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28. Juni 2011 2 28 /06 /Juni /2011 21:21

Die Scheinheiligen (2) – Der Umgang kirchlicher/christlicher Einrichtungen mit ihren Opfern

 

Entschuldigen Ja – Wiedergutmachung Nein

 

Zuerst wurden sie bedroht, die Opfer von Gewalt und Terror in überwiegend kirchlichen Heimen. Der Orden „Arme Dienstmägde Jesu Christi“, auch „Dernbacher Schwestern“ genannt, versuchte es schon 2007. Seine Klage gegen 11 Heimopfer wurde allerdings von der dritten großen Strafkammer des Landgerichtes Aachen abgeschmettert. Die Opfer prangern Gewalt und Misshandlungen in einem Eschweiler Kinderheim an. Die Dernbacher Schwestern zogen gegen diese Vorwürfe vor Gericht; man unterstellte den Opfern, sich Geldleistungen zu erschleichen. (http://de.wikipedia.org/wiki/Arme_Dienstm%C3%A4gde_Jesu_Christi#cite_ref-4

http://www.readers-edition.de/2008/03/05/eschweiler-heimkinder-schlappe-fuer-aachener-staatsanwaltschaft)

 

Bedroht wurden auch behinderte Opfer noch vor wenigen Jahren. Hier waren es teils schwerst körperbehinderte Jungen und Mädchen, die im Johanna-Helenen-Heim der damaligen Orthopädischen Anstalten Volmarstein, heute „Evangelische Stiftung Volmarstein“ (ESV) bei Hagen, brutalste Gewalt und sexuellen Mißbrauch erfahren haben. Fünf von ihnen haben sich mit ehemaligen Mitarbeitern aus dieser Zeit zur „Freien Arbeitsgruppe JHH 2006“ zusammengeschlossen und eine Homepage eingerichtet. Auf dieser sollten die Schrecken der zwei Nachkriegsjahrzehnte dokumentiert werden. Stiftungssprecher Jürgen Dittrich schrieb einen Brief: „... und können einer Veröffentlichung in der von Ihnen dargestellten Weise grundsätzlich nicht zustimmen und müssen gegebenenfalls rechtliche Schritte vorbehalten.“ Es ging um ein Foto, auf dem spielende Kinder an neuen Klettergerüsten auf dem Schulhof gezeigt wurden. Im Hintergrund die Fenster zweier Schulklassen, darunter der Eingang zur Leichenhalle. Der Gruppensprecher ließ sich nicht einschüchtern, schickte eine Assistentin zur Fotoaufnahme (diesmal ohne Spielgeräte und Kinder), mit Blick auf die Klassenzimmer und darunter liegender Leichenhalle. Er tauschte das beanstandete Bild auf der HP gegen das nunmehr eigene und stellte den Brief der ESV auf die HP: (http://gewalt-im-jhh.de/ESV_droht_mit_juristischen_Mas/esv_droht_mit_juristischen_mas.html)

 

Nach den Bedrohungen der Opfer, von denen hier nur zwei Aktionen aufgezeigt werden, begann die Einsicht bei den Heimbetreibern zu reifen, dass an den geschilderten Erlebnissen der ehemaligen Schüler und Jugendlichen wahres dran ist. Immer mehr Opfer trauten sich an die Öffentlichkeit und sie verlangten Akteneinsicht bei den Heimträgern. Einige hatten Erfolg. Wenige bekamen die Heimakten vollständig, manche geschwärzt oder als dünne Kladde und für die meisten gingen sie verloren.

 

Just zu der Zeit, als die Opfer diese Akten begehrten, fanden unerklärliche Naturkatastrophen statt. Plötzlich standen komplette Keller unter Wasser und ließen riesige Aktenberge absaufen. Bei Eingabe der Begriffe „Heimkinder Akten Keller“ wird man schnell über solche Katastrophen fündig: „Im Bezug auf die Vernichtung von Heimakten ist es für mich erstaunlich, wie viele Akten entweder vernichtet wurden, nicht auffindbar sind, oder schlicht diversen Naturgewalten zum Opfer gefallen sein sollen. Ich selbst erhielt bei meiner Bitte um Akteneinsicht zunächst den mündlichen Hinweis, die Akten gäbe es nicht mehr. Eine spätere Anfrage beim selben Amt ergab: Die Akten würden sich in einem einsturzgefährdeten Keller befinden, der deshalb nicht mehr betreten werden darf.“ (http://heimkinderopfer2.blogspot.com/2010/10/re-ehemalige-heimkinder-verpflichtung.html)

