personen so nennen will. wir sollten einen fonds für sie einrichten, damit sie für ihr versagen entschädigt werden, schließlich müssen sie mit dieser gewissenslast leben. sind sie gar traumatisiert?

um welches versagen geht es? das schreiben die westfälischen nachrichten auch:

»Häufige Gewalt, zuweilen sexueller Missbrauch, systematische Erniedrigung. Nicht immer und überall, aber doch so häufig, dass sich heute pro Tag rund zehn Traumatisierte bei der Hotline der Katholischen Kirche melden«.

der journalist weiß auch, wann die sache ruchbar wurde:

»Bereits 2006 kam eine Diskussion um Heimerziehung auf. Evangelische und katholische Theologen der Universität Bochum gingen der Problematik auf den Grund. Die Forschungen gipfelten 2009 in einer Fachtagung. 20 Beiträge dieser Tagung umfasst das gestern vorgestellte Buch, das bundesweit auf Interesse stößt«.

klar, vorher war nix bekannt. man gut, daß wir die evangelischen und katholischen theologen der universität bochum haben, sonst würde das alles immer noch in den archiven schlummern.

»Erst in den 70er Jahren, so unterstreichen der katholische Kirchenhistoriker Prof. Dr. Wilhelm Damberg und sein Kollege Jähnichen, kamen aufgrund neuer pädagogischer Erkenntnisse und Fortschritte Reformen der Heimerziehung in Gang«.

brandneu waren diese pädagogischen erkenntnisse. kein wort von der vorher schon laufenden fachdiskussion. erst recht kein sterbenswort über ulrike meinhoff und bambule.

ist es null-ahnung oder dreistigkeit?

dreistigkeit ist es jedenfalls, wenn die kirche zum vorbild für staatliche schulbehörden und sportvereine erklärt wird.

doch das tat nicht der journalist, sondern der autor der „studie“:

»Damberg rechnet mit einer langen Periode der Aufarbeitung und sieht die Kirche trotz der moralischen Fallhöhe und dem großen Imageverlust bei der Aufklärung in einer begrüßenswerten Vorreiterrolle. Andere Institutionen wie staatliche Schulbehörden oder Sportvereine seien aufgerufen, in gleicher Weise für Aufklärung und Aufarbeitung zu sorgen«.

ob damberg eine dankesschuld abzutragen hat?

jedenfalls haben wir hier ein wunderschönes beispiel unabhängiger forschung.

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  1. lissi sagte, am 8. Mai 2010 zu 10:15

    nur die harten kommen in den garten

  2. Helmut Jacob sagte, am 8. Mai 2010 zu 16:22

    Lieber Herr Schäfer!
    Auf zwei Jahre ist der Runde Tisch angesetzt. Zwölf Sitzungen, kann auch weniger sein, müssen durchgehalten werden. Was will man in der Zeit alles bereden, wo doch direkt nach den ersten drei Sitzungen der Fall klar ist: unter staatlichen und kirchlichen Trägerschaften wurden Verbrechen an Säuglingen, Kleinkindern, Schulkindern, behinderten Kindern und schwer erziehbaren Jugendlichen begangen. Die Berichte sind länger im Internet, als der Runde Tisch existiert. Eigentlich bräuchte man nur zu googeln: Gewalt+Heimkinder. Schon tut sich das Tor zur Hölle auf. Eigentlich sind es mehrere Höllen. Aber: man will gar nicht googeln, man will die Zeit totkloppen. Damit das Thema nicht zu anstrengend wird, hat man die Säuglinge, die Kleinkinder und die behinderten Kinder sofort in den Wind geschossen; übrig bleiben die “Erziehungszöglinge”.
    Mit diesen unbequemen Randgruppen, deren Schicksale zu viel Wirbel in der Öffentlichkeit auslösen würde (bei Säuglingen springt der Mutterinstinkt an), hat man gleich auch die Quertreiber abserviert. Dazu, lieber Herr Schäfer, gehören Sie. Haben Sie doch im Gegensatz zur Täterseite am Runden Tisch ausgesprochen, dass Gewalt geherrscht hat. Dieser Begriff, lieber Herr Schäfer, ist für den Runden Tisch so unvorstellbar wie für den Teufel ein Schluck aus dem Weihwasserbecken. Das gab es nicht und das soll es auch nicht gegeben haben. Zwangsarbeit gab es auch nicht. Wann wollen wir blöden Leute das endlich kapieren? Entschädigung gab es für die NS-Zwangsarbeiter, wenn überhaupt, im untersten vierstelligen Bereich; da können noch so viele andere Dokumente vorgelegt werden. Die reine Wahrheit wird nur am Runden Tisch gesprochen. Und wenn so ein Professor Kappeler behauptet, alles ist schon analysiert, im Grunde alles kalter Kaffee, und wenn Sie als Diplompsychologe Konzepte vorlegen, dann passt das nicht in den Wahrheitsrahmen des Runden Tisches. Basta.
    Neue Freude kommt auf uns zu: „Wilhelm Damberg/Traugott Jähnichen u.a. (Hg.): Mutter Kirche – Vater Staat. Geschichte, Praxis und Debatten der konfessionellen Heimerziehung seit 1945.“ Das Buch ist eher unwichtig. Das Schicksal der Heimopfer wird erst ab Mitte des Buches vorgestellt. Vorher dürfen wir uns unter anderem folgendes reinpfeifen:
    Traugott Jähnichen
    Von der „Zucht“ zur „Selbstverwirklichung“? –
    Transformationen theologischer und religionspädagogischer
    Konzeptionen evangelischer Heimerziehung in den 1950er
    und 1960er Jahren ………………………………………………………………. 131
    Andreas Henkelmann
    Die Entdeckung der Welt – Katholische Diskurse zur
    religiösen Heimerziehung zwischen Kriegsende und
    Heimrevolten (1945–1969) ………………………………………………….

