Overblog
Folge diesem Blog
Edit post Administration Create my blog
3. Juni 2014 2 03 /06 /Juni /2014 23:06

Helmut Jacob

Am Leiloh 1

58300 Wetter

03. 06. 2014

 

Gleichlautende Schreiben an:

Evangelische Kirche Deutschlands, Herrn Pfarrer Nikolaus Schneider, Präsident des Rates 
Herrenhäuser Str. 12, 30419 Hannover

Diakonie Deutschland, Präsidentin Pfarrerin Carolina Füllkrug-WeitzelCaroline-Michaelis-Str. 1, 10115 Berlin

Evangelische Kirche von Westfalen, Frau Präses Annette Kurschus
Landeskirchenamt, Altstädter Kirchplatz 5, 33602 Bielefeld

Evangelischer Kirchenkreis Hattingen-Witten, Herrn Superintendent Pfarrer Ingo Neserke
Wideystr. 26, 58452 Witten

Evangelische Kirche Wetter-Wengern, Herrn Pfarrer Uli Mörchen
Henriette-Davidis-Weg 5, 58300 Wetter

Evangelische Stiftung Volmarstein, Herrn Pfarrer Jürgen Dittrich, Stiftungssprecher
Hartmannstr. 24, 58300 Wetter

 

Sehr geehrte Damen und Herren (in den Briefen mit personalisierter Anrede),

ich habe den Himmelfahrtstag dazu genutzt, in mich zu kehren und die Frage zu bearbeiten: Was bedeutet mir die Evangelische Kirche als Institution und kann ich mich noch mit ihr solidarisieren, in ihr noch geborgen fühle?

Das Ergebnis: Inzwischen habe ich beim Amtsgericht Wetter meinen Austritt aus der Evangelischen Kirche erklärt.

Ich will mich nicht feige aus der Evangelischen Kirche verdrücken. Darum meine ich, dass Sie meine Begründung erfahren sollten.

Es ist sicher bekannt, dass ich Webmaster einer Homepage behinderter ehemaliger Heimkinder und einiger damaliger Mitarbeiter eines Kinderheims bin (www.gewalt-im-jhh.de). Es handelt sich hier um das Johanna-Helenen-Heim der damaligen Orthopädischen Heil-, Lehr- und Pflegeanstalt Volmarstein in Wetter bei Hagen. 

Auf  dieser Homepage können Sie erfahren, welch unendliches Leid die Schwächsten unserer Gesellschaft, nämlich behinderte Klein- und Schulkinder, erlitten haben. In Briefen an Sie, die allerdings ohne Reaktionen blieben, habe ich von diesem Leid berichtet. Auch die wechselnden Präsidenten der Diakonie habe ich informiert, aber eine für die Heimopfer befriedigende Antwort nie erhalten.

Auf der Homepage sind viele Einzelschicksale detailliert nachzulesen. Da ich selbst Interviews geführt habe, muss ich berichten, dass einige ehemalige Mitschülerinnen und Mitschüler weinend vor mir saßen und zum ersten Mal die Gelegenheit spürten, endlich ihre Vergangenheit aufzuarbeiten.

Die Kirche, die Sie repräsentieren, hat hilflose Geschöpfe Gottes zu Opfern gemacht. Evangelische Anstaltsleiter haben es zugelassen, dass behinderte Kleinkinder und Schulkinder psychisch, physisch und sexuell misshandelt wurden. Und dies nicht nur in den Orthopädischen Anstalten, die sich heute als Evangelische Stiftung bezeichnen, sondern auch andernorts. Zahlreiche Bücher zeugen davon.

Wie ist die Kirche mit diesen Heimopfern umgegangen? Nachdem das Buch des Spiegeljournalisten Peter Wensierski „Schläge im Namen des Herrn“ (http://de.wikipedia.org/wiki/Peter_Wensierski) erschien, hat die Kirche, die Sie repräsentieren, zunächst geleugnet, bagatellisiert, verniedlicht, abgestritten, mit juristischen Schritten gedroht, etc. Nachdem es nichts mehr zu leugnen gab, beteiligte sie sich an dem „Runden Tisch Heimerziehung“ unter Vorsitz der Theologin Antje Vollmer. Dort haben Vertreter der Kirche, die Sie in der Öffentlichkeit glaubwürdig vertreten wollen, nichts unternommen, um drei schwächliche sogenannte Opfervertreter, die von den Heimkindern gar kein Mandat hatten und willkürlich ausgesucht wurden, vor einer Schar von Juristen staatlicher und kirchlicher Stellen zu schützen. Die Kirchenvertreter haben sogar zugesehen, wie diese drei völlig überforderten Menschen und ihre Stellvertreter regelrecht über den Tisch gezogen wurden und zur Unterschrift unter den Abschlussbericht erpresst wurden, mit der Bemerkung: Sonst gibt es gar nichts. Inzwischen haben sich fünf von ihnen von diesem Beschluß distanziert. Unsere Homepage (www.gewalt-im-jhh.de) und die des Evangelischen Theologen im Ruhestand Dierk Schäfer aus Bad Boll (http://dierkschaefer.wordpress.com) haben diese Manipulationsmanöver ausführlich dokumentiert.

Die drei kirchlichen Landesverbände Rheinland, Westfalen und Lippe mit ihren Antragsformularen auf Entschädigung, lassen jedes Feingefühl vermissen. Die Betroffenen sollen ihre demütigenden Erfahrungen ausführlich persönlich schildern und unterschreiben. Der Bürokratie zu  Dienst und Wille, auch unter der Gefahr von Retraumatisierungen.

Die kümmerlichen Beiträge aus dem Opferfonds in Höhe von durchschnittlich 5.000 € stellen eine Beleidigung der meisten Opfer dar. Nicht berücksichtigt wurden beispielsweise, dass die Familien der Opfer zu Opfern wurden, weil sie mit der Vergangenheit dieses ehemaligen Heimkindes umgehen mussten.

Auch die Rolle der höchsten Kircheninstanz ist zu kritisieren. Sie hat es bis heute nicht geschafft, behinderten Heimopfern Zugangsmöglichkeiten zum Opferfonds zu beschaffen, geschweige denn eine Wiedergutmachung zu leisten, die den Namen verdient hat.

Ich werde weiter versuchen, christlich zu leben. Aber dazu brauche ich Ihre Institution nicht mehr.

Auch dieses Mal werde ich keine Antwort erhalten, erwarte sie aber auch nicht mehr. Im Internet bleibt der Platz „Antwort“ eben leer.

Mit freundlichem Gruß

 Helmut Jacob

 

Heimopfer, Runder Tisch Heimerziehung, Evangelische Kirche Deutschlands, Diakonie, Diakoniepräsident, Präses der Evangelischen Kirche, Superintendent Hattingen-Witten, Evangelische Stiftung Volmarstein, physische Gewalt, psychische Gewalt, sexueller Missbrauch, Opferfonds

Diesen Post teilen

Published by Helmut Jacob
Kommentiere diesen Post

Kommentare