 

Die Volmarsteiner Opfer erlebten ein Wechselbad an Informationen. Stiftungssprecher bis Ende 2006 Ernst Springer schwadronierte von einer Börse, „ in der alle alten ‚Geschichten‘ ausgetauscht werden können – die ‚teuflischen wie die engelhaften‘“. Springer zu den von der Arbeitsgruppe eingesandten Kindheitserinnerungen: Diese „ ... korrespondieren mit den vielen Aussagen und Berichten, die wir in den vergangenen Monaten erhielten.“ Einige Wochen zuvor packte er Aktenberge auf zwei Tische. Anlass war das erste Treffen von Opfern mit der Stiftungsleitung. Diese Akten sind nicht mehr vorhanden.

Sein Nachfolger Dittrich musste nach mehrmaligem Nachfragen und seinem zwischenzeitlichen Hinweis auf die Übergabe der Akten an die Historiker dann doch schreiben: „Es gibt vereinzelte mündliche Äußerungen von Mitarbeitenden aus der damaligen Zeit, denen wir für die wissenschaftliche Aufarbeitung ... derzeit nachgehen. Diese werden dann in die historische Aufarbeitung einfließen.“ (http://gewalt-im-jhh.de/Archiv_der_ESV_-_gesammelte_Er/archiv_der_esv_-_gesammelte_er.html)

Damit ist die Frage noch immer nicht beantwortet, wo die Aktenberge, die Springer auf zwei Tische stellte, sind.

 

Danach folgte im Bundesland eine Epoche der Besinnung. Es gab kein Zurück mehr. Was die Heimkinder berichten, dazu in der Häufigkeit, kann nicht alles falsch sein. Selbst der Verweis auf bedauerliche Einzelfälle, gern immer wieder vom damaligen Diakonipräsidenten Klaus-Dieter Kottnik heruntergebetet, geriet mit der Zeit zur Lachnummer.

Zollitsch siedelte die “Zahl der problematischen Fälle im unteren dreistelligen Bereich” an: (http://www.moz.de/index.php?id=75&tx_rsmdailygen_pi1[article]=85943&tx_rsmdailygen_pi1[action]=show&tx_rsmdailygen_pi1[controller]=Articles&cHash=d4326bb0576bd49fd6f72d6394edbde8)

Auch die Evangelische Stiftung Volmarstein schrieb noch im Dezember 2007: „Wir hingegen gehen von Einzelfällen aus, die wir außerordentlich bedauern.“ (http://gewalt-im-jhh.de/Ablehnung_der_konkretisierten_/ablehnung_der_konkretisierten_.html)

 

Selbst Taschenspielertricks der katholischen Kirche, so beispielsweise eine Anleitung zum Beantworten peinlicher Fragen, verpufften wirkungslos, weil sich die Kirchen als zunehmend unglaubwürdig erwiesen. (http://gewalt-im-jhh.de/Sprachregelung_kath_Kirche_13092006.doc)

 

Schließlich rangen die christlichen Heimträger und Stiftungssprecher nach Entschuldigungen, die aber auch wohl formuliert sein mussten. Man durfte keine rechtliche Breitseite bieten.

Die Dernbacher Schwestern beispielsweise schreiben: „Sollten Sie in den von uns geführten Heimen menschenunwürdige Behandlung erfahren haben, so bitten wir um Vergebung und Entschuldigung.“ (http://www.dernbacher.de/news/news-detail/article/62/an-unsere-fr.html?no_cache=1&tx_ttnews[calendarYear]=2010&tx_ttnews[calendarMonth]=4)

Die „Rotenburger Werke“ kurz, fromm und vorsichtig: „Wo immer Unrecht geschah, entschuldigen wir uns von ganzem Herzen". (http://www.evlka.de/content.php?contentTypeID=4&id=9264)

Die Evangelische Stiftung Volmarstein schrieb an die „Sehr geehrte[n] Damen und Herren,“: „... kann ich mich auf diese Weise nur mit tiefem Bedauern und großer Betroffenheit dafür entschuldigen, dass Sie in der genannten Zeit Repressalien ausgesetzt waren ...“. (http://gewalt-im-jhh.de/-_Entschuldigung_ESV/-_entschuldigung_esv.html)