    Auch das werden wir ertragen. Allerdings macht eine Bemerkung in den Westfälischen Nachrichten schon heute hellhörig: „Damberg rechnet mit einer langen Periode der Aufarbeitung und sieht die Kirche trotz der moralischen Fallhöhe und dem großen Imageverlust bei der Aufklärung in einer begrüßenswerten Vorreiterrolle.“ Aus dem so etwas herausbricht, der hat seinen Anspruch auf wissenschaftliche Neutralität schon verspielt.
    Helmut Jacob

    http://www.westfaelische-nachrichten.de/aktuelles/kultur/nachrichten/1314144_Ein_Buch_zur_rechten_Zeit.html

    Helmut Jacob sagte, am 11. Mai 2010 zu 15:17

    Es ist unüblich, einem Kommentar noch Bemerkungen hinterherzuschicken. In diesem Fall muß es sein, denn es geht um das erwähnte Buch. Wer glaubt, 29,80 Euro (das war zu DM-Zeiten mehr als ein halber Hunderter) für das Endergebnis der Bochumer Wissenschaftler (gerade überlegte ich, ob der Begriff Wissenschaftler nicht in diesem Zusammenhang in Anführungszeichen gehört) bezahlt zu haben, der irrt gewaltig. Das Buch besteht aus einer Sammlung von Aufsätzen, die im Oktober 2009 während einer Fachtagung vorgetragen wurden. Alles kommt bekannt vor. Ich kann mich des Gefühls nicht erwehren, als das alte Filtertüten erneut in den Kaffeefilter gehängt und der ausgelaugte Kaffeesatz noch einmal neu aufgebrüht wurde. Dafür ist der Preis eine Frechheit und man fragt sich: Haben Traugott Jähnichen und Wilhelm Damberg inzwischen an dem Forschungsauftrag überhaupt gearbeitet.
    Daß sie sich die Arbeit leichtmachen, verraten sie bereits in ihrem Vorwort auf Seite 2: „Ausdrücklich ist dabei auch auf den Umstand hinzuweisen, dass sich das Projekt auf die Kinder- und Erziehungsheime konzentriert. Lehrlings- und Jugendwohnheime sowie Behindertenheime und psychiatrische Einrichtungen, die des Öfteren Berührungspunkte zur Jugendhilfe hatten, werden nicht untersucht, und ebenso war es nicht möglich, gezielt die Geschichte der Säuglingsheime in den engeren Blick zu nehmen.“
    Ich muß es mal undiplomatisch formulieren: Ich fühle mich reichlich verarscht!
    Helmut Jacob
    11. 05. 2010

http://dierkschaefer.wordpress.com/2010/05/08/519/

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Published by Helmut Jacob
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