 

Solche Entschuldigungsversuche sind stets gleichzeitige Erklärungsversuche. Die „Stiftung Karlshöhe Ludwigsburg“ schreibt: „Die damalige Pädagogik sah in körperlicher Arbeit, Züchtigung und Liebesentzug erlaubte und wirkungsvolle Erziehungsmittel. Die gesellschaftlichen und finanziellen Rahmenbedingungen hatten für Mitarbeitende und vor allem für Kinder schlimme Folgen, die uns aus heutiger Sicht gemeinsam mit Schrecken erfüllen.“ (http://www.karlshoehe.de/index.php?id=831)

„Damals sei der Rohrstock in mancher Volksschule noch ein probates Erziehungsmittel gewesen. In häufig zu großen Gruppen habe es eine strenge hierarchische Struktur gegeben und so gut wie keine Diskussionskultur. Das Personal sei oft kaum oder gar nicht ausgebildet gewesen.“, so die Erklärungsversuche der „Rotenburger Werke“.

Erklärungsversuche (http://www.evlka.de/content.php?contentTypeID=4&id=9264)

Auch die missglückte Entschuldigung der ESV beinhaltet Rechtfertigungsmanöver. Sie schreibt: „Die damaligen Verstöße stellen nach heutiger Erkenntnis massives Fehlverhalten dar.“, wohlwissend, dass etliche Verbrechen bereits damals justiziabel waren. Ferner bedauert sie die „finanziell angespannte Zeit“, vergißt allerdings den Bau einer großen, auch heute noch überdimensionierten Kirche und sie berichtet von Mitarbeitenden, „die Ihnen zur Seite gestanden ... haben.“; wobei unerwähnt bleibt, dass diese Mitarbeiter mit Zivilcourage selbst Repressalien zu erleiden hatten.

 

Mit Bedauern und Entschuldigungsgestammel endet dann auch die Bereitschaft zur Wiedergutmachung. Die ESV in einem Brief an die „Freie Arbeitsgruppe JHH 2006“: “Eine einseitige und nur durch die Evangelische Stiftung Volmarstein zu tragende monatliche Opferentschädigung über das bisher freiwillig von der Evangelischen Stiftung Volmarstein Geleistete hinaus, wie Sie es in Ihrem Brief formulieren, kann ich Ihnen nicht in Aussicht stellen.”

 

Bischof Ackermann versteigt sich gar zu der Behauptung: Missbrauchsopfer wollen keine Entschädigung. Ackermann: „‚Sie wollen über ihr Schicksal sprechen‘. Den Opfern sei vor allem wichtig sicherzustellen, dass ‚die Kirche‘ ihre Geschichte erfahre. Die katholische Kirche werde aber für die Kosten möglicher therapeutischer Hilfe aufkommen ... . Alle Einzelfälle würden geprüft.“
http://www.epd.de/west_index_72560.html

http://www.readers-edition.de/2010/03/15/missbrauchsopfer-wollen-keine-entschaedigung-ein-protestbrief/

 

Ausnahmslos alle Rechtsnachfolger der betroffenen Heime, die evangelische Kirche mit ihrer Diakonie, die katholische mit ihrer Caritas und Bundes- und Landesbehörden verweisen auf den Opferfonds, der vom „Runden Tisch Heimerziehung“ dem Deutschen Bundestag vorgeschlagen wurde. Alle Genannten ignorieren die breite Ablehnung dieses Fonds unter den Bedingungen. Die Forderungen der Heimopfer nach Opferrente werden heruntergespielt. Albert Henz, Vizepräsident der Evangelischen Kirche behauptet gar: „Ich kann allerdings aus eigenen Gesprächen mit fast allen Betroffenen unserer Einrichtungen sagen, dass es auch nur ein geringer Teil ist, der ausschließlich auf finanzielle Zuwendungen hin argumentiert.“ Den Beweis dafür bleibt er schuldig. http://www.youtube.com/watch?v=1lDJGY1kdlc

Allerdings übernimmt er damit die inzwischen ökumenische Sprachregelung zum Thema „Heimkinder“ (siehe „Sprachregelungen im kirchlichen Bereich“ http://gewalt-im-jhh.de/Sprachregelung_kath_Kirche_13092006.doc).

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Published by Helmut Jacob